Der Krieg ist aus!

Vor genau 100 Jahren begann zu diesem Zeitpunkt + ca. 1 Stunde nicht nur die Karnevalszeit, es ging auch der 1. Weltkrieg zu Ende. Zumindest kann man das so in den Geschichtsbüchern nachlesen. Eigentlich trat zu diesem Zeitpunkt um 11:00 Uhr französischer Zeit nur ein Waffenstillstand an der Westfront in Kraft. Wie genau man das nahm, lässt sich in Militärakten ermitteln. Der letzte aliiierte Soldat, ein Kanadier, starb um 10:58 Uhr durch die Kugel eines deutschen Scharfschützen. Nun, egal, der Krieg von 1914-1918 war aus! Wirklich?

Im Osten war er schon irgendwann zwischen 1917 und 1918 formal zu Ende, je nachdem, ob man das Zarenreich, die folgende halbbürgerliche Regierung oder die Bolschewiken als Bezugsgröße nimmt. Nimmt man letztere, war am 19. Januar 1818 offiziell Schluss.

Inoffiziell ging es aber weiter. Im Osten besetzte die Preußische Armee riesige Gebiete in Russland bis zum Ende im Westen, und im Westen führten die Briten die Seeblockade bis zum Abschluss der Pariser Verträge im Juni/Juli 1919 weiter, was je nach Autor bei der Zivilbevölkerung der Mittelmächte zu 100.000 – 1.000.000 weiterer Opfer führte. Die Rechnung ist nicht exakt durchführbar, da neben dem Hunger auch die Spanische Grippe und ein teilweiser Zusammenbruch der Verwaltungsstrukturen ihr Unwesen trieben. De Fakto dauerte der Krieg mit seinen unmittelbaren Folgen für Deutschland also nicht von 1914-1918, sondern von 1914-1919. Danach ging es dann mit den mittelbaren Kriegsfolgen wie Besetzungen und Inflation noch lange weiter.

Beim Krieg selbst schaut man gerne nur auf die Westfront mit Verdun und der Somme-Schlacht 1916. Verlustreicher waren aber 1914, weil man dort mit den neuen Kriegsmethoden noch nicht klar kam, und 1918, weil alle Seiten es nochmals mit letzten Durchbrüchen versuchten. Wären die Amerikaner nicht auf dem Kriegsschauplatz aufgetaucht, wäre 1918 vermutlich ohnehin Schluss gewesen, weil keine Seite mehr in der Lage war, noch irgendeine Aktion durchzuführen. Übersehen wird in der Rechnung auch gerne der Krieg im Osten, bei dem trotz seiner recht stiefmütterlichen Behandlung in den historischen Betrachtungen deutlich mehr Soldaten ums Leben gekommen sind als im Westen. Deutschland-Frankreich wirkt halt irgendwie pompöser als Deutschland-Österreich-Ungarn-Russland-Serbien-und-noch-ein-paar-andere-Balkanstaaten.

In dem Zusammenhang ist schon 1914 nicht der korrekte Kriegsbeginn. Nimmt man die diversen Auseinandersetzungen auf dem Balkan hinzu, fing für die Völker dort der Krieg bereits um 1908 an, und er war auch 1918 nicht zu Ende, sondern setzte sich von Finnland im Norden bis in die Türkei im Süden bis 1923 fort, wobei auch die Briten und Franzosen und teilweise auch deutsche Restbestände sowie die Italiener weiterhin munter mitmischten. Die Zahl der Toten war in dieser Zeit nochmals höher als die an der West- und der Ostfront Deutschlands zusammen genommen.

Der Krieg hinterließ nur Verlierer. Eine der Hauptursachen war, dass US-Präsident Wilson mit seinem 14-Punkte-Plan bei allen Beteiligten, auch bei erst nach dem Krieg entstandenen nationalen Folgestaaten, die sich zu den Siegern rechnen durften, Erwartungen geweckt hatte und anschließend nicht liefern konnte oder wollte. Deutschland büßte einen erheblichen Teil seines Staatsgebietes ein, wobei es sich meist um Gebiete mit deutscher Bevölkerung handelte und das Nationalstaatsprinzip Wilsons somit nicht zum Tragen kam. Ähnlich ging es so ziemlich allen anderen Nationen, was in Summe den Weg zum 2. Weltkrieg schon mal festlegte. Es war mitnichten nur der „Diktatfrieden“, dem sich Deutschland unterwerfen musste und der nach Revision verlangte. Da sich die Protagonisten im Vorfeld des 2. Weltkrieges genauso unbedarft benahmen wie vor dem 1., waren die Folgen – Krieg – die gleichen. Deutschland ist weder am 1. noch im 2. Weltkrieg alleinschuldig, wie Analysen ergeben. Nimmt man den 2. WK hinzu, kommt man auf eine Kriegszeit von 1908-1945 mit ein paar Pausen. Das kommt aber schon hin, denn werder der 30-jährige Krieg 1618-1648 noch der hundertjährige zwischen Frankreich und England 1337-1453 wurden ununterbrochen geführt, sondern hatten ebenfalls entsprechende Pausen. Vielleicht kommen die Historiker in ein paar Jahrhunderten auch dazu, vom 30-jährigen Weltkrieg zu sprechen anstatt vom 1. und 2. WK (oder dauert der bis heute an? Auch der Meinung kann man sein).

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