Mogelpackung „Bruttoinlandsprodukt“ (BIP) und die Folgen

Vermutlich dürfte es dem einen oder anderen schon aufgefallen sein, dass in der Politik immer von Erfolgen die Rede ist, wenn das BIP steigt, während es für den Bürger real bergab geht. Wobei in der Regel die Inflation schon eingerechnet wird, d.h. die Rechnung 1% BIP-Wachstum und 3% Inflation ergeben 2% Wirtschaftseinbruch gilt nicht.

Im BIP steckt zwar die Summe aller erzeugten Güter und Dienstleistungen drin, aber es macht keine Aussage, wo und für wen die Güter produziert und wo das Geld eingesetzt wurde. Beispiel: der Bürger verdient das gleiche wie im letzten Jahr, aber Merz & Co. haben sich die Minister- und Abgeordnetendiäten erhöht und der Lild-Chef hat mehr Geld verdient = das BIP ist gestiegen, aber nichts ist beim Bürger angekommen. Oder: der Staat nimmt einen Kredit auf und kauft Waffen (wie derzeit), von denen der Bürger absolut nichts hat = das BIP steigt, während es dem Bürger gleichzeitig schlechter geht (die Kredite müssen bedient werden) und die zivile Wirtschaft abkackt.

Das BIP sagt folglich überhaupt nichts darüber aus, wie robust eine Volkswirtschaft ist. Es ist eine theoretische Zahl, hinter der man sich als Politiker verstecken oder die man sogar manipulieren kann, indem man beispielsweise Kredite aufnimmt und das Geld irgendwo verschwendet.

Wenn man wirklich ermitteln will, wie gut es einem Volk geht, muss man anders rechnen. Was braucht/erwartet der Einzelne? Elon Musk könnte sich beispielsweise pro Tag 10.000 Filetsteaks kaufen – essen kann er aber genau wie der Durchschnittsverdiener nur eines und dann ist er satt. Ähnliches gilt für alle anderen Bereiche: der Reiche könnte theoretisch, in der Praxis liegen Reiche und Normale gar nicht weit auseinander. Ehrlichere Bewertungsmaßstäbe werden von Statistikern angelegt und kümmern sich nicht um den Geldbetrag, sondern konkrete Lebensumstände und Teilhabemöglichkeiten.

1. Die Quote der materiellen und sozialen Deprivation (Eurostat)

Das offizielle Statistikamt der EU (Eurostat) nutzt ein System, das nicht das Bankkonto misst, sondern abfragt, auf welche konkreten Dinge des täglichen Lebens Haushalte aus Geldmangel verzichten müssen.

Eurostat prüft bei Bürgern 13 feste Kriterien:

Auf Haushaltsebene:

  1. Unerwartete Ausgaben in Höhe einer festen Summe bestreiten können.
  2. Eine Woche Urlaub im Jahr woanders als zu Hause verbringen.
  3. Mietschulden oder Rechnungen rechtzeitig bezahlen.
  4. Die Wohnung angemessen beheizen.
  5. Zugriff auf einen Pkw für den privaten Gebrauch haben.
  6. Abgewohnte Möbel ersetzen können.

Auf persönlicher Ebene:

  1. Regelmäßig jeden zweiten Tag eine hochwertige Mahlzeit (Fleisch, Fisch oder gleichwertig vegetarisch) essen.
  2. Ein kleines Geld für sich selbst zur freien Verfügung haben („Taschengeld“).
  3. Regelmäßig an Freizeitaktivitäten teilnehmen (z. B. Sport, Kino, Kneipe).
  4. Einmal im Monat Freunde/Familie zum Essen oder Trinken treffen.
  5. Zwei Paare passende Schuhe besitzen.
  6. Abgetragene Kleidung durch neue (nicht gebrauchte) ersetzen.
  7. Eine funktionierende Internetverbindung zu Hause haben.

Wie das bewertet wird:

Wer sich mindestens 5 dieser 13 Punkte aus finanziellen Gründen nicht leisten kann, gilt statistisch als erheblich materiell und sozial depraviert (von normaler gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen).

