Alle müssen mehr arbeiten!

So der allgemeine Tenor aus den politischen Lagern, oft flankiert vor „wir brauchen Migranten wegen des demagogischen Wandels„. Begründung: der allgemeine Wohlstand verfällt, immer mehr Menschen sind armutsgefährdet (17,6 Mio = 21,2%) oder haben keine eigene Wohnung (inzwischen deutlich über 1 Mio). Und das liegt daran, dass zu wenig gearbeitet wird. Oder Facharbeiter fehlen. Oder beides. Egal, auf jeden Fall: mehr reinklotzen und mehr Migranten und die Sache ist behoben.

Das kommt vorzugsweise von Leuten, die, wenn sie ihre Arbeitszeit verdoppeln würden, immer noch nichts tun (vielleicht abgesehen vom Klopfen blöder Sprüche). Aber davon abgesehen ist die Begründung für die Forderungen bereits grundfalsch. Der Niedergang liegt keineswegs daran, dass zu wenig gearbeitet wird, sondern daran, dass die Politik seit Jahrzehnten die von den Bürgern erzielten Einnahmen systematisch veruntreut hat und das auch weiterhin tut und schlicht und einfach nun feststellt, dass nicht mehr genügend Geld zum weiteren Veruntreuen vorhanden ist.

Woher rührt der Wohlstand? Die verblüffend einfache Antwort auf diese Frage: er beruht auf Sachen, die man aus weniger wertvollen Sachen geschaffen hat und die man nun an andere Leute verkaufen kann. Aus dem Gewinn kann man sich zunächst ernähren, und wenn etwas übrig bleibt, kann man selbst Sachen von anderen kaufen. Wenn das möglich ist, wächst der Wohlstand, weil die Anzahl der Sachen, die einem gehören, wächst. Ganz einfach. Man braucht also zunächst einmal Leute, die in der Lage sind, wertvolle Sachen herzustellen. Darunter fallen nicht nur die Handwerker selbst, sondern auch die pfiffigen Leute, die neue Sachen entwickeln und andere, die unbedarfte Leute zu fähigen Handwerkern ausbilden.

Das läuft um so effektiver, je besser die Infrastruktur ist, also Wege, die geschaffenen Sachen zu verteilen und Organisationsabteilungen, die sich darum kümmern, das möglichst effektiv zu machen. Läuft das gut, baut sich darum noch ein Dienstleistungssektor auf, der für ein wenig Spaß und Ablenkung sorgt. Der kann aber nur existieren, wenn aus dem ersten Prozess genügend übrig bleibt, um auch diese Leute bezahlen zu können.

Leider tendiert dieser Bereich zur Metastasenbildung, auch Bürokratie genannt. Während es völlig klar ist, dass zum Schaffen einer Sache eine bestimmte Zeit notwendig ist (die man minimieren, aber nicht beliebig verkeinern kann) und Ähnliches auch für die Grundorganisation gilt, gilt in den Bürokratiemetastasen „Arbeit dehnt sich genau in dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht“ oder daraus resultierend „der Umfang der zu erledigenden Arbeit ist unabhängig von der Anzahl der Leute„. Die Forderung „alle müssen mehr arbeiten“ führt auf diesem Feld also zu „es muss mehr Zeit mit der gleichen Arbeit gefüllt werden„.

Eine solche Metastase ist somit leicht zu erkennen. Beispielsweise benötigt man eine gewisse Anzahl von Leuten, um die Infrastruktr (Straßen, Schienen) in Ordnung zu halten. Früher hat das mit relativ wenigen Leuten gut funktioniert, heute sind viel mehr Leute in diesem Sektor beschäftigt, aber es funktioniert nicht mehr. Das ist gewissermaßen ein Selbstläufer:

  • Die Politik hat andere Prioritäten und stellt die notwendigen Mitteln nicht zur Verfügung. Tatsächlich dingliche Arbeiten können nicht ausgeführt werden.
  • Die Probleme fallen auf und es werden Leute engagiert, die die Ursachen untersuchen sollen.
  • Die Zeit dieser Leute wird damit gefüllt, die Zeit der bisher beschäftigten Leute mit anderen Arbeiten zu füllen, womit nun wieder alle in Vollbeschäftigung sind und das Problem weiterhin besteht.

