Filterblasen

Filterblasen sind eines der Probleme unserer Zeit. Genauer formuliert: sie sorgen dafür, dass unsere Gesellschaft allmählich zerfällt und bei Problemen nicht weiterkommt. Oder ist es genau anders herum?

Man weiß zumindest genau, wo sie existieren: im Internet in den sozialen Netzwerken und kleinen Blogs und Foren. Und man weiß genau, wer in ihnen lebt: die Ausländerhasser, Islamfeinde, Rechten, Fleischesser, Autofahrer oder kurz alle, die mit der veröffentlichten Meinung nicht übereinstimmen. Die Grenzen sind fließend und haben die Tendenz, immer weitere Kreise in die Blasenexistenz zu schieben. Fließend allerdings nur in einer Richtung: wer einmal in der Blase lebt, hat keine Chance, ihr zu entkommen. Selbst die Änderung der Ansicht, die in das Schieben in die Blase gemündet hat, wird als Täuschungsversuch gewertet und der Inhaber so lange in der Blase festgehalten, bis er sich freiwillig wieder zu ihr bekennt. Nur selten gelingt ein Entkommen.

Außerhalb der Blasenwelt lebt die Politik, der Journalismus und alle, die für eine bunte pluralistische Gesellschaft eintreten. Sie leben nicht in einer Blase, sondern sind im Besitz der Wahrheit, der Übersicht über die Probleme und ihre Lösungen, der Moral, der richtigen Informationen. Kurz, sie sind im Besitz von all dem, von dem die Blasenleute nur meinen, dass sie das (auch) haben. Nur leben die halt in der Blase, und die nicht blasierten bestimmen, wo es wirklich lang geht.

Das Blasenleben hat die Nebenwirkung, dass man selbst gar nicht so richtig mitbekommt, dass man in einer Blase lebt. Schaut man sich an, was eine Blase zu einer Blase macht – so ziemlich jeder Artikel, der sich mit aktuellen innerdeutschen Vorgängen beschäftigt, und auch ein Teil derjenigen, die die überregionale Politik beschäftigt, liefert Definitionen über das Blasenleben – stellt man fest, dass die meisten Definitionen auf denjenigen, der sie ausspricht, ebenfalls zutrifft. Ich kann nur empfehlen, die moralisierenden Artikel in großen Medien einmal unter diesem Aspekt zu lesen. Da wird eine bestimmte Ansicht vertreten, von der bekannt ist, dass sie in den Blasen anders gesehen wird, aber statt über bekannte Argumente hinaus zu gehen, wird minutiös beschrieben, in welcher Form sich die Gegenseite über die Ansicht äußert (was natürlich falsch ist) und wie sie in ihrer Ansicht verharrt (also starrsinnig ist).

Das Ergebnis der Belehrung: der Belehrende, hier die Politik und die Medien, offenbaren in ihrer Belehrung nichts anderes als dass sie ebenfalls in einer Filterblase gefangen sind, aus der auch sie nicht heraus kommen und in der sie genauso starrsinnig verharren, so lange es geht. Auch das „so lange es geht“ ist fließend. Verharren die Blasenleute in ihrer Blase, ist das nicht weiter schlimm: sie sind laut und lästig und können wenig Unfug anrichten. Die selbst definierten Nichtblasenleute sind allerdings gefährlich, auch für sich selbst: sie sind relativ ruhig, oft hinterhältig und können sehr viel Unfug anrichten, wenn ihre Ansicht nicht der Wirklichkeit entspricht.

Das Zurückrudern ist nicht einfach, denn man kann dem Blasierten ja nicht einfach eingestehen, dass man falsch lag. Rudert man flussaufwärts und erhält den Rat, doch besser flussabwärts zu rudern, weil man dann die Strömung auf seiner Seite hat, führt ein Einsehen nicht dazu, das Boot umzudrehen, sondern man rudert nun quer zum Fluß hin und her und lässt sich ein wenig von der Strömung treiben. Die Reaktion besteht von beiden Seiten aus „ihr seid blöd!“. Diejenigen, die schon immer mit der Strömung rudern wollten, können nicht verstehen, wie man so halsstarrig sein kann, und diejenigen, die gegen die Strömung rudern wollen, aber nicht von den Folgen ihres Gegenstromruderns betroffen sind, sind über das mangelnde Rückgrat der Querruderer empört.

