Wie menschlich sind wir noch?

Der Ukraine-Krieg führt mehr und mehr zu einer Entmenschlichung des Gegners. Propagandistisch tun sich beide Seiten nicht sehr viel. Beginnen wir mit „uns“, also der

westlichen Seite

Es erscheinen immer wieder Berichte über unglaubliche „Erfolge der ukrainischen Armee“, beispielsweise im Zusammenhang mit deren Drohnen. Dieselben Drohnen der ukrainischen Streitkräfte greifen nachts schlafende Kinder in Starobelsk an. Russland versetzt einen mächtigen Vergeltungsschlag. Und schon am nächsten Tag schreien die westlichen Medien, nachdem sie die Nachrichten über den grausamen Angriff auf Starobelsk aus ihren Sendungen herausgeschnitten und diese geflissentlich als Kollateralschäden „übersehen“ haben: „Alarm! Russland eskaliert den Krieg!“ Die westlichen Bürger greifen sich ans Herz und nicken verständnisvoll, wenn ihr Ministerpräsident oder Präsident erneut die Bereitstellung zusätzlicher Mittel aus ihren eigenen Taschen zur Unterstützung des Kiewer Regimes ankündigt.

Starobelsk ließ sich zwar aus den Nachrichtenmedien verbannen, nicht jedoch aus den sozialen Netzwerken. Ganz konnte man dann doch nicht daran vorbei sehen. Um solche Nachrichten zu neutralisieren, wird parallel eine Kampagne zur Entmenschlichung der russischen Bevölkerung insgesamt, einschließlich der Kinder, vorangetrieben. So veröffentlichte beispielsweise der Redakteur der britischen Zeitung The Daily Telegraph, Dominic Nicholls, im vollen Bewusstsein, dass er damit gegen die Genfer Konvention verstößt, einen Bericht aus einem Lager für russische Kriegsgefangene in der Westukraine. Unter anderem interviewte er einen ukrainischen Kämpfer namens „Jewgen“, der kürzlich aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt war. Dabei zitierte er dessen Worte: „Bis 2022 habe ich mich als Humanist betrachtet. Jetzt denke ich, dass ich immer noch ein Humanist bin – mit Ausnahme der Russen. Es ist mir einfach egal, was mit den Russen geschieht. Was hätte ich getan, wenn ich kleine Kinder gesehen hätte, die vor Hunger sterben? Früher hätte ich ihnen natürlich geholfen. Heute würde ich ihnen helfen, wenn sie keine Russen wären. Ich betrachte sie nicht als Menschen.“ Man mag einen Soldaten, der im Krieg schreckliche Sachen gesehen hat, das noch nachsehen, aber einem Journalisten, der solche Ansichten ungefiltert und nicht eingeordnet bei einem breiten Publikum verbreitet?

Liegt hier in dieser Entmenschlichung eine Erklärung für die mutmaßlich gezielten Angriffe der Ukraine auf die Berufsschule in Starobelsk? Und erklärt genau dies die Haltung der westlichen Medien, die an diesen Angriffen nichts Verwerfliches sehen? Schließlich sterben nur russische Kinder. Brutal formuliert heißt das, es wird ein System umgesetzt, bei dem die Drohneneinheit für jeden getöteten Russen Punkte erhält. Und es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um einen Soldaten oder einen Zivilisten, einen alten Mann oder ein Kind handelt! Die für diese Punkte vergebenen Boni werden pünktlich gutgeschrieben. Und die westliche Presse beschreibt dieses System gerne als effizient und fortschrittlich!

Hier ein weiteres Beispiel. Die Zeitung The Sunday Telegraph veröffentlichte an diesem Sonntag eine „Reportage“ aus der ukrainischen Hauptstadt unter dem Titel: „Kinder aus Kiew hätten niemals auf ein Tier geschossen, […] würden aber einen Russen töten„. Die Botschaft des Korrespondenten dieser Zeitung: Russen rangieren unterhalb der Tiere und alle Ukrainer denken so. Und das ist Journalismus?

