Die Sache mit der Loyalität

    Die ZEIT hat neulich vermutlich zufällig auf eines der inzwischen größten Probleme des Landes aufmerksam gemacht. Man ist gewohnt, im Großen zu diskutieren: Energiepreise, Wirtschaftsabschwung, Teuerung usw. Dabei wird der einzelne Mensch aus dem Visier gezogen, und der hat erheblichen Einfluss darauf, was läuft und was nicht. Es lohnt sich, mal hinzuschauen.

    Der Aufhänger sind die beiden Arbeiter bei der Blohm&Voss-Werft, die ein Schiff der Bundeskriegsmarine sabotiert haben, in dem sie physisch Sand ins Getriebe und den Motor geworfen haben. Das überstehen selbst Schiffsmotoren und begrenzte Zeit. Es brauchte aber schon einen ausgewachsenen Admiral, um Russland dahinter zu vermuten. Selbst die allseits bereite Systempresse ist nicht auf die Idee gekommen, es Putin in die Schuhe zu schieben – dem eigentlichen Schuhinhaber allerdings leider auch nicht.

    Die beiden Übeltäter sind ein griechischer und ein rumänischer Zeitarbeiter, die seit 2022 für die Werft arbeiten und zum Lohn in Käfighaltung gehalten werden: ein Einfamilienhaus wurde für die „Gastmonteure“ reserviert, und bei der Anzahl der „Gastmonteure“ kann man wohl von mehreren Etagenbetten pro Zimmer ausgehen, wie man es zu Beginn der Gastarbeiter-Ähra in den 1960er-Jahren bei Türken gewohnt war (und auch noch in diesem Jahrhundert in der westfälischen Fleischindustrie). Das Problem bei diesen „Gastmonteuren“: wenn man sie mangels Aufträgen nicht braucht, werden sie auch schnell mal „entgastet“. Die Gegenwehr: man sorgt dafür, dass die Schiffe länger im Dock bleiben, beispielsweise durch Sand im Getriebe. Und genau das ist wohl passiert, und weil das derart offensichtlich ist, kam nicht mal die Qualitätspresse auf die Idee, nach Putin zu rufen.

    Nun muss man feststellen: alles einschließlich der Zeitarbeitsfirma gehört Blohm&Voss. Arbeit muss so billig wie möglich sein, also schafft man sich moderne Sklaven. Und der andere Arm, die Gewerkschaft (hier die IG Metall), der sich um solche Missstände kümmern müsste (arbeitsrechtlich müss(t)en Arbeiter, die seit 2022 ununterbrochen für den Laden schuften, längst in Dauerbeschäftigung überführt worden sein), ist derart damit beschäftigt, sich an den Beiträgen der unbelehrbar verblödeten, die immer noch der Gewerkschaft angehören, zu bereichern, dass sie dazu nicht kommt: der Schwager von Gewerkschaftsfunktionär A ist Vorstand bei Blohm&Voss, seine Frau ist im Aufsichtsrat usw. Und damit ist das Problem formuliert:

    Die Firma erwartet absolute Loyalität ihrer Belegschaft, ohne selbst ihr gegenüber auch nur infinitesimal loyal zu sein (Ähnliches erlebt man derzeit bei VW, wo Leute rausgeworfen werden, während sich der Vorstand über buchhalterische Tricks „Boni“ bis zu 1,75 Mio € genehmigt). Quid pro quo. Warum sollten sie noch loyal sein?

    Das Problem tritt hier ziemlich drastisch durch offene Sabotage zu Tage, ist aber sehr viel allgemeiner, denn es ist inzwischen in der gesamten Republik so, dass von oben her Loyalität erwartet wird, ohne dass etwas zurück kommt. Der stille Vertrag, dass der normale Bürger erwarten kann, dass sein Wohlstand gewahrt wird und er seine Ziele mit etwas Mühe auch erreichen kann, ist längst gebrochen. Man darf schuften, kommt nicht weiter und sieht zusätzlich noch voll rundum versorgte „Flüchtlinge“ faul in der Gegend herum lümmeln (denen es, das sollte der Vollständigkeit halber hinzu gefügt werden, nicht besser geht, denn es gibt für sie auch keine wirkliche Chance, aus der Herumlümmelsituation auszubrechen). Warum also sich auf der Arbeit noch bemühen, zumal be

    sonderer Fleiß im Sozialismus ohnehin dazu führt, dass die Normen angehoben werden, ohne das man etwas davon hat?

