Eine kurze Geschichte der Menschheit

Kapitel 1: Ein spektakulärer Beginn

Abgesehen von religiösen Hardlinern, die den Tag der Entstehung der Erde mitsamt allem, was drauf lebt, auf den 23.10.4004 vor Christus legen (die Uhrzeit ist noch umstritten), weil an diesem Tag irgendein Typ mit dem Namen Gott auf die Idee kam, Erde und Menschen zu erschaffen, dürfte es allgemein akzeptiert sein, dass der Mensch biologisch nichts Besonderes, sondern Mitglied der Ordnung der Primaten und hier mit einigen anderen Arten die Familie der Hominiden bildet. Die Gruppe der Hardliner umfasst allerdings nach Untersuchungen bis zu einem Drittel der so genannten zivilisierten Menschheit, und die Übersetzung des Begriffs „Primaten“ (Herrentiere) dürfte eine Anzahl politisch korrekt denkender Leute ebenfalls auf diese Seite ziehen, was nun auch wieder dem Begriff Hominidae = Menschenaffen etwas Interpretationsspielraum verschafft.

Nach längerem zeitlichem Dahindümpeln, die die Erde damit verbrachte, alle möglichen Dinosaurierknochen irgendwo zu vergraben (nach den Kreationisten hat das allerdings Gott am 23.10.4004 v.Chr. selbst gemacht, um seine Untat zu verschleiern und die Forschung zu täuschen), begann die rasante Entwicklung, die zum Menschen führte, vor ca. 60 Millionen Jahren. Ein Meteorit der Klasse „Planetenkiller“ raste ungebremst in die Erde, und als sie der Staub gelegt hatte, waren die Dinosaurier als Tierklasse komplett verschwunden. Das „Beherrschen“ der Erde übernahmen die Säugetiere, ein alter Zweig in der Reptilienentwicklung und fast so alt wie die Dinosaurier selbst, sowie die Vögel, eine relativ junge Abspaltung von den Dinosauriern.

Das Bild ist so natürlich stark geschönt. „Beherrscher“ passt eher zu Insekten, Spinnen und anderen Arthropoden, die genauso wie Weichtiere und viele andere aus der Gruppe Wirbellose weiter machten wie vor dem Einschlag, wenn auch in stark reduzierter Artenanzahl, die Amphibien besetzten weiterhin ihre Nischen, ohne groß in eine evolutionäre Entwicklung einzusteigen, und von den Reptilien, zu denen auch die Saurier gezählt wurden, waren grob gesprochen Schlangen, E(ide)chsen, Schildkröten und Krokodile weiter im Rennen. Lediglich die Säugetiere, die bis dahin eine relativ bescheidene Nischenrolle gespielt hatten, explodierten in der Folgezeit in einem Artenreichtum, daneben nahmen auch die Vögel eine dramatische Entwicklung auf. Die folgende Grafik gibt eine Übersicht über Massenaussterben in der gesamten Erdgeschichte (prozentualer Schwund der Arten). Solche Ereignisse hat es häufiger gegeben, und für uns scheint es besonders deshalb so dramatisch, weil es eben die Dinos erwischt hat und nicht nur ein paar schleimige oder sonstwie unscheinbare Tierchen, die einem relativ egal sind.

Wer jetzt meint, mit dem Big Bang vor 66 Mio Jahren sei alles klar, der irrt,  denn vielen Forschungen zur Folge war der Meteoriteneinschlag nicht das einzige kritische Ereignis und manche halten ihn gar für nebensächlich. Die Lage ist damit so klar wie die spektakulären Abbildungen seriös sind, denn der Felsbrocken war nur ca. 10 km groß und nicht mehrere 100 km, wie auf den Fotosimulationen gezeigt. Klar ist:  Bereits vorher und nachher kam es zu verstärkter Vulkantätigkeit, allerdings in geologisch relativ kurzen Zeiträumen, weshalb das lange übersehen wurde. Die Dinosaurier scheinen schon vor dem Einschlag zahlenmäßig abgenommen zu haben, was einige Fundamentalisten unter den Forschern veranlasst, anzunehmen, das Ende der Dinos sei schon vorher eingeläutet worden und sie seien auch ohne den Meteoriten ausgestorben. Der Big Bang wäre dann lediglich ein Beschleuniger gewesen. Das klingt zwar gut – da hat lediglich noch einmal jemand nach getreten, damit der Tote wirklich tot ist – erklärt aber im Grunde auch wenig.

Machen wir uns einmal ein eigenes Bild und fragen uns als Fingerübung an dieser Stelle nach möglichen Ursachen/Erklärungen für diese Entwicklung. Warum waren die Säugetiere so lange in einer Warteposition, aus der sie nicht heraus kamen, und warum starben von den Großtieren lediglich die Dinosaurier aus, und zwar komplett. Die Ereignisse erwischten ja nach Schätzungen bis zu ca. 70% aller Tier- und Pflanzenarten, aber nur die Dino als ganze Gruppe.

