Chemie am Ende (?)

Die alte Schülermerkregel

Wenn’s schön bunt ist, stinkt und kracht –

hei, dann wird Chemie gemacht

die vielen Schülern gerade noch rechtzeitig klar machte, in welcher Stunde sie gerade waren, dürfte nicht mehr lange Bestand haben, ebenso wie die Chemiker-Variante eines alten Trinkliedes

Wir kochen Para-Dimethylamino-Benzaldehyd,

Benzaldehyd, Benzaldehyd ….

und die Freude eines Chemikers über seinen Enkel

Fritzchen kann schon sprechen? Fritzchen, sag mal Azo-bis-Isobutyronitril !

Auch Erlebnisse mit schiefgegangenen Versuchen gehören bald der Vergangenheit an, ebenso wie die Paarung von Sexismus und Apparatekunde

Wie nennt man eine Laborantin mit Blähungen? – Gasmaus!

und auch die Pralerei vieler Grüner

Ich habe in der Schule nie ein Wort von Mathe, Physik und Chemie verstanden!

muss sich bald auf Mathe und Physik (oder möglicherweise nur Mathe) beschränken. Der Grund: Chemieunterricht an Schulen wird immer weniger erteilt und verschwindet womöglich bald ganz.

Dabei hatten deutsche Chemiker über Jahrzehnte gewissermaßen ein Abonnement auf den Chemie-Nobelpreis, und an manchen Universitäten konnte es dem eifrigen Studenten passieren, nach einem Chemie-Kolloquium auf der Toilette zwischen 2-3 Nobelpreisträgern sein Geschäft verrichten zu dürfen (Witz am Rande: Woran erkennt man einen Chemiker? – Er wäscht sich die Hände, bevor er aufs Klo geht!). Und auch wenn die Hoechst AG inzwischen von Sanofi aufgekauft wurde und nicht mehr gezählt werden kann, sind die zwei verbleibenden Reste der nach dem Krieg in drei Teile zerschlagenen der IG Farben AG – Bayer, BASF – größer und mächtiger als der einst allmächtige und gefürchtete Mutterkonzern. Man sollte doch eigentlich meinen, dass Deutschland interessiert ist, solche Filetstücke der Wirtschaft zu erhalten.

Die Situation an den Schulen ist allerdings düster: die meisten der im Dienst befindlichen Lehrer sind älteren Jahrgangs und streben auf die Pensionierung zu, Versuche mit einer ganzen Reihe von Stoffen dürfen gar nicht mehr gemacht werden (z.B. Brom, Chlor, ggf. auch Salpetersäure wegen NOx, denn das wäre ja, also würde man mit einem Diesel durch die Klasse fahren), Schülerversuche müssen aufwendig dokumentarisch vorbereitet werden, die Sicherheitsanweisungen müssen umfassend und genau dokumentiert sein, und in der Nachbereitung ist ein peinlich genaues Protokoll zu erstellen, was einen Aufwand von 3 Stunden für eine Schulstunde bedeutet, die obendrein zu 1/3 für die Sicherheitsbelehrung draufgeht (es könnte ja sein, dass einem Schüler irgendwann schlecht, eine Schülerin schwanger oder jemand ungewollt homosexuell wird, und dann muss man nachweisen, dass es nicht in der Chemiestunde passiert sein kann), und Lehrerinnen dürfen ab dem Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft nur noch theoretischen Unterricht durchführen und den Chemieraum nicht mehr betreten. Immer weniger Studenten wählen überhaupt noch die Fachrichtung Chemie, und um dem Rechnung zu tragen, werden vielerorts seitens der Schulbehörde auch keine Seminare für angehende Chemielehrer angeboten (ggf. stellt man vermutlich einen Tankwart als fachfremde Lehrkraft ein, weil der durch den Umgang mit Benzin, Öl und Diesel mutmaßlich Ahnung von organischer Chemie hat).

Wie weit die Chemie-Studiengänge ausgelastet sind, entzieht sich meiner Kenntnis, aber die Hochschulen müssen sich wohl darauf einrichten, zunehmend Studenten zu bekommen, die noch nie etwas mit Chemie zu tun hatten. Aber was soll’s? Schließlich hatte ich in der Informatik auch Studenten in Mathe, die den Dreisatz für eine olympische Disziplin hielten. Warum soll es anderen besser gehen?

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