15 % Anwesenheit: Warum die digitale Gen Z den realen Protest verlernt hat

Große Ankündigungen im Netz, leere Straßen in der Realität: Die Demonstrationen der Initiative „Gen Z regelt“ lieferten gestern ein Lehrstück über die Kluft zwischen digitalem Hype und analoger Wirklichkeit. Von den im Vorfeld pompös gemeldeten Online-Zusagen erschien vor Ort am Ende nur ein winziger Bruchteil von schätzungsweise 15 Prozent. Im Grunde war aufgrund der Aufregung des Mainstreams, der sogar vom Bundeswehreinsatz fabuliert hat, mehr Polizei auf der Straße als Demonstanten. Medien sprachen rasch vom großen Kollaps der Mobilisierung. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Das Scheitern war mit Ansage.

Wo lagen die Denkfehler und Ursachen? Ein Erklärungsversuch in fünf Punkten.

1. Clicktivism und Bot-Phantom

Eine Online-Zusage über ein ungeschütztes Webformular erfordert genau zwei Sekunden Zeit und null Verbindlichkeit. In der Wissenschaft spricht man von Slacktivism: Man sichert kurz Klick-Solidarität zu, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Hinzu kommt eine plausible technische Komponente: Ungeschützte Anmeldeseiten sind ein Magnet für Bots, Trolls und automatisierte Skripte, die Klickzahlen künstlich aufblähen. Was die Initiatoren als „Massenbewegung“ feierten, war zu großen Teilen eine Daten-Illusion. Man kann wohl davon ausgehen, dass vielleicht die Hälfte derjenigen erschienen ist, die etwas angeklickt haben, der andere Teil auf Bots oder schlicht Fälschungen der Initiatoren, die vielleicht gehofft haben, durch große Zahlen mehr Leute anzuziehen, zurück zu führen ist.

2. Zu diffus, zu breit, am Alltag vorbei

Vom Bildungssystem über Sozialausgaben bis hin zum Stopp der Wehrpflicht: Das Themenpaket der Organisatoren glich einem Bauchladen für allgemeine Unzufriedenheit. Mit dabei auch wieder das Klima, das unter Jugendlichen ohnehin ein stark rückläufiges Thema ist und eher die grüne Schicht mittleren Alters auf den Plan ruft. Ohne ein messerscharfes Brennpunktthema verpufft jede Durchschlagskraft. Die geforderten Punkte trafen den Nerv der breiten, pragmatischen Jugend schlichtweg nicht, von der Wehrpflicht vielleicht einmal abgesehen – weshalb sich selbst etablierte Vertretungen wie die Bundesschülerkonferenz frühzeitig distanzierten.

3. Keine Köpfe, keine Identifikation

Erfolgreiche Bewegungen brauchen Gesichter. Fridays for Future funktionierte nicht zuletzt über klare Symbolfiguren wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. „Gen Z regelt“ hingegen blieb ein weitgehend anonymes TikTok-Kollektiv. Wer intransparent agiert und kein Vertrauen aufbaut, bringt niemanden dazu, an einem freien Nachmittag die Couch gegen Nieselregen auf dem Marktplatz einzutauschen.

4. Der Mythos der abgehängten Problemviertel

Ein Großteil der biodeutschen Jugend gehört eher dem bürgerlichen Mainstream an, bei dem die angerissenen Probleme kaum eine Rolle spielen. Dort sind die Schulen weitgehend intakt und soziale Probleme bestehen kaum. Anders sieht das in den Problemvierteln aus. Dort gibt es diese Probleme.

Dass sozial benachteiligte Jugendliche oder Migranten aus Brennpunkten solchen Aufrufen trotzdem fernbleiben, ist keine Überraschung. Akademisch-bürgerlich geprägte Schilder-Demos sprechen diese Milieus organisatorisch und inhaltlich schlicht nicht an, Randale schon eher, wie wir aus den Nachbarländern gelernt haben. Wer vom Staat ohnehin wenig erwartet oder ihn gar negiert, schließt sich keinen Plattform-Initiativen an, deren Sprache und Aktionsformen aus einer völlig anderen Lebenswelt stammen.

5. Resignation statt Rebellionslust

Hinter dem Fernbleiben steckt nicht zwingend Faulheit, sondern auch eine nüchterne Erkenntnis: Viele Jugendliche haben nach Jahren des Dauerprotests durchschaut, dass Symbolpolitik auf der Straße nichts bewegt, egal ob sie sich gegen Corona-Maßnahmen, für mehr Klimaschutz, Frieden, Wehrdienst oder sonst etwas richtet. Alles wird schlichtweg von der politischen und der medialen Klasse vollständig ignoriert und beim 2. oder 3. Mal von der Polizei von der Straße geprügelt, wenn es „die oben“ anfängt zu nerven.

Die heutige Jugend agiert pragmatisch. Sie investiert ihre Energie lieber in Ausbildung, Karriere und das eigene Fortkommen, statt Zeit für eine wirkungslose Kulisse zu opfern. Wobei das eigene Fortkommen für immer mehr in einem physischen Fortkommen von diesem mehr und mehr scheitenden Staat bestehen dürfte.

Fazit

Ein viraler Hashtag macht noch keine Bewegung. Ohne echte soziale Bindungen, ohne ehrliche Transparenz, ohne ein konkretes Anliegen und ohne irgendeine Aussicht auf Wirkung bleibt der Protest auf der Straße leer. Die Gen Z ist keineswegs prozessunfähig – sie hat schlicht keine Lust mehr, sich für digitale Scheinriesen vor den Karren spannen zu lassen.