Lassen wir Benjamin Netanyahu himself zu Beginn zu Wort kommen: 40 Jahre seiner politischen Karriere habe er auf einen großen Krieg mit dem Iran hingearbeitet. Nun habe er sein Lebenswerk erfüllt. Ziel von Netanyahu, Smotrich & Co: ein Großisrael in den in der Bibel versprochenen Grenzen „vom Nil bis zum Euphrat“. Wobei angemerkt sei, dass das heutige Israel bereits etwas größer ist als die antiken jüdischen Königreiche zusammen. Was er davon halten, fragte Tucker Carlson den US-Botschafter Mike Huckabee in Israel. „Sollen sie es sich doch nehmen“ war die Antwort aus offiziellem US-Mund.
Irrsinn? Nicht ganz. Der Iran ist neben der mehr in Richtung Europa orientierten Türkei die einzige muslimische Industriemacht in der Region. Wäre die neutralisiert, wären die restlichen arabischen Staaten wirtschaftlich und militärisch zu 100% von Israel und den USA abhängig – wie jetzt auch schon. Israel könnte zwar kaum einen nennenswerten Teil der Gegend mit Juden besiedeln, hätte aber vollständig freie Hand. Insofern die Rechnung von Netanyahu & Co kein Irrsinn, der kommt erst später.
Und Trump? Der sich für einen genialen Geschäftsmann hält, aber mehr in den Sand gesetzt hat, als andere aufgebaut haben? Der heute wesentlich reicher wäre als er es tatsächlich ist, hätte er die ungefähr 450 Mio $ seines Erbes einfach in ETF-Fonds angelegt? Der nur deshalb überlebt hat, weil andere die Zeche für seine durchweg unsauberen Geschäfte zahlen musste? Der ist sauer, weil die Mullahs den Schah samt den US-Boys aus dem Iran geworfen und den USA damit die Ölquellen „gestohlen“ haben. Irans Ölreichtum gehört nach Trumps Verständnis nicht den Iranern, sondern den USA, und den will er zurück.
Folglich musste man den Iran zum Bösewicht der Gegend machen. Was ja auch glänzend gelungen ist, wenn man sich die Kommentare in Westmedien und die noch schlimmeren Kommentare in manchen Blogs anschaut. Ein brutales Regime, dass besonders Frauen unterdrückt. Da muss man etwas dran ändern. Dummerweise stimmt fast nichts davon: zwar sitzen die Mullahs noch im Sattel, aber mehr als 1/3 der Moscheen sind mangels Gläubiger geschlossen und um die irrwitzigen religiösen Vorschriften kümmert sich keiner. Ab und greift die Religionspolizei einmal ein, aber zu mehr als „einem Gespräch“ führt das inzwischen nie. Todesstrafe? Praktisch nicht mehr existent. Wenn man das in täglichen Leben sucht, was dem Iran vorgeworfen wird, muss man den Blick ein paar Hundert Kilometer weiter nach Süden richten: in Saudi-Arabien, im Gegensatz zum Iran mit einer demokratischen Regierungsform ein absolutistisches Königtum, dürfen Frauen nach vielen Kämpfen inzwischen Auto fahren und pro Jahr werden dort ca. 370 Todesurteile vollstreckt, pro Tag eines, und zwar durch öffentlichen Enthauptung mit dem Schwert. Schwul? Ok, du bist dabei. In den Westmedien findet das aber kein Echo.
Um zum Krieg zu kommen, stellte man den Iran Bedingungen. Er solle keine Atombombe bauen. Hat er zwar von vornherein gesagt, dass er das nicht vorhabe und auch die IAEO hat in einer aktuellen Verlautbarung noch einmal bekannt gegeben, dass ihr keinerlei Anzeichen eines anderen Verhaltens bekannt seien. Trotzdem wurde um genau den Punkt weiterverhandelt und genau zu dem Zeitpunkt, zu dem der Iran in Genf noch weiterer Zugeständnisse machte, schlugen die USA und Israel zu. Ihnen war wohl klar geworden, dass ihnen die Felle für eine Kriegsauslösung immer mehr wegschwammen. Ich weiß nun nicht, wie die Leser erzogen worden sind, aber für mich ist es ein Abgrund der Ehrlosigkeit, mit jemanden zu verhandeln, und wenn die Verhandlungen möglicherweise zur Erfüllung der Forderungen führen, den Gegner heimtückisch hinterrücks ohne jede Kriegserklärung zu überfallen und zu bombardieren. Angesichts des Jubels, den man breit hört, genießen die meisten Leute hier zu Lande inzwischen eine andere Erziehung.
