Die neue Art der Kriegsführung

Der Ukraine-Krieg zeigt es: „Krieg heute“ hat immer weniger mit „Krieg gestern“ zu tun. Eine neue Schlüsseltechnologie sind Drohnen, d.h. ferngesteuerte Kriegsgeräte.

Ferndrohnen in Form von Flugdrohnen, die weiter als 10km – 30km im Umkreis eingesetzt werden, oder Wasserdrohnen, die nahezu auf der gesamten Fläche der Weltmeere eingesetzt werden können, sind zwar preiswerte, aber dennoch hochtechnologische Objekte. Ihre Abwehr ist möglich, aber teuer und ihre Ziele sind vorwiegend militärischer Natur. Mit ihnen wollen wir uns aber nicht weiter beschäftigen.

Für den Zivilbereich wichtiger sind Kurzstreckendrohnen. Diese sind technischer sehr viel weniger aufwändig und können aus Einzelteilen oder mit Hilfe von 3D-Druckern auch in Garagen oder Kellern assembliert werden, was Angriffe auf die Produktionsinfrastruktur sehr viel schwieriger macht als bei den technologisch anspruchsvolleren Varianten. Zudem lassen sie sich auf den kurzen Strecken auch mit Glasfaserkabeln steuern, was Störungen durch Jammer ausschließt, eine elektronische Entdeckung aufgrund der fehlenden Funksignale fast unmöglich macht und eine exakte Steuerung mit Bildunterstürztung in HD-Qualität selbst um Funklöcher herum ermöglicht. Kurz und gut: falls sie nicht allzu laute Knattermotoren haben und keine auffällige Flugmanöver in ungünstigen Höhen machen, sind die Dinger erst erkennbar, wenn es zu spät ist. Die Nutzlast ist zwar gering, aber Handgranaten sind auch ausreichend, um bei genauen Treffern erhebliche Schaden anzurichten. Eine offene Luke am Panzer genügt, um selbigen in Schrott zu verwandeln. So ein Teil kostet inzwischen weniger als 1.000€, Tendenz abnehmend, da selbst Karon als Baumaterial verwendbar ist.

Die ukrainische Führung (bei der russischen weiß ich dies nicht) ist dazu übergegangen, aus dem Krieg ein Videospiel zu machen. Jeder Drohnenflug ist bis zum Ende durch das Video überprüfbar und der Drohnenpilot erhält Bonuspunkte, wenn die Drohne etwas zerstört anstatt am Ende ihrer Mission abzuschmieren und nutzlos zu zerschellen. Die Anzahl der Bonuspunkte bestimmt wiederum die Zuteilung der weiteren Drohnen an die Piloten, die Dank schnellem Internet noch nicht mal in der Nähe der Abschussstelle arbeiten müssen.

Das „Etwas“ ist seitens der ukrainischen Führung anscheinend nicht weiter auf militärische Ziele eingegrenzt.¹⁾ Ein toter russischer Soldat gibt zwar viele Punkte, aber anscheinend gibt es für nichtuniformierte Russen auch Punkte. Zumindest geht das aus Kommentaren in sozialen Netzwerken hervor. Was im Donbass, wo ja immer noch viele Zivilisten in Frontnähe leben, zu dem Effekt führt, dass Drohnenpiloten bevorzugt in Gegenden mit Zivilverkehr operieren, um rechtzeitig, sollte sich kein militärisches Ziel finden, auf zivile Ziele umzusteigen. Und so wird schon mal ein PKW, ein Bus, ein Marktplatz oder einfach ein Fußgänger punktewirksam eliminiert, wenn sonst nichts zu finden ist.

Die Zivilbevölkerung in Frontnähe wird also bewusst wieder ins Visier genommen. Und was einmal eingeführt ist, dürfte sich in weiteren Auseinandersetzungen irgendwo auf der Welt wiederholen. Zumal wenn ein Toter, möglicher Kriegsteilnehmer von Morgen oder Elternteil eines zukünftigen Soldaten, deutlich preiswerter zu bekommen ist als ein Mafia-Auftragsmord und alles ohnehin nur ein Videospiel ist.


¹⁾ Die Darstellungen orientieren sich an dem, was in sozialen Netzwerken kursiert. Einerseits werden die Zusammenhänge so beschrieben, andererseits legt die russische Seite auch ständig Beweise von Angriffen auf zivile Ziele mit vielen Opfern vor, die zwar eine Fälschung sein könnten, aber insgesamt doch recht schlüssig wirken. Da Aufschreie in der Presse komplett fehlen, scheint die russische Seite in der Entmenschlichung noch nicht so weit zu gehen. Aber das ist eben Schließen nach Ockham.