Egal, wie oft man die Umfrage mit 3 Fotos wiederholt, es kommt immer wieder das Gleiche heraus:
- Foto 1: eine Säuglingsstation in einem libanesischen Krankenhaus nach einem IDF-Angriff mit Phosphogranaten: „Oh, sehen arabisch Babies immer so verkohlt und schrumpelig aus?“
- Foto 2: eine von einer ukrainischen Drohne zerissene 4-köpfige Familie auf einem Wochenmarkt in Donezk: „Ich sehe aber nur 3 Köpfe, davon einer ohne Körper. Und was ist das für ein roter Matsch da an der Wand?“
- Foto 3: eine kleine Katze mit einer verletzten Foto, die von unten mit großen Augen in die Kamera schaut. „Eine verletzte Katze! Oh Gottogott! Wir furchtbar! Da muss sofort etwas geschehen!“ Spontanes Crodfunding, mediales Dauerfeuer, schnell errichtete Zeltstädte für die berichtenden Mädchenschaffende, Besuche hochrangiger Politiker, die sich vor Ort informieren.
Menschliches Leid? Scheißegal, besonders wenn es die deklarierte Feindgruppe betrifft. Ein verletztes Tier erweckt jedoch spontan größte Betroffenheit und Hilfsbereitschaft. Wie im Fall des sofort durch den Namen „Timmi“ vermenschlichten Buckelwal in der Ostsee, den man folgerichtig mit allen zur Verfügung stehenden Mittel zu Tode gerettet hat.
Rekonstruieren wir mal: Wale navigieren problemlos auf den 7 Weltmeeren und finden zielsicher die Nahrungsgründe und genauso zielsicher die Gebär- und Paarungsgebiete wieder, verfügen also über eine hochentwickelte Sensorik mit Sinnen, die uns abgehen (z.B. Magnetfeldanalyse). Sie verfügen über eine hohe Intelligenz, die zum Betrieb solcher Systeme notwendig sind, und soziale Strukturen, die mindestens so gut entwickelt sind wie die menschlichen, wenn nicht in mancher Beziehung besser. In Flachwassergebiete wie die Nordsee verirren sie sich kaum, da dort kaum Nahrungsquellen zur Verfügung stehen und menschliche Aktivitäten die Gebiete ohnehin ein eine Horrorzone verwandelt haben (Schifffahrt, Fischerei, Offshore-Lärmquellen, von Menschen Windkraftanlagen genannt, usw.). Noch viel weniger verirren sie sich in üble Brackwasserregionen wie die Ostsee, in denen die Navigation auch für diese Spezialisten nicht mehr einfach und Nahrung im Prinzip nicht vorhanden ist. Wie kommt also so jemand wie der Wal Timmi in die Ostsee?
Der Wal war noch ein Jungspund, vermutlich noch vor Ende seiner Ausbildung in der Gruppe. Vermutlich auf einem Ausflug von einem Fischernetz erwischt, konnte er sich verletzt (?) befreien und ist in die Nordsee gelangt, die für Wale nun nicht gerade einen gedeckten Tisch bereit hält. D.h. Verletzung + Hunger. Möglicherweise durch menschliche Aktivitäten (Schifffahrt, WKA) beeinflusst, hat er sich in den Ausgang der Ostsee anstatt ins Nordmeer verirrt und ist bei dem Versuch, der unübersichtlichen Schärenlandschaft zu entkommen, trotz des Ostseebrackwassers in die Ostsee gerutscht. Ausschlaggebend dabei Verletzung + Nahrungsmangel + Wassermangel. Auch wenn Letzteres irrational wirkt: Wale können mit Salzwasser genauso wenig anfangen wie wir und decken ihren Wasserbedarf aus der Nahrung. Nahrungsmangel und Durst sind als miteinander gekoppelt.
