Das Sterben der Sprachen

Neben dem Artensterben existiert auch ein Sprachensterben: jährlich stirbt eine erkleckliche Anzahl der geschätzt 6.500 Sprachen mit seinen letzten Sprechern aus. Mit Sprachen sind auch lokale Dialekte größerer Hochsprachenfamilien gemeint, etwa das Plattdeutsche, Schwäbische oder Bayerische im Deutschen.

Mancher wird vielleicht denken, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn die primitiven Dialekte zu Gunsten der Hochsprache verschwinden. Allerdings muss man das umgekehrt betrachten: die Hochsprache ist oft nur der größte gemeinsame Teiler der Dialekte. Lokal sind oft viele Idiome bekannt, die gar keinen Eingang in die Hochsprache gefunden haben. Kann der  hochsprachlich gebildete Großstädter beim Begriff „Schnee“ gerade einmal zwischen dem bekannten Schnüffelstoff und einer weißen Landschaft diskriminieren, kennen Bergbewohner sicher 5-10 auch idiommäßig differenzierte Varianten, und bei den Inuit dürfte die Zahl vermutlich 20-30 betragen, wenn sie halbwegs sicher sein wollen, nach einer ausgedehnten Tour durch die Eisfelder auch wieder zu Hause anzukommen. Gleiches gilt auch für Fischer an den Meeresküsten, die mit der Unterscheidung Flaute, Wind und Sturm nicht auskommen, um ihre Fahrt so zu planen, dass sie nicht unterwegs absaufen.

Viele solcher Idiome verschwinden natürlich auch auf normale Art: der Inuit ist heute zivilisiert, d.h. er ist arbeitslos, viel zu fett dank gesunder Nahrung, die ausschließlich aus Fett, Zucker und Ölen besteht, und hat schlechte Zähne, aber zu wenig in der Natur, um die alten Differenzieungen noch zu benötigen, und auch der moderne Fischer auf Hochseetrawlern mit jeder Menge Kommunikationstechnik an Bord bekommt heute von den Instrumenten gesagt, wie das Wetter wird. Aber auch das, was übrig bleibt, unterscheidet sich noch hinreichend von der Hochsprache, und so mancher ist froh, beispielsweise in Ostfriesland an der Tür „We proten ook Hoogduits“ zu lesen.

Die Zahl der Sprecher lokaler Sprachen wie etwa Plattdeutsch (das es in dem Sinne gar nicht gibt, denn ein Dorf weiter hört sich der gleiche Satz oft ganz anders an) nimmt stetig ab, was bedauert wird. Schuld daran sind allerdings die lokalen Sprecher selbst. Aufgrund der Mobilität der Gesellschaft bestehen die lokalen Gemeinschaften vielfach aus „Halfplatten“, also Leuten, die Platt verstehen, aber nicht sprechen. Aus gutem Grund. Lässt sich ein Halfplatter mit dem in Emden völlig korrekten Satz „Ick will de Schoe koopen“ in Norden vernehmen, genügt dem Eingeborenen ein kurzer Blick, um festzustellen „kein Emder“ (dem würde er nämlich nicht in die Parade fahren), sondern Ex-Ruhri, und schon fährt er dem Sprecher lautstark mit der Korrektur „DAT HEISST SCHKAU!!“ über den Mund (nach Schätzungen sind etwa 30 Jahre und mehrere Umzüge vor Ort notwendig, um nicht auf Anhieb als Exausländer erkannt zu werden). Nach 3-4 solchen Korrekturen, für die man nur 3-4 Sätze wörtlich wiederholen muss, die man gerade von einem Dritten gehört hat, vergeht auch dem coolsten Exruhri die Lust, es weiter mit dem Sprechen von Platt zu versuchen. Und so lässt naturgemäß die Restmasse der Dialekt.Sprecher immer mehr nach.

Was nun nicht heißt, dass der Zuzügler nicht die lokale Sprache auch bereichern könnte. Begriffe wie Knifte, Zichte, Bremsklotz oder Mottek verwandeln die Gesichter der Lokalmatadore in lebende Fragezeichen, und dem alten Ruhri locker von der Zunge rutschende Namen wie Czylinski, Czerny oder Rdzacky sind in Ostfriesland nur von den Testtafeln beim Augenarzt bekannt (was umgekehrt auch den Augenarzt erstaunt, wenn auf die Aufforderung „Lesen Sie mal!“ die Antwort „Was heißt lesen? Ich kenne den Kerl!“ kommt). Allerdings ist die Aufnahmebereitschaft der Lokalsprecher für neue Begriffe anscheindend ähnlich stark ausgeprägt wie die Fähigkeit der Zuzügler, auf Anhieb die richtige Betonung für ein plattdeutsches Wort zu finden.