Das Kalkül von Netanyahu und Trump: das Regime enthaupten und ein US-freundliches Marionettenregime zu installieren, beispielsweise durch den Sohn des letzten Schahs. Obermullahs tot, Volk durch Terrorbombardierungen geschockt – und schon ist man am Ziel. Bei der Treffgenauigkeit der Bomben und Raketen kann man durchaus darüber nachdenken, ob die Bombardierung einer Schule mit 180 toten Grundschülerinnen und von Krankenhäusern nicht Teil des Kalküls gewesen sind. Und bei diesem Kalkül fängt der Irrsinn der beiden erst richtig an.
Dass Terrorbombardements – und zu mehr reicht es personell nicht – nichts nützen, sondern eher die gegenteilige Wirkung haben, hätte man von den Briten und den Deutschen im 2. Weltkrieg bereits wissen müssen. Die Iraner sind ein 90 Mio-Volk verschiedenster Völkerschaften, alle bis an die Zähne bewaffnet. Der Iran ist nicht Libyen oder der Irak. Das Pulverfass, dass man da lostritt, ist größer als Vietnam, Afghanistan und der Irak zusammen. Würde das Regime tatsächlich zusammen brechen – die komplette US-Militärmacht wäre nicht in der Lage, das Chaos auch nur ansatzweise zu kontrollieren, selbst wenn der letzte Soldat aus den USA in die Gegend geschickt wird. Ganz abgesehen, dass man die Iraker, Kurden, Syrer und weitere Unzufriedene obendrein am Hals hätte. Die USA sind in Vietnam und in Afghanistan komplett gescheitert und sehen selbst im Irak nicht besonders gut aus – und dann tritt Trump das hier los?
Der gesamte Irrsinn liegt also in dem Kalkül, das Mullah-Regime mehr oder weniger glatt durch ein genehmes Marionettenregime ersetzen zu können. Das geht bereits schief, wenn die Mullah sich nicht stürzen lassen oder die Marionetten gleich aus dem Land gejagt werden. Die Wahrscheinlichkeit, die A7 bei Kassel zur Rush-Hour mit verbundenen Augen heil überqueren zu können, ist wahrscheinlich größer als dieser Irrsinnsplan.
Bislang ging es jedenfalls schief. Der Iran wirft mit Drohnen und Raketen um sich, von denen er genügend hat. Die Abfangsysteme der Golfstaaten, die zumindest die Luftabwehr auf der US-Israel-Seite unterstützen – Preisvergleich: Drohne ca. 20.000 US-$ ./. Patriot-Abwehrrakete ca. 4.000.000 US-$ – neigen sich bereits jetzt dem Ende zu, bei den Israelis wird etwa von 14 Tagen gemunkelt und der US-Generalstab kündigt an, dass er schon jetzt nicht mehr genug Waffen gegen die Chinesen aufbieten kann. Zusätzlich hat der Iran den Welt-Öl- und Gashahn geschlossen.
Was wäre die bessere Lösung? Wenn der Iran tatsächlich unterliegt? Oder wenn die USA und Israel verlieren? Think-Tanks präferieren die zweite Lösung. Ein völlig außer Kontrolle geratendes Chaos könnte selbst europäische Staaten durch Flüchtlingsströme in den Abgrund reißen. Aber die zweite Lösung ist auch nicht gerade erstrebenswert, weil die USA nur zwei der drei Flugzeugträger zurückziehen könnten, den Hauptträger Israel aber opfern müssten. Wie kommt man aus der Sackgasse wieder heraus?
Möglicherweise hat der Iran selbst die Backdoor für Trump geöffnet. Die Sperrung der Straße von Hormuz macht eine Menge Leute sehr nervös, allen vorneweg die Chinesen, gefolgt von Indien, Japan, Südkorea und den völlig unbedeutenden EU-Staaten. Deren Wirtschaften brechen ohne Öl zusammen. Also üben sie Druck aus. Iran selbst hat keine Chance auf Abbruch. Man hätte bestenfalls eine „und täglich grüßt das Murmeltier“-Situation, weil besonders Israel in der Form weitermachen würde wie bisher. Bricht das Regime zusammen, hier die realistischsten Szenarien basierend auf aktuellen Analysen (New Lines Institute, Understanding War, Washington Post, Al Jazeera, MEF Observer – Stand 4. März 2026):
1. Kurden (Iranisch-Kurdistan: ca. 7–14 Mio., Nordwest-Iran)
- Aktueller Stand: Eine neue Koalition iranisch-kurdischer Parteien (PDKI, PJAK, Komala, PAK, Khabat) hat am 22. Februar 2026 eine gemeinsame Erklärung abgegeben: Sie planen bereits eine Übergangsverwaltung in kurdischen Gebieten für den Fall eines Regime-Kollapses – mit Wahlen und Selbstverwaltung. PJAK (PKK-nahe) spricht offen davon, die Situation in eine „Gelegenheit“ zu verwandeln und Bodenoperationen zu starten.
