Die vergessene Frage

In einer neuen Hitler-Biografie stellt der Historiker Peter Longerich fest, dass Hitler weitaus aktiver sein Reich gestaltet hat, als das viele bislang wahr haben wollen. Hitler war nicht nur Marionette gewisser rechtsnationaler Kreise, sondern selbst in hohem Maße politisch gestalterisch und für seinen Erfolg verantwortlich.

Mit Blick auf die damalige Zeit haben wir also die Akteure Hitler, rechtsnationale Kreise um die alte Reichswehr und ein Volk, das Hitler letztendlich in so starkem Maße gewählt hat, dass er die Lage 1933 ausnutzen konnte, um den Wettbewerb auszuschalten. Gerade der damaligen Bevölkerung wird immer wieder vorgeworfen, dass sie Hitler gewählt hat, es aber doch eigentlich hätte besser wissen müssen (und wenn man heute einen Überlebenden fragt, war der natürlich immer gegen Hitler gewesen, denn wer möchte sich als +80-jähriger bei der Formulierung einer solchen Fragestellung noch Ärger einheimsen).

Eine Fragestellung wird allerdings grundsätzlich ausgeklammert: die Verantwortung der damaligen Gutmenschenparteien am Aufstieg Hitlers. Wenn man auf die Wahlergebnisse schaut, waren diese ein ziemliches Auf und Ab für die NSdAP. Die Zahl der unverbesserlichen Stammwähler, von der heute Parteien wie die SPD und Die Grünen leben, war mithin begrenzt, und der Wähler schwenkte sein Fähnchen nach Bedarf in eine andere Richtung. Einerseits wohl, weil Hitler so gut war, aber andererseits (vielleicht sogar die größere Menge), weil die anderen so absolut beschissen waren (?). Die Frage lautet also auch: in welchem Umfang haben die anderen Parteien die Wähler Hitler in die Arme getrieben?

Die Frage ist ziemlich aktuell, denn auch heute wird die Abkehr vom politischen Mainstream von Tag zu Tag größer. Man kann es den Bürgern wohl kaum verübeln, wenn sie sich vom System abwenden, wenn ihnen Tag für Tag erzählt wird, dass ihre persönlichen Bedürfnisse absolut unwichtig und uninteressant sind und Bedürfnisse anderer, für die man sich zunehmend einschränken muss, Vorrang haben. Und man kann sie nicht auf Dauer mit irgendwelchem Geschwätz von abspeisen und Widerspruch diffamieren. Anders ausgedrückt: selbst wenn vielen Leuten klar sein sollte, dass eine Alternative eine schlechte Alternative ist, zwingt sie eine bestimmte Politik nicht dazu, trotzdem die schlechte Alternative zu wählen?

Traditionell wird die Verantwortung für Hitler gewissen rechten Kreisen und nun auch Hitler selbst zugeschoben und das Volk für die Wahlen in die Pflicht genommen. Ich neige allerdings eher dazu, letzteres zu entlasten und eine wesentliche Mitschuld denen zuzuerkennen, deren Interesse es gerade war, Hitler zu verhindern.

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