Unter diesem Titel verfasste Wassili Kaschin – seines Zeichens Politikwissenschaftler und Direktor des Zentrums für umfassende europäische und internationale Studien an der Nationalen Forschungsuniversität „Hochschule für Wirtschaftswissenschaften“ – einen ungewöhnlich offenen Artikel auf der Think-Tank-Seite globalaffairs.ru.
Seine recht schonungslose Analyse, die den Bogen von den Erfahrungen der beiden Weltkriege bis hin zum USrael-Iran-Krieg spannt, kommt zu einem klaren Ergebnis: Russland sitzt personell und militärisch derzeit zwar am längeren Hebel, ist aber nicht in der Lage, ein Kriegsende konventionell zu erzwingen. Eine komplette Besetzung der Ukraine würde, falls sie überhaupt möglich wäre, zu einer Überforderung sämtlicher Ressourcen führen – eine Situation, vergleichbar mit dem damaligen Fiasko der USA in Vietnam.
Konventionelle Schläge auf Verwaltungseinheiten und Infrastruktur könnten zudem, ähnlich wie im Iran, zu einem engeren Zusammenrücken der restlichen Bevölkerung führen, zumal die Ukraine dieselben Methoden der Dezentralisierung und Diversifizierung anwendet wie Teheran. Ein allgemeiner Aufstand aufgrund der brutalen Rekrutierungsmethoden in der Ukraine ist laut Kaschin nicht in Sicht. Das Land ist zwar in fast jeder Beziehung zerstört, kann jedoch im derzeitigen Zustand noch sehr lange durchhalten. Der Grund: Während die personellen Ressourcen des Landes weiter aufgezehrt werden, wird die gesamte finanzielle und materielle Last von den Westeuropäern getragen.
In Russland selbst, so Kaschin, mehren sich zwar die Stimmen, „die Samthandschuhe auszuziehen“ und militärisch maximal hart zuzuschlagen. Das sei jedoch keine rationale Option, da Russland bereits jetzt effektiv und mit enormer Kraft agiere. Eine blinde, rein quantitative Steigerung der Offensive würde eher zu einer internen Krise als zu einem strategischen Vorteil führen. Kaschin verweist hierbei auf die historische Nivelle-Offensive von 1917 im Ersten Weltkrieg, die trotz materieller Überlegenheit in Meutereien der französischen Armee endete.
Der strategische Ausweg liegt laut Kaschin daher im bewussten Einsatz der nuklearen Karte. Ein solcher Schritt würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Einfrieren des Konflikts führen (Referenz: Kuba-Krise) und nicht zwingend in einen globalen Krieg münden – eine echte Lösung wäre es aber eben auch nicht. Das Fazit seiner Analyse lautet:
Die nukleare Option oder auch gezielte nicht-nukleare Angriffe gegen die EU sollten als realistische Option in Betracht gezogen werden, falls es zu einer weiteren deutlichen Zunahme europäischer Angriffe tief in russisches Territorium kommt, der Gegner sich weigert, über ein Kriegsende zu verhandeln, oder seine Forderungen während der Verhandlungen eskaliert – also als defensives Mittel. Dies ist jedoch kein Weg, die Ergebnisse der Strategischen Verteidigungsinitiative qualitativ zu verbessern.
Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?
Ich ziehe folgende fünf Kernaspekte:
1. Ein endloser Abnutzungskrieg
Der Konflikt kann als Abnutzungskrieg formal nahezu endlos fortgesetzt werden. Weder Russland noch die Ukraine im Verbund mit der EU-NATO stehen schnell am Ende ihrer materiellen Möglichkeiten. Die EU-NATO ruiniert sich dabei zwar selbst – und das relativ schnell –, aber davon auszugehen, dass ihre Ressourcen in absehbarer Zeit vollständig erschöpft sind, dürfte eine Fehlkalkulation sein.
2. Die personelle Frage und die Flüchtlingsdebatte
Der Ukraine gehen zwar die Soldaten aus, aber die EU-Staaten gehen inzwischen zunehmend dazu über, den Druck auf Kriegsflüchtlinge zu erhöhen. Als Hebel dienen hierbei bürokratische Formalia: Die Ukraine verlängert die Reisepässe von Wehrpflichtigen im Ausland teils nicht mehr, und in der EU wird darüber debattiert, den Schutzstatus für diese spezifische Gruppe zu beenden. Dies wirkt paradox, da ein Großteil der restlichen Flüchtlinge aus anderen Herkunftsländern auch ohne gültige Dokumente bleiben darf. Ob sich die bisher im Westen recht lautstarke Fraktion der Auslandskrainier das gefallen lässt oder selbst den Aufstand probt, wenn sie gezwungen wird, ihre verbale Entschlossenheit an der Front zu beweisen, bleibt abzuwarten.