Was war eigentlich vor den Blasen? Auch Blasen, wie Jens Jessen in der ZEIT feststellt. Nur eben nicht mit den Möglichkeiten des Internets, sich über die Bewohner anderer Blasen aufzuregen. Verkürzt ausgedrückt: die Blasenbewohner, die heute im Besitz der Wahrheit, der Übersicht über die Probleme und ihre Lösungen, der Moral und die richtigen Informationen sind, waren das schon immer, nur hatten die anderen weniger Möglichkeiten, die Zweifelhaftigkeit dieser Eigendefinition sachlich festzustellen und diese lautstark in einer eigenen Blase zu artikulieren. Man zog sich in das Innere seiner Blase zurück, las den Spiegel und ignorierte schon aus Kostengründen die BiLD, das Hamburger Abendblatt, den Playboy und „Veganer forever“, oder man ignorierte den Betrieb schlicht und verhielt sich wie die 90-jährige bayerische Bäuerin, die bei Wahlen jeweils ein Kreuz bei der KPD machte und damit die einzige Gegenstimme des Dorfes zur CSU lieferte, weil sie der Ansicht war, KPD stehe für Katholische Partei Deutschlands (aufgeklärt wurde sie durch eine Predigt, nachdem dem Dorfpriester irgendwann der Kragen über das kommunistische Pack in seinem Dorf geplatzt war).

Durch das Internet änderte sich das fundamental: Informationen jeglicher Art waren plötzlich kostenlos zugänglich, und viele stellten fest, dass die bislang offiziell verkündeten käuflichen Wahrheiten vielfach gar nicht so wahr waren. Sie durchliefen nämlich schon damals eine Filterblase, d.h. sie wurden zumindest gefiltert. Bei „Deutschland spricht“ wurden die Teilnehmer gefragt, für wie vertrauenswürdig sie die Medien auf eine Skala von 0 – 6 (gar nicht -> absolut) ansehen. Von mir bekommen sie eine 1, was recht wenig ist, also schon fast dem Begriff „Lügenpresse“ entspricht. Aber das ist zu einfach. Die Informationen sind im allgemeinen korrekt. Allerdings verkürzt. Nicht alle Informationen werden verbreitet. Informationen, die die Blasenleute aufregen würden, werden manchmal unterdrückt und ihnen damit die Wichtigkeit genommen. Andere Informationen werden auf das Wesentliche gekürzt. Man kann eine zweistündige Rede nicht in einer Spalte abdrucken, sondern muss sich auf das Wesentliche beschränken, aber das wird durch die Meinung des Redakteurs gesteuert. Der bringt Formulierungen aus der Rede, die die Intention des Redners nicht wiedergeben, oft sogar verfälschen. Durch das Internet wird dieser – Betrug? – leichter durchschaubar: man kann sich das Original anschauen, feststellen, dass da was nicht stimmt – und spätestens, wenn man sich beim Redakteur darüber beschwert, befindet man sich in der Blase, in die man abgeschoben wird.

Quid pro quo! Die Blasenleute im Internet agieren in der Regel genauso. Sie zitieren Artikel und kehren wieder Informationen um, und da sich die anderen Blasenbewohner selten der Mühe unterziehen, einmal nachzulesen, was dort wirklich geschrieben steht, liegt dem Shitstorm nichts mehr im Wege. Solche Verdrehungen reizen natürlich auch zu echten Fälschungen. Und da wird es in der Tat kompliziert, denn um eine Fälschung zu identifizieren, muss man der Sache weiter nachgehen und weitere Quellen analysieren. Manchmal führt das auf den richtigen Weg: dass die Rolle der Weißhelme im syrischen Bürgerkrieg heute selbst von den offiziellen Medien kritisch gesehen wird, ist „alternativen“ Berichterstattungen zu verdanken. Häufiger wird aber der Versuchung nachgegeben, die vorhandene Macht zu nutzen und schlichtweg zu zensieren oder das Strafrecht anzudrohen/anzuwenden. Und gleichzeitig selbst mit Fälschungen aufzuwarten. Da wird kurzerhand die Bedeutung der Sprache gefälscht und aus einem Genitiv kurzerhand ein Adjektiv produziert („Denkmal der Schande“ -> „schändliches Denkmal“) oder ein Wort gegen ein anderes ausgetauscht („authentisch“ -> „gefälscht“) und die absolute Deutungshoheit bis zum (wirtschaftlichen oder echten) Tod proklamiert. Der Gegner hat nicht seine eigene Meinung, er hat die Meinung, die man ihm zubilligt – Gegenwehr nicht zulässig.