    Wir erleben diese unterschwellige Sabotage, die Kündigung der Loyalität dem System gegenüber, täglich. Man will etwas vom Amt oder von eigenen Arbeitgeber? „Beantragen Sie einen Termin! Vielleicht in 6 Wochen.“ Alles wird buchstabengetreu bis zum abschließenden Punkt bewertet, und das bloß nicht zu schnell! Standardlosung in den Verwaltungen: „Was du morgen kannst besorgen, das verschieb auf Übermorgen.“ Die ToDo-Listen sind meist weniger umfangreich als die LetItBe-Listen.

    Beispiele für die resultierend Inflexibilität noch aus Corona-Zeiten, in denen Beschäftigte PCR-Tests vorlegen mussten: (1) Die Tests waren 10 oder 12 Stunden gültig, und Arbeitnehmer wurden aufgefordert, die Arbeitsstelle um 16:20 Uhr zu verlassen, weil die Gültigkeit abgelaufen war (normales Dienstende 17:00 Uhr). (2) An Wochenenden waren Beschäftigte mutterseelenallein auf der Arbeitsstelle. Der Betrieb verlangte trotzdem einen gültigen PCR-Test (was nicht so einfach war, denn die meisten Test-Stellen hatten am Wochenende geschlossen).

    Das geht so weiter: einfacher Antrag bei irgendeiner Stelle gestellt: (1) Man ist nicht zuständig, stellt das aber erst nach mehreren Wochen fest. (2) Der Antrag enthält Formfehler, die erst beseitigt werden müssen. Auch das erst nach Wochen. Zurück auf START. (3) Man könnte dem Antrag durchaus entsprechen, das läge durchaus im Ermessensspielraum. Aber warum anderen etwas zugestehen, wenn es einem selbst dreckig geht? Wenn man von oben allenfalls einen Rüffel bekommt, aber nie ein Lob? Genau! Man lehnt ab, weil in der Vorschrift der Farbton RAL 4711 steht und der Antragsteller RAL 4708 beantragt. Das geht gar nicht! Und auch das dauert wieder Wochen.

    Und so geht das ganz allgemein weiter. Kleiner Auffahrunfall mit schnell behebbarem Lackschaden? Die Aussage der Werkstatt „machen wir für 300€“ geht gar nicht! Die Versicherung besteht auf einem Gutachten (kostet). Der Gutachter macht nach Rücksprache mit der Werkstatt ein „nicht mehr fahrtüchtiges Fahrzeug“ daraus (kostet). Der Eigentümer des Vehikels findet das komisch, doch der Anwalt der Werkstatt (!) überzeugt ihn, dass das so sein muss (kostet). Die Reparatur (Schleifen und Lackieren) dauert 4 – 6 Wochen und kostet 5.000 – 6.000 €. Auf den schrägen Blick des Eigentümers hört dieser von der Werkstatt „ein bisschen müssen wir ja auch verdienen“. Und der Sachbearbeiter bei der Versicherung hakt einfach nur ab. Ist ja nicht sein Geld. War zwar ein ausgemachter Versicherungsbetrug, aber den kann man an die Versicherten weiter reichen. Jeder weiß, dass die Kosten steigen, also was soll’s?

    Fazit: Arbeit wird, wenn sie überhaupt noch gemacht wird, schlecht gemacht. Was verhindert werden kann, wird verhindert, was nicht verhindert werden kann, wird trotzdem verhindert. Und wenn irgendwo Profit aus dem Ganzen zu holen ist, dann macht man das, weil man weiß, dass die Kontrollen genauso nicht funktionieren und die Sabotage nicht auffällt.

    Das Establishment hat den Vertrag gebrochen, verlangt aber weiter Loyalität. Nur bekommt es die nicht mehr und das System versumpft noch schneller. Und das Problem: selbst wenn man die Spitze austauschen würde und die neue Spitze vorhat, den Vertrag zu erneuern und einzuhalten: unten ist so viel kaputt gegangen, dass auch der Reparaturversuch mutmaßlich schief geht. Erst wenn alles am Boden liegt und es keinem mehr besser geht als dem nächsten, besinnt man sich vielleicht eines Anderen.