20. Juli

In ein paar Tagen (vom Zeitpunkt des Schreibens dieses Beitrags an gerechnet) jährt sich wieder einmal das Datum des Attentats auf Hitler. Es ist bekanntlich nicht gelungen, aber was wäre mit einiger Wahrscheinlichkeit passiert, wenn doch? Wäre das nicht besser für Deutschland gewesen?

Fangen wir mit der Tatsache an, dass für die Putschisten genauso viele Verhandlungspartner auf aliierter Seite vorhanden waren wie für Hitler: kein einziger. Trotz verschiedener Versuche weigerten sich die aliierten Stellen, mit den Putschisten im Vorfeld des Anschlags irgendeinen Kontakt herzustellen, was an sich ungewöhnlich ist. Nach wie vor gab es nur die Möglichkeit zur bedingungslosen Kapitulation, einem Begriff, zu dem wir später noch kommen. Mit Wegfall Hitlers als zentraler Leitungsfigur hätte der Krieg vermutlich nicht mehr so lange fortgesetzt werden können, da neben den Putschisten mindestens Göring, Himmler und Bormann mit seinen Gauleitern im Ring gestanden und sich gegenseitig das Leben schwer gemacht hätten. Da mit niemandem verhandelt werden konnte, wäre wohl ein unglaubliches Chaos ausgebrochen, das wohl nicht viele überlebt hätten.

Wie verschiedene Historiker nachgewiesen haben, standen mit Churchill und Roosevelt zwei extreme Deutschenhasser im Feld. Churchill hat bei mehreren Gelegenheiten als eines seiner wichtigsten Kriegsziele „to kill as many Germans as possible“ bekannt gegeben. Noch Anfang 1945 beantwortete er Stalins Frage, wohin mit den 10-15 Millionen Vertriebenen, mit „bis es so weit ist, werden wir genügend umgebracht haben, so dass in (West)Deutschland Platz ist“. Wie David Irving in einem seiner Bücher nachweist, ließ er seinen Oberwissenschaftler Lord Cherwell sogar Kastrationsmaschinen für die Massenkastration der deutschen Männer entwickeln: es sollten keine Nachkommen mehr existieren und die Deutschen schließlich aussterben. Auch Experimente mit Milzbrandbazillen wurden durchgeführt, dann aber aufgrund der Unkontrollierbarkeit wieder abgebrochen (bis heute sind die Inseln, auf denen die Experimente mit diesen biologischen Waffen durchgeführt wurden, unbewohnbar). Unter Roosevelt hatte Morgenthau mit seinem Plan der vollständigen Demechanisierung Deutschlands volle Unterstützung: es sollte nur noch manuell Feldarbeit möglich sein (was natürlich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt überleben konnte). Welche Chancen hätte die deutsche Bevölkerung gehabt, wenn diese Leute bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 auf keinerlei militärischen Widerstand mehr gestoßen wären?

Die Situation kippte erst zu Ende des ersten Viertels 1945, als Churchill begriff, wen er in Stalin vor sich hatte (der kalte Krieg begann bereits während des 2. WK). Zumindest die Briten sahen, dass es ohne ein funktionierendes Nachkriegsdeutschland eng werden würde und legten die Ruder in eine andere Richtung (was Churchill allerdings nicht hinderte, Stalin später 2 Mio Deutsche Kriegsgefangene als „Arbeitssklaven zum Verbrauch“ für ein paar tausend Pfund pro Kopf nebst einer kostenlosen „Probelieferung“ von 20.000 Mann anzubieten – Stalin lehnte dankend ab [auch dies wird von mehreren Historikern berichtet]). Zumindest in der britischen Besatzungszone uferten die Zustände nach der Kapitulation nicht maßlos aus, wenn die Briten auch mit vielen selbst überfordert waren.

Schwieriger war die Situation bei den Amerikanern, da es auch nach Roosevelts Tod besonneneren Köpfen einige Probleme bereitete, Trueman von den Morgenthau-Plänen abzubringen. Den GIs war bei der Invasion 1944 noch bedeutet worden, sie können sich in Deutschland alles herausnehmen, was zunächst dazu führte, dass sich einige Soldaten in Frankreich schlimmer aufführten als die Russen in Nemmersdorf (die US-Jungs hatten nicht begriffen, dass sie erst in Frankreich und nicht bereits in Deutschland waren) und sich Eisenhower gezwungen sah, eine ganze Reihe seiner Leute öffentlich hinrichten zu lassen, um zu verhindern, dass in Frankreich die Stimmung zu Gunsten der ehemaligen deutschen Besatzer kippte (auf deutschen Boden war später wieder alles erlaubt). Die bedingunsglose Kapitulation wurde als Rechtsgrundlage benutzt, den deutschen Soldaten den Kriegsgefangenenstatus abzuerkennen. Wie der Historiker Bacque nachwies, wurden die Gefangenen weder ordnungsgemäß registriert noch bekam das Rote Kreuz Zugang zu ihnen. Die Leute wurden in riesigen Lagern zusammen getrieben, nicht weiter versorgt, Zivilisten, die Nahrungsmittel bringen wollten, ohne Warnung erschossen, unbekannte Mengen von Leuten virtuell zwischen Lagern verschoben, ohne dass sie irgendwo ankamen, und andere Verschleierungsaktionen der wahren Zustände. In Summe kam vermutlich ca. 1 Mio deutsche Soldaten nach der Kapitulation in US-Lagern um, wie sich aus verschiedenen Zahlen ergibt. Zugegeben werden von US-Seite genau 1.536 in Kriegsgefangenenlagern gestorbene Häftlinge – deutlich weniger als die normale Sterberate in Friedenszeiten. Um das Maß voll zu machen, begann die US-Armee bereits Mitte 1945 die gut gefüllten Vorratslager in französischen Häfen wieder abzutransportieren (die Waren wurden in den USA nicht benötigt), während bis 1947 einige Hunderttausend deutsche Zivilisten verhungerten. Erst danach begann sich mit der Intensivierung des kalten Krieges die Einsicht durchzusetzen, dass man einen deutschen Pufferstaat gegen Stalin brauchte.

Der Historiker Nawratil schätzt nach Auswertung von Dokumenten verschiedener deutscher Nachkriegsministerien, dass nach Kriegsende in den Jahren 1945-1947 durch Vertreibung und aliierten Terror ca. 10 Mio Deutsche umgekommen sind – die Verluste während des Krieges 1939-1945 werden auf ca. 6 Mio beziffert, den Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung mitgerechnet. 10 Mio zu einer Zeit, als es den meisten maßgeblichen Leuten bereits klar war, dass es politisch ohne Deutschland kein freies Westeuropa geben kann. Man kann sich fragen, wie die Zahlen aussehen würden, wenn bereits ein Jahr früher, als noch alles auf „to kill as many Germans as possible“ stand, alles zusammengebrochen wäre. Alles Hypothese, versteht sich, aber trotzdem: muss man nun Bedauern, dass der Putsch schief ging, oder war es im Nachhinein nicht besser so, wie es gekommen ist?

 

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