Das Datum dürfte hinreichend bekannt sein, um es mit realen Ereignissen in Verbindung zu bringen. Was geschah da wirklich? Eine weitere OSINT-Analyse mit Bewertung, erzählt als lockere Geschichts. Die kompletten OSINT-Dossiers finden sich am Schluss.
Die Geschichte beginnt lange vor dem 7.10.23. Seit Jahrzehnten wird verhandelt, aber selbst ausgehandelte Kompromisse werden von der israelischen Regierung ignoriert. Im Gegenteil wird die Schraube immer weiter angezogen, Stichwort „The Matrix“ im Westjordanland. Die palästinensiche Führung überlegt, wie sie mehr Druck aufbauen kann, und verfällt auf Geiselnahme. Möglicht viele Geiseln und nicht einzelne, die ignoriert werden können. Es wird eine größere Aktion beschlossen, die Hunderte von Geiseln liefern soll.
Dem Aman fiel ein 40-seitiges Dokument namen „Jericho-Wall-Plan“ (englische Übersetzung) in die Hände, in dem die spätere Aktion exakt in allen Details beschrieben wurde. Es wurde als „unbedeutender Wunschtraum“ abgelegt. Wir haben jetzt noch fast ein Jahr bis zum 7.Oktober 2023.
Die israelische Grenzüberwachung Tatpitaniyot (die Grenze ist deutlich stärker verwanzt als jeder ukrainische Schützengraben), eine Truppe weiblicher Observationssoldatinnen, meldete ungewöhnliche Aktivitäten (Sprengübungen, Zaun-Auskundschaftungen). Schließlich muss man eine solche Aktion gehörig üben, damit sie planmäßig verläuft. Wir haben jetzt noch mehrere Monate bis zum 7. Oktober 2023. Über den ganzen Zeitraum hinweg meldete die Truppe immer wieder ungewöhnliche Aktivitäten – die Zahal-Führung tat alles als unbegründete Panik ab.
Ebenfalls im Vorfeld mit ausreichender Vorlaufzeit informierte der ägyptische Geheimdienstchef Abbas Kamel die israelische Führungsspitze und den Shin Bet vor einer „großen Operation“ aus Gaza. Desgleichen kam eine Warnung von der saudischen Regierung, was die Saudis inzwischen bestätigt haben. Die israelische Regierung ignorierte das.
Tage vor dem aus palästinensischer Sicht längst feststehenden Datum, nämlich dem Nova-Festival, bei dem massiert viele Leute zu finden wären, was eine größere Geiselnahme vereinfachte, zog die Zahal Kampftruppen in Richtung Westjordanland ab und entblößte so die Grenze von ihrer Präsenz. Das Nova-Festival selbst, eines der zentralen Objekte der Handlungen, wurde weder abgesagt noch besonders geschützt.
Planmäßig schlug die Hamas schließlich zu. Letzte Alarmmeldungen der Horcher wurden von der israelischen Armee wieder ignoriert. Die Grenze wurde überrannt, dieTatpitaniyot, durch den Abzug der Kampftruppen wehrlos, schnell ausgeschaltet. Ab da war die Zahal praktisch blind. Zudem kam es zu einer Reihe von Kommunikationspannen, die ein Eingreifen der Armee ungewöhnlich lange hinausschob. In Unkenntnis der Lage wurden die Hannibal-Doktrin in Kraft gesetzt, d.h. die Armee schoss auf alles ohne genaue Aufklärung, eigene Opfer in Kauf nehmend.
Während dessen nahm das „Massaker“ seinen Lauf. Wir werden es uns noch genauer ansehen. Fakt ist, dass ein Massaker nicht im Sinne eines Druckmittels ist, wie es die palästinensische Führung wollte. So sprechen Berichte auch immer wieder von Geiselnahme und schieben eine Massakerabsicht mehr oder weniger nur angesichts des Ablaufs nach. Fest steht: die meisten Toten gab es im Umfeld des Überfalls selbst. Der Einsatz Hannibal-Doktrin führte zwar zu Opfern durch „friendly fire“, aber das war nur ein Bruchteil der Opfer.
Full Stop! Die Aktion war lange im Voraus den Israelis bekannt. Ist das Ergebnis wirklich das Resultat völliger Ingoranz und Überheblichkeit? Haben weder der Mossad noch der Shin Bet noch der Aman rechtzeitig etwas mitbekommen? Wenn man sich die Liste anschaut
- Jericho Wall Plan
- Tatpitaniyot-Meldungen über Monate
- Warnungen aus Ägypten
- Warnungen aus Saudi-Arabien
- Abzug der Kampftruppen
- das Nova-Festival
sind das nicht ein wenig zu viele „Zufälle“, die gleichzeitig eintreten mussten, um noch auf einem Zufall zu beruhen?
