Plagiat und Wissenschaft

Wenn man etwas untersucht oder über etwas nachdenkt, ist man in den seltensten Fällen der erste, der das macht. Andere haben das schon vorher versucht, und man sollte daher zwei Sachen beachten:

  1. Nachschauen, was andere schon gemacht haben, damit man die Arbeit nicht umsonst, aber doppelt macht.
  2. Angeben, was andere gemacht haben, weil es ungehörig ist, die Arbeit anderer als die eigene auszugeben.

In den Naturwissenschaften gibt es dazu recht einfache Regeln für die Dokumentation der Arbeit: man gibt zunächst eine Übersicht über den Stand des Wissens mit entsprechenden Verweisen, wer Vorarbeiten geleistet hat und wo man das nachlesen kann. Im zweiten Teil beschreibt man, wo man eigentlich hin will, um dann im dritten Teil das Experiment zu beschreiben, das man sich dazu ausgedacht hat, nebst den Ergebnissen, die man erzielt hat. Im vierten Teil wird das Experiment so beschrieben, dass andere es auch durchführen und so verifizieren können, dass man sich nichts ausgedacht hat, und im abschließenden fünften Teil gibt man noch einige sinnige Bemerkungen über die epochale Bedeutung der eigenen Arbeit von sich.

Da in den MINT-Fächern ewige Wahrheiten geschaffen werden, wird nur selten geschummelt. Irgendwer führt das Experiment irgendwann weiter, und dann fällt schnell auf, wer gemogelt hat. Trotzdem arbeiten auch MINT-Wissenschaftler nicht optimal, weil in den Veröffentlichungen nur die positiven Ergebnisse stehen. Wer selbst mal geforscht hat, wird wissen, dass das Meiste erst mal schief geht, was dazu führt, dass das Ergebnis im Verhältnis zur aufgewandten Zeit manchmal etwas dürftig wirkt. Ich habe meinen Studenten immer abverlangt, alles in ihrem Bericht zu beschreiben, also auch die Fehlversuche. Die muss man nicht mit den Worten „das hat nicht funktioniert“ beschreiben, sondern sollte die positive Formulierung „dieser Weg konnte ausgeschlossen werden“ bekommen. Gerade der Chef, der ohne Dokumentation der Fehlversuche versucht ist, loszupoltern, wieso eine so faule Sau eigentlich meint, noch Gehalt zu bekommen, wird im zweiten Fall ob der Sorgfalt seines Mitarbeiters beeindruckt sein und ihn schätzen, und bei den Folgeentwicklungen braucht man bestimmte Sachen gar nicht erst ausprobieren und spart Geld. Ich schätze allerdings, dass nicht allzu viele Profs ihren Studis derartige praktische Tips geben.

In den Micky-Maus-Fächern oder Geschwätzwissenschaften sieht das etwas anders aus. Da werden nicht ewige Wahrheiten, sondern temporäre Vermutungen geschaffen, die in der Realität oft genug nicht zutreffen. Folglich wird das gleiche Thema nach einiger Zeit von einem anderen Bearbeiter wieder aufgerollt. Natürlich müssen/sollten auch die nachschauen, was andere schon gedacht/spekuliert haben, und das auch erwähnen. Da von anderen Arbeiten eben nicht alles passt (hat ja nicht funktioniert oder beschreibt eine Situation mit Negern, während man selbst mit Zigeunern beschäftigt ist), fügt man das, was man als brauchbar betrachtet, als wörtliches Zitat in seine Arbeit ein (natürlich aus dem Zusammenhang gerissen, aber das ist egal). Und da man meist keine Experimente macht/machen kann, werden die Teile 1-5 bunt gemischt und die Zitate ziehen sich durch den ganzen Text. Die Liste der Bücher oder Zeitschriften, aus denen man zitiert hat, macht nicht selten 1/4 der gesamten Arbeit aus, was schon darauf hinweist, dass der Schreiber vielfach außer den verbindenden Kommas wenig eigenes dazu getan hat. 600, 800, 1000 oder mehr Literaturverweise sind selbst bei Arbeiten von 200-250 Seiten keine Seltenheit.

