Olivenernte

In trockenen heißen Gebieten läuft in dieser Zeit die Olivenernte. Oliven sind die einzigen Einnahmequellen der meisten Olivenbauern, da andere Feldfrüchte über den Eigenbedarf und ggf. einem Stand auf dem Wochenmarkt hinaus in der Regel nichts abwerfen. Das trifft auch weitgehend auf das Westjordanland zu, dass völkerrechtlich nicht zu Israel gehört, aber völkerrechtswidrig von Israel besetzt ist.

Diese Zeit nutzen die Siedler, eine israelische verharmlosende Beschreibung von Briganten, also Wegelagerern, Räubern und Plünderern, um die Bauern verstärkt zu überfallen und die Ernte zu vernichten (falls sie nicht gleich die Bäume fällen). Sie berauben damit planmäßig die Bewohner ihrer Lebensgrundlage.

Normaleweise stört das niemand. Nur wenn Ausländer ins Spiel kommen, gerät etwas Sand ins Getriebe. So haben die Siedler vor einem Jahr oder auf einem ihrer Raubzüge einen US-Amerikaner erschlagen, der Verwandte besucht hat. Glücklicherweise hatte das aufgrund der absoluten Israel-Hörigkeit der USA keine weiteren Folgen.

Auch in diesem Jahr kommt es wieder zu solchen Vorfällen. Erst am Freitag war die US-Fotografin Heidi Levine von der Washington Post im Westjordanland brutal von israelischen Siedlern überfallen worden, als sie hatte dokumentieren wollen, wie die Siedler palästinensische Dorfbewohner an der Ernte ihrer Oliven hindern. Sie war trotz einer deutlichen Kennzeichung als „Presse“ zu Boden geworfen und getreten worden; dabei waren ihr eine Rippe und vier Wirbel gebrochen worden. Das ging selbst an der israelischen Regierung nicht spurlos vorbei. Der israelische Ministerpräsident Benjamin SatanNetanjahu reagierte auf diesen Vorfall mit einer Erklärung, die Umstände seien unklar. Die Regierung werde „nicht zulassen, dass umstrittene Vorfälle ausgenutzt werden, um die Hunderttausenden gesetzestreuen jüdischen Bewohner“ der illegalen Siedlungen zu dämonisieren.

Nun kam es zu einem weiteren Vorfall. Ein Fahrzeug mit Diplomaten aus der EU wurde im Westjordanland von sieben maskierten Männern umzingelt, die Ausweise verlangten, eine Fensterscheibe zertrümmerten und die Insassen misshandelten. Das Fahrzeug gehörte dem belgischen Konsulat; es war entsprechend gekennzeichnet, und der belgische Konsul war Teil der Gruppe. Außerdem waren auch noch Vertreter aus Frankreich und Polen beteiligt. Ihr Ziel war, die Olivenernte im christlichen palästinensischen Dorf Taybeh im Westjordanland zu beobachten. Dabei wurde auf den 78-jährigen Bernard Baudoux, Bürgermeister von Aulnoye-Aymeries in Nordfrankreich, nach Berichten von Augenzeugen eingeschlagen.

Der belgische Außenminister Maxime Prevot erklärte auf X: „Die Straflosigkeit gewalttätiger Siedler muss ein Ende haben.“ Und er fügte hinzu: „Belgien verurteilt den Ausbau der Siedlungen sowie Versuche, die Palästinenser gewaltsam von ihrem Land zu vertreiben.“ Auch das polnische Außenministerium veröffentlichte eine Stellungnahme auf X. „Wir sind tief erzürnt wegen dieses Vorfalls und verurteilen ihn in der schärfstmöglichen Weise. Angriffe auf Mitglieder des diplomatischen Korps sind absolut inakzeptabel.“ Man erwarte von den israelischen Behörden, die Täter zu ermitteln, zur Rechenschaft zu ziehen und derartige Vorfälle künftig zu verhindern.

Die israelische Regierung reagierte mit dem üblichen „Ja, aber!“. Der israelische Außenminister Gideon Sa’ar erklärte, er verurteile „die schweren Gewalttaten israelischer Randalierer“, aber er warf den europäischen Diplomaten vor, sich nicht mit dem israelischen Militär abgestimmt zu haben. Wobei bekannt ist, dass die Zahal/IDF, deren Ruf inzwischen nicht kaum besser ist als die der schwedischen Soldateska unter Gustav Adolf II. im 30-jährigen Krieg und die nach dem Prinzip der verbrannten Erde in besetzten Gebieten haust, stets auf Seiten der Siedler die Hand im Spiel hat. Das Büro SatanNetanjahus hat inzwischen mächtig nachgetreten und unter anderem erklärt, bei dem französischen Bürgermeister handele es sich um einen Bürgermeister der Kommunistischen Partei, der die palästinensische Flagge auf städtischen Gebäuden gezeigt habe, was mit anderen Worten bedeutet, die Diplomaten seien selbst für die Gewalt gegen sie verantwortlich. Der Bericht erscheine „inmitten von Sorgen um eine koordinierte Kampagne, um Israel und die jüdischen Bewohner von Judäa und Samaria während der jährlichen Olivenenernte zu verunglimpfen“.

Aus Sicht der deutschen Staatsräson muss man sich wirklich fragen, was Reporter und Politiker in dieser Gegend zu suchen haben. Man kann sie nur als notorische Unruhestifter bezeichnen, denn schließlich machen die Siedler ja nichts, was gegen die westlichen Werte verstoßen würde. Mittel- und langfristig werden keine Juden umgebracht oder vertrieben, so dass „nie wieder!“ auf diese Fälle nicht angewandt werden kann.