Der Roderich, der Roderich …

Russland hat 2022 völkerrechtswidrig die Ukraine überfallen. Seitdem herrscht Krieg. Was wäre passiert, wenn sie das nicht getan hätte? Nun, man kann es nur vermuten. Meine Vermutung: es würde trotzdem Krieg herrschen und die Front würde den Bogen von Charkow über Rossosch, Kamyschin und Wolgograd (Stalingrad) bis Krasnodar umfassen.

Fassen wir noch mal ein paar historische Fakten zusammen:

  • Die Nichterweiterung der NATO nach Osten wurde zwar nur mündlich versprochen, aber es liegen Aktennotizen aus den USA vor, dass dieses Versprechen tatsächlich gegeben wurde.
  • 2014 besetzte Russland im Gefolge des Maidan die Krim und es kam im Weiteren zu den Minsker Vereinbarungen. Wie Merkel und Hollande in verschiedenen Interviews zugaben, wurden diese von vornherein vom Westen in der Absicht geschlossen, die Ukraine zu bewaffnen, waren also eine Nebelkerze.
  • Danach kam der russische Überfall. Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew in Istanbul wurden wiederum von den Westeuropäern torpediert, dieses Mal in Gestalt von Boris Johnson. Auch das wurde inzwischen von der ukrainische Seite bestätigt und geht weit über eine politisch-moralisch-völkerrechtliche Position hinaus.
  • In der Folge wurde Militärmaterial aller Art und Geld der Ukraine zur Verfügung gestellt. Von US-Seite immerhin noch nach der Lend-and-Lease-Art früherer Zeiten, von den Europäern von vornherein als Beitrag zum Krieg. Von tatsächlicher Neutralität kann da keine Rede sein.
  • Heute ist es so weit, dass die Produktion der Kriegsgüter als angebliches Joint-Venture in Westeuropa erfolgt. Selbst eine formale Neutralität und Nichtbeteiligung am Krieg besteht damit nicht mehr, worauf das russische Außenministerium kürzlich hingewiesen hat.

Der russische Überfall hat Westeuropa auf dem falschen Fuß erwischt. Die Kriegswirtschaft war noch nicht so weit, wie die Ereignisse zeigen. Das soll bis 2030 nachgeholt werden. Die Länder sollen kriegsbereit sein (und nicht etwa verteidigungsbereit). Fast 1 Billion Euro sollen nach EU-Vorstellungen „investiert“ werden. Kostet die Bundeswehr heute vielleicht 50 Mrd. €, halte ich solche Beträge für eine eindeutige Vorbereitung auf einen Angriffskrieg und nicht auf verteidigungsmäßige Abschreckung (wie ich in einem weiteren Artikel zeigen werde, würden ca. 15 Mrd. € pro Jahr genügen, eine reine Verteidigungsfähigkeit nach dem Schweizer Milizmodell und unter Berücksichtigung der Lehren aus dem jüngsten Irankrieg zu erreichen. Die dortige US-Operation ‚Epic Fury‘, die sich angesichts der enormen westlichen Kosten und der Zähigkeit dezentraler Verteidigung immer mehr zum ‚Epic Disaster‘ entwickelt, zeigt eindeutig, dass eine kluge Defensivstruktur jede Großmacht abschrecken und davon abhalten kann, über ein Land herzufallen).

Parallel wurde verbal aufgerüstet. Neben Militärs, die sich dabei belauschen ließen, wie sie die Krim-Brücke pulverisieren könnten, äußerten deutsche Politiker die Ansicht, man müssen den Krieg nach Russland tragen und könne die vielen Bodenschätze doch nicht den Russen alleine überlassen. Sondervermögen über Sondervermögen wurde und wird aufgelegt, um eine aktive Kriegsfähigkeit umzusetzen. Die Propaganda-Maschine läuft auf vollen Touren. Klartext redet derzeit Roderich Kiesewetter von der CDU: das Ziel Westeuropas müsse die (bedingungslose) Kapitulation Russlands und seine Zerschlagung sein.

https://www.focus.de/politik/ausland/europa-muss-auf-die-kapitulation-russlands-hinarbeiten_86fec2de-a6b7-4a62-9464-9143100fa63b.html

Das wird zwar etwas verbrämt formuliert, läuft jedoch mehr oder weniger darauf hinaus und nährt die russische Auffassung, dass sich hier ein Revanchismus für die Niederlage gegen die Rote Armee von 1945 breit macht. Auffallend ist nicht nur, dass hier ein westlicher Politker Völker massiv aufhetzt, sondern dass

  • er willige Mitredner findet, die ins gleiche Horn stoßen,
  • er große Medien findet, die das nahezu ungeschmälert weit verbreiten,
  • er von keiner einzigen politischen oder journalistischen Instanz dieses Landes kritisiert oder zurück gepfiffen wird.

Man kann daraus nur schließen, dass die Kriegsfantasien eines Kiesewetter gemeinsames Gedankengut der Mehrheit der maßgebenden Persönlichkeiten des „willigen Westens“ sind. Will man tatsächlich über Russland herfallen und ist sich nur über den Zeitpunkt nicht einig? Und die Historie lehrt, dass Gedankengut solcher Art nicht plötzlich entsteht, sondern längere Vorlaufzeit hat.

2022 hat die russische Invasion den Westen mitten in der Aufrüstung auf dem linken Fuß erwischt. Jetzt sind 4 Jahre vorbei, die wohl anders genutzt worden wären. Angesichts solcher Äußerungen wie denen von Kiesewetter halte ich es für nicht unwahrscheinlich, dass unter anderen Voraussetzungen die Krim einen passenden Vorwand geliefert hätte, 2024 oder 2025 über Russland herzufallen, was zu dem oben angerissenen Frontverlauf hätte führen können. Und es wäre kein Krieg, der auf die Ukraine begrenzt wäre, sondern ein Krieg unter Beteiligung Westeuropas. Aber das ist nur meine Vermutung.

Leider gibt es in den sozialen Netzwerken jede Menge „Experten“, die die Kriegsfantasien von Roderich & Co gut heißen. Zwei Sachen sollten sich diese Experten allerdings dringend klarmachen:

  1. Russland ist eine Atommacht und wird diese Waffen bei Gefährdung der staatlichen Integrität auch einsetzen.
  2. China hat unmissverständlich klar gemacht, dass eine Niederlage Russlands für China nicht in Frage kommt.

Ich habe die Befürchtung, dass so etwas nicht mehr lange gut geht.