Schauen wir einmal genauer auf die verschiedenen Gruppen. Die Säugetiere haben im Laufe ihrer Entwicklung schon sehr früh die Ovovivipari zur Viviparie entwickelt, d.h. die Eier, aus denen die Jungtiere schlüpfen, wurden (vermutlich) zunächst im Körper ausgebrütet, wie das einige Schlangenarten heute ebenfalls machen, und schließlich wurde komplett auf die Eibildung verzichtet und die Embryos direkt vom Muttertier ernährt, was wesentlich weiter entwickelte Jungetiere bei der Geburt ermöglicht. Das hat aber auch hohe Anforderungen an den Stoffwechsel des Muttertieres, so dass (vermutlich parallel) die Warmblütereigenschaften herausgebildet wurden, d.h. die Körpertemperatur und damit auch der Stoffwechsel wird nicht von der Umgebung bestimmt, sondern der Körper regelt sie selbst und die komplexen Entwicklungen, die ein Embryo durchläuft, können über lange Zeiten genau gesteuert werden.

Die weiterhin Eier legenden Saurier im engeren Sinne schlugen im Laufe der Entwicklung ebenfalls den Weg zum Warmblüter ein, aber aus anderen Gründen. Die körperlichen Leistungen von wechselwarmen Tieren können zwar durchaus eindrucksvoll sein, aber nicht die Leistungen, die man Dinos aufgrund ihres riesigen Körperbaus und anderer Spuren unterstellen muss. Auch das war nur mit einer eigenen Temperaturregelung und besserer Stoffwechselsteuerung möglich. Als Indiz für diese These kann man die ebenfalls warmblütigen Vögel heranziehen, die ja ein Ableger der Dinos sind. Alle anderen Gruppen, zu denen die heute lebenden Reptilien gehören, verblieben im Status wechselwarm.

Eier legen ist im Vergleich mit Nachkommen austragen ein eher leichtes Geschäft. Eier sind schnell in größerer Anzahl produziert, die Muttertiere werden körperlich nur mäßig belastet, und geht mal ein Gelege verloren, ist auch schnell ein neues gelegt. Zudem belegen Fossilien, dass die Dinos Brutpflege betrieben, so dass man von einer größeren Nachkommenzahl ausgehen kann. Die Zahl der Nachkommen bei Säugetieren ist hingegen in einer Tragperiode deutlich begrenzter, die Periodenfolge durch die Tragedauer begrenzt und (vermutlich, das ist wieder eine Spekulation) die Muttertiere durch den wachsenden Inhalt physisch stärker gefährdet und noch mehr auf Nahrungsaufnahme angewiesen. Im Gegenzug ist der relative Fortpflanzungserfolg größer, da die Nachkommen im Muttertier besser und länger geschützt sind als ein frei liegendes Gelege.

Geht man aufgrund der körpereigenen Temperaturregelung von ähnlicher körperlicher Leistungsfähigkeit aus, hatten die Dinos einen Vorteil: sie konnten durch große Eierzahl und Brutpflege erreichen, sich stärker zu vermehren als Säugetiere und sie so über lange Zeiten hinweg in die Schranken verweisen; andererseits ist das Säugetiermodell vom Ansatz her nun auch wieder so gut, dass eine vollständige Ausrottung mehr als unwahrscheinlich wird. Kurz, den Dinos gehörte die Welt und den Säugetieren die Nische, womit wir eine plausible Erklärung für Teil 1 des Problems hätten.

Eine mögliche Erklärung für Teil 2 ergibt sich aus der Beobachtung, dass selektiv nur die Gruppe der eierlegenden Warmblüter ausgestorben ist, von den Vögeln einmal abgesehen. Hat den Dinos das Erfolgsmodell „Warmblüter“ letztlich das Genick gebrochen? Die Eigenschaft „Warmblüter“ ist in den Organismen ziemlich fundamental angelegt und verlangt bereits Maßnahmen zur Temperaturregulierung während der Embryonalentwicklung in den Eiern. Vögel betreiben daher eine ausgesprochen intensive Brutpflege durch das Bebrüten der Eier, und dass sie das auf sich nehmen und kein Vogel sich während der letzten 60.000.000 Jahren mit dem Gedanken der Ovoviviparie beschäftigt hat, bestätigt die oben angestellten Überlegungen zu Sauriern und Säugetieren. Fällt das Brüten zu lange aus, fällt auch das Schlüpfen aus.

Auch Dinosaurier betrieben Brutpflege, und ausgehend vom Vogelmodell war das (vermutlich) nicht ganz freiwillig, selbst wenn die Wissenschaft sich oft erstaunt gibt, wenn sie Hinweise darauf findet. Auch ihre Eier entwickelten sich wohl nur bei bestimmter Pflege bis zum Schlüpfen, und Funde von verlassenen Gelegen mit intakten Eiern sprechen für dieses Modell. Nun kann sich selbst ein kleiner 800 kg-Dino ohne Federn nicht so ohne weiteres auf seine Eier setzen, um zu brüten. Der Erfolg wäre mit Null zu beziffern. Die Dinos müssen also andere Formen der Brutpflege betrieben haben, bei der die Umwelt mehr Mitspracherecht hat. Man findet Ansätze dazu bei den Krokodilen, die ihre Eier in Komposthaufen ausbrüten und die Innentemperatur durch Hinzufügen oder Wegnahme von Material regulieren, und auch wenige Vogelarten bedienen sich dieses Modells.

