Der Krieg (oder besser die Kriege) gehen auch am strahlenden Sieger jeder Schlacht und erfolgreichem Vernichter gegnerischer Krankenhäuser und sonstiger ziviler Versorgungseinrichtungen alles andere als spurlos vorrüber. Wobei aber die strenge israelische Zensur dafür sorgt, dass man nicht so einfach etwas darüber erfährt.
So sind die Zerstörungen durch Raketen der Gegner größer als zugegeben. Berichte und Fotos über Schäden in sozialen Netzwerken werden als Landesverrat betrachtet und entsprechend sanktioniert. Wenn nicht gerade das Weizmann-Institut ausradiert wird wie Mitte 2025, erfährt man nicht sehr viel darüber. Berichte gibt es oft erst durch externe Institutionen, die via Satellitenauswertung Rückschlüsse ziehen.
Die Beseitigung dauert auch länger als gewünscht. So berichten israelische Medien im Januar/Februar von unzufriedenen Bürgern, deren Wohnungen nach dem Schlagabtausch 2025 immer noch nicht wieder instand gesetzt wurden oder die keine Entschädigung erhalten haben.
Zudem ist das Land im Dauerstress. Wenn iranische Drohnen oder Raketen im Anflug sind, lässt sich inzwischen kaum noch sagen, wo die Zielgebiete liegen, da Radarstationen und Abwehrraketen markant weniger geworden sind. Folglich schickt man bei einen Angriff mehr oder weniger das ganze Land in die Luftschutzbunker. Das zerrt an den Nerven. Wobei selbst bei erfolgreicher Zerstörung einer Rakete oder Drohne die Schadenswahrscheinlichkeit hoch ist, denn die Trümmer der Angriffwaffen und die der Abwehrwaffen streuen über einen größeren Bereich und treffen in dem dicht besiedelten Land mit ziemlicher Sicherheit auch etwas.
Der Dauerstress seit 2023 und speziell seit dem letzten Jahr hat zu einem Exodus aus Israel geführt. Verhältnismäßig haben sich mehr Israelis aus dem Land davon gemacht als beispielsweise aus Deutschland. Dabei handelt es sich vorzugsweise um die gebildete Mittelschicht (Ingenieure, Ärzte, usw.), die von anderen Ländern mit Kusshand genommen werden. Die Rede ist seit 2025 von mindestens 100.000, was bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 9 Mio. durchaus eine Hausnummer ist. Gleichzeitig treffen aber auch neue „Siedler“ ein, jedoch eher aus ärmeren Schichten der Herkunftsländer. Israel hat daher weniger mit einem demografischen Problem zu kämpfen als mit einem massiven Brain-Drain, was sich mittel- und langfristig fatal auswirken kann.
Inzwischen gehen laut Darstellung des IDF-Oberkommandos Israel die Soldaten aus. Weniger durch Verluste als vielmehr durch inzwischen überdehnte Linien: Gaza, Westjordanland, inzwischen auch das komplette Kernland aufgrund des Irankrieges und nun noch eine Bodenoffensive gegen den Libanon. Der Grund ist hausgemacht. Während die Reproduktionsrate der normalen Bevölkerung (Juden, Christen und Muslime) knapp bei 2 Kindern / Frau liegt (wie in den meisten Industrieländern), liegt sie bei den Ultra-Orthodoxen bei 6,4. Die bestehende zahlenmäßige Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe kann man darin ermessen, dass die ihre Interessen vertretenden Parteien die derzeit die führende Regierungskoalition in Israel stellen, während die Vertreter der restlichen Bevölkerung die Opposition bilden. Der extreme Zionismus der israelischen Regierung wird zwar auch längst nicht von allen Orthodoxen geteilt (tatsächlich gibt es Demonstrationen aus diesen Schichten gegen die Politik), hängt aber eng damit zusammen.
Die Haredim, wie die Gruppe auch genannt wird, genießt eine Reihe von Sonderrechten: sie sind von der Wehrpflicht befreit, haben eigene Schulen und weiteres. Während Männer und Frauen zum Wehrdienst eingezogen werden, dienen Haredim allenfalls freiwillig (die Quote ist sehr klein), ihre Frauen überhaupt nicht und aufgrund der vielen Kinder profitieren sie sehr zum Verdruss der restlichen Bevölkerung vom Sozialsystem. Und hier fängt das IDF-Problem an. Es können nicht alle mobilisiert werden, die man benötigt. Und hier stoßen auch private mit übergordneten Ansichten zusammen.
Israelische Gerichte haben die Sonderstellung der Haredim für rechtswidrig erklärt, d.h. sie können formal eingezogen werden. Das verhindern aber die Parteien, so lange sie in der Regierungskoalition sind. Und in Wahlen ist dem Einzelnen im Zweifelsfalls lieber, nicht an die Front zu müssen, als Parteien zu wählen, die eher den politischen Ansichten genügen.
Zusätzlich ergeben sich weitere Probleme: das Einkommen ist bei den Haredim in der Regel nur halb so hoch, die Armutrate mehr als doppelt so hoch wie normal, die Beschäftigungsrate liegt bei Männern bei 54% (sonst 87%) und die Beschäftigung in den wichtigen High-Tech-Bereichen ist bei anderen Gruppen 6 – 8 mal so hoch.
Neben dem Brain-Drain durch den fortlaufenden Krieg, der sich aufgrund der Unnachgiebigkeit der Extremisten in der Regierung anscheinend derzeit verschärft, kommt aufgrund der Bevölkerungsstruktur ein weiteres Problem auf Israel zu: kein demografischer Wandel wie hier, sondern ein intellektueller Wandel, ein kontinuierlicher Brain-Drain, der neben den sozialen Problemen, die damit verbunden obendrein ähnlich sind wie hier, deutlich mehr Sprengkraft entwickeln kann, insbesondere wenn man das Umfeld betrachtet, in dem Israel überleben muss.
Die Zeit arbeitet also gegen Israel – und nicht nur die arabischen Nachbarn.