Man kann das vergleichen mit einem Menschen, der sich ins Death Valley verirrt. Vorbelastet durch eine Verletzung tun Nahrungs- und Wassermangel unter der sengenden Sonne ihr Werk und schalten nacheinander die Sinne aus. Das Gehirn versagt seinen Dienst, der Ausgang in Sichtweite wird nicht mehr wiedergefunden und zuletzt verdurstet der Betreffende 50m neben einer Quelle, weil er mit seinen geschwächten Sinnen und aufgrund von einsetzenden Hallizinationen nicht mehr in der Lage ist, sie zu orten.
So ähnlich darf man sich die Situation von Timmi vorstellen, der schließlich auf einer Sandbank strandete. Auch das ein No-Go für Wale dieser Art, hier aber vermutlich auf einen Überlebensinstinkt zurück zu führen: wenn der entkräftete Wal nicht mehr an die Oberfläche kann, erstickt er, und das dürfte genauso unangenehm sein wie für uns. Also: eine Schippe Sand unter den Bauch, so dass das Blasloch über Wasser ist – und zumindest der Erstickungstod ist abgewendet.
Timmi war aber nicht mal eben auf die Sandbank aufgelaufen, sondern hat sich ca. 1,5m über Wasser hinaufgeschoben. Hier kommen zwei weitere Umstände hinzu: (1) die Ostsee hat keine Tide, d.h. ein aufgelaufener Wal kommt nicht von alleine wieder frei, und (2) die Anatomie erlaubt nur ein vorwärts, aber kein zurück robben. Man kann jetzt nur vermuten, was passiert ist: (a) eine Panikattacke, bei der er sich bei dem Versuch, der Sandbank zu entkommen, immer weiter hinauf geschoben hat, oder (b) eine mentale Aufgabe, wie bei intelligenteren Spezies häufiger vorkommend: das eigene Ende als unabwendbar akzeptieren und zumindest das Leiden nicht verlängern. Durch das Hinausschieben auf die Sandbank beginnt die Schwerkraft zu wirken und die Organtätigkeit einzuschränken und es dauert nicht mehr so lange.
Und genau in diesem Moment entdeckt man die Katze mit der wunden Pfote, Crowdfunding setzt ein, die ersten Zelte für berichtende Journalisten tauchen am Strand auf, was wiederum die Politiker anzieht wie Schmeissfliegen ein frischer Kuhfladen. Mit einem riesigen Aufwand wird Timmi nun – gegen den Rat vieler Fachwissenschaftler – gerettet: mit verschiedenen Fesselungstricks zieht man den Wal ins tiefere Wasser zurück.
Nehmen wir noch mal das Death Valley zur Hilfe: unser Kandidat hat sich mit letzter Kraft in den Schatten eines Felsens gerettet und bedeutet der Umwelt „Mit mir ist es zu Ende. Rettet euch selbst und lasst mich hier friedlich sterben.“ Die Umwelt will aber um jeden Preis helfen, bindet ihm ein paar Stricke um die Beine und zieht in über den Schotter wieder in die volle Sonne zurück. Stress löst scheinbare neue Aktivität aus, tatsächlich ist es ein barbarische Quälerei und zuletzt verreckt der Delinquent in der Sonne.
Genau das ist mit Timmi passiert: Stress ohne Ende durch die Rettung um jeden Preis, die ihn in das nahrungsfreie Wasser zurück schleppte, wo er dann in kurzer Zeit verendete. „Dummer Wal! Der hätte sich doch im (nahrungsfreien) Wasser wieder von irgendetwas ernähren können!“ Vermutlich erstickt, endgültig verhungert oder einem finalen Stressschock erlegen.
Aber Hauptsache, man hat was getan und sein Gewissen beruhigt (und seine politische Karriere befördert)!
In Australien, wo man unter erheblich besseren Bedingungen für die Wale deutlich mehr Erfahrungen mit Walanlandungen hat, geht man anders vor: sofern nicht unmittelbar ein Unfall als Ursache der Anlandung ersichtlich, sperrt man das Gebiet weiträumig ab und lässt der Natur ihren Lauf, je nach Fall unterstützt durch palliative Maßnahmen sprich schmerzlindernde Drogen. Aber das ist ja auch auf der anderen Seite der Erdscheibe. Wie soll man das auf der oberen Seite der Scheibe wissen?