Eine kurze Geschichte der Menschheit

Kapitel 7: Wandern, Besitz, Aggression

Ursprünglich waren der Mensch bzw. seine Vorfahren Jäger und Sammler. Man jagte das erreichbare Wild und sammelte die lokal verfügbaren essbaren Pflanzen und Pilze und zog weiter, wenn die Nahrung knapp wurde. Möglicherweise kommt eine Vorgeschichte als Aasfresser hinzu, aber da hat man sich mit Konkurrenten auseinander zu setzen, so dass es sich aufgrund der Voraussetzungen eher lohnte, selbst zu jagen. Von Schimpansen weiß man, dass sie ihre Beute- und „Kriegszüge“ strategisch planen und bei letzteren auch äußerst brutal vorgehen können. Die Kollegen aus der Menschengruppe dürften ihnen allerdings nach einiger Zeit aufgrund der besseren Bewaffnung und Kommunikationsmöglichkeiten deutlich überlegen gewesen sein. Als Jäger ist der Mensch ein Lauer- oder Hetzjäger, als Gruppenjäger wird er aber auch durchaus in der Lage gewesen sein, Beute durch Treiber den Jägern zuzutreiben und so den Erfolg zu vergrößern. Die Großwildjagd – Büffel, Nashörner oder Mammuts jagt man erst, wenn man die Jagd mit hoher Wahrscheinlichkeit auch überlebt, und Bären und andere Höhlenbewohner dürften ebenfalls kaum auf schriftliche Räumungsbefehle reagiert haben – ist allerdings vermutlich erst in der Spätphase entwickelt worden.

Diese Lebensart kann naturgemäß nur relativ kleine Gruppen innerhalb eines Reviers ernähren, und die Besitztümer, sofern überhaupt welche vorhanden waren, waren eher Gruppenbesitz als einzelnen Individuen zugeordnet. Was passiert, wenn verschiedene Gruppen aufeinander treffen? Häufig wird eine Begegnung so dargestellt, dass man übereinander herfällt und sich umbringt, zumindest was die Männchen/Männer angeht, und der Sieger ggf. die Weibchen/Frauen der unterlegenen Gruppe einheimst. Es gibt aber durchaus Gründe, dieses Verhalten als Ausnahme zu sehen. Solche aggressiven Begegnungen gehen selten für eine Seite ohne Verluste aus, und der Verlust von Jägern kann schnell das Ende der gesamten Gruppe bedeuten. Biologisch kann das zur genetischen Verarmung führen, was auf die Dauer auch Probleme bereitet. Strategisch besser ist es, Reviere friedlich abzustecken und sich ggf. mit dem Nachbarn sogar ab und zu zu treffen und Liebschaften außerhalb der eigenen Sippe zu beginnen. Bei den San (Buschmännern), Aborigines oder Innuit, von denen noch einige Gruppen dieser ursprünglichen Lebensweise ziemlich nahe kommen, ist genau dieses Verhalten auch zu beobachten.

Archäologisch lassen sich leider wieder kaum Erkenntnisse gewinnen. An Lagerstätten hat man zwar fallweise auch Menschenknochen gefunden, aber ein Etikett „meine Oma“ oder „erlegter Feind“ war nicht vorhanden. Selbst über die Besiedlungsdichte lassen sich nur Vermutungen anstellen, da eben die meisten Lager nicht mehr identifiziert werden können. Oft geht man davon aus, dass sie relativ dünn war, weil zwischen den Nutzungszyklen der bekannten Lagerstätten längere Zeiten lagen.

In der Umgebung der Menschengruppen dürften sich bereits früh Vorläufer der heutigen Hunde herumgetrieben haben, die von den Resten der Jagd oder selbst dem Kot profitierten. Funde zeigen an, dass diese Abfallverwerter selbst im Beutespektrum der Jäger auftraten. Vor ca. 130.000 Jahren dürfte in einem Clangebiet den Urmenschen aber aufgegangen sein, dass die Hundevorläufer mehr Vorteile brachten, wenn man sich zusammentut: das Säubern der Lagerumgebung durch die kleinen, ungefährlichen Wölfchen sorgt dafür, dass wesentlich größere und unangenehmere Kollegen der jagenden Zunft nicht so schnell aufmerksam werden, die Meute stellt zudem ein Frühwarnsystem dar, so dass anschleichende Großräuber rechtzeitig entdeckt und abgewehrt werden können, und durch Aufzucht verlassener Welpen erhält man nicht nur Spielgefährten für den eigenen Nachwuchs, sondern kann sich auch dauerhaft als Rudelführer installieren. Ist das Zusammenleben erst einmal so weit gediehen, ist irgendwann der Einsatz des Hundes als Hilfswaffe bei der Jagd oder bei Auseinandersetzungen oder als Träger/Zugtier zur Entlastung nur eine Frage der Zeit.