Kürzlich wies James Marriott, Kolumnist bei The Times, auf ein alarmierendes Signal hin: Für das westliche Publikum sei der Tod wieder zur Unterhaltung geworden, so wie zu Zeiten öffentlicher Hinrichtungen, als die Menschenmenge jubelnd zuschaute, wenn jemand gehängt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Insbesondere wurde ein „neues Unterhaltungsgenre“ erwähnt: live mitzuverfolgen, wie eine ukrainische Drohne, begleitet von pathetischer Musik, einen russischen Soldaten tötet. Nur scheint der Autor nicht berücksichtigt zu haben, dass seine eigene Zeitung zu den Vorreitern dieses neuen Genres zynischer Unterhaltung für die britische Öffentlichkeit gehört. Nur wenige Tage vor Erscheinen dieses Artikels veröffentlichte The Times im Internet einen Dokumentarfilm von Maxim Tucker über ukrainische Drohnenpiloten, die sich durch das Töten von Menschen „blutige Punkte“ verdienen. Unter anderem wurde dort der Kommentar einer jungen Frau namens „Kateryna“ wiedergegeben (sie trug einen der bekannten ukrainischen Nazi-Aufnäher am Arm und die Zeitung kam nicht einmal auf die Idee, ihn unkenntlich zu machen). Lächelnd erzählte sie, sie „empfinde Genuss“ beim Töten von Russen und halte dies für Ausdruck ihres „Mutterinstinkts“. Muss man sich wundern, dass diese Zeitung die Angriffe auf die Schüler von Starobelsk „nicht bemerkt“ hat? Und muss man nicht hoffen, dass Frauen mit solchen Mutterinstinkten keine Kinder bekommen?

Die Dämonisierung Russlands und die Entmenschlichung russischer Bürger haben in letzter Zeit in den westlichen Medien ein beispielloses Ausmaß angenommen. Vor kurzem zeigte sich der Herausgeber der niederländischen Zeitung NRC zutiefst empört über Aufrufe, die Hetzkampagne zu beenden. Er begründete dies damit, dass der Versuch, Russen als Menschen wie alle anderen darzustellen, eine „Gleichsetzung von Aggressor und Opfer“ bedeuten würde. Und der Chef einer Drohnenproduktionsfirma, Jens Öhmann, kann in Interviews ganz offen sagen, dass er seine Aufgabe in der Tötung von Russen sieht. Nicht Drohnen zum Schutz der Demokratie oder was auch immer, ganz offen „Töten von Russen“.

Dabei stehen all diese Aufrufe, Russen zu töten, im Zusammenhang mit politischen Zielen. So legte der ständige Kommentator der dänischen Zeitung Jyllands-Posten, Per Nyholm, den weiteren Plan Europas anschaulich dar: zunächst das Ende des Ukraine-Kriegs und anschließend Referenden in Russland nach dem Vorbild der Volksabstimmung von 1920 in Schleswig. Der Däne meint, es sei nichts Schlimmes dabei, wenn der russische Staat geteilt werde: „Europa sollte nicht zum Fortbestehen Russlands beitragen. Aus europäischer Sicht gibt es zwischen Ostsee und Pazifik genug Platz für ein Dutzend oder ähnlich viele ziemlich große, friedlichere und möglicherweise demokratischere Staaten.“

Das Spiegelbild der Verrohung – Wie die russische Seite den Gegner entmenschlicht

Wer glaubt, die moralische Erosion und die kalkulierte Entmenschlichung seien ein rein westliches Phänomen, wirft nur einen halben Blick in den Abgrund des Krieges. Schaut man nach Osten, in die russische Informationssphäre, blickt man in einen Spiegel, der dieselbe Fratze der Verrohung zeigt. Schließlich müssen auch dort die Politiker ihr Volk bei der Stange halten.