- Spillover:
- Irak-Kurdistan (KRG): Peshmerga und KDP/PDK könnten Unterstützung leisten oder sogar einfließen – ein vereintes „Groß-Kurdistan“-Narrativ würde explodieren.
- Türkei: PKK/PYD würde das als Boost sehen → neue Angriffe oder Flüchtlingswelle → Ankara könnte intervenieren (wie schon 2019/2025).
- Syrien: SDF/YPG könnte sich stärken oder mit iranischen Kurden kooperieren → neuer Druck auf Damaskus (das eh schwach ist).
- Risiko: Hohe Wahrscheinlichkeit für Sezessionskämpfe – Kurden haben die stärksten bewaffneten Gruppen und die klarste „Exit-Strategie“ (Merge mit Irak-Kurdistan logistisch machbar).
2. Balutschen (Sistan und Belutschistan: ca. 2–3 Mio., Südosten)
- Aktueller Stand: Balutschen-Separatisten (Jaish al-Adl, Balochistan People’s Party) haben in den letzten Protesten (2025/26) massiv mitgemacht. Regime hat dort schon jetzt hohe Repression (Hinrichtungen, Militärpräsenz).
- Spillover:
- Pakistan: Balutschistan ist geteilt – Unruhen würden sofort über die Grenze springen (Jaish al-Adl operiert beidseitig). Islamabad müsste massiv intervenieren, was die Provinz destabilisiert.
- Afghanistan: Taliban könnten opportunistisch mitmischen oder Flüchtlinge nutzen.
- Risiko: Sunni-Extremisten (ISIS-K) könnten das Vakuum füllen → neuer Jihad-Fokus.
3. Araber (Khuzestan: ca. 2–3 Mio., Südwest-Iran, ölreich)
- Aktueller Stand: Arabische Separatisten (ASMLA) haben immer wieder Anschläge gemacht. Öl-Felder sind vulnerabel.
- Spillover:
- Irak: Schiitische Milizen (PMF) könnten intervenieren, um „Schutz“ zu bieten – oder sunnitische Gruppen nutzen das Chaos.
- Golfstaaten (Saudi, UAE): Würden Öl-Interessen sichern wollen → indirekte Unterstützung arabischer Gruppen oder sogar Militärpräsenz.
- Risiko: Öl-Export-Kollaps → globaler Preisschock + bewaffnete Milizen.
4. Aserbaidschaner (Nordwest-Iran: 15–20 Mio.)
- Aktueller Stand: Weniger militant, aber starke Identität. Baku beobachtet genau („Süd-Aserbaidschan“-Narrativ).
- Spillover:
- Aserbaidschan: Baku könnte unterstützen oder sogar intervenieren, um „Brüder“ zu schützen → Konflikt mit Armenien (das eh schwach ist).
- Türkei: Ankara würde mitmischen (Pan-Turkismus).
- Risiko: Ethnische Unruhen könnten Aserbaidschan destabilisieren.
Gesamtbild: Domino-Effekt in der Region
- Irak: PMF-Milizen (Iran-nah) könnten kollabieren oder sich verselbstständigen → neuer Bürgerkrieg (wie 2014 mit ISIS).
- Syrien: Assad-Regime (schon geschwächt) könnte fallen oder fragmentieren → SDF vs. HTS vs. neue Milizen.
- Libanon: Hisbollah (schon dezimiert) verliert iranische Unterstützung → interne Machtkämpfe oder Entwaffnung durch libanesische Armee.
- Jemen: Houthis könnten isoliert werden, aber Chaos nutzen.
- Global: Flüchtlingswelle (Millionen), Waffenflut, neue Terror-Gruppen (ISIS 2.0), Öl-Preis-Explosion → Rezession.
Israel wäre einem dezentralen Terror ausgesetzt und würde wohl verschwinden.
