VW und der Augen-Tinnitus

Die Spitzen der Wirtschaft und der Politik sind Profis. Im Fall von VW stellt sich allerdings die Frage, wo so viel professionelle Blödheit noch vorkommen könnte.

Man sollte einmal vorausbemerken, dass die Automobilhersteller politisch zum Mogeln gezwungen werden. Da gibt es einerseits die politischen Vorgaben, Verbauch und Schadstoffemission flottengebunden unterhalb von vorgegebenen Grenzen zu halten, wenn der Hersteller nicht mit Strafen belegt werden soll, andererseits geht der Trend der Verbaucher zu immer massiveren Geschossen, mit denen man sich fortbewegt. Weil die älter und auch mangels Sport (die Turnhallen werden als Notunterkünfte gebraucht, und als Ausländer kann man ohnehin erfolgreich die Teilnahme am Schulunterricht verweigern) auch unbeweglicher werdende Bevölkerung zwar in die tief liegenden Maseratti hinein, aber nicht mehr hinauskommt, setzt man auf SUV-Boliden. Mit denen kann man zwar nicht mehr unter den LKWs herfahren (und kommt auch in viele Parkhäuser nicht mehr so ohne weiteres hinein), weil die zu hoch sind, dafür kann man aber das Seitenfenster öffnen, ohne Gefahr zu laufen, dass der nächste Dackel beim Beinheben hineinpinkelt.

Statt 10 l nur noch 4 l/100 km verbrauchen, im Gegenzug das Gewicht aber von 800 kg auf 2 to zu steigern und das Fahrzeug statt mit 80 PS nun mit 270 PS zu versehen, damit es überhaupt noch losfährt – das passt irgendwie nicht zusammen. Deshalb sind die Tests auch so konstruiert, dass grundsätzlich geschönte Werte herauskommen. Wie selbst der ADAC feststellt, liegt der echte Verbrauch eines PKW oft mehr als 50% über dem in geschönten Tests ermittelten.

Das ist zwar Betrug am Kunden, aber staatlich sanktionierter. Wie blöd muss man als Autohersteller aber sein, darüber hinaus noch aktiv weiter zu betrügen wie VW, und das auch noch in dem Land, in dem das mit Garantie fürchterlich in die Hose geht, in den USA? Auf VW kommen jetzt bis zu 16 Mrd. $ Bussgelder der US-Umweltbehörde wegen des Betrugs zu. Die gleiche Summe könnte aus einem Strafverfahren der US-Justizbehörde wegen vorsätzlichen Betruges herauskommen. Dazu kommen Privatklagen: betrogene Autobesitzer, die Schadensersatz fordern, Kranke, die ihre Krankheit auf den Schadstoffausstoß zurückführen, usw. Mehr oder weniger macht fast die ganze Anwaltsklasse der USA derzeit gegen VW mobil – und in den USA ist jeder zweite ein Anwalt. Jeder weiß, wie so etwas in den USA abläuft – also wie blöd sind Winterkorn & Co eigentlich?

Und das ist nur die USA. Auch andere Staaten wie Kanada machen inzwischen mobil. Sind Winterkorn & Co wirklich so blöd, zu meinen, deutsche Verhältnisse existierten auch in den USA? So steht auch hier in den Gesetzen und Vorschriften, dass die Angaben der Hersteller in Stichproben zu überprüfen sind – genau das haben die Amerikaner gemacht. Hier in Deutschland läuft das nicht: will tatsächlich jemand eine Stichprobe machen, ob die Hersteller-Lügen auch stimmen, genügt ein Anruf aus dem Konzern, und derjenige macht zukünftig nur noch geschmackliche Stichproben im Ablauf einer Kläranlage, ob das Wasser wirklich sauber ist. In den USA können das nur US-Konzerne, aber keine deutschen Konkurrenten.

Die Blödheit wird fortgesetzt durch Parlamentarier des Verkehrsausschusses des Bundestags, die Gesetzesverschärfungen mit Kontrollen ankündigen, obwohl die Kontrollen bereits im Gesetz vorgeschrieben sind, wie ca. 2 Minuten vor diesem Interview ein anderer Referent genüsslich darlegte. Anders ausgedrückt: wir leisten uns Parlamentarier, die so blöd sind, dass sie noch nicht einmal ihre eigenen Fachgesetze kennen, und oberdrein noch so blöd sind, zu glauben, alle anderen seien genauso blöd.

Kommt noch der niedersächsische Ministerpräsident hinzu, der qua Amt auch im Aufsichtsrat von VW sitzt und im Brustton der Überzeugung verkündet „Herr Winterkorn wusste von dem Betrug nichts!“. Ehrlich, wenn er das meint, ist er so blöd, dass er sich in seiner eigenen Hose verläuft. Man muss sich das mal vorstellen:

Entwicklung: „So, unser neuer Motor ist fertig und hält alle Werte ein.“

Chef: „Wir wollen Toyota übertrumpfen und müssen mehr Autos verkaufen.“

Vertrieb: „Das klappt aber mit der Motorleistung nicht so ganz.“

Chef: „Macht den Motor stärker!“

Entwicklung: „Das klappt nicht wegen der Filter. Da müssten wir ihn stärker machen.“

Vertrieb: „Größere Motoren können wir auch nicht verkaufen.“

Chef: „Dann schaltet gefälligst den Filter ab, aber unauffällig.“

Entwicklung: „…“

Chef: „Ist mir egal, ihr macht das jetzt! Basta!“

Vertrieb: „Das haben wir jetzt nicht mitbekommen.“

Glaubt irgendjemand, dass so etwas anders läuft? Dass irgendeine Entwicklungsabteilung von sich aus mogelt, weil sie um den Verkauf fürchtet? Oder irgendeine Vertriebsabteilung so viel Ahnung von der Technik hat, dass sie das durchsetzt? Nein, solche Entscheidungen laufen ganz oben ab, und sämtlich scheinheiligen Anzugträger des obersten Managements und des Aufsichtsrats haben das gewusst. Sobald die und die beteiligten Politiker im Bild erscheinen, dürfte beim Publikum der Augentinnitus einsetzen: man hört zwar kein Pfeifen wie beim normalen Tinnitus, aber man sieht welche. Dummerweise gibt es aber auch beim Augentinnitus eine Eingewöhnung: die meisten Betroffenen nehmen das/die Pfeifen nach einiger Zeit nicht mehr wahr, weil das Gehirn das erfolgreich verdrängt.

2 Gedanken zu „VW und der Augen-Tinnitus

    1. Ich glaube, es geht eher um die Blödheit, ausgerechnet der US-Justiz eine solche Steilvorlage zu liefern, wo doch jeder weiß, dass selbst Bagatellfälle mit hunderten von Millionen Dollar ausgetragen werden. Aber du kannst deine Bemerkung ja an die VW-Anwälte weiterschicken. Vielleicht können die so ein paar Milliarden abschmettern 😉

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