Bei dem unsäglichen Chaos, das – nein, nicht weltweit, sondern nur hier – herrscht, ist man gerne mit Verschwörungstheorien dabei. Da treten in Marvel-Manier Superschurken wie Bill Gates, die Leute vom WEF oder irgendeine jüdische Weltverschwörung an, die nicht in Wochen oder Monate, sonder in Jahren oder Jahrzehnten planen, die Welt zu vernichten. Dummerweise ist Captain Amerika mit der Eroberung von Venezuela beschäftigt und die Fantastic Four besuchen gerade ihre Freunde auf der anderen Seite der Galaxis und keiner hilft uns.
Und was, wenn es solche Pläne gar nicht gibt? Wenn alles auf reinem zufälligen Opportunismus beruht? Warum sieht es der normale Chinese nicht, dass ihn sein Regime aber auch so was von total unterdrückt und ihm zentrale demokratische Rechte vorenthält? Warum hat der normale Deutsche nicht vor 90 Jahren gesehen, wohin die Welt mit einem Adolf Hitler driftet? Hat doch alles in „Mein Kampf“ gestanden. Konnte nicht nur jeder lesen, jeder hatte auch ein Exemplar des Druckwerks in seinen Bücherschrank.
Wenn man bei „Mein Kampf“ anfängt, kann man heute kommentierte Versionen kaufen, in denen eindeutig jede Schlechtigkeit als geplant und beabsichtigt und vorher exakt beschrieben entlarvt wird. Allerdings hat die kommentierte Fassung gleich 2,5x so viele Seiten wie das Original – so viel Platz braucht man, um im Detail alles nachzuweisen – und ohne retrospektive Kenntnis der Ereignisse könnte man noch nicht einmal etwas begründen. Da geht es einem wie früher in der Schule bei Interpretationen: hätte ein Goethe oder ein Shakespeare wirklich an all das gedacht, was da rein interpretiert wurde, hätten sie weniger als 20% ihrer Werke fertig bekommen, und ein Adolf Hitler säße heute noch in Festungshaft, um an den letzten Formulierungen zu schrauben.
Kaum anders sieht es beim Chinesen aus, der nach unseren Moralvorstellungen ein völlig unmoralischer Mensch ist, der sich gegen Knechtung in Form von Totatüberwachung und sozialer Gängelung einfach nicht zur Wehr setzt. Tatsächlich sieht die Rechnung für den Chinesen ganz anders aus. Den interessieren die abgehobenen Gedanken von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Kierkegaard oder Nietzsche überhaupt nicht, abgesehen vielleicht von Wortspielen im Vollsuff. Der normale Mensch hat seine Vorstellungen, wohin sein leben laufen soll, und wenn er das erreichen kann, wird er auf den Deal eingehen und lautstark „Heil Xi“ brüllen, ohne über die „höhere Gedanken“ der westlichen Wertewelt zu sinnieren.
Die China eine Win-Win-Situation, für die westlichen Moralapostel in ihrer Welt inzwischen eine Lose-Lose-Situation, wobei man sich mit Moral anscheinend dann am intensivsten beschäftigt, wenn buchstäblich die Kacke am Dampfen ist. Moral kann man am besten dann predigen, wenn man (a) selbst keine hat und (b) möglichst weit weg ist.
Doch zurück zum großen Plan. Die menschliche Tätigkeit gliedert sich in zwei Bereiche: einen Wert schöpfenden Teil, der das erwirtschaftet, was verteilt werden kann, und einen organisierenden, gemeinhin als Verwaltung bezeichnet, der dafür sorgt, dass die Wertschöpfung möglichst effektiv funktioniert. Das war schon in der Steinzeit so, wenn der Wertschöpfer mit seinem Faustkeil hinter dem Mammut herrannte und die Verwaltung dafür sorgte, dass er nach erlegtem Mammut aufgrund ausgezeichneter Kochkünste in der Lage war, dem nächsten Mammut hinterher zu jagen. Und ab und zu einen weiteren Wertschöpfer gebar, der die Rolle übernahm, wenn der erste vom Mammut zertrampelt wurde. Das funktionierte so lange gut, bis die Verwaltung die Überhand übernahm, oder genauer: der Wertschöpfer sich eine zweite Frau zulegte, womit der Ärger damals begann. Aber zurück zur Gegenwart.
