THE SAME PROCEDURE – NICHTS NEUES UNTER DER SONNE

Über die menschliche Lern(un)f ähigkeit im Angesicht des Krieges

von Joseph Hueber

Kein Silvester ohne Dinner for one, britischer Dauerbrenner seit über 50 Jahren im deutschen Bezahlfernsehen. Worum geht es? Der Hausdiener einer begüterten alten Dame stolpert,  während er beim jährlichen Dinner, veranstaltet für bereits Verstorbene, serviert,  unter eingespieltem Dauergelächter, über den Kopf eines am Boden liegenden Tigerfells, weil er auf das Wohl der Jenseitsgäste im Namen der leicht dementen Lady ständig anstoßen muss und zunehmend beschwipst wird. Seine Fragen nach ihren Wünschen bei Tisch werden stets mit the same procedure as every year beantwortet. 

Der gewagte Sprung in die Gegenwart 

Die gequälte Komik des stolpernden Dieners  kann, gegenwartsbezogen, auch als tragische Unfähigkeit des Menschen, aus der Vergangenheit zu lernen, gelesen werden. Man möge an das Bonmot Mark Twains denken: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“

Stefan Zweig, (* 1881 in Wien, † 1942 in Petropolis), österreichischer, jüdischer Schriftsteller, erzählt in seinem Buch Die Welt von gestern, im Rückblick auf den 1. Weltkrieg, von der Kriegsbegeisterung sowohl der Eliten, als auch der ganz normalen Bevölkerung.

Der Leser sei hier eingeladen, aktuelle Ähnlichkeiten, Parallelen zu Zweigs Analyse der Kriegsbegeisterung 1914  herzustellen – oder sie als unangemessen abzulehnen. Also lautet die Frage: Haben wir es heute mit einer Art same procedure zu tun? Einer Wiederholung nach einem Muster dessen, wie die Menschen angesichts einer direkten oder indirekten Betroffenheit vom Krieg denken, wie sie reagieren ?

Die folgende Zitatensammlung ist eine Zusammenstellung von Zweigs Gedanken in Form eines Fließtextes zur besseren, flüssigen Lesbarkeit. Statt Anführungs- und Schlusszeichen wurde der Schrägdruck bei Zitaten gewählt. Kleine, für den Sinn nicht notwendige Auslassungen, sind nicht gekennzeichnet.

Die Wandlung vom Pazifisten zum Kriegsbegeisterten / die

Unfähigkeit, miteinander zu reden

Allmählich wurde es in diesen ersten Kriegswochen von 1914 unmöglich, mit irgendjemandem ein vernünftiges Gespräch zu führen. Die Friedlichsten, die Gutmütigsten waren von dem Blutdunst wie betrunken. Freunde, die ich immer als entschiedene Individualisten und sogar als geistige Anarchisten gekannt, hatten sich über Nacht in fanatische Patrioten verwandelt… Kameraden , mit denen ich seit Jahren nie einen Streit gehabt, beschuldigten mich ganz grob, ich sei kein Österreicher mehr. Ja, sie deuteten sogar vorsichtig an, dass man Ansichten wie jene, dass dieser Krieg ein Verbrechen sei, eigentlich zur Kenntnis der Behörden bringen sollte , denn „Defaitisten“… seien die schwersten Verbrecher am Vaterlande.

Das Erschütterndste an diesem Wahnsinn aber war, dass die meisten dieser Menschen ehrlich waren.

Begeisterung der Eliten

…meinten die meisten unserer Dichter ihr Teil am besten zu tun, indem sie die Begeisterung der Massen stärkten …mit dichterischem Appell oder wissenschaftlichen Ideologien unterbauten.

Feierlich verschworen sich die Schriftsteller, nie mehr mit einem Franzosen, nie mehr mit einem Engländer Kulturgemeinschaft haben zu wollen, ja mehr noch: sie leugneten über Nacht, dass es je eine englische, eine französische Kultur gegeben habe. So wollten sie ihrem Volk durch die Sprache dienen und es das hören lassen, was es hören wollte: dass das Recht einzig auf seiner Seite sei in diesem Kampf und das Unrecht auf der andern, dass Deutschland siegen werde und die Gegner schmählich unterliegen. …Aber schon nach kürzester Zeit wurde erkennbar, welches fürchterliche Unheil sie mit ihrer Lobpreisung des Krieges und ihren Hassorgien anstifteten.

Medien und Journalismus

Krieg lässt sich mit Vernunft und gerechtem Gefühl nicht koordinieren. Er braucht einen gesteigerten Zustand des Gefühls, er braucht Enthusiasmus für die eigene Sache und Hass gegen den Gegner.

Die Schriftsteller, die Journalisten hatten die Hasstrommel zu schlagen und schlugen sie kräftig, bis jedem Unbefangenen die Ohren gellten. Gehorsam dienten sie fast alle der „Kriegspropaganda“ und damit dem Massenwahn und Massenhass des Krieges. Und so verwandelte sich der opfermutige Enthusiasmus allmählich in eine Orgie der schlimmsten und dümmsten Gefühle.

Hass auf die Kultur des Feindes

Shakespeare wurde von den deutschen Bühnen verbannt, Mozart und Wagner aus den französischen, den englischen Musiksälen, die deutschen Professoren erklärten, Dante sei ein Germane, Beethoven sei ein Belgier gewesen. Frauen der Gesellschaft schworen, dass sie zeitlebens nie mehr ein Wort französisch sprechen würden.

Krieg gegen die Vernunft

Was wussten 1914, nach fast einem halben Jahrhundert des Friedens, die großen Massen vom Kriege? Der Krieg von 1914 wusste nichts von den Wirklichkeiten, er diente noch einem Wahn, dem Traum einer besseren, einer gerechten Welt. Und nur der Wahn, nicht das Wissen macht glücklich.

Immer absurder wurde die Geistesverwirrung. Keine Stadt, keine Gruppe, die nicht dieser grauenhaften Hysterie des Hasses verfiel.

Der Aufbau einer europäischen Kultur

Nach einigen Wochen übersiedelte ich, entschlossen, dieser gefährlichen Massenpsychose auszuweichen, in einen ländlichen Vorort, um mitten im Kriege meinen persönlichen Krieg zu beginnen: den Kampf gegen den Verrat der Vernunft an die aktuelle Massenleidenschaft. Ich schrieb einen Aufsatz, betitelt „An die Freunde im Fremdland“, wo ich in gerader und schroffer Abweichung von den Hassfanfaren der andern das Bekenntnis aussprach, allen Freunden im Ausland, möge auch jetzt eine Verbindung unmöglich sein, treu zu bleiben, um mit ihnen bei erster Gelegenheit wieder gemeinsam am Aufbau einer europäischen Kultur zu arbeiten.

Zu meiner Überraschung zögerte das „Berliner Tageblatt“ nicht, ihn unverstümmelt abzudrucken. Nur ein einziger Satz – „wem auch immer der Sieg zufallen möge“- fiel der Zensur zum Opfer, weil auch der leiseste Zweifel daran, dass Deutschland als selbstverständlicher Sieger aus diesem Weltkrieg hervorgehen werde, damals nicht gestattet war.

[So] trug mir der Aufsatz einige entrüstete Briefe von Überpatrioten ein, sie verständen nicht, wie man in einer solchen Stunde noch mit diesen schurkischen Gegner Gemeinschaft haben könne.

Ein aktuelle Meldung: Netrebko in Berlin

„Drinnen ausverkauftes Haus, draußen Protest; der Auftritt von Opernstar Anna Netrebko in der Berliner Staatsoper sorgt für Diskussion. Vor dem Opernhaus protestierten den ganzen Abend über Gegner des Auftritts. Sie schwenkten ukrainische Fahnen, zeigten Plakate und riefen „No Netrebko!“, „Schande Netrebko“ oder „Schande Publikum“.

https://www.epochtimes.de/feuilleton/opernstar-anna-netrebko-tritt-wieder-in-berliner-staatsoper-auf-a4411034.html