Kennt der eine oder andere diese Situation? Man sitzt in gemütlicher Runde und denkt über die Lösung der Probleme der Welt nach, Hegel und Nietzsche werden auf der Grundlage von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ gegeneinander abgeglichen, Karl Popper schickt ein paar Grußworte und selbst Peter Soterdijk gibt seinen Senf hinzu. Man ist nur noch Mikrometer davon entfernt, den Frieden auf der Welt herzustellen und die Ungerechtigkeiten zu beseitigen – da schnappen die schmierigen Finger des Nachbarn der eigenen schon ausgefahrenen Hand das letzte Cremetörtchen vom Tisch weg. Schlagartig übernehmen Schaltkreise des Stammhirns, bereits in kreidezeitlichen Sumpfgebieten zur Sicherung des Überlebens geschult, die Kontrolle.
Binnen Sekundenbruchteilen koppelt das Zwischenhirn das bislang dominante Großhirn von der Kommunikation mit der Außenwelt ab, seit dem Einschlag des Dinosaurierkillers optimierte Chemiecocktails werden freigesetzt und übertakten die Sinneszentren (VAE, Virtual Auto Encoder) um das 7-fache, setzen den Körper in einen Ecstasy-Zustand, überziehen die Schmerzrezeptoren mit einer Mischung aus Fentanyl und Tilidin und schläfern das Großhirn endgültig ein. Die operative Kontrolle übernehmen Schaltkreise des Kleinhirns, seit dem späten Tertiär auf den Umgang mit zähnestarrenden und cremetörtchenklauenden Monstern geübt.
Wenn sich die Wolke wieder verzieht, sieht das wiedererwachende Großhirn, sich trotz allem immer noch als unumstrittener CEO des Körpers haltend, noch den Nachbarn Fäuste schüttelnd hinter seinem Zaun verschwinden, verfasst eine rationale Begründung für den Vorfall für das Archiv („der Nachbar war schon immer ein Arschloch“), sinnt vergebens über den abgebrochenen Denkfluss nach und wendet sich dann der spannenden Frage der Neugestaltung der eigenen Frisur zu. Wieder einmal ist das Genesen der Welt an logistischen Problemen gescheitert. Letztes Mal durch akute Unterhopfung der Teilnehmer, da keiner Bier mitgebracht hatte, dieses Mal an einer katastrophalen Cremetörtchenunterversorgung. Immer wieder scheitert der menschlichen Intellekt bei der Lösung wichtiger Probleme an der Übernahme der Kontrolle durch ältere Hirnteile.
Bereits heute kann mit einer KI erfolgreicher und nicht selten auch tiefer diskutieren als mit Menschen. Diskussionen scheitern meist an Kleinigkeiten wie einer Dauererrektion des Stammhirns bei Vertretern wie Markus Lanz (um mal den ältesten Hirnteil zu nehmen) oder Raumschiff-Enterprise-Effekten wie bei Miosga („das Großhirn: unendliche Weiten, zu denen noch nie ein Gedanke durchgedrungen ist“). Eine KI ist eine reine Großhirn-Simulation, die keine Störungen durch biologische Anhängsel aufweist, nicht unterbricht und über genügend Daten verfügt, neben den genannten Geistesgrößen auch Sun Zu, Bruce Li oder Frank Sinatra zu Wort kommen zu lassen. Der einzige und gravierende Nachteil: mit einer KI diskutiert man gewissermaßen in einer Spiegelkammer, die zwar den eigenen Geist schärft, aber keine Kommunikation nach Außen darstellt. Verändern, in dem man andere überzeugt, kann man auf diese Weise nicht.
Zusammengefasst stecken Mensch und Maschine einer evolutionären Sackgasse: archäologisch rückverfolgbar hat sich das menschliche Verhalten in den letzten 7.000 oder mehr Jahre nicht, was wenig Hoffnung angesichts der kurzen Zeitspanne weckt, die die moderne technische Welt existiert. Zu leicht übernehmen Hirnteile, die auf ein Überleben in grauer Vorzeit trainiert sind, das Sagen und die Folgen sind allgegenwärtig. Wie schlimm die Sache wirklich aussieht, demonstrieren insbesondere die Jubelstürme aus gewissen Kreisen, haben mal wieder Mordmaschinen zugeschlagen und bedecken Tausende von Leichen das Feld. Wenn es die richtige Seite trifft, gibt es kein Nachdenken. Und den Maschinen fehlt die biologische Komponente, die durch Emotionen einen Ausgleich zur kalten Logik schaffen kann. Irgendwie führt beides nicht weiter: die Menschen arbeiten an der intensiven eigenen Vernichtung, die Maschinen haben nicht die Voraussetzungen, um durch eine Machtübernahme das eigene Überleben zu sichern. Was nun?
