Der große Irrtum

Der Artikel ist mehr oder weniger die Fortsetzung des letzten. Das bundesdeutsche Geschäftsmodell ist am Ende. Das Flagschiff, die Autoindustrie und die angeschlossenen Zulieferer, geraten Dank irrsinniger ideologischer Vorgaben der Politik und der Ignoranz des Marktes durch das Management in eine solche Schieflage, dass ein Abrutschen nicht mehr aufzuhalten sind. Monatlich verschwinden ca. 15.000 Arbeitsplätze.

Doch halt! Der Rettungsanker ist in Sicht! Die bösen Russen wollen uns angreifen, obwohl sie das selbst am wenigsten zu wissen scheinen. Doch sei es drum: wir (wer immer damit auch gemeint sein mag) müssen kriegstauglich werden. Die Kriegspolitiker stellen Subventionen in Aussicht – und die Unternehmen, darunter die Flagschiffe der Automobilbranche, jauchzen ob des zu erwartenden Geldsegens – und stellen damit einmal mehr unter Beweis, dass die Managementetagen keinerlei Ahnung hat, wie so ein Betrieb überhaupt funktioniert.

Spielen wir das einmal durch: wer bis jetzt Automobile produziert hat, will jetzt auf einmal Panzer (oder vergleichbares Kriegsgerät) produzieren. Wo bisher Hunderttausende von Autos vom Band gerollt sind, wird demnächst ein Hundertstel dieser Menge produziert. Das mag zwar, wenn es funktioniert, die Vorstandsboni sichern, aber nicht die Arbeitsstellen der Belegschaft. Die wird in dem Umfang nicht mehr benötigt.

Nicht nur die Belegschaft ist betroffen: die kompletten Produktionslinien sind für den neuen Zweck völlig unbrauchbar. Die Arbeitsschritte sind andere, die Materialien sind andere. Und mit den Materialien sind auch die bisherigen Zulieferer unbrauchbar. Sie müssten nicht nur andere Teile liefern, viele müssten auch Teile in Werkstoffen liefern, von deren Verarbeitung sie wenig Ahnung haben. Mit anderen Worten: es geht nicht darum, die Teile in einer anderen Reihenfolge zusammen zu schrauben, sondern die bisherigen Produktionslinien kann man komplett wegwerfen und alles komplett neu aufbauen. Wie bei den entsorgten Kernkraftwerken gehen erst einmal Milliardeninvestionen den Bach hinunter.

Bereits an der Stelle wird es kritisch: die Finanzlage der Unternehmen ist relativ dünn. Ist das finanzierbar? Mit entsprechenden Subventionen vielleicht – so lange der Staat unbegrenzten Kredit hat und das Geld irgendwo aufnehmen kann. Kann er das? Und wenn ja, wie lange? Denn es kommen noch ein paar Kleinigkeiten hinzu: die Belegschaften benötigen eine entsprechende Ausbildung, um die Produktion zu wuppen. Bekommen sie die? Und wenn ja, von wem? Und damit nicht genug: ein großer Teil der Rüstungsprodukte wird bislang im Ausland eingekauft. Baut man sie selbst, muss man auch über das spezielle Know-How verfügen, angefangen von Materialkenntnissen bis hin zur Elektronik. Und das in einem Land, das noch nicht mal einen funktionierenden Digitalfunk zwischen den Panzern hinbekommt – von Gefechtsfeldintegration ganze System ganz zu schweigen. Da kann man vermutlich froh sein, wenn G-e-f-e-c-h-t-s-f-e-l-d-i-n-t-e-g-r-a-t-i-o-n richtig buchstabiert werden kann.

Schaut man sich nur diesen Teil des Systemumbaus an, besteht eine nicht kleine Wahrscheinlichkeit, dass nach Abbau der alten Automobilproduktionslinien mitten im Aufbau der neuen Linien dem Ganzen die Puste ausgeht und das Land vor wunderschönen Hallen voller Schrott steht. Und sollten die neuen Produktionslinien doch fertig werden, gibt es noch viel Raum zum Pusteausgehen, bis auf diesen Linien tatsächlich etwas Brauchbares produziert wird, das nicht bereits beim Fahren auf den Werksparkplatz die weiße Fahne hisst.

Aber nehmen wir einmal an, bis hier hin funktioniert noch alles. Dann werden Sachen produziert, die für eine Zivilgesellschaft völlig unbrauchbar sind. Die Wirtschaft lebt aber nun einmal davon, dass die Menschen die Produkte kaufen und sie „verbrauchen“. Der Zweck von Kriegsgeräten ist zwar deren Zerstörung, aber zunächst mal wandern sie in Arsenale, und die sind irgendwann voll. Und der Staat ist der einzige Kunde der Unternehmen. Und dann? Stellt der Staat die Bestellungen ein und die Unternehmen produzieren nicht mehr, wie ein gewisser Wirtschaftsminister mal festgestellt hat? Nein, man muss offen sagen, das funktioniert nachhaltig nur, wenn die Produkte nachhaltig „verbraucht“ werden, sprich sie in einem Krieg eingesetzt werden.