Derweil verhärten sich die Fronten. Zu einem großen Teil ist das darauf zurück zu führen, dass die Menschen trotz leichter zugänglicher Informationen diese gar nicht nutzen, so wie früher nur das wahrnehmen, was sie wahrnehmen wollen, und letztlich nur die Möglichkeiten den Internets nutzen, verbal aufeinander einzuschlagen. Was letztlich beide Seiten noch mehr in die Isolation ihrer eigenen Blasen treibt.

Gefährlich an der Entwicklung ist, dass vermutlich auch eine Gruppe radikalisiert ist, die bislang Demokratie gespielt hat. Gemeint sind die so genannten Wechselwähler der alten Zeit, von denen ein Teil natürlich nur deshalb SPD gewählt hat, weil er sich zwar über die CDU-Regierung geärgert aber ansonsten nicht weiter darüber nachgedacht hat. Ein anderer Teil hat aber auch genau darüber nachgedacht, warum er diesmal ein Kreuz bei Die Linke statt wie zuvor bei der FDP macht. Die Gedanken haben zuvor im stillen Kämmerlein ihre Wirkung gehabt, und das Internet würde nun die Möglichkeit eröffnen, dem kommunikativen Bedürfnis nachzukommen und die Gedankengänge anderen zugänglich zu machen.

Würde! Leider wird die Chance vertan. Selbst wenn sich fallweise wie in Sachen Dieselgrenzwerte Sachverstand in eine Zeitung verirrt, er wird selbst dann wieder schnell und vollständig ignoriert und von den anderen Blasianern aufgrund dieser Ignoranz ebenfalls selten aufgenommen. Nun ist es so, dass viele Menschen durchaus Lösungen für Probleme ihres Lebensumfeldes präsentieren können, die selbst in einem größeren Umfeld (die größere Übersicht ist ja immer ein Argument der Gegenseite) Bestand hätten. In der Realität erreichen sie aber meist Befehle und Maßnahmen, von denen man nun wieder ziemlich genau weiß, dass sie die falschen (gegenteiligen) Auswirkungen haben werden. Und selbst wenn man keine bessere Idee hat, kann fast jeder abschätzen, ob eine Maßnahme in die richtige Richtung geht oder eben nicht, wenn er nur nahe genug am Ort des Geschehens operiert. Ist man weiter weg, erliegt man allerdings schneller der Gefahr, einer Ideologie als dem Sachverstand oder gesunden Menschenverstand zu folgen. Und ignoriert die Ausführungen deren, die näher dransitzen.

Wenig wirkt verletzender als sachgrundlose Ignoranz, besonders wenn der Ignorierte weiß (oder das zumindest glaubt), dass er aus sachlichen Gründen Recht hat. Besonders gefährlich ist diese Ignoranz, wenn sie mit Macht verbunden ist, der Ignorierte also nicht weglaufen kann. Und genau das passiert in unserer Gesellschaft. Politik und Medien legen in einer Zeit, die es jedem erlaubt, gehört zu werden, eine unglaubliche Ignoranz an den Tag, die letztlich zur Verhärtung (wenn die eigene Meinung nicht gehört wird, möchte man die andere auch nicht hören, zumal Sachargumente nicht folgen, warum man das tun sollte) und zu Pessimismus bei den Betroffenen führt. Die Erkenntnis, dass grundsätzlich etwas falsch läuft, setzt sich inzwischen auch in den Medien durch (Martin Spiewak in der ZEIT), übersieht aber immer noch, dass der Medienrummel inzwischen zur self-fullfilling prophecy geworden ist. Medien und Politik setzen anstelle einer Sachdiskussion mit Andersdenkenden eine Hysteriespirale in Gang, die schließlich mit der Unaufhaltsamkeit eines 500.000 to-Tankers daherbraust, der mit 15 kn senkrecht auf die 500 m entfernte Kaimauer zurast (geschwindigkeitsmäßig wäre ein Vergleich mit einem Formel 1-Wage wohl eindrucksvoller, die Wirkung eines 50 m hohen Tankers (die Hälfte unter Wasser) ist trotz der bescheidenen Geschwindigkeit von 28 km/h aber wesentlich verheerender). Sachargumente spielen nirgendwo mehr eine Rolle. Die Luft in den Städten ist beispielsweise sauberer als in den letzten 150 Jahren (vermutlich sogar als jemals zuvor), trotzdem riskiert man es, dass hunderttausende von Menschen ihren Arbeitsplatz kaum noch erreichen können und in den wirtschaftlichen Ruin getrieben werden. Ohne faktische Not, wohlgemerkt!