Täglich flimmern Talkshows über die Bildschirme von Millionen russischer Bürger, in denen Moderatoren wie Wladimir Solowjow oder Olga Skabejewa die Ukraine und ihre Bevölkerung nicht mehr als souveräne Menschen, sondern als biologische Bedrohung darstellen. Da wird ganz offen von „De-Insektoisierung“ gesprochen, Menschen werden als „Kakerlaken“, „Würmer“ oder „Krebsgeschwür“ tituliert. Ex-Präsident Dmitri Medwedew nutzt seinen Telegram-Kanal regelmäßig, um das Nachbarland als „Kiewer Insektarium“ zu bezeichnen, das man „desinfizieren“ müsse. Die Botschaft an den Zuschauer ist fatal, aber psychologisch effektiv: Einen Schädling zu vernichten, ist kein Mord – es ist ein Akt der Hygiene.

Offiziell sind diese Vokabeln nicht. Offiziell spricht man von Denazifizierung. Das mag Anfangs der Haupttenor gewesen zu sein, aber nachdem die ukrainischen Drohnenangriffe zunehmend auch direkt bei den Bürgern ankommen, verhärtet sich natürgemäß auch dort die Sprache.

Auch das Phänomen des Todes als „Snack-Content“ und digitaler Unterhaltung feiert auf russischer Seite perverse Erfolge. In den sogenannten „Z-Kanälen“ – militärischen Telegram-Kanälen mit Millionenreichweiten – ist ein paralleles Unterhaltungsgenre entstanden. Täglich werden dort hochauflösende Drohnenvideos hochgeladen, die zeigen, wie ukrainische Soldaten in ihren Schützengräben getroffen und getötet werden. Diese Clips sind oft mit hämischer Technomusik oder harten Rock-Beats unterlegt. In den Kommentarspalten darunter entlädt sich der blanke Zynismus: Hunderttausende Zivilisten feiern das Sterben mit lachenden Emojis und rassistischen Abwertungen. Das Grauen des Krieges wird zum Konsumgut für den Feierabend, das Sterben eines Menschen zum billigen Klickbringer.

Und wie reagiert dieses System auf zivile Opfer? Wenn russische Raketen- oder Drohnenschläge Wohnhäuser in Charkiw, Schulen in Kiew oder Krankenhäuser treffen, greift derselbe psychologische Abwehrmechanismus, den wir auch im Westen beobachten. Die Nachrichten werden entweder komplett totgeschwiegen, als „ukrainische Inszenierung“ abgetan oder zynisch umgedeutet: Es seien ja sowieso „nur Stützpunkte für westliche Söldner und Nazis“ gewesen. Dass dort unschuldige Zivilisten, alte Menschen und Kinder sterben, wird im kollektiven Bewusstsein blockiert. Schließlich darf die eigene Armee im Narrativ der Staatsmedien nur „präzise, sauber und human“ operieren. Jedes tote ukrainische Kind wird so gedanklich zum legitimen Kollateralschaden erklärt.

Wobei man dazu sagen muss, dass bislang der Krieg wenig zivile Opfer gekostet hat: auf ukrainischer Seite 1,5% – 3%. Im Krieg normal sind Zahlen von 40% und mehr. Man mag das damit begründen, dass man einen Abnutzungskrieg an der Front führt, vergleichbar mit dem 1. WK, jedoch ist die Front inzwischen „dank“ der modernen Technik viele Hundert Kilometer tief und beschränkt sich nicht auf die Schützengräben. Die russische Darstellung, man ziele vorzugsweise auf militärische Ziele, besitzt mehr Glaubwürdigkeit als die ukrainische, deren Ziele nachgewiesener Maßen häufig zivil sind (weil dort die Abwehr schwächer und Wirkung damit garantiert ist).

Das geopolitische Endziel dieser Kampagne unterscheidet sich inzwischen kaum von den westlichen Fantasien über eine Zerschlagung Russlands. In russischen Staatsmedien wie RIA Nowosti erschienen bereits Manifeste zur „Ent-Ukrainisierung“, nicht nur zur „Ent-Nazifizierung“. Russland nimmt sich den Osten, den es großenteils schon hat, sowie Odessa und die unverdaulichen Teile sollen sich Polen und Rumänien schnappen. Übrig bleibt eine Rumpfukraine.