2. Der Befähigungsansatz (Capability Approach)

Der Nobelpreisträger Amartya Sen hat als Kritik formuliert: Wohlstand bedeutet nicht, wie viel Geld da ist, sondern welche tatsächlichen Handlungs- und Lebensmöglichkeiten (Capabilities) ein Mensch im Alltag hat.

Nach Sen ist eine Gesellschaft dann wohlhabend, wenn die Menschen die reale Freiheit besitzen:

  • Sich gesund zu ernähren.
  • Am sozialen Leben (Kneipe, Kultur, Vereine) ohne Scham teilzunehmen.
  • Ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben.
  • Mobil zu sein (ob durch Auto oder guten Nahverkehr).

Dieser Ansatz dient heute weltweit als Grundlage für moderne Armuts- und Reichtumsberichte (z. B. beim Human Development Index der UN).

3. Der Budgetstandard-Ansatz (Reference Budgets)

In einigen Ländern (u. a. Schweden, Belgien oder über Forschungsprojekte der EU) wird mit sogenannten Referenz-Budgets gearbeitet:

Danach wird gemessen, wie viel Prozent der Haushalte über genau diesem Wert liegen.

Experten stellen zusammen mit Bürgern einen konkreten Güter- und Dienstleistungskorb auf, der für ein würdevolles und verankertes Leben notwendig ist (inklusive Kneipenbesuch, Urlaub, Mobilität und Rücklagen).

Es wird berechnet, was dieser spezifische Warenkorb in einer Region aktuell in Euro kostet.

Man müsste diese Ansätze noch durch allgemeinere Lebensbedingungen und Investitionsbetrachtungen ergänzen wie

  • Reicht in einer Ehe ein Alleinverdiener oder müssen zwangsweise beide arbeiten? Das wird besonders kritisch, wenn man an den Nachwuchs denkt:
  • Kann man sich ein Kind oder mehrere leisten, nicht nur als Kleinkind (das Betreuung braucht, siehe Alleinverdiener), sondern auch als junger Erwachsener, wenn die Ausbildung finanziert werden muss?
  • Sind Lebensträume wie Wohnungs- oder Hauseigentum realisierbar?

Es ist ziemlich schnell zu sehen, dass es nach den offiziellen noch sehr vielen Leuten gut geht, es aber im langfristigen Vergleich bereits heute katastrophal aussieht: konnte in der Zeit des Wirschaftswunder in den 1970er Jahren ein Handwerkergeselle davon ausgehen, 2 – 3 Kinder groß zu ziehen und sich eine Wohnung oder ein Häuschen zu leisten, das weit vor der Rente abbezahlt war, so liegt Eigentum heute selbst für Akademikerpaare nicht selten oberhalb des Erwartungshorizonts und eine Reproduktionsrate deutlich unter 2, also weit ab vom Bestandserhaltenden, zeigt, wie es um „ich kann mir ein Kind leisten“ bestellt ist.

Es ist klar, dass Politiker solche Rechnungen nicht sehen wollen, zeigen sie doch deutlich, dass sie entweder Totalversager oder völlig korrupt sind. Konkret sieht es derzeit – nur die offiziellen Statistiken betrachtet und Langfristeffekte ausgelassen – so aus:

1. Entwicklung in Deutschland (Materielle & soziale Deprivation)

Die Statistik erfasst den Anteil der Menschen, die sich mindestens 5 der 13 definierten Alltagskriterien (Urlaub, Heizen, soziale Treffen, Kleidung etc.) finanziell nicht leisten können:

JahrQuote in % (Deutschland)Betroffene Menschen in DeutschlandHaupttreiber / Kontext
20195,4 %ca. 4,5 Mio.Vor-Corona-Niveau
20214,3 %ca. 3,6 Mio.Abgesichert durch Corona-Hilfen & Sparüberhang
20226,1 %ca. 5,1 Mio.Beginn des Inflations- und Energieschocks
20236,9 %ca. 5,8 Mio.Spürbarer Anstieg bei Grundnahrungsmitteln & Mieten
20246,5 %ca. 5,5 Mio.Verharren auf hohem Niveau trotz leicht sinkender Inflation
2025~ 6,3 %ca. 5,3 Mio.Kaum Erholung im breiten Mittelstand

Hinweis: Wenn man die „erweiterte Deprivation“ ansetzt (Verzicht auf mindestens 3 der 13 Punkte), liegt die Quote in Deutschland sogar regelmäßig bei über 12 % (mehr als 10 Millionen Menschen).