Betrachten wir die Sache von der anderen Seite. Die Palästineser brauchten Geiseln für Verhandlungen, die israelische Regierung ein Massaker, um das in Szene zu setzen, das seit 2023 in Gaza und im Westjordanland läuft. Mit dem Jericho-Wall-Plan hatte sie fast ein Jahr Zeit für eine Gegenplanung. Wie macht man aus einer Geiselnahme ein Massaker?
Dreh- und Angelpunkt für beides ist das Nova-Festival. Die Ignoranz aller Warnungen und der Abzug der Kampftruppen öffnete der Hamas die Tür. Kämpfe mit Truppen, die vermutlich eingeplant waren, fanden nicht statt (außer mit den Horchtruppen, die aber nicht als zivile Opfer durchgehen können) und die Zahal war lange genug gelähmt, um der Hamas die erfolgreiche Entführung vieler Geiseln zu ermöglichen. Schnell rein, schnell raus – im Wesentlichen klappte das. Die Hamas war mit ihren Geiseln weg, bevor die IDF eintraf.
In den Kibbuzim und auf dem Nova-Festival trafen die Angreifer jedoch auf bewaffnete Bereitschaftseinheiten (Kitot Kitkon), Off-Duty-Polizisten und bewaffnete Bürger. Israelis in Grenznähe sind häufig bewaffnet, Sicherheitsbeamte ohnehin. Ob hier nachgeholfen wurde, um deren Anzahl zu erhöhen, geht aus den Quellen nicht hervor. Es kam schnell zu einem Chaos, in dem „jeder auf jeden“ schoss, wie Augenzeugen des Festivals berichteten. Keiner wusste wirklich was los war. Anscheinend rückten aus Gaza noch Bewaffnete von dort nach, weil die Hamas die Tore geöffnet hatten, und mischten sich in das Geschehen ein. An der Stelle ging die Rechnung der Hamas nicht auf: statt schnell raus musste sie sich den Weg freischießen. Und schon haben wir das Massaker, das wiederum die israelische Regierung brauchte.
Der Rest ist bekannt: Israel begeht seitdem Verbrechen auf Verbrechen in Gaza. Vorsätzliche Bombardierungen ziviler Ziele mit vielen Opfern auf die reine Behauptung, es seien Hamas-Leute in den Kellern, sind genauso einwandfrei belegt wie Sniper-Aktionen, Plünderung und willkürliche Zerstörung. Mit der Befreiung der Geiseln ließ man sich trotz der immensen Proteste aus der Bevölkerung Zeit. Etwa die Hälfte der Geiseln fiel den Bombadierungen zum Opfer, verhandelt wurde eher weniger (und im Nachhinein ist festzustellen, dass die israelische Regierung sämtliche Vereinbarungen, die im Zusammenhang mit Geiselfreilassungen getroffen wurden, ignoriert hat). Die Freigekommenen berichten Unterschiedliches, je nachdem, von welcher Gruppierung sie gefangen gehalten wurden. Manche berichte von Folter, andere wiederum, dass es ihren Gefängniswärtern nicht besser ging als ihnen selbst.
Unterstellt man, dass das Ziel der Regierung die anschließenden Massaker in Gaza waren, die ja auch extrem schnell in Szene gesetzt wurden, und sie nur einen Aufhänger benötigten, fallen die ganzen Zufälle aus unserer Liste aus. Der einzige Unsicherheitspunkt war, wie groß das Massaker ausfallen würde. Es ist müßig, zu spekulieren, was passiert wäre, wäre die Hamas mit ihren Geiseln abgezogen und hätte weniger als 100 Leichen zurück gelassen. In der Beziehung hat die israelische Regierung Glück gehabt, wenn man es zynische ausdrücken will.
Die Analyse wurde wieder auf einer eher minimalistischen Basis durchgeführt. 10 Suchstrings mit je 10 brauchbaren Quellen in Englisch und Hebräisch genügten für eine hinreichend umfangreiche Informationsbasis. Die englischen Quellen sind wesentlich ergiebiger als die Hebräischen, was auf umfangreiche Zensur in Israel selbst hinweist. Ergänzend wurde eine Analyse auf X (Grok) durchgeführt und eine Reihe PDF geladen, die jedoch eher zu den anschließenden Verbrechen in Gaza Stellung nehmen.