Auch heute läuft das zunächst so: der Handwerker zieht mit seinen Gesellen los und seine Verwaltung sorgt dafür, dass die Aufträge ordentlich verwaltet werden und die Kunden auch ihre Rechnungen bezahlen. Nun haben die Betriebe so ihr Auf und Ab: manchmal läuft es gut und man braucht mehr Gesellen, manchmal läuft es schlecht und man … ja, was?
Wenn ein Unternehmen nicht mehr genügend Arbeit für alle hat, wirft es zwangsweise ein paar Leute raus. Interessanter Weise trifft das aber immer nur den Wert schöpfenden Teil, nicht die Verwaltung. Da sitzen dann Leute, die auch nichts mehr zu tun haben, aber das mit einer ungeheuren Intensität betreiben, wenn genau hin geschaut wird. Wer so emsig und gewissenhaft nichts tut, den kann man nicht rauswerfen, im Gegenteil wird sich nach einiger Zeit die Notwendigkeit herausstellen, dass einer alleine mit dem Nichtstun völlig überfordert ist und man einen zweiten braucht, mit dem er sich das Nichtstun teilen kann. Während die Produktion herunter fährt, wuchert die Verwaltung nur um so schlimmer.
In einem Industriebetrieb geht das natürlich nur begrenzt gut, bei Staatsbetrieben läuft die krebsartige Wucherung der Verwaltung aber völlig problemlos. Klar werden weniger Werte geschöpft, d.h. es ist auch weniger zu verteilen. Das merken alle auf irgendeine Weise. Und wenn die Wirtschaft nur noch um 0,9% wächst, nagen alle am Hungertuch. Hunger trotz Wachstum?
Auch so eine Irreführung. Wenn sich das Verhältnis Wertschöpfung zu Administration verschlechtert, gibt es weniger zu verteilen. Also wird das gleiche Produkt relativ teurer. Das Brötchen kostet immer noch 20 Pfennige, aber der Brötchenesser bekommt vom allgemeinen Kuchen nur noch 20 D-Mark und nicht mehr 35 DM. Das kann man leicht verbergen, wenn man alles auf Pump finanziert und Geld druckt. Statt 35 DM bekommt jeder nun 45 DM, da aber nicht mehr Brötchen da sind, kostet das Brötchen nun 90 Pfennige, denn die Zinsen müssen ja auch noch mit bedient werden. Die Wirtschaft wächst nicht (obwohl sie definitiv schrumpft), sondern alles wird nur teurer und man bekommt immer weniger für das Geld.
Erstaunlicher Weise: je düsterer das Bild wird, um so krebsartiger wuchert die Verwaltung. Aus 1.500 Verwaltern in Zeiten der Hochkonjunktur werden 32.000 in Zeit, in denen nichts mehr funktioniert. Dazu muss man sich ansehen, worin das Nichtstun eigentlich besteht. Um effektiv etwas verwalten zu können, benötigt man Zahlen. Normalerweise kommen die von alleine, aber bei einem Überhang der Verwaltung leider nicht mehr und man muss sie anfordern. Und leider von denen, die noch Werte schöpfen, wodurch deren Schöpfung wiederum geringer wird. Je weniger wirklich getan wird, desto heftiger werden die Anforderungen von Daten, das Verfassen interner Bericht und Memos, die Kontrollen der Daten sowie das Finden weiterer Daten, die man unbedingt braucht, um sie in internen Berichten, Memos und Kontrollen verwenden zu können. Die Verwaltung schafft neue Regeln und ist gleichzeitig Herr über alles, weil nur noch sie in der Lage ist, das Durcheinander der Regeln zu überschauen, und insbesondere zielsicher zu definieren, welche Regel wo gilt bzw. warum eine Regel hier zu befolgen ist, dort nicht.