Die Erfahrung mit dem problemlosen Prononcieren der Namen kann man allerdings nur bei alten Ruhris mache. Beim modernen Ruhri kann man eher auf „schhh, rzzz .. ey, is deine Mudder schwul, Alder? Zisch ab, oder isch mach disch Messer, du Opfer!“ stoßen. Da so genannte Sprachwissenschaftler in solchen Wortaneinanderreihungen eine sprachliche Neuschöpfung der Umgangssprache sehen und in Verzückung geraten, wenn der Sprecher „Ey, pass auf! Isch weiß, wo dein Haus wohnt!“ von sich gibt, rutschen nicht nur die lokalen Dialekte, sondern auch die Hochsprache inzwischen ab. Von der Tendenz profitieren dürften allenfalls Hacker, da die Zahl der potentiellen Passwörter, mit denen ein Computer abgesichert werden kann, von ca. 20.000 auf vielleicht 600 in manchen Großstädten gefallen sein dürfte.

Die Hochsprachen entwickeln sich mit der Ausrede „Internationalisierung“ obendrein zu Subsprachen. Anglizismen substituieren inzwischen in einem großen Umfang deutsche Worte. Ein Satz wie „Ich musste die Harddisk neu formatieren, weil der falsch gesteckte Jumper zur data corruption geführt hat und der Computer gecrasht ist.“, der in Deutsch etwa „Ich musste die Festplatte neu formatieren, weil die Daten durch eine falsch gesetzte Steckbrücke beschädigt wurden und der Rechner abgestürzt ist.“ lautet, gehört noch zu den harmlosen Beispielen. Zugegeben, „Junior Sales Management Assistent“ hört sich deutlich pompöser an als „Aushilfsverkäufer“, und wenn der dann noch auf die Compliance beim Gespräch mit dem Customer achtet, hat er auch Aussicht, in seinem Job promoted zu werden. Sofern der Kunde aber „If you think, you can beat me over the ear, you are on the woodway“ mault, ist es vorbei mit der guten Laune. Kurz und gut, was soll sprachlich eigentlich herauskommen, wenn ein deutscher Konzern mit einem deutschen Auftragnehmer einen Vertrag zur Ausführung von Arbeiten in einem deutschen Konzernbetrieb abschließt, in dem festgelegt ist, dass man sich in Gesprächen vor Ort und in Schriftstücken auf Englisch zu äußer hat.

Wer jetzt „scheiß Englisch“ stönt, verkennt allerdings, dass die native Speakers genauso gekniffen sind wie die foreign Speakers und alles andere als von dem Internationalisierungshype profitieren. Wie schon beim Übergang Dialekte->Hochsprache finden wir auch bei Hochsprachen->InternationalSprech eine Reduktion auf den größten gemeinsamen Teiler. Wollen sich die englischen Sprecher mit ihren internationalen Freunden verständigen, müssen sie zwar keine Fremdsprache erlernen, können aber von ihrem überaus reichen Sprachschatz auch nur das verwenden, was allgemein verstanden wird. Schauen Sie mal ein simples deutsches Verb in Englisch nach, und Ihnen purzeln u.U. 20 verschiedene Worte entgegen, die alle verschiedene Nuancen bedeuten (umgekehrt ist das genauso: auf ein englisches Verb kommen ebenfalls viele deutsche Abstufungen). Verwendet wird im Grunde nur das Primitivum, die Feinheiten fallen weg. Diese Einschränkungen treffen dummerweise genau die Gesellschaftsschichten, die eigentlich die Vielfalt tragen sollen, denn genau die haben die meisten internationalen Kontakte.

Wohin die Reise geht, ist schwer auszumachen. Bewegen wir uns in Richtung eines oberflächlichen Sprachmatsches, oder resultieren doch neue Feinheiten aus dem Eintopf? Ich befürchte eher ersteres, aber es mag auch sein, dass das altersbedingt ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.