Die Computer ermöglichen nun eine relative einfache Konrolle, ob jemand auch alles richtig zitiert hat. Sind die Arbeiten elektronisch erfasst, kann eine spezialisierte Textverarbeitung schauen, ob ein Textstück bereits in einer früheren Arbeit aufgetaucht, das Textstück auch korrekt als Zitat gekennzeichnet und die Literaturstelle im Anhang angegeben ist. Es gibt spezialisiert Plattformen wie VroniPlag, die so was standardmäßig machen und sich dazu verdächtige Arbeiten aussuchen. Arbeiten von Politikern sind dabei besonders verdächtig, weil (a) die Leute dahinter eher weniger drauf haben also andere, (b) sie weniger Zeit darauf verwenden, weil sie in Sitzungen abhängen, (c) Lügen ihr tägliches Geschäft ist und (d) man solchen Leuten ohnehin gerne einen reinwürgt.

Jetzt hat es die Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey erwischt, die möglicherweise bald ohne die Zusätze „Dr.“ und „Familienministerin“ auskommen muss. Ob sie den Zusatz „Franziska“, der die alte fränkische Wurfaxt bezeichnet, behält, bleibt abzuwarten. Bislang ist die Hälfte der Arbeit als Plagiat erkannt, aber die Vergleiche laufen noch und es ist durchaus möglich, dass von den 200 Seiten ihrer Arbeit mehr als 280 Seiten gefälscht sind. Gefälscht = abgeschrieben, ohne das Zitat zu nennen. Ist sie nun wirklich eine Betrügerin?

So gerne mir das auch leid tut, da muss ich sie doch erst einmal in Schutz nehmen. Solche Doktorarbeiten werden von mehreren Professoren gelesen und begutachtet, und in den Geschwätzwissenschaften sind Professoren Leute, die alles besser wissen als andere. Da muss man sich zwangsweise fragen, wieso diesen Leuten, die doch viel mehr wissen als die Doktoranden und dies obendrein viel besser, nicht aufgefallen ist, dass irgendein Satz woanders schon mal gefallen ist? Wenn man jemandem den Doktortitel wegen Plagiats wegnimmt, müsste man eigentlich noch schneller dem Professor seinen Titel wegnehmen, wenn der nichts merkt! Und wohlgemerkt: es geht nicht um eine Sache, die übersehen wurde, bei Giffey betrifft es angeblich mindestens 37% der Arbeit nebst mindestens 72 weiteren Fällen, in denen sie zwar Literaturstellen angibt, deren Autoren aber gar nichts zu dem Thema gesagt haben sollen.

Nun will ich gar nicht anzweifeln, dass VroniPlag daneben liegt, wenn es angibt, der und der Satz sei dort und dort schon mal gefallen. Trotzdem muss das kein vorsätzliches Plagiat sein, was als Arbeit vorgelegt wird. Das gesamte Studium besteht überwiegend darin, das zu zitieren, was andere bereits gesagt haben, wobei man sich naturgemäß die Aussage mehr merkt als den Autor, der sich im Laufe der Zeit abkoppelt. a² + b² = c² oder E=mc² kennt vermutlich jeder als Formel, aber Pytargoras und Einstein als Namen damit in Verbindung zu bringen mag dem einen oder anderen zumindest ein paar Sekunden Nachdenken bescheren. Da sitzt die gute Franziska nun vor ihrem PC, schlägt sich ohnehin schon mit mehreren Hundert Literaturstellen herum und findet, dass man „die zwei Sachen doch wunderbar mit folgender Formulierung verbinden kann: …“, schreibt’s hin und kommt gar nicht auf den Gedanken, dass sie diese Formulierung im 2., 4., 7., 12. und 19. Semester schon mal gehört hat und sie gar nicht von ihr stammt. Ich schätze mal, dass der Gedanke „bin ich jetzt zu faul, auch das noch rauszusuchen“ nicht sehr oft auftaucht, sondern der Proband fest überzeugt ist, er ist selbst drauf gekommen, wie auch der Prof später vermutlich denkt „geschickt formuliert, hätte ich auch so geschrieben“ und nicht auf den Trichter kommt, dass Kollege Müller das vor einige Jahren tatsächlich bereits so geschrieben hat.

