Der Krieg zur See

Insbesondere durch die USA wird die Seeschifffahrt, Rückgrat des weltweiten Handels, immer mehr ins 17. Jahrhundert zurückgeworfen, wobei die Rolle der Piraten zunehmend die US-Navy übernimmt. Derzeitig lassen die USA ihre militärischen Muskeln im Arabischen Meer spielen und drohen dem Iran mit „Vergeltungsschlägen“, was auch immer damit gemeint sein könnte.

Hintergrund ist die Ansicht der USA, dass es ohne Erlaubnis der USA anderen Ländern strickt verboten ist, bestimmte technische Entwicklungen voran zu treiben, und es darüber hinaus überhaupt verboten ist, verteidigungsbereit zu sein. Im Moment sieht es so aus, als bezöge ein Arnold Schwarzenegger in seiner besten Zeit Kampfposition gegen Woody Allen. Stimmt das?

So einfach ist das nicht. Der Iran hat in der Gegend Heimvorteil, während die US-Flotte allenfalls auf dem Baikal-See noch isolierter von der Heimatbasis wäre, wie ein Blick auf die Weltkarte zeigt. Die Logistik für eine Kampfflotte ist enorm (neben den Frachtern ist eine militärische Eskorte notwendig) und bei den weiten Seewegen auch vulnerabel. Der Iran hat das Problem nicht und kann asymmetrisch Vorteile ausspielen, sollte es zu Kampfhandlungen kommen.

Der Iran verfügt über eine beträchtliche Anzahl von Drohnen und Raketen, darunter auch Hyperschallraketen, die kaum abzuwehren sind. Eine Hyperschallrakete ist durchaus in der Lage, einen US-Trägerverband zu pulverisieren. Zwar dürfte der Iran nicht über die Zieltechnik verfügen, ein bewegliches Ziel wie einen Flugzeugträger sicher zu treffen, aber wer weiß schon sicher, was an russischen, chinesischen oder nordkoreanischen Teilen über die Grenze transportiert wird? Aber auch ohne diese Raketen ist das Ganze ein Risiko für die US-Flotte, denn mit den billigen Drohnen und Raketen können Sättigungsangriffe gestartet werden, so dass einzelne Drohnen oder Rakten die Abwehr überwinden und erheblichen Schaden anrichten können. Kürzlich schoss die Navy eine Drohne ab und benötigte dazu eine F35 – ein erheblicher Aufwand. Wobei zu ergänzen ist: neben Flugdrohnen existieren auch Seedrohnen, die schwer zu orten sind und sehr lange Einsatzzeiten haben, da keine menschlichen Bedienungen zu versorgen sind. Diese könnten auch für die Logistikflotte zum Problem werden.

Die US-Flotte verfügt über F35-Kampfflugzeuge für Luftangriffe auf den Iran. Die werden zwar als unangreifbar dargestellt, aber sind sie das wirklich? Der Iran verfügt über russische Luftabwehrsysteme, die für den Einsatz gegen solche Gegner konstruiert sind. Zudem liegen via Ukraine-Krieg inzwischen auch taktische Erkenntnisse vor, wie diese Abwehrwaffen erfolgreich gegen Flugzeuge eingesetzt werden können. Auch das ein Gefahrenpunkt für die Amerikaner.

Nimmt man die Dynamik hinzu, könnte der Iran eine Nadelstichtaktik einsetzen und permanent Drohnen schicken, die die Abwehr der Flotte belasten (und damit auch eigene Angriffe verhindern). Sie könnten Drohnenangriffe genau dann starten, wenn die US-Flotte selbst einen Angriff durchführt, und damit die F35 zwingen, zur Verteidigung der Flotte wieder umzukehren. Und sie könnten einen Sättigungsangriff starten, während die F35 über dem Iran sind.

Das sind alles nur Überlegungen eines Amateurs, aber man sollte davon ausgehen, dass die Iraner mindestens so schlau sind und entsprechende Analysen und Planspiele durchgeführt haben. Fazit: die USA spielen halbwegs beeindruckend den Poser, aber wer am Schluss das blaue Auge hat, wenn es zum Schlagabtausch kommt, ist noch längst nicht ausgemacht.

Auch andernorts betreibt die US-Navy, inzwischen assistiert von Franzosen und Briten, Piraterie und Kaperkrieg. Es gibt ganz wenige Gründe, wann ein Schiff auf See aufgebracht werden darf, und einer von den Gründen wird auch stets vorgebracht, aber letztlich nie bewiesen. Zumindest die USA stehlen inzwischen Schiff und Ladung. Was Folgen hat: anscheinend gehen Reedereien dazu über, bewaffnete Sicherheitsgruppen an Bord von möglichen Zielen zu installieren. Und wenn Schiff und Ladung entschädigungslos beschlagnahmt werden, bestehen auch keine Anreize, irgendwie vorsichtig und kooperativ zu sein. Machen wir mal ein Szenarium auf:

Größere Waffen an Bord von Schiffen zu installieren wie in vergangenen Jahrhunderten kommt aus verschiedenen Gründen nicht in Frage. Die Waffe dieses Jahrhunderts ist eher die Öffentlichkeit: wird ein Schiff von einem Kriegsschiff bedrängt, kann dies online an die ganze Welt übertragen werden. Bislang erhöhen gefährdete Schiffe ihre Geschwindigkeit, was es schwerer macht, sie zu entern. Bei drohender Beschlagnahme besteht aber auch kein Grund mehr, eine Kollision mit einem Kriegsschiff, das sich in den Weg stellt zu vermeiden. Schießt das Kriegsschiff auf die Ruderanlage, ist die Sache bei gute Dokumentation klar und eine Ausrede aus der Piraterie nicht mehr möglich.

Bleibt noch das Entern des Schiffes während der Fahrt, also ein direkter Angriff, gegen den jede Art von Notwehr erlaubt ist. Hier haben die Sicherungsgruppen allerdings Heimvorteil. Sie können ein Schiff für eine Entertruppe problemlos in ein Stalingrad verwandeln, d.h. das Entern wird für auch für Elitetruppen ein blutiges Geschäft.

Noch sind die USA in der Lage, den „Dicken Max“ zu spielen und viele Nationen werden wegschauen, so lange ihre Geschäfte nicht betroffen sind. Ob das so bleibt, also die US-Regierung nur so viel Druck in die Sache pumpt, dass es nicht eskaliert und letztlich zurück schlägt, bleibt abzuwarten.