Das Problem heute: die hergestellten Sachen sind nicht mehr verkäuflich. Da kein Überschuss mehr geschaffen wird, können auch die nachfolgenden Bereiche nicht mehr bedient werden. Manche Dienstleistungen wie Gastronomie – Entschuldigung, Gas soll ja nicht mehr, also Elektrotronomie aus Erneuerbaren – finden weniger bis gar keine Kunden und müssen aufgeben. Mehr arbeiten, um mehr unverkäufliche Sachen zu produzieren, bringt also nicht mehr Geld in die Kasse, sondern weniger, weil schnell auch nichts mehr da ist, die weniger wertvollen Sachen zu kaufen.

Nebenbei: Rüstungsgüter sind wenig hilfreich, so lange sie vom Produzenten selbst gekauft werden. Rüstungsgüter haben keinen allgemein brauchbaren Wert und sind ohnehin zur baldigen Zerstörung produziert. Rüstungsgüter, sofern man sie nicht weltweit an Kriegsherren verkauft, sind gewissermaßen die Metastasen der Wirtschaft.

Mehr arbeiten in der Produktion bringt also nichts, so lange man nichts verkaufen kann. Mehr arbeiten in der Infrastruktur bringt auch nichts, so lange man keine Mittel hat. Im Gegenteil führt mehr Arbeiten zu neuen Metastaten. Und mehr arbeiten in den Metastasen führt zu noch größerer Behinderung. Mehr Arbeit, wie von den Großkopfeten und Pinocchios gefordert, geht also nach hinten los. Und wenn schon keine sinnvolle Arbeit da ist, gehen Forderungen einer längeren Lebensarbeitszeit ebenfalls nach hinten los, denn Rentner sind billiger als Beschäftigte, die gegen mehr Geld mehr Zeit mit nicht vorhandener Arbeit füllen müssen. Wenn es heißt „in der Rentenkasse ist aber nichts, deshalb muss länger gearbeitet werden„, liegt auch das wieder daran, dass die Gelder systematisch veruntreut wurden. Und längere Arbeitszeit hat nur den Effekt, dass noch mehr Geld veruntreut werden kann.

Da ist ein unbesetzter Arbeitsplatz, keiner meldet sich, wir brauchen Migranten“ ist ebenfalls Unfug. Wenn ein Arbeitsplatz nicht besetzt werden kann, könnte es daran liegen, dass nicht genügend viele Leute ausgebildet wurden, die Arbeit zu erledigen. Wenn man Migranten holt, müsste man die erst einmal ausbilden – was man auch mit hiesigen Leuten versuchen könnte. Das Problem der Nichtausbildung wird lediglich von Leuten, die schon länger hier leben, auf Leute, die doch bitte hierher kommen, verschoben. Wenn man Pech hat, hat man nun zwei statt einem an der Backe, der die Arbeit nicht macht, oder im Glücksfall einen, der die Arbeit macht, während der zweite immer noch keine Arbeit macht, was beides suboptimal ist.

Es könnte aber auch daran liegen, dass die Arbeit an einer Stelle angeboten wird, die für Kandidaten mehr oder weniger unzugänglich ist: der Lebenspartner arbeitet auch und müsste seine Stelle aufgeben (oder man müsste sich scheiden lassen), die Mieten würden den Rest auffressen, für einen Umzug fehlt das Geld oder es gibt Kinder und pflegebedürftige Verwandte, die man ungern oder gar nicht mitnehmen kann.

Mehr arbeiten nützt mithin überhaupt nichts, so lange nicht das Problem beseitigt ist, mit mehr Arbeit nicht mehr Werte produzieren zu können. Würde man das Problem beseitigen, könnte man sich die Aufforderung „arbeitet mehr, ihr faules Pack“ auch sparen, weil das von alleine passieren würden.