Fazit: ich halte dieses VroniPlag in weiten Teilen für eine überzogene und unnötige Hexenjagd. Es geht nicht um wissenschaftliche Standards, es geht schlicht darum, jemand eins auszuwischen, während die mindestens genauso schuldigen Profs die Vorwürfe „genauestens prüfen“ und in guter Manier laut „haltet den Dieb!“ schreien, um von sich selbst abzulenken.

Worüber man vielmehr nachdenken sollte, ist, wieso man diesen ganzen Quark noch als Wissenschaft bezeichnet. Je nach Fachgebiet sind die Absolventen teilweise seit Jahrhunderten (Philosophie, Theologie) damit beschäftigt, Sätze, die andere Leute schon gesagt haben, in immer neuen Kombinationen zusammen zu stellen, mit teilweise minimalen eigenen Ergänzungen (die müssen sein, damit man auch zitiert wird). Wobei die Leute, die man zitiert, schon auf die gleiche Weise zu ihren Arbeiten gekommen sind. Genauso wie in der Kunst, in der inzwischen Computer Gemälde und Musik erstellen, dürfte es mit ein paar Textbausteinen und der vorhandenen Literatur möglich sein, per Algorithmus eine Doktorarbeit zusammen zu stellen, die allen Ansprüchen genügt und deren Inhaltslosigkeit noch nicht mal auffällt. Es muss ja auch nichts von dem später zutreffen, was das zusammen fabuliert wird.

Nicht das Plagiat ist der Skandal. Das als Wissenschaft zu bezeichnen ist das Problem, denn letzte, was geschaffen wird, ist (in der Regel, ich will nicht alles niedermachen) Wissen. Ein besserer Titel wäre Meinungsschaft. Und die Arbeit von Franziska wäre mit dem Titel Doctor opinionis oder Doctor sententiae auszuzeichnen, ob nun abgeschrieben oder nicht.

2 Gedanken zu „Plagiat und Wissenschaft

  1. Man sollte heute einen Doktor, Master oder Bachelor nicht unbedingt zu hoch bewerten, es gibt viele Wege dies zu erreichen. Wie jemand zu einem akademischen Grad gekommen ist, interessiert hinterher kaum noch. Viel wichtiger ist es, später im Berufsleben zurechtzukommen und hier gibt es genügend, trotz guter Abschlüsse, die erhebliche Probleme bekommen. Auswendiglernen und plagiieren ist eben immer noch etwas anderes als logisches Denken. Wer logisch denkt macht weniger Fehler und besitzt dazu die Gabe, aus den gemachten Fehlern zu lernen. Während meines Arbeitslebens hatte ich zwangsläufig mit bei den Städten beschäftigten Dipl. Ing.’s Berührungspunkte und fragte mich manchmal: „wie kommt dieser Mensch zu so einem Posten“? Logisches Denken kann schon manchmal zu einem Problem werden.

    Doch eines stimmt; bei den „Normalos“ fragt keiner danach wie der akademische Grad erreicht wurde. Für VroniPlag wäre es auch uninteressant und langweilig die Arbeiten von „irgend jemand“ zu prüfen. Bei Prominenten ist es eine nachvollziehbare Herausforderung, besonders wenn sie den Berufsstand eines „Politikers“ ausüben. Das ist auch richtig und gut so, denn schließlich gehört diese Gruppe zu dem „Typus Menschen“, die anderen Menschen ständig vorschreiben wollen, wie sie zu leben und zu denken haben…

    1. Da gibt es beispielsweise den Dr.sc. Das stand früher ausschließlich für „scientiarum naturalium“, also Naturwissenschaft. Heute aber in vielen Fällen für „socialiter causae“, als aus sozialen Gründen, weil man eben einem, der lange genug dabei ist, irgendeinen Titel geben muss. Ein Wirtschaftsvertreter drückte das vor einigen Jahren im Radio mal so aus: „Steht Diplom-Ingenieur drauf, ist aber keiner drin.“

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