2. Woran es im Alltag konkret scheitert

Schaut man sich die 13 Einzelkriterien von Eurostat für Deutschland an, zeigt sich genau, welche Lebensbereiche als Erste gestrichen werden:

Unerwartete Ausgaben (z.B. Reparatur 1.100 €)   ──►  ca. 30 % bis 32 % können das nicht aufbringen
1 Woche Jahresurlaub woanders                   ──►  ca. 22 % bis 25 % müssen verzichten
1x im Monat Freunde/Familie zum Essen/Trinken  ──►  ca. 11 % bis 13 % fehlt das Geld
Regelmäßige Freizeitaktivitäten (Kino, Kneipe)  ──►  ca. 15 % können sich das nicht leisten

3. Vergleich im Europäischen Raum (Auswahl)

Die Statistik zeigt auch sehr deutlich, dass reines BIP-Wachstum eines Landes nicht bedeutet, dass die Bürger automatisch seltener auf Alltagswohlstand verzichten müssen:

LandMaterielle & soziale Deprivation (ca.-Werte)Besonderheit
Schweden / Finnland~ 2 % bis 3 %Hohe soziale Absicherung, geringe Verzichtsquote
Österreich~ 4 % bis 4,5 %Stabil unter dem EU-Durchschnitt
Deutschland~ 6,3 % bis 6,9 %Im EU-Mittelfeld, aber mit steigendem Trend seit 2021
EU-Durchschnitt~ 9,0 %Gesamtschnitt aller 27 Mitgliedstaaten
Griechenland / Rumänien~ 25 % bis 30 %Jede vierte bis dritte Person von Verzicht betroffen

In diesen Daten fehlt noch die Berücksichtigung der verschiedenen Altersklassen. Ältere Menschen, die noch die Aufschwungjahre mitgemacht haben, sind oft sehr gut versorgt, auch wenn das mittlerweile relativ wird, denn auch Eigentum ist heute schnell weg, wenn der alte Mensch pflegebedürftig wird. Man kann fast nur hoffen, dass er dement wird, dann bekommt er wenigstens nicht mit, wie sein Lebenswerk vernichtet wird und seine Kinder in die Röhre schauen.

Beim mittleren Altersquantil fängt es aber an, unangenehm zu werden, weil dann die genannten Zusatzkriterien wirken, und wirklich haarig wird es bei der heutigen Jugend: was heute abläuft, wird in der Soziologie als die Entkopplung von Bildung, Leistung und Wohlstand bezeichnet. Früher galt die Formel: Höhere Bildung = Automatisch höherer Lebensstandard und Absicherung. Heute erlebt die jüngere Generation eine völlig veränderte Realität.

1. Die Verschiebung des „Aufstiegsversprechens“

Früher reichte ein solides akademisches Studium oder eine gute Ausbildung oft aus, um mit 30 Jahren ein Haus zu bauen, ein Auto zu fahren, eine Familie zu ernähren und Rücklagen fürs Alter zu bilden.

Heute stellt ein junger Ingenieur oder IT-Spezialist oft fest:

  • Einstiegsgehälter vs. Lebenshaltungskosten: Das Gehalt klingt auf dem Papier zwar gut, verpufft aber zu einem großen Teil in hohen Mieten, Abgaben und Energiepreisen.
  • Das Eigenheim-Paradoxon: Früher konnte man sich ein Haus über ein normales Ingenieursgehalt ersparen und abbezahlen. Heute sind Grundstücke und Baupreise so stark gestiegen, dass ein Eigenheim für breite Schichten junger Akademiker ohne Erbe oder