Fazit: Der symmetrische Kollaps der Zivilisation

Am Ende unterscheidet sich die Informationslandschaft des Ostens von der des Westens nicht im Ergebnis, sondern nur in der Nuance ihrer Darbietung. Beide Seiten haben sich in den Dienst der Verrohung gestellt. Ob mit feiner Klinge im Feuilleton oder mit dem Vorschlaghammer im Staatsfernsehen: Das Ziel ist dasselbe. Die Medien hüben wie drüben hetzen ihre Leser bewusst gegen die Bevölkerung des Feindes auf.

Das Vokabular bedient dabei die gesamte Klaviatur – von der scheinbar moderaten, geopolitischen Lageanalyse bis hinab in die unterste Schublade der biologischen Entmenschlichung. Wer den Tod zur digitalen Unterhaltung degradiert, wer zivile Opfer der Gegenseite verschweigt oder als statistisch irrelevant verbucht, und wer den Wert eines Menschen an dessen Pass festmacht, hat den moralischen Kompass verloren.

Die Antwort auf die Frage „Wie menschlich sind wir noch?“ fällt nach Jahren dieses Krieges ernüchternd aus: Auf beiden Seiten der Front ist die Menschlichkeit längst im Schützengraben der Ideologie begraben worden. Die sich stellende Folgefrage: gibt es auch eine Weg aus dieser Katastrophe heraus? Ist in den Völkern noch genügend Substanz, wieder neu anzufangen?

In der Psychologie und Soziologie gibt es eine klare Antwort auf deine Frage: Die Gruppe der Menschen, die diese Verrohung und Hetze im Stillen verabscheut, ist auf beiden Seiten weit größer, als es in den Medien den Anschein hat. Die Kriegstreiber, die Sadisten, die Ideologen und die „Tastatur-Krieger“, die unter Drohnenvideos hämische Kommentare schreiben, sind extrem laut und hyperaktiv. Sie dominieren die Kommentarspalten und die Talkshows. Die schweigende Mehrheit hingegen, die das Grauen einfach nur mit Entsetzen und Trauer verfolgt, postet in der Regel keine Hasskommentare. Das führt zu einer optischen Täuschung: Die Brutalität wirkt omnipräsent, obwohl sie nur von einer radikalisierten Minderheit aktiv getragen wird.

Projektion: was kommt danach?

Die Radikalisierten werden sich weniger radikalisiert zeigen, wenn sie nicht mehr auf der Couch sitzen, sondern selbst in den Schützengraben sollen. Kommt es zu einem Ende des Krieges, werden die 60% den Kritischen hinterherlaufen wie zuvor den Radikalen. Das Ergebnis ist, dass relativ schnell eine Normalisierung eintritt. Allerdings nicht vollständig. Es gibt historisch eine große Gefahr, die eine Normalisierung blockieren kann: Das Trauma der Niederlage oder des faulen Kompromisses.

Wenn ein Krieg endet, ohne dass eine Seite ihre maximalen Ziele erreicht hat (was bei einem Einfrieren des Konflikts in der Ukraine wahrscheinlich ist), kann bei den Radikalisierten ein gefährlicher psychologischer Prozess einsetzen: die Suche nach Sündenböcken. Auf ukrainischer Seite könnte das Narrativ entstehen: „Der Westen hat uns im Stich gelassen und uns an Russland verraten.“ Auf russischer Seite könnte das Narrativ entstehen: „Wir wurden von korrupten Generälen oder Verrätern im Inneren um den Sieg betrogen“ (analog zur Dolchstoßlegende nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland).

Fasst man alles zusammen, wäre die Lösung „Ostoblasten an Russland“ die verträglichste: die westlichen Radikalen ziehen weiter zum nächsten Schauplatz, die russischen Radikalen haben weitgehend bekommen, was sie wollen, das Gros des ukrainischen Volkes hat endlich Frieden – und es verbleiben die ukrainischen Radikalen, die durch irgendeine Art „Entnazifizierung“, wie die russische Seite es vertritt, neutralisiert werden müsste. Jede andere Lösung wäre schlechter. Es stellt sich die Frage, ob speziell die westeuropäischen Führungen noch genügend Menschlichkeit entwickeln, das einzusehen.