Eine Stimme aus den USA zum Iran-Krieg

Arnaud Bertrand ist ein französischer Unternehmer, Investor und geopolitischer Kommentator. Er ist vor allem als Gründer von HouseTrip bekannt, einer Plattform für Ferienwohnungen, die 2016 von TripAdvisor übernommen wurde. Später gründete er Me & Qi, ein Unternehmen, das sich auf Wellness und Achtsamkeit konzentriert.

Bertrand lebt und arbeitet seit vielen Jahren in China und schreibt regelmäßig über China, Wirtschaft, Geopolitik und Technologie. Er ist besonders für seine Analysen zu Chinas Open-Source-AI-Strategie, Halbleiterentwicklung und der globalen technologischen Konkurrenz zwischen China und den USA bekannt. Aktuell kommentiert er häufig zu Themen wie KI, Militärtechnologie, Iran, Palantir und die geopolitischen Spannungen zwischen Ost und West. Seine Beiträge erscheinen auf Plattformen wie Substack und X (ehemals Twitter), wo er eine große Fangemeinde hat. Als Kritiker der US-Politik hat er nun erstaunliche Parallelen seiner Ansicht zu der eines der heftigsten Falken in Washington festgestellt. Ich bringe hier die Übersetzung eines Posts auf X:

von Arnaud Bertrand, übersetzt aus https://x.com/RnaudBertrand/status/2053741799047655462

Es lässt sich kaum übertreiben, wie außergewöhnlich dieser Artikel im Atlantic ist [derArtikel ist auf X verlinkt] – insbesondere angesichts des Autors und des Publikationsorgans.

Zur Erinnerung: Bob Kagan ist …

  • … der Mitbegründer des Project for the New American Century – wahrscheinlich der imperialistischste Thinktank in ganz Washington (was angesichts der Konkurrenz schon eine beachtliche Leistung ist).
  • … ein Mann, der sein gesamtes Leben damit verbracht hat, für US-Militärinterventionen zu plädieren – insbesondere im Nahen Osten –, und der ein lautstarker Befürworter des Irakkriegs war. Er begann bereits vor dem 11. September 2001, Interventionen im Irak zu fordern – was wohl für sich selbst spricht …
  • … der Ehemann von Victoria Nuland, einer äußerst „falkenhaften“ (kriegsbefürwortenden) ehemaligen hochrangigen US-Beamtin (und einer der Hauptarchitektinnen der US-Politik in der Ukraine – mit den Folgen, die wir heute alle vor Augen haben).
  • … der Bruder von Frederick Kagan, einem der Hauptarchitekten der „Surge“ (der Truppenaufstockung) im Irak.

Mit anderen Worten: Wir haben es hier nicht gerade mit irgendeinem antiimperialistischen Pazifisten zu tun. Dies ist buchstäblich genau jener Mann, den Dick Cheney anrief, wenn er eine moralische Aufmunterung oder Bestätigung benötigte.

Und genau dieser Mann schreibt nun im Atlantic – jenem Mainstream-Medium in den USA, das wohl am zuverlässigsten eine kriegsbefürwortende Haltung einnimmt (was ebenfalls eine beachtliche Leistung darstellt).

Wenn also er schreibt, die USA hätten im Iran eine „totale Niederlage“ erlitten – eine Niederlage, die in der US-Geschichte ohnegleichen sei und die man „weder wiedergutmachen noch ignorieren“ könne –, dann ist das im Grunde das funktionale Äquivalent dazu, dass Ronald McDonald einem gesteht, die Burger seien eigentlich gar nicht so toll: Es bedeutet schlichtweg, dass die Burger wirklich, wirklich nicht toll sind.

Bemerkenswerterweise (und für mich persönlich auch etwas beunruhigend) decken sich seine Argumente dafür, warum es sich hierbei um eine derart schwere Niederlage handelt, fast vollkommen mit jenen, die ich im vergangenen Monat in meinem Artikel „The First Multipolar War“ („Der erste multipolare Krieg“) dargelegt habe

Hier sind sie 👇

1) Vietnam und Afghanistan waren verkraftbar – diese Niederlage ist es nicht.

Er stimmt der Einschätzung zu, dass sich dieser Krieg – und die damit verbundene US-Niederlage – in seiner grundlegenden Beschaffenheit maßgeblich von früheren US-Interventionen unterscheidet. Wo ich schrieb, dass die Kriege in Vietnam und Afghanistan die Machtverhältnisse kaum verändert hätten („im großen Ganzen betrachtet kam der Riese mit kaum mehr als einem angekratzten Ego davon“), schreibt Kagan: „Die Niederlagen in Vietnam und Afghanistan waren kostspielig, fügten Amerikas Gesamtstellung in der Welt jedoch keinen dauerhaften Schaden zu.“

Und als ich schrieb, dass „es schmerzlich offensichtlich ist, dass der Krieg mit dem Iran qualitativ anderer Natur ist“ als jene Konflikte, schreibt er: „Eine Niederlage in der gegenwärtigen Konfrontation mit dem Iran wird von gänzlich anderem Charakter sein.“

Derselbe Punkt.