Wie auch immer die Details gewesen sein mögen, es dürfte sich um einen langsamen Prozess gehandelt haben, denn nicht nur der Mensch musste sich an den Hund als Genossen gewöhnen, auch der Hund wurde sicher erst durch eine längere Auslese zum Haushund. Man darf vermuten, dass der Hund nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, dass heute eine biologisch ziemlich homogene Menschheit existiert. Mensch und Hund zusammen bilden ein wesentlich effektiveres Jagdteam als jeweils alleine, so dass sich die Ernährungslage verbessert haben dürfte und größere Gruppen die Folge waren. Größere Gruppen wiederum sind die Voraussetzung, sich durchzusetzen, sei es durch Ausrottung/Verdrängung von Konkurrenten oder als Phänotyp bei einer Vermischung. In der Anthropologie wird darüber diskutiert, ob das Gespann Mensch-Hund in der Lage war, den Neandertaler von der Bildfläche zu fegen, was nicht so ganz mit der These in Einklang zu bringen ist, Neandertaler seien schon vorher ausgestorben und den Neuankömmlingen gar nicht erst begegnet. Die eigentliche Frage ist allerdings, ob die Gruppengröße bereits so angestiegen ist, dass gesteigerte Aggression das Koexistenzmodell abgelöst hat. Aufgrund des hervorragenden Adaptionsvermögens der Menschen ist wohl auch davon auszugehen, dass die hundelosen Gruppen im Laufe der Zeit auch Mittel und Wege gefunden haben, sich ebenfalls einen wölfsiche Partner zuzulegen.

Später als die Partnerschaft Mensch – Hund dürfte das Hirtentum entstanden sein. Was mit den Hunden funktioniert hat, sollte auch mit anderen Tieren funktionieren, und wenn man nach einer Jagd verwaiste Tierkinder, die zunächst nicht für die Ernährung benötigt wurden, aufzieht und an den Menschen gewöhnt, hat man einen Vorrat, auf den man zurück greifen kann. Der nächste Schritt ist die Erkenntnis, dass die Vorratstiere auch für die Ernährung genutzt werden können, ohne sie gleich umzubringen, indem man ihnen Milch oder begrenzte Mengen an Blut abzapft. Der Prozess ist sicher nicht ganz leicht in Gang gekommen, denn er setzt ja auch voraus, dass die Beute genügend zutraulich ist und nicht sofort auf dem Menschen losgeht, wenn der sich nähert, bzw. klein genug, dass dieser sie unter Kontrolle halten kann. Das heutige „Großwild“ Rind oder Pferd oder als Extrem auch der Elefant steht sicher am Ende der Kette, und die meisten Tierarten sind bis heute nicht im eigentlichen Sinn als Haustier domestiziert. Der Ausgangspunkt dürfte wohl bei Schafen oder Ziegen gelegen haben.

Wenn die Herde groß genug ist, lassen sich auch genügend Tiere für die Ernährung schlachten, so dass man unabhängiger vom Jagderfolg wird. Große Herden setzen aber wieder genügend große Weidegebiete sowie den Schutz der Herde vor anderen Räubern voraus. Möglicherweise hat der Hund auch hier wieder eine maßgebliche Rolle gehabt. Vergegenwärtigt man sich die zu lösenden Detailprobleme, war der Weg zur Hirtengesellschaft alles andere als einfach und damit vermutlich auch alles andere als schnell. An den Wanderbewegungen haben die Herden vermutlich nur bedingt etwas geändert: man musste mit ihnen durch die Gegend ziehen, um genügend Futter zu finden, allerdings wohl nicht mehr so weit wie die jagende Gesellschaft.

Der Übergang von der Jäger/Sammler- zur Hirten-Gesellschaft dürfte eine Reihe wesentlicher Veränderungen mit sich gebracht haben:

  • Die bessere Ernährungsgrundlage erlaubt die Bildung größerer Gruppen.
  • Mit der Herde ist Eigentum vorhanden, das verteidigt werden muss, außerdem stehen neue Produkte (Wolle) in größerer Menge zur Verfügung.
  • In der Gruppe fallen unterschiedliche Aufgaben an, die zu den ersten Berufsspezialisierungen geführt haben dürften.