Iran wiederum hat faktisch keine gute Alternative mehr zum Weitermachen (Stand 4. März 2026 Abend):
- Die Hormuz-Blockade (de facto, nicht formal-rechtlich) läuft weiter: IRGC behauptet heute offiziell „complete control“ über die Straße, Schiffe werden bedroht/angegriffen, Verkehr ist fast null (Tankerraten explodieren, Versicherer streichen Deckung, Hunderte Schiffe ankern). Das ist ihre stärkste Karte – sie schadet global (Ölpreise +10–20 %, LNG aus Qatar gestoppt), aber auch ihnen selbst (kein Export mehr → Kasse leer in Wochen/Monaten).
- Ohne Konzessionen von Trump/USA (Sanktionslockerung, Garantien gegen weitere Strikes, vielleicht ein JCPOA-ähnlicher Deal light) würde jeder Waffenstillstand nur eine Atempause sein – und Netanyahu könnte (oder würde) morgen neu zuschlagen, weil er Regime-Change als persönliches Lebensziel sieht (seit 30+ Jahren, jetzt mit Khamenei-Tod und IRGC-Dezimierung nah dran).
- Iran muss also dringend einen Face-Saving-Deal erzwingen, bevor China den Hahn wirklich zudreht (Peking drückt massiv hinter den Kulissen: „Haltet Hormuz offen für Qatar-LNG und unsere Öl-Importe“ – sonst „real problems“ in 1–2 Monaten für Chinas Wirtschaft). Teheran kann nicht ewig blockieren, ohne sich selbst zu ruinieren. Und dreht China den Hahn zu: siehe oben.
Trump hat ein enges Zeitfenster (nächste Tage/Woche):
- Er kann das als großen Sieg managen: „Iran gibt Bombe auf (Rollback auf 3–5 % Enrichment, IAEA-Zugang), wir heben Sanktionen auf (teilweise, frozen Assets freigeben), ich habe die Weltwirtschaft gerettet (Ölpreise runter, keine Rezession)“. Das passt zu seiner „Art of the Deal“-Story – und er hat schon mehrmals gesagt: „They want to talk“, „quick and decisive action, no endless war“. Glauben muss man ihm das nicht, denn tatsächlich ist es eine Niederlage am Rande des völligen Zusammenbruchs
- Aber er braucht schnell Ergebnisse: Munitionsvorräte (Patriot/THAAD) gehen zur Neige, Midterms drohen, Benzinpreise explodieren. Wenn er zu lange bombardiert, wird er der „Kriegstreiber“ statt „Retter“.
Netanyahu ist der echte Bremsklotz:
- Er sieht das als seinen 40-jährigen Wunschtraumkrieg (seit den 90ern pushen, jetzt mit Trump an der Seite). Er fordert Regime-Change offen („opportunity for regime change“, „crush the regime“), hat keine Lust auf Kompromisse („no smooth transition needed“ – Al Jazeera/Chatham House-Analysen: Israel interessiert sich kaum für stabile Nachfolge, Hauptsache Iran fragmentiert/schwach).
- Trump kann ihn nicht einfach ignorieren (politische Schuld, AIPAC-Lobby, Midterms). Aber Trump will keinen endless war (er hasst Irak/Afghanistan). Deshalb muss Netanyahu kurzgehalten werden: Kurze Kette = begrenzte Strikes, kein Bodenkrieg, kein Dauerbombardement. Trump könnte das mit „Ich entscheide, nicht Bibi“ durchziehen – aber nur, wenn der Druck (China, Ölpreise, eigene Vorräte) hoch genug ist. Vielleicht hilft ein wenig mit, dass sich die öffentliche Meinung in den USA inzwischen deutlich verschoben hat. Sympathien für Israel hat erstmalig nur noch eine Minderheit.
Realistisches Szenario in den nächsten Tagen:
- Iran signalisiert via Oman/China: „Wir rollbacken Enrichment + IAEA, wenn ihr Sanktionen lockert und Garantien gebt“.
- Trump nimmt das an, verkauft es als „Ich habe den Deal gemacht, den Obama nie hingekriegt hat“.
- Netanyahu tobt, aber Trump legt ihn fest („No more strikes without my say“) – weil sonst globale Rezession + US-Isolation.
- Ohne das: Iran hält Blockade → China dreht Druck hoch → Trump deeskaliert unilateral → Netanyahu flippt aus, aber kann allein nicht weitermachen.
Kurz: Iran muss pokern (Blockade halten, aber nicht zu lange), Trump muss schnell dealen (um als Sieger dazustehen), und Netanyahu muss an die kurze Kette (sonst eskaliert es in Chaos, das niemand will). Die nächsten 48–96 Stunden entscheiden – Hormuz ist der Timer.