3. Das Risiko der Eskalation
Die russische Führung könnte innenpolitisch gezwungen werden, die (pseudo-)nukleare Karte zu ziehen. Wie Alice Weidel es treffend formuliert hat: „Man kann einem Bären nicht fortgesetzt ins Auge stechen, ohne dass der irgendwann wütend wird.“ Was genau passiert, wenn russische Raketen als Reaktion in europäischen Drohnenfabriken einschlagen, ist ungewiss, da die Stabilität innerhalb der EU auf tönernen Füßen steht:
- In den baltischen Staaten sind 20 % bis 30 % der Bevölkerung ethnische Russen. Ob diese sich im Falle eines echten militärischen Konfliktes gegen Russland einspannen lassen – insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Diskriminierungsdebatten –, ist äußerst zweifelhaft.
- Ob sich im Angriffsfall „Iran-Effekte“ zeigen, sich die Bevölkerung also geschlossen hinter die jeweiligen Regierungen stellt, ist in vielen Staaten der EU ebenfalls nicht ausgemacht.
- Ob die westeuropäischen Staaten derzeit tatsächlich militärisch zu nennenswerten Operationen in der Lage sind (von wenigen Ausnahmen wie Polen abgesehen), ist wenig wahrscheinlich. Mit anderen Worten: Kaschins Prognose, den Konflikt mangels Alternativen einzufrieren, ohne ihn zu lösen, könnte zutreffend sein.
4. Die Frage der russischen Bedrohung
Die Analyse Kaschins offenbart implizit, dass von Russland keine unmittelbare Gefahr eines konventionellen Angriffs auf Westeuropa ausgeht, wie es in den Leitmedien permanent behauptet wird. Wenn Russland schon in der Ukraine in einem zähen Stellungskrieg feststeckt, wie ließe sich logisch begründen, dass es in wenigen Jahren freiwillig mit einem weitaus größeren Gegner direkt anbandeln will? Derzeit mögliche Angriffe auf die EU-NATO wären im Sinne Kaschins nur als präventive, strategische Verteidigungsmaßnahme zu betrachten und nicht als Ausdruck eines imperialen Eroberungsdrangs. Wer den Konflikt aus Sicherheitsgründen dauerhaft einfrieren will, für den bietet die von Kaschin skizzierte Dynamik die passendste (und rationalste) Option.
5. Die Absichten der EU-NATO
Die derzeitige massive Aufrüstung der EU-NATO wirkt in der Praxis weniger wie eine glaubhafte Abschreckung, sondern vielmehr wie die Vorbereitung auf einen aktiven Konflikt gegen Russland. Wollte man nur eine Abschreckung, wäre dies eine preiswertere und weitaus effektivere Möglichkeit:
Es entsteht der Eindruck, als solle der Krieg in der Ukraine mit allen Mitteln so lange fortgeführt werden, bis die europäische Rüstungsindustrie weit genug hochgefahren ist, um den Konflikt auf die nächste Stufe zu heben. Gewissermaßen befinden wir uns in einer modernen Variante historischer Mehrjahrespläne.
Allerdings ist dieses Vorhaben deutlich überambitioniert; es wirkt wie eine kopflose, historisch nicht unbedingt beispiellose Militarisierung, der es jedoch an einer klaren, geeinten strategischen Führung fehlt. Dass dieses Szenario ein völliger Irrsinn ist, weil die EU-NATO im Falle einer echten militärischen Konfrontation in den Weiten Russlands ebenso hoffnungslos feststecken würde, scheint den treibenden Kräften nicht aufzugehen.
Fazit
Im Sinne der betroffenen Völker wäre es das Beste, schnellstmöglich zu einem Verhandlungsfrieden in der Ukraine zu kommen. Russland scheint daran derzeit signalhaft eher interessiert zu sein als die harte Linie der EU-NATO. Entsprechende Andeutungen aus Moskau werden im Westen jedoch fast durchgehend als Schwäche interpretiert. Es stellt sich die finale Frage: Haben die politischen Entscheider der EU-NATO ihre Länder wirtschaftlich und gesellschaftlich bereits so weit in die Sackgasse getrieben, dass ihnen der geopolitische Großkonflikt als letzter Ausweg erscheint?