Das böse Internet also! Oder doch nicht? Schließlich nutzt die Gesellschaft es erst zur Hälfte: zur Effektivierung der Filterblasen. Was ist mit dem anderen Argument, das in der Frühzeit genutzt wurde, aber jetzt vergessen scheint: dem ungehinderten Zugang zu Informationen und dem grenzenlosen Diskutieren zum Finden der Weisheit? Das würde Blasen aufsprengen. Eine Möglichkeit, aus der verfahrenen Situation herauszukommen, wäre die Bildung einer neuen Blase, einer Blase, in der Sachargumente ausgetauscht und diskutiert werden. Zusammen kommen würden die Menschen dadurch nicht: auch wenn man bei der Sachbewertung auf den gleichen Stand kommt, was auf sehr vielen Gebieten tatsächlich der Fall ist, wenn man ehrlich diskutiert, so ist doch die Bereitschaft, mit welchen Folgen man leben möchte/kann und welchen Preis man dafür zahlen muss, sehr unterschiedlich. Trotzdem wäre vieles gewonnen: statt haltloser Beschimpfung wäre der Umgang miteinander sehr viel gesitteter, und wenn man weiß, dass der andere nicht mit den Folgen leben möchte, kann man sich viel leichter auf Nischen im Lebensraum einigen, in denen jeder mehr so leben kann, wie er möchte. Die Erkenntnis vieler Teilnehmer bei „Deutschland spricht“ dürften diese Ansicht bestätigen.

Solche Blasen wären in der Lage, Leute aus anderen Blasen abzuziehen. Sie würden sie nicht auflösen, aber im besten Fall so marginal machen, dass sie keine Rolle mehr spielen. Was wäre zu tun? Eine Möglichkeit bieten Plattformen wie „Deutschland spricht“, auf denen jeder seine Meinung einem Andersmeinenden Kund tun und diskutieren lernen kann. Die Initiative geht von den „guten Blasenbewohnern“ aus, und das muss sie auch, denn nur diese können aus Inhaber der Macht die Ignoranz aufbrechen, womit aber auch definiert ist, wer im Besitz des schwarzen Peters ist. Und die sozialen Netzwerke müssen sich ändern, womit der zweite schwarze Peter bei Zuckerberg & Co. liegt. Zwei Schritte wären notwendig: (1) die Algorithmen dürfen einem Mitglied eines Netzwerkes nicht nur die eigenen Meinungen präsentieren, was wohl recht einfach zu regeln wäre, und (2) Mobber und Hetzer müssen abgestraft werden können. Ich habe keine druckreifen Gedanken wie das gehen soll, weiß aber genau: Zensur ist der falsche Weg. Langfristig muss außerdem die junge Generation, von der (gefühlt und vermutlich auch real) die größte Verweigerung ausgeht, wieder an Sachkunde und Diskussion herangeführt werden.

Kommen wir dort hin? Z.Z. ist die Versuchung, zu zensieren, zu bestrafen, die Schulen immer mehr zu einem seichten Gewässer zu machen und die Medien und anderes zur Gehirnwäsche zu verwenden in der Politik übermächtig, vielleicht auch deswegen, weil dann die mangelnde Bildung und Information auffallen würde. Und die Versuchung der Medien, die Pessimusmus- und Ideologiespirale bei jeder Gelegenheit in Gang zu setzen, übermächtig. Können sich Politiker auch einmal eine Woche den Medien entziehen und irgendwo ohne Berichterstattung und irgendwelchen Katastrophentourismus über Sachen nachdenken? Können Medien sich zurückhalten und neutralere Sachdiskussionen fördern, also auch mal andere Leute interviewen? Würden die Leute auch Politiker wählen, die nicht jeden Tag in der Zeitung stehen, 8 Tage in der Woche jeweils 26 Stunden lang, dafür aber mit Sachverstand aufwarten? Würden die Bürger beginnen, sich über ihre Meinung klar zu werden statt ideologische Phrasen von sich zu geben? Können wir trotz Internet oder gerade durch das Internet die großen diametralen Blasen durch große gemeinsame Blasen und unwichtige Satellitenblasen der Denkunwilligen reduzieren? Zu wünschen wäre es. Die Hoffnung stirbt zu letzt, aber letztlich stirbt allzu oft auch die Hoffnung.

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