Traditionell gibt es wohl keinen Stand, der über Jahrtausende so systematisch ausgeplündert wurde und wird wie die Bauern. Mancher mag meinen, Arbeiter werden genauso ausgeplündert, aber der feine Unterschied ist, dass Arbeiter schon zu Beginn der Ausplünderung so arm wie Kirchenmäuse sind, während Bauern der über viele Generationen aufgebaute Besitz gestohlen wird.
Bei Bauernprotesten geht es bekanntlich oft handfester zu: von angemeldeten Korsos über nicht angemeldete und Straßensperren bis hin zum Abladen von Mist vor der Rathaustür, falls das Rathaus nicht gleich mit Gülle geflutet wird. Das würden die Bauern kaum machen, wenn vielen von ihnen nicht das Wasser bis zum Hals stünde. Die Reaktion der Behörden auf solche Proteste ist länderspezifisch unterschiedlich, aber wen sie rannehmen, den kann das den Rest seiner Existenz kosten, finanziell oder durch Wegnahme der Konzession.
Bauern sind doch reich, meint man, sitzen sie doch auf großen Ländereien, die auch etwas wert sind. Der Irrtum dabei ist, dass man davon ausgeht, der Bauer könne mit seinem Eigentum so umgehen wie der normale Bürger. Aber das stimmt nicht. Wird ein Acker eine gewisse Zeit nicht mehr gepflügt, wird er irreversibel zu Grünland, das nur einen Bruchteil des Wertes aufweist. Gleiches gilt beispielsweise auch für Weinbauern. So mancher Bauer pflügt sein Land, ohne tatsächlich in dem Jahr etwas anbauen zu wollen, nur um nicht staatlicherseits um sein Eigentum gebracht zu werden. Maschinen sind extrem teuer und der Bauer kann sich aussuchen, ob er Lohnunternehmer beauftragt oder sich mit eigenen Maschinen hoch verschuldet. Und er kann nicht anbauen, was er will: was er wann anbauen darf, wieviel Dünger er ausbringen muss und vieles andere bestimmt nicht er als Kenner der Materie, sondern irgendein anonymer Beamtenarsch in einem fernen Büro. Und über alles ist Buch zu führen: oft geht dabei halb so viel Arbeitszeit drauf wie für die eigentliche Landarbeit.
Hinzu kommen Umweltauflagen, die einzuhalten sind, sonst werden massive Bußgelder fällig. Und wer seinen Stall nach neuesten Vorgaben umgebaut und 1 Mio € investiert hat, ist nicht etwa auf der sicheren Seite: in 2 Jahren kann eine neue Vorgabe kommen und sein gerade umgebauter Stall zu einer Altlast erklärt werden. Noch nicht einmal über das Saatgut ist er Herr: oft durch Gentechnik modifizierte Sorten werden von der Industrie verkauft. Der Bauer darf von der Ernte nicht einen Teil zurücklegen und im nächsten Jahr aussähen, wie es füher üblich war, sondern muss das Saatgut erneut beim Konzern kaufen. Gleichzeitig werden alte Sorten verboten mit der Begründung, dass Gene ja wandern würden und daher altes Saatgut durch Gene verändert wird, auf das der Konzern ein Patent hat.
Letztlich ist der Bauer durch den Boden, der ihm gehört, ein formal reicher Mann, juristisch gesehen aber eher ein Leibeigener des Staates, der sofort alles verliert, wenn er nicht spurt. Entsprechend ist der psychische Druck, dem sich Bauern ausgesetzt sehen, extrem hoch. Die Selbstmordrate ist fast doppelt so hoch wie in anderen Berufszweigen. In Frankreich gibt es pro Tag statistisch 2 Selbstmorde von Bauern – nach Ansicht von Experten mit sehr hoher Dunkelziffer, da vieles getarnt wird, um Lebensversicherungen nicht zu gefährden.
Beispiel Indien: dort verschuldeten sich viele Bauern bis über beide Ohren für Baumwollsaaten von Monsanto. Statt des versprochenen Mehrertrags sanken aber die Erträge gegenüber den zuvor angebauten Sorten – die es gemäß dem Patentrecht aber in Indien auch nicht mehr gibt. Ergebnis: eine Selbstmordrate sonder Gleichen unter indischen Baumwollbauern, die sich – das zynisch-ironische Moment an diesem Beispiel – vielfach durch Trinken von Glyphosat, also dem Wundermittel, das höhere Erträge sichern sollte, das Leben nahmen.
Zurück zu Deutschland und dem Titel des Beitrags. Im grünen Ländle BaWü ist das physische Bauernsterben, vermutlich strukturbedingt noch etwas höher als in anderen Bundesländern, selbst der selbstgerechten widerlichen Politmischpoke aufgefallen. Und man sinnt auf Abhilfe. Wie? Natürlich durch eine weitere bürokratische Maßnahme:
Man schafft ein spezielles Amt für bäuerliche psychologische Beratung. Die Bevölkerung ist aufgerufen, psychisch auffällige Bauern bei diesem Amt zu denunzieren, damit es bei den suizidgefährdeten beratend eingreifen kann. Vermutlich in Form einer verpflichtenden Zwangsberatung als Zusatz zu den anderen bürokratischen Verpflichtungen.
Heuchlerischer und verlogener geht es wohl kaum noch. Erst treibt man die Leute vorsätzlich und unnötig in den Ruin und die psychologische Falle, und dann bietet man ihnen Stressberatung an.
Fazit: nicht nur immer mehr Höfe gehen in Insolvenz, immer mehr Bauern geben auf bzw. die Erben übernehmen den Hof nicht mehr, sondern verkaufen das Land an den nächsten Konzern. Aus dem Erlös fallen zwar ca. 40% Steuern an, aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Was dann noch übrig ist, bringt an der Börse vermutlich bessere Gewinne als der Hof, und das auch wesentlich stressfreier. Und wer dennoch Bauer werden will: in Sibirien wird Land günstig angeboten und man kann Bauer sein, ohne Hunderte von bürokratischen Hürden meistern zu müssen. Vermutlich muss man sich mit der örtlichen Mafia einigen, aber das dürfte einfacher sein als mit europäischen Bürokraten.
P.S.: Lässt ein Bauer sein Land brach liegen, entfallen die Anbaurechte und der Wert des Landes sinkt oft ein 1/10. Das hatten wir oben schon erwähnt. Zusätzlich erwähnen muss man noch, dass das Finanzamt den alten Wert veranschlagt und davon 40% als Steuern fordert, d.h. 4x so viel, wie der Eigentümer jetzt noch durch einen Verkauf erzielen kann. Wenn ein Verkauf vorher nicht gelingt (weil der Konzern beispielsweise das Anbaurecht nicht braucht, aber das Land haben will), bleibt dem Bauern nur Verlustbewirtschaftung oder Selbstmord.