War das Modell bislang nur eine theoretische Analyse, können wir nun tatsächlich zur Praxis kommen. Es gibt nämlich einen Staat, der das bislang halbwegs erfolgreich vorführt, wobei man allerdings konzedieren muss, dass die Rüstungsindustrie zwar ein wesentlicher Teil, aber nicht alles ist. Da gibt es noch einen erheblichen Anteil an ziviler Technik, ohne den der Staat gar nicht funktionieren kann. Die Kriegstreiber hier zu Lande haben daran aber mutmaßlich nicht gedacht. Sie haben eher eine Kriegsindustrie wie 1943 – 1945 im Auge, wenn man die Äußerungen so hört. Aber zurück zu dem Staat, von dem ich schreibe: die „Verunreinigten Staaten von Amerika“ oder kurz USA.

Die haben die Verbrauchsspirale auch für ihre Kriegsindustrie in Gang gesetzt, denn ohne Verbrauch geht es nun mal nicht. Ein Teil des Verbrauch besteht im Verkauf der Produkte, ein wesentlicher Teil aber auch in der Führung von Kriegen. Seit dem 1. WK führen die USA einen Krieg nach dem anderen (1. WK, kein Schreibfehler), in den letzten 25 Jahren führen sie praktisch einen Dauerkrieg an verschiedenen Orten. Kriegsgeräte werden erfolgreich verbrauch (zerstört oder durch die Belastung verschlissen), was der Rüstungsindustrie zuverlässige Dauereinnahmen beschert. Zur Finanzierung werden die meist unfreiwilligen Kriegsgegner ausgeplündert, was allerdings nicht genügt: die USA sind bis über beide Ohren verschuldet und es rettet sie bisher nur die Dollar-Dominanz in den Zahlungssystemen. Das wäre folglich das Folgeszenario, wenn die Umstellung auf eine Kriegswirtschaft funktioniert: Kriege führen, Volkswirtschaften ausplündern und trotzdem ständige neue Schulden anhäufen. Ob Letzteres nach dem Kraftakt der Umstellung noch funktioniert? Kann man bezweifeln. Die USA hatten es da wesentlich einfacher. Die Weltkriege I und II bestanden für die USA im Wesentlichen aus der Ausplünderung der so genannten Aliierten, was ihnen das Kapital für diese Wirtschaftsumstellung lieferte.

Einen Sektor haben wir noch ausgelassen, und der ist im Moment möglicherweise gerade dabei, selbst den USA das Genick zu brechen: neben dem Materialverbrauch ist Krieg auch immer massiver Menschenverbrauch. Die Dauerkriege, insbesondere die letzten 25 Jahre Dauerkrieg, haben 1,6 Millionen „Veteranen“ produziert, womit nicht die Gestalten gemeint sind, die in gebügelter Uniform mit Mühe das Gleichgewicht unter der Last der Orden an der Brust halten, sondern nur die Kriegsgeschädigten. Die US-Streitkräfte sind zwar mit die Uneffektivsten der Welt, da auf einem Kämpfer im Schnitt 8 Supporter kommen, die Ausfallrate mit schweren körperlichen oder psychischen Schäden der Kämpfer liegt aber bei 20% – 30%, und das ist nicht unerheblich.

Das hat zwei Folgen: die Versorgung der eigenen Kriegsopfer geht ins Geld. In diesem Jahr sollen die Aufwendungen für die Veteranenversorgung bei 488 Mrd. US-$ liegen, das ist fast die Hälfte des Pentagon-Budgets! Die zweite Folge ist, dass die Kriegsbeschädigten, wie es im frühen Bundesdeutsch hieß, inzwischen allgegenwärtig und nicht zu übersehen sind. Die US-Streitkräfte haben mit Ausnahme der Air Force inzwischen massive Personalprobleme, weshalb auch immer wieder Einheiten der dafür gar nicht vorgesehenen Nationalgarden zum Einsatz kommen. „Sollen wir so enden wie die?“ ist die berechtigte Frage, die sich junge US-Amerikaner stellen und sich lieber einen andere Job suchen.

Was ist also die Folge der derzeitigen Kriegshysterie, die in der EU gepflegt wird? Eine kaputte bis völlig zerstörte Wirtschaft, je nachdem, wann das Licht ausgeht, eine Gesellschaft, in der sich leben nicht mehr lohnt, da keine Wohlstandprodukte mehr vorhanden sind, eine Beteiligung an Dauerkriegen, um den Zerfall aufzuhalten, ein zunehmender Anteil von Behinderten oder psychisch Schwergeschädigten und schließlich der trotz allem nicht aufzuhaltende Zerfall, wobei es von bestimmten Details in der Kette abhängt, wie weit der geht.

Wenn man in die Ukraine schaut, bekommt man eine höhere Potenz der US-Probleme zu sehen: der Anteil der Bevölkerung mit Kriegserfahrung (und Kriegsschäden) ist viel höher und eine Auffangmatte für die Veteranen existiert noch nicht einmal infinitesimal. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die EU krampfhaft versucht, den Krieg dort nicht enden zu lassen. Die Angst vor dem, was eine bis an die Zähne bewaffnete traumatisierte Armee mit denjenigen anstellen kann, von denen sie sich verraten fühlt – und das sind die EU-Staaten, wenn der Krieg endet.

Derweil gibt es hier inzwischen Stimmen, die sogar den Volkssturm reaktivieren wollen: Wehrdienst bis zum 70. Lebensjahr (kein Scherz!). Man kann eigentlich nur hoffen, dass sich die Menschen dem Irrsinn mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verweigern. Mit allen!