Die Schattenflotte – das Geschäft

Über die Schattenflotte an sich, also woher der Begriff stammt und was damit bewirkt werden soll, muss man wohl kein Wort verlieren. Über das, was sich daraus entwickelt (hat), aber schon.

Fangen wir damit an, dass es sich angeblich um alte, marode, bereits ausgemusterte Schiffe handelt. Bereits das ist eine glatte Lüge. Der Anteil der russischen Öltransporte lag vor 2022 bei 13%, und mit Beginn der Sanktionen waren formal damit 13% der weltweiten Tankerflotte überflüssig und hätten auf Reede gelegt werden müssen, hätte man sich an die vom Westen diktierten Regeln gehalten. Macht man natürlich nicht, sondern schaut nach anderweitiger Verwendung. Also Fazit 1: es handelt sich um normale Tanker der weltweiten Flotte, zwar fast alle ältere, weil man nicht gerade das teuerste Spielzeug einsetzt, wenn Gefahr droht, aber alle im normalen Altersbereich und nicht maroder als andere Schiffe.

Die zweite Behauptung: die Schiffe sind nicht versichert. Auch das stimmt nicht. Korrekt ist „die Schiffe sind nicht bei westlichen Versicherungen versichert“. In die Lücke sind relativ schnell russische und chinesischer Staatsfonds gestoßen, d.h. die Schiffe sind sehr wohl versichert. Wenn hier auch Abstriche gemacht werden müssen, die aus den Sekundärsanktionen resultieren.

Hier fängt bereits die Grauzone an, wo die Sanktionen nicht funktionieren und alles in Geschäfte umschlägt. Nach Willen des Westens dürften diese Schiffe nirgendwo anlegen, weil sie nicht versichert sind, Häfen und Kanäle aber verpflichtet sind, Schiffe ohne Versicherung abzuweisen. In den meisten Drittländern ist man aber eher darauf bedacht, Geschäfte zu machen, und dazu gehören eben auch die Liegegebühren und Weiteres. Versicherungspolice vorhanden? Ok, alles klar. Dass da nicht Lloyd’s of London draufsteht, kümmer die Hafenverwaltung wenig.

Unterstützend ist hier auch die Gesamtkonstruktion: so ein Schiff hat einen Eigner, wird von einer Reederei betrieben, von einem Charterer, der wiederum mit Spediteuren zusammen arbeitet, mit Ladung versorgt, wird in einem bestimmten Land geflaggt, ist irgendwo versichert (Ladung + Schäden bei Havarie), und mit drin hängen dann noch diverse Banken, die die Geschäfte absichern, die Heimatländer der Crew-Mitglieder und last not least der Eigentümer der Ware. Und alles kann munter wechseln, während das Schiff von A nach B unterwegs ist (bis auf die Crew, die in A oder B gewechselt werden kann). Hier steckt bereits eine Menge Potential drin, mit dem man die Sanktionäre täuschen kann. Auch inzwischen gut eingespielt bei Öl: man trifft sich mitten auf dem Ozean mit einem anderen Tanker und pumpt das Öl um. Sind vorher die Transponder ausgeschaltet worden, lässt sich nur noch chemisch nachweisen, woher die Ladung kommt.

Bereits hier verdient man prächtig am System. Russland ist gezwungen, Abschläge auf den Ölpreis zu geben, was den Kauf lukrativ macht, und das Wort „Schattenflotte“ erlaubt allen anderen Beteiligten Aufschläge auf ihre normalen Preise. Bis auf die Russen, die weniger Einnahmen haben, wird mehr verdient als im normalen Handel, und den Russen, so haben die letzten drei Jahre gezeigt, macht das bislang wenig aus.

Es geht aber noch besser Dank der Sanktionen: im Prinzip ist alles über die Schifffahrtsregister jederzeit online kontrollierbar. Die Sanktionen haben jedoch teilweise die Kommunikationslinien gekappt, so dass russische und chinesische Angaben zumindest formal schlecht kontrollierbar werden. Zwar nur formal, aber man hält sich ja ans Formale und verzichtet auf VPN oder andere Tricks, um das zu umgehen. Das wiederum wird ausgenutzt, bei den Versicherungen zu sparen. Formal versichert, landet man bei der einen oder anderen Police bei genauer Kontrolle bei einem Schuster in Bangladesh, und passiert doch mal was, bleibt in der Regel der Staat, in dem die Havarie passiert ist, auf den Kosten sitzen. Alle wissen es, alle drücken beide Augen fest zu, denn der Profit steigt entsprechend.

Die nächste Maßnahme der Sanktionäre ist Seeräuberei: Schiffe der Schattenflotte werden auf hoher See unter fadenscheinigen Vorwänden aufgebracht. International zulässig ist das Aufbringen bei Piraterie, Sklavenhandel, unerlaubten Rundfunksendungen, Staatslosigkeit und falscher Beflaggung. Alles andere ist völkerrechtlich eine aktive Kriegshandlung gegen den Flaggenstaat. Was die Sanktionäre allerdings nicht hindert, trotzdem widerrechtlich Schiffe aufzubringen, denn wirklich Angst, dass Liberia (oder ein anderer der beliebten Flaggenstaaten) militärisch zurück schlägt, muss man wohl nicht haben. Am skrupellosesten sind die USA, die die Schiffe samt Ladung beschlagnahmen und nicht mit sich reden lassen. Kleinere Staaten haben aber schnell eine größere Menge Anwälte am Hals, wie Deutschland bereits feststellen musste, und wenn darunter Vertreter von Nationen wie Indien sind (dem beispielsweise die Ladung gehört), wird es schnell peinlich bis unangenehm. Wenn sich der Elefant mit der Ameise anlegt, muss er nichts befürchten, wenn sich der Büffel mit dem Nashorn anlegt, ist nicht gesagt, wer am Schluss das blaue Auge hat.

Aber auch das ist Geschäft. Die Schattenflotte driftet hierdurch in den Bereich alter Schiffe ab oder bekommt russische oder chinesische Flaggen, wobei selbst die USA ins Grübeln kommen, ob sie sich mit einem Gegner anlegen sollen, der unangenehm zurück schlagen kann (aktuell wagen sie es trotzdem bei einem chinesichen Tanker). Die Rentabilitätsrechnung wird hier etwas komplizierter. Es kommt nicht nur darauf an, ob der Tanker 3 Fahrten übersteht, bevor er bei der 4. aufgebracht wird. Vielleicht ist es ja diesmal ein Tanker, der tatsächlich seine letzten Lebensmonate vor sich hat, bevor er ausgemustert wird. Wird der beschlagnahmt, könnten sich alle bis auf den Eigentümer der Ladung darauf verständigen, das zu akzeptieren und den Tanker aus allen Listen zu streichen. Das Ergebnis: die USA sitzen auf einem Tanker, der niemandem mehr gehört, dürfen die Verschrottungskosten tragen (statt des Eigners), und sitzen obendrein auf einer Ladung fest, mit der sie nichts anfangen können (z.B. Öl aus Venezuela). Es ist also ein einfaches Rechenexempel, bis zu welcher Aufbringrate sich das Geschäft immer noch unter dem Strich lohnt.

Selbst da ist noch nicht Schluss. Wie die skandinavischen Marinen feststellen, haben Schattenflottenschiffe zunehmend bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord. Und die Öffentlichkeit auf ihrer Seite. Wenn ein Marineschiff versucht, ein Schattenflottenschiff zu stoppen, muss es das nicht machen (bisher stoppen sie schon, aber die Bereitschaft wird geringer), sondern kann eine Kollision in Kauf nehmen. Bei der heutigen Technik ist es problemlos möglich, so etwas als Livestream zu senden, nachzuweisen, dass das Kriegsschiff auf Kollisionskurs gegangen ist und somit auch für die massiven Umweltschäden verantwortlich ist, sollte es zu einer schweren Havarie kommen (auf denen ohnehin die Anrainerstaaten sitzen bleiben). Und eine sanfte geheime Rückversicherung bei den Russen und Chinesen kann durchaus dafür sorgen, dass die Bereitschaft steigt. Schließlich resultiert daraus ja kein offener Krieg. Im Zweifelsfall dürfte der Zerstörer Gas geben, sollte der Tanker kein Anzeichen zeigen, zu stoppen oder den Kurs zuändern.

Bleibt den Sanktionären also nur, per Hubschrauber ein Enterteam auf dem Schattenflottenschiff abzusetzen. Und hier kommen die bewaffneten Sicherheitskräfte ins Spiel. Beim Entern ist jede Form der Gegenwehr nach internationalem Recht erlaubt. So ein Schiff ist ein ziemlich unübersichtlicher Kampfplatz, auf dem die Sicherheitsleute Heimvorteil genießen. Sie können ohne große Probleme versteckte Fallen und Hinterhalte installieren, die das Entern für die Marinesoldaten zu einem Stalingrad werden lassen kann. Alles vielleicht wieder im Livestream. Ob sich selbst die USA darauf einlassen werden/können, mit hohen Verlusten an SEALS oder anderen Spezialverbänden auf Dauer zu leben? Und Schießwütige für ein Sicherheitsteam findet man immer, besonders wenn im Dunklen Russen und Chinesen ihre Finger im Spiel haben.

Fazit: die Schattenflotte ist für alle – Eigner, Reeder, Charterer, Versicherer, Ladungseigner, Hafenverwaltungen – ein Riesengeschäft, das sich lohnt, egal was passiert. Die Zeche zahlt Russland über niedrigere Erlöse, wird aber nicht letal getroffen. Die Folgekosten bei zufälligen oder absichtlichen „Unfällen“ bleiben bei den Sanktionären hängen, die sich mit den Sanktionen ohnehin schon ins Knie geschossen haben.

Und die Erkenntnis, die die EU aus dem Ganzen zieht? Mit den Sanktionen „haben wir uns ins linke Knie geschossen. Aua! Tat das weh! Das machen wir nicht noch einmal. Sorgen wir also dafür, dass wir uns beim nächsten Versuch ins rechte Knie schießen!“