2) Der Iran wird die Straße von Hormus niemals preisgeben und nutzt sie als selektives Druckmittel

Wo ich schrieb, der Iran habe die „Navigationsfreiheit“ auf den Kopf gestellt, indem er ein „genehmigungsbasiertes Regime“ für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus etabliert habe, gelangt Kagan zu demselben Schluss: „Der Iran wird nicht nur in der Lage sein, Zölle für die Durchfahrt zu verlangen, sondern auch den Transit auf jene Nationen zu beschränken, zu denen er gute Beziehungen unterhält.“

Er stimmt zudem darin überein, dass „der Iran kein Interesse daran hat, zum Status quo ante zurückzukehren“ – wobei ich selbst in meinem Artikel den iranischen Parlamentspräsidenten Ghalibaf zitiert hatte, der sagte: „Die Lage an der Straße von Hormus wird nicht auf ihren Vorkriegsstatus zurückkehren.“ Derselbe Punkt – und praktisch dieselben Worte.

3) Die Golfstaaten werden sich mit dem Iran arrangieren müssen

Er teilt die Einschätzung, dass den meisten Golfstaaten keine andere Wahl bleiben wird, als sich mit dem Iran zu arrangieren – wodurch der Iran faktisch zu einer, wenn nicht sogar der dominierenden Regionalmacht aufsteigt.

Kagan schreibt: „Die Vereinigten Staaten werden sich als Papiertiger erwiesen haben, was die Golfstaaten und andere arabische Staaten dazu zwingen wird, sich mit dem Iran zu arrangieren.“

Ich selbst schrieb dazu: „Die Golfmonarchien werden sich letztlich zwischen zwei sicherheitspolitischen Optionen entscheiden müssen. Der einen, bei der sie weiterhin an der Seite einer fernen Supermacht stehen, die [sie nicht schützen kann]. Und der anderen Option: Frieden schließen mit jener Regionalmacht, die gerade bewiesen hat, dass sie [sie] jederzeit angreifen kann, wann immer ihr danach ist.“ Was wahrlich keine große Auswahl darstellt…

4) Militärische Unmöglichkeit, die Straße von Hormus wieder zu öffnen

Kagan schreibt: „Wenn die Vereinigten Staaten mit ihrer mächtigen Marine die Straße nicht öffnen können oder wollen, dann wird dies auch keiner Koalition von Streitkräften gelingen, die nur über einen Bruchteil der amerikanischen Fähigkeiten verfügt.“ Was mich betrifft: In meinem Artikel zitierte ich den deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius mit den Worten: „Was erwartet Trump von einer Handvoll europäischer Fregatten, das die mächtige US-Marine nicht leisten kann?“

Genau dasselbe Argument.

5) Globale Kettenreaktion

Kagan stimmt zu, dass es sich hierbei um ein globales strategisches Versagen handelt, das die Position der USA in der Welt grundlegend verändert. Wie er es formuliert: „Amerikas einst dominante Stellung am Golf ist nur das erste von vielen Opfern … Amerikas Verbündete in Ostasien und Europa müssen sich fragen, wie es um die amerikanische Standfestigkeit im Falle künftiger Konflikte bestellt ist.“

Sie haben es sich sicher schon gedacht: Ich habe im Grunde genau dasselbe geschrieben: „Man stelle sich vor, was es bedeutet, wenn man Saudi-Arabien ist und stillschweigend zusehen muss, wie die eigenen, von den USA errichteten Verteidigungsanlagen daran scheitern, die eigenen Raffinerien zu schützen. Oder wenn man ein europäisches Land ist, das nun mit dem schlimmsten Energieschock seit 1973 konfrontiert ist – verursacht nicht etwa vom eigenen Feind, sondern vom eigenen Verbündeten –, und dabei erkennen muss, dass ebendieser ‚Verbündete‘, der einen eigentlich ‚beschützen‘ soll, nicht einmal Israels strategisch wichtigste Anlagen schützen konnte – und das, obwohl er mit diesem Land quasi untrennbar verbunden ist. Ganz zu schweigen von China oder Russland, die erleben, wie sich ihr Weltbild in fast jeder Hinsicht gleichzeitig bestätigt.“

6) Waffenbestände erschöpft, Glaubwürdigkeit zerstört

Kagan: „Schon wenige Wochen Krieg gegen eine zweitrangige Macht haben die amerikanischen Waffenbestände auf ein gefährlich niedriges Niveau absinken lassen – und eine schnelle Abhilfe ist nicht in Sicht.“

Ich: „Amerikas fortschrittlichste Waffensysteme sind weitaus anfälliger, als man bisher annahm – und zwar nicht nur theoretisch, sondern im tatsächlichen Gefecht.“

Kagan: „Amerikas Verbündete … müssen sich zwangsläufig fragen, wie es um die amerikanische Durchhaltefähigkeit im Falle künftiger Konflikte bestellt ist.“

Ich: „Die Sicherheitsgarantie der USA wurde in Echtzeit empirisch widerlegt.“


Also, ja: Bob Kagan und ich sind uns in fast allen Punkten einig. Ich brauche jetzt erst mal eine Dusche. 🤢

Erfreulicherweise gibt es jedoch nach wie vor einige grundlegende Aspekte, in denen wir unterschiedlicher Meinung sind.

Zuallererst – und das ist wohl der wichtigste Punkt – der moralische Aspekt. Ganz in typischer Neocon-Manier enthält sein Artikel kein einziges Wort über die menschlichen Kosten dieses Krieges: kein Wort über die 165 getöteten Schülerinnen; kein Wort über die Verwüstungen, die den Iranern während der 37 Tage andauernden Bombardements zugefügt wurden; kein Wort über den hohen Preis, den die gesamte Welt aufgrund der verheerenden wirtschaftlichen Folgen dieses Krieges zahlen muss (die wirtschaftliche Not der einfachen Bevölkerung weltweit wird lediglich als politisches Problem für Trump erwähnt). Für ihn handelt es sich hierbei um ein rein strategisches Schachproblem; Moral und Menschen spielen in seinem gedanklichen Koordinatensystem schlichtweg keine Rolle.

Für mich ist der moralische Bankrott dieses Krieges nicht vom strategischen Scheitern zu trennen – er ist das strategische Scheitern. Ganz ähnlich wie der Gaza-Konflikt nur deshalb als Scheitern gelten kann, weil er von einer schieren, abgrundtiefen Erbärmlichkeit geprägt ist.

Zweitens findet sich in dem gesamten Artikel kein einziger Augenblick der Reflexion darüber, wie wir überhaupt in diese Lage geraten konnten. Was wenig überraschend ist, denn er persönlich – gemeinsam mit seiner Frau, seinem Bruder und jedem Mitunterzeichner eines jeden PNAC-Briefes – hat eine ganze Generation lang genau auf diese Art der Konfrontation hingearbeitet. Der Mann verbrachte 30 Jahre damit, für eine militärische Vorherrschaft im Nahen Osten und eine feindselige Haltung gegenüber dem Iran einzutreten; dadurch schuf er den Iran erst zu jenem Widersacher und ebnete den Weg für genau jenen Krieg, von dem er nun behauptet, er habe Amerika „schachmatt gesetzt“.

Ich weiß, dass Selbstreflexion noch nie die Stärke der Neocons war; doch irgendwann muss man einfach damit aufhören, Häuser in Brand zu stecken und anschließend Leitartikel darüber zu verfassen, wie überraschend doch die Rauchentwicklung sei.

Zu guter Letzt unterscheiden sich unsere Ansichten darüber, was nun zu tun sei. Dies ist der wohl kurioseste Teil von Kagans Artikel – und er beweist, dass dieser Mann schlichtweg unbelehrbar ist. Einerseits bezeichnet er die aktuelle Lage als „Schachmatt“ durch den Iran und als eine Niederlage der USA, die sich „weder wiedergutmachen noch ignorieren“ lasse; andererseits besteht seine Lösung für dieses Dilemma – Überraschung, Überraschung! – in einem noch größeren Krieg.

Er schreibt, das Gebot der Stunde laute: „einen umfassenden Boden- und Seekrieg zu führen, um das derzeitige iranische Regime zu stürzen, und den Iran anschließend so lange zu besetzen, bis sich eine neue Regierung etablieren kann.“

Die Lösung des Brandstifters für das Feuer lautet: noch mehr Feuer. ¯_(ツ)_/¯

Was mich betrifft, so lautete das Fazit meines vorangegangenen Artikels wie folgt:

„Das Handeln der USA in jüngster Zeit trägt beinahe Züge einer griechischen Tragödie: Jeder Schritt, der unternommen wird, um dem eigenen Schicksal zu entgehen, erweist sich letztlich als genau jenes Instrument, das dieses Schicksal herbeiführt. Die USA zogen in den Krieg, um ihre Vorherrschaft zu bekräftigen – und bewiesen dabei lediglich, dass sie nicht mehr in der Lage sind, diese auszuüben. Sie forderten ihre Verbündeten auf, Kriegsschiffe zu entsenden – und offenbarten damit, dass sie gar keine echten Verbündeten mehr besitzen. Vierzig Jahre lang übten sie ‚maximalen Druck‘ aus, um den Iran zu brechen, noch bevor der jetzige Augenblick gekommen war – und schufen stattdessen genau jenen Widersacher, der nun fähig ist, ihnen Paroli zu bieten. Sie begannen diesen Krieg unter anderem in der Absicht, zusätzlichen politischen Druck auf China ausüben zu können – und lieferten der Welt stattdessen das Schauspiel, China nun flehentlich um Hilfe bitten zu müssen. Die Prophezeiung lautete: Multipolarität. Jede amerikanische Handlung, die darauf abzielt, diese zu verhindern, führt sie letztlich erst herbei.“

Ich würde kein einziges Wort daran ändern. Das Einzige, was sich geändert hat, seit ich diese Zeilen verfasste, ist die Tatsache, dass nun selbst die Brandstifter den Rauch riechen.