Zukunftsaussichten

Welche Zukunft blüht Westeuropa? Wir konstruieren mal ein hässliches, gleichwohl aber durchaus wahrscheinliches Szenarium. Es tritt möglicherweise ein, wenn der Ukraine-Krieg endet. Die Hardliner in der EU versuchen zwar, den Krieg bis 2030 weiter zu führen, aber auch das wäre nur ein Aufschub und kein Ausweg.

Fakt 1 ist: selbst die Wirtschaftsverbände geben inzwischen zu, dass eine Deindustrialisierung stattfindet. Die gesellschaftlichen und finanziellen Rahmen der Länder schrumpfen massiv. „Sondervermögen“ (eigentlich Sonderschulden) sind laut Bundesrechnungshof in Deutschland zu 90% nicht in die vorgesehen Investitionen geflossen (auch wenn man den Aufbau einer Kriegsmaschine nicht als Investition bezeichnen kann), sondern irgendwo im allgemeinen Haushalt versickert, ohne das dort die Problem auch nur ansatzweise angefasst wurden (Infrastruktur). Sehr viel Geld fließt weiterhin in die Ukraine – oder soll dahin fließen. Im Prinzip sind die Westeuropäer pleite.

Fakt 2 ist: die ukrainische Bevölkerung ist zu einem Großteil direkt vom Krieg betroffen und Veteranenprogramm existieren lauf Zalushny, dem ehemaligen Armeechef, nicht (zum Vergleich: in den USA fließen 440 Mrd US-$ in die Veteranenversorgung, das sind fast 50% des Pentagonhaushalts).

Fakt 3 ist: in den westlichen EU-Ländern, Großbritannien und Schweden gibt es keine homogene Gesellschaften mehr. 1/3 der Bevölkerung sind Ausländer und Migranten, die Parallelgesellschaften mit eigene Rechsstrukturen entwickelt haben. Die Polizei gibt mehr oder weniger offen zu, machtlos zu sein.

Kipppunkt: der Krieg in der Ostukraine endet. Eine Million ukrainer Soldaten wird arbeitslos, ist aber bis an die Zähne bewaffnet. Wie diese Massen aufgefangen werden sollen, weiß keiner. Pläne gibt es nicht. Bürgerkriegsähnliche Zustände werden für wahrscheinlich gehalten. Die Europäer könnten den Deckel in einem gewissen Umfang auf dem Topf halten, wenn sie die Geldmengen, die bisher in den Krieg flossen, im gleichen Umfang in einen Wiederaufbau fließen würden. Geld, das im Westen keiner hat und aufgrund von Fakt 1 auch nicht durchsetzen kann, ohne dass es in den Ländern selbst Unruhen geben könnte.

Kommen die Gelder nicht, fühlen sich die Ukrainer nicht ganz zu Unrecht „von den Westeuropäern verraten“. Sie haben im Osten Krieg geführt und können den auch im Westen fortsetzen, was um so einfacher ist, als hier keine russische Armee steht (eher gar keine Armee). Im Prinzip ergibt sich daraus ein Zustand, der dem nach dem 1. Weltkrieg ähnelt: Freikorps marschieren durch die Landschaft, die Not nimmt zu, die Reste der Wirtschaft verschwinden, Hyperinflation macht sich breit. Wobei sich die Freikorps nicht nur aus den unzufriedenen Ukrainer rekrutieren dürften, die hier auf eine unterstützungswillige ukrainische Community stößt, sondern auch aus den Ausländergruppen (verkürzt Clans genannt), die auch ihre Machtbereiche ausdehnen dürften.

Aus diesem Post-Versailles-Zustand kommen die Westeuropäer aber deutlich anders heraus als in den 1930er-Jahren. Damals waren die Gesellschaften homogen, d.h. es konnte sich immer noch eine Art „WIR“-Kult entwickeln, auch wenn das Ergebnis in Deutschland mit einem Adolf Hitler letztlich nicht positiv war. Das WIR gibt es aufgrund von Fakt 3 mehr oder weniger nicht mehr.

Was könnte folglich passieren, wenn die staatlichen Ordnungen, und sei es auch nur einzelner Länder, durch solche Freikorps-Äquivalente faktisch ganz auflösen? Wenn eine Bundesregierung nur noch über nicht zusammen hängene Territorien regiert, in denen sich Reste des Militärs oder der Polizei behaupten konnten? Denkbar wäre ein Rückfall in eine schmutzige Variante der Kleinstaaterei, wie sie in Deutschland vor 1871 herrschte. Lokale Potentation, die sich irgendwie mit den Nachbarn arrangiert haben, und alles auf einem niedrigen wirtschaftlichen Niveau, vergleichbar in etwa mit den Stammesgebieten in Afghanistan oder Pakistan.

Das ist zwar die Beschreibung einer recht extremen Entwicklung, die Zutaten dazu sind allerdings vorhanden. Und je länger es sich in der Ukraine hinzieht, verbunden mit einer Zunahme der so genannten Politikverdrossenheit in der West-EU, desto wahrscheinlicher werden solche Entwicklungen.