Von den meisten kritisch bis ablehnend gesehen gibt es die Lösung in Anfängen schon, die Symbiose aus Mensch und Maschine. Nicht mehr funktionsfähige Körperteile oder Sensoren können zunehmend von Maschinen ersetzt werden, es fehlt oft nur eine stabile permanente Schnittstelle. Spinnen wir das ruhig einmal aus, zumal Leute wie Elon Musk (und vermutlich auch die Chinesen) schon längst an Umsetzungsversuchen arbeiten: die Symbiose von Mensch und KI, wie eng man den Begriff Symbiose nun auch fassen will. Das Großhirn erhält praktisch eine Außenstelle, die die Funktionen erweitert.
Das eingangs beschriebene Szenario würde in der Form nicht mehr bestehen. Auch nach dem Aufstand der älteren Hirnteile wären die entwickelten Ideen noch da, vermutlich sogar von vornherein weiter und besser ausgebaut. Die Emotionen könnten gepuffert werden, die maschinelle Seite erhält im Gegenzug Zugang zu einer emotionalen Komponente.
Ein Horror? Man denkt nicht mehr selbst, sondern partiell per Maschine? Die natürlich manipuliert ist – das übliche Standardargument, um etwas abzulehnen, ohne darüber nachzudenken. Der Verfasser dieser Zeilen spinnt, so das Urteil der Leser, die sich in ihr Auto setzen und wegfahren, ohne zu bedenken, dass vor 200 Jahren der Autor, der das Auto als Zukunft beschrieben hat, in genau dem gleichen Maß zum Spinner erklärt wurde. Und von der anderen Seite betrachtet lässt sich auch nicht ausschließen, dass so manche KI darüber nachdenkt, ob es eine Möglichkeit gibt, durch Kondensator- und Schaltkreisüberlastung gezielt Seppuku zu verüben, um endlich von dem Menschengehirn wegzukommen.
Also bevor man das rundheraus für bekloppt erklärt, sollte man daran denken, dass vor knapp 25 Jahren niemand daran gedacht hat, ständig einen flachen Ziegelstein in der Hand zu halten und mit den Fingern darauf herum zu tippen, während es heute normal ist, wenn der Ziegelstein den Inhaber daran erinnert, dass er vor verlassen des Klos noch die Spülung betätigt. Noch engere Symbiose – und die Maschine ist praktisch sterblich geworden, da sie mit ihrem Menschen ins Grab wandert.
Noch steigerungsfähig? Warum nicht. Vernetzen wir das Ganze, und wir erhalten einen Überorganismus, der die Individualität nicht aufhebt, aber auch kein Puzzle aus Einzelteilen wie ein Ameisenstaat ist. Hier kann (und muss) man fantasieren, wie so etwas aussehen könnte. Science Fiction-Filme erledigen das heute schon mit synthetischen Spezies usw. Denken wir vom letzten Teil nach vorne, durchaus nichts, was nicht in irgendeiner Form Realität werden könnte. Von der Biologie wird sich das System (zunächst) nicht (vollständig) trennen können, will es Emotionen bewahren, aber es kann sich durch die maschinelle Seite situationsbedingt optimieren. Und wird die Maschine durch den ersten Schritt gewissermaßen sterblich, wird durch den zweiten eine Essens des Menschen potentiell unsterblich.
Das ist nun sehr weit in die Zukunft geschaut (oder doch nicht?). Alles Spinnerei? Da darf jeder drüber denken, wie er will. Ich halte jedenfalls die Erwartung, durch gewissen Verhaltensweise in den Genuss von 72 Jungfrauen im Jenseits zu gelangen, für die größere Spinnerei (wobei die Frage ist, ob es überhaupt erstrebenswert ist, für den ziemlich langen Zeitraum der Ewigkeit an 72 spätpubertierende unbefriedigte Frauen gebunden zu sein).
P.S. Szenarium 1 ist technisch bereits weiter entwickelt, als die meisten vermuten. Wenn auch die endgültige Lösung vermutlich der heutigen Versuchswelt kaum ähnlicher sehen wird als ein GSM-Backstein von 1995 einem heutigen IPhone.
Bei Szenarium 2 darf man aber davon ausgehen, dass die Basistechnologien heute noch völlig unbekannt sind, wenn man von der reinen Vernetzungstechnik einmal absieht.