An der Stelle kommen die Vulkane und der Meteor ins Spiel. Nach fast 200 Millionen Jahren war das Brutgeschäft professionell eingespielt, und plötzlich spielt in kurzer Zeit die Umwelt nicht mehr mit. Es wurde zu kalt, es wurde zu warm – und schon waren die externen Regelmechanismen überlastet und der Bruterfolg ging zurück. Ob nun der Vulkanismus genügt hätte, dem Platzhirsch den Garaus zu machen? – Ich halte das nicht für wahrscheinlich. Solche Vorgänge sind insgesamt doch zu langsam und zu wenig global angelegt, als dass die Evolution im globalen Maßstab damit nicht fertig werden könnte. Vielleicht hätten die Säugetiere einen Aufschwung erlebt, aber die Dinos wären mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht komplett verschwunden.

Der finale Schlag war vermutlich in der Tat der Meteor, der weltweit auf einen Schlag die Bedingungen schlagartig für so lange Zeit kippen ließ, dass schließlich auch die letzten Dinos die Bühne verließen. Natürlich nicht nur aufgrund eines totalen Brutausfalls – da kommen, wie immer, ganze Reaktionsketten hinzu. Eine hohe Anzahl an Nachkommen ist auch mit einer hohen Verlustanzahl durch Predatoren verknüpft, so dass sich ein Gleichgewicht ergibt. Sinkt die Zahl der Nachkommen unter die Verlustrate und bleibt dieser Zustand über viele Generationen hinweg bestehen, weil die Predatoren ernährungstechnisch besser aufgestellt sind und ihren Vorsprung wahren, ist trotzdem nach einiger Zeit Schluss, wobei es der Natur bei dem Prozess auf ein paar Hunderttausend bis Millionen Jahre nicht ankommt, die Wissenschaft aber diese Messgenauigkeit kaum erreicht. Der Vollständigkeit halber ist zu bemerken, dass auch die aquatisch lebenden Dinosaurier und die Flugdinos von der Katastrophe erwischt wurden. Man kann nur spekulieren, wie sich Plesiosaurier oder die walgroßen Pliosaurier vermehrten (Ovoviviparie?), aber auch sie erwischte es, wobei sie mangels Nahrung möglicherweise schlicht verhungerten und das Brutgeschäft nicht der Grund war.

Warum überlebten nun ausgerechnet Vögel und wechselwarme Verwandte der Dinos sowie Amphibien? Vögel betreiben mit dem Brüten eine deutlich intensivere Brutpflege als die riesigen Dinosaurier. Die Federn ermöglichen es ihnen, ihre Eier durch ihr eigene Körperwärme zu versorgen, was bereits den nackten Flugdinosauriern nicht möglich war. Sie sind damit deutlich weniger abhängig von den Unbillen der Umwelt. Zudem sind sie deutlich mobiler: ist in Polen schlechtes Wetter, brüten sie eben in Irland. Ähnlich umwelttoleranter geht es bei den wechselwarmen Verwandten zu. Hier sind es allerdings die Eier, denen die Umwelt weniger anhaben kann und die sich auch in kälteren oder wärmeren Umgebungen entwickeln können. Die Vulkantätigkeit war für beide Gruppen wie auch für die Säugetiere ein eher marginales Problem, und der Meteoriteneinschlag war mit dem hohen Artenverlust wohl hart an der Grenze, aber eben doch nicht stark genug, um alles auf Null zu stellen.

Von da ab ging es dann zwar nicht rasend schnell, aber immerhin zielstrebig voran. Die Primatenentwicklung setzte vor ca. 55 Millionen Jahren an, wobei die Gruppe als solche mit einem Alter von 80-90 Millionen schon vor dem großen Knall präsent war. Affen im eigentlichen Sinn scheint es seit ca. 30-40 Millionen Jahren zu geben, was aber nicht ganz einfach festzustellen ist, da es sich um Waldbewohner handelt, bei denen die Fossillage nicht besonders üppig ausfällt. Die Entwicklung zu den Menschenaffen scheint vor ca. 20 Millionen Jahren begonnen zu haben, und die Entwicklungslinien, die zu den Menschen führt, sind vermutlich um die 10 Millionen Jahre alt. Wann der Mensch im Sinne eines Menschen entstand ist strittig, aber wir bewegen uns mit der Frage in erstaunlich kleinen Zeiträumen von teilweise weniger als 1 Million Jahren, was gemessen an den 60 Millionen Jahren seit dem Big Bang schon recht wenig ist. Aber genau diese Zeit soll uns im Weiteren beschäftigen. Aber zuvor schauen wir noch auf zwei andere Sachen.

 

zu Kapitel 2

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