Und da sind wir an dem Punkt, wo es mit dem Plan nichts wird, sondern stumpf die Prinzipien der Evolution das Ruder übernehmen. Bekanntlich besorgt die Selektion im Gesamtrahmen der Evolution für die Auswahl der Spezies und Eigenschaften, die an der nächsten Runde teilnehmen. In diesem Sinne kann man die Verwaltung durchaus als Organismus betrachten, dessen Teile in irgendeiner Form versuchen, auf Spielfläche zu verbleiben. Und dazu braucht es keinen Masterplan, es genügt reiner Zweckopportunismus. „Die Evolution ist ein blinder Uhrmacher“ betitelte Richard Dawkins mal eines seiner Bücher. Dawkins pseudoreligiöse Ausführungen muss man nur bedingt Ernst nehmen, aber mit dem Bild liegt er schon ganz richtig: was mir nützt, wird gemacht, und wem es schadet, schaue ich mir gar nicht erst an.
Da sitzt es also nun, das Amt Z, und muss schauen, wie es überlebt. So wie Amt A, das sich mit der Ausstellung von Passierscheinen des Typs A-38 über Wasser hält? Ja, tatsächlich genau so! Amt Z befindet, dass es zur Aufrechterhaltung der Z-lichen Ordnung der Verfügung Z-4711 bedarf. Die wird erlassen und abgewartet, was passiert. Läuft alles erwartungsgemäß, sind weitere Mitarbeiter des Amts Z vom Nichtstun überfordert und man stellt neuen Leute ein. Amt Z hat überlebt und geht in die nächste Runde.
Beispiel gefällig? Nehmen wir die Migration. Da kommen auf einmal Leute ungebeten ins Land und die Produktivabteilung, Grenzschutz und Polizei, sind so weit herunter gefahren, dass sie das Problem nicht an der Wurzel packen können. Die Verwaltungsabteilungen G bis O stellen aber schnell fest, dass eine Flut von Richtlinien zwar das Problem verschlimmert, die Abteilungen G bis O aber so völlig überlastet sind, dass sie neue Mitarbeiter benötigen.Wer die Sache ausbaden muss, interessiert kein bisschen. Formal sind das die Abteilungen D, E, R und S, aber das macht den Verwaltern keine Sorge. Schließlich sitzen auch dort Fachleute, denen sehr schnell etwas einfällt, wie sie Profit aus der Sache für ihre eigenen Amtsbereiche schlagen können. Großer Umvolkungsplan? Unfug! Den braucht es gar nicht. Die Maßnahmen 3923, 8711 und 9393 sind opportun, weil sie den Bestand der zuständigen Abteilungen sichern, also werden sie umgesetzt. Sollen doch die Philosophen irgendwelche Pläne in alles hinein interpretieren.
Mal tagesaktuell ausgerollt: wäre es möglich, den Ukraine-Krieg zu beenden? Schließlich wäre das eine Win-Win-Situation für das große Ganze. Antwort: Nein! Einer ganze Reihe Verwaltungseinheiten wäre schlagartig ihre Daseinsberechtigung entzogen. Sie sind ja nicht sakrosankt. Sie tun zwar nichts, aber selbst diese Tätigkeit erfordert eine Professionalität, die man nach außen vorweisen können muss. Wäre es möglich, das Chaos der Energieversorgung zu beseitigen? Auch da ist eine Win-Win-Situation auszumachen. Doch auch hier: am Bezug überteuerten LNG und Windkraft und Sonne hängen so viele Verwaltungsabteilungen, dass das nicht beendet werden kann. Zumal ein Umsteuern Fachverwaltungen benötigen würde, die es inzwischen nicht mehr gibt.
Also auf ins Chaos völlig ohne Masterplan. Wird nicht benötigt, funktioniert auch von alleine. Wir kommt man aus der Nummer wieder heraus? Antwort: nur durch Implosion. Darauf zu hoffen, dass irgendeine Art demokratischer Umschwung etwas bewirkt, ist Blödsinn. Selbst wenn jemand andere Pläne hat und formal an die oberste Schaltstelle kommt, er stößt auf ein bürokratisches System, das infolge er durchaus wahrgenommen Bedrohung seiner Existenz alles in Leere laufen lässt. Neue Anweisung 1013? Die kollidiert mit den Anweisungen 662, 4388 und 929, die nicht aufgehoben sind und weiter gelten. Also Rückfragen, Klarstellungen, Berichte, Anforderung von Daten, Nichtzuständigkeitsbekundungen usw. bis sich alles tot gelaufen hat und nichts passiert ist. Das endet erst, wenn es nichts mehr zu verteilen gibt und die Bürokraten selbst an der Reihe sind. Und das kann dauern.