Eine reine Jäger- und Sammlergesellschaft erfordert noch keine Spezialisierung der Mitglieder: jeder kann auf die Jagd gehen oder Pflanzen sammeln. Die Hirtenaufgabe erfordert aber so viel Zeit und Sorgfalt, dass diese Leute als Jäger ausfielen. Die Jäger erhalten zusätzlich die Aufgabe, das neue Eigentum zu schützen. Da durch die größeren Gruppen auch Verluste besser verkraftbar werden, dürften Begegnungen mit anderen Gruppen zunehmend aggressiveren und brutaleren Charakter erhalten haben.

Vermutlich sind in dieser Phase auch Stoffe/Filze für Bekleidung und andere Zwecke erfunden worden. Die Herstellung von Fäden durch Zusammenzwirbeln von Fasern dürfte auch Jägern bekannt gewesen sein, ebenso das Flechten von Körben oder Netzen als Makroversion des Webens oder das Walken von Haaren zu Filz. Stehen Schafe oder einige andere Tierarten auf dem Herdenplan, kommt aber vermutlich erst jetzt Wolle systematisch in ausreichender Menge auf die Liste der nutzbaren Produkte.Daraus nun zunehmend feinere Fäden und Stoffe herzustellen ist zwar nichts grundsätzlich Neues (möglicherweise verfügte auch die Jägergesellschaft bereits über einfache Varianten), aber eben sehr zeitaufwändig, so dass man von Arbeitsteilung in der Gruppe ausgehen muss, weil Spinner und Weber für anderes ausfallen.

Das sind allerdings Spekulationen, wie angemerkt werden muss. Die Produkte haben sich aus diesen frühen Zeit nicht erhalten; erst aus historischen Zeiten liegen Gewebe usw. vor. Die Herdenwirtschaft konnte sich natürlich nur in Gebieten ausbreiten, die dafür geeignet waren; ungeeignete Gebiete sind zum Teil bis heute durch Jäger/Sammler-Gesellschaften bewohnt. Ebenfalls nur spekulieren kann man darüber, ob Begegnungen verschiedener Gruppen immer mit Mord- und Totschlag endeten oder es bereits zu ersten Handelsbegegnungen kam, indem etwa Jägergruppen begehrte Pelze gegen Produkte der Hirtengesellschaft eintauschten. Eine Notwendigkeit für Handel bestand vermutlich zu der Zeit, in der noch alles in Bewegung war, nicht. Das wurde erst in der nächsten Entwicklungsstufe erreicht.

Diese besteht in der Erkenntnis, dass viele pflanzliche Nahrungsmittel durch gezielten Anbau in wesentlich größerem Umfang gewonnen werden können als durch Sammeln in der Gegend. Manche Nahrungsmittel wie Getreide sind auch haltbar genug, um die Zeit bis zur nächsten Ernte zu überstehen. Wir müssen die Details dieser Entwicklung wohl nicht weiter breittreten, sondern können uns auf die Konsequenzen beschränken:

  • Es können noch mehr Menschen ernährt werden, d.h. die Bevölkerungsdichte wächst.
  • Land kommt als neues Eigentum hinzu.
  • Die Menschen werden sesshaft, die Behausungen entsprechend dauerhafter und besser ausgestattet.
  • Die Auseinandersetzungen um Eigentum werden brutaler. Fluchtburgen oder bewehrte Dörfer werden notwendig.
  • Das Hirtentum wird zurückgedrängt/verschwindet. Herden beschränken sich auf die lokalen Gegebenheiten, wandernde Hirten werden zu Feinden in Bezug auf das Eigentum „Land“.
  • Es entstehen weitere neue Berufe, neue Erfindungen besonders in der Aufbewahrungs- und Haltbarkeitsmachung werden gemacht.
  • Es ist nicht mehr alles in der Umgebung des Aufenthaltsortes verfügbar. Ausgedehnte Handelsnetze für alle möglichen Produkte werden notwendig. Manche Gruppen spezialisieren sich ausschließlich auf bestimmte Produkte (z.B. Bergbau, zunächst z.B. für Feuerstein).

Mit der Ackerbaugesellschaft sind wir mittendrin in der dokumentierten Geschichte, da die Umstände nun sehr viele und sehr aussagekräftige archäologische Funde ermöglichten und hinterließen. Nur zeitweise scheint es halbwegs friedlich zugegangen zu sein; die meisten Entwicklungen führten leider zu Krieg und wenig erfreulichen Auseinandersetzungen.

zu Kapitel 1

zu Kapitel 8

2 Gedanken zu „Eine kurze Geschichte der Menschheit

  1. Jäger und Sammler? – Das ist eine politische bzw. aus neuzeitlichen Vorlieben und Vorrechten rührende Zuordnung. Das Recht zu Jagen lag in den vergangenen Jahrhunderten fast ausschließlich beim Adel oder dessen Bütteln. Daher galt den Altertumsforschern das Jagen von Wild als ‚edel‘ und Sammeln als minderwertig. Dies rührte aus dem Umstand, dass sie selbst aus der Oberschicht stammten. – Doch diese Einteilung stimmt nicht und muss umgekehrt benannt werden: Sammler und (Gelegenheits-) Jäger!

    Warum hätten die Ur- und Frühmenschen denn einer so unsicheren und äußerst gefährlichen Art der Nahrungsbeschaffung – Jagd! – frönen sollen? – Nur, wenn keine andere Möglichkeit bestand, gingen sie jagen. Somit aus Not oder wenn die Gelegenheit gerade günstig! Während der Eiszeit war Jagd in unseren Breiten sicher nötig, doch waren es damals die sog. Neandertaler, mit welchen wir wenig gemeinsam haben.

    Unsere Menschenart tauchte hier erst mit Ende der Eiszeit auf. Und davor bewegten sich die frühen Menschen längs der Wasserläufe, welchen ihnen sowohl Flucht- als auch beste Nahrungsmöglichkeiten sowie leichteren Wanderweg boten. Bäume, Sträucher, Gebüsche gaben Deckung oder Flucht ins tiefere Wasser, wohin ihnen Raubzeug nicht folgen konnte. Nur der Mensch kann gleichsam von Haus aus tief wegtauchen, was Jagdbestien wie bspw. Löwen nicht können. Außerdem konnten an Wasserläufen leicht Muscheln usw. gesammelt oder sogar Fische gefangen werden.

    Warum also sollten sie ohne Not die hoch gefährliche Beschaffung vornehmlich durch Jagd machen, wenn’s doch viel einfacher ging? – Nein! So dumm waren die eben nicht. Dazu kommt, dass sie (wie auch die Eskimo) ihre Jagdbeute roh aßen und nicht falsch ‚romantisch‘ Mammutkeulen am Lagerfeuer brieten. Hätten die das gemacht, hätten sie rasch Skorbut bekommen, kaum einen Winter überlebt und wären ausgestorben. Die sog. Polarforscher des 19. und frühen 20. JH begingen genau diesen Fehler und starben oft genug wie die Fliegen.

    1. Lies dazu bitte mal Kapitel 4 (oder besser alle). So ziemlich alle Forscher sind sich einig, dass Trockenheit zum Wechsel vom Baum in die Ebene geführt hat, womit auch eine starke Abnahme der ohne Kochen verdaulichen pflanzlichen Nahrung verbunden war. Tierische Nahrung hat allein aufgrund der Verdauungsmöglichkeiten einen hohen Anteil haben müssen. Höhlenmalereien beschränken sich entsprechend auch weitgehend auf jagdbares Wild, nicht Sträucher oder Fressfeinde (das umfasst allerdings kaum mehr als 100.000 Jahre). Die Gehirnentwicklung macht ebenfalls keinen Sinn, wenn die Primärstrategie im Weglaufen eines Pflanzenfressers bestand. Die hohen Anforderung an eine Bewegung im 3D-Geäst an die minderen Anforderungen auf der 2D-Ebene hätten dann eher zu kleineren Gehirnen geführt.

      Ob man die Beute roh oder gekocht/gebraten isst, spielt im Übrigen nur eine Nebenrolle. Wesentlich ist vielmehr, was man isst. Viele essentielle Nahrungsstoffe finden sich in Innereien und auch dem Magen/Darminhalt, den die Naturvölker mitverwerten. Teilweise beruht das sogar auf Adaption (manche Teile sind für den Zivilisationsmenschen absolut ungenießbar bis schwach giftig), zu anderen Teil sind Polarforscher aus Gründen ihres vorherigen Lebens gar nicht auf die Idee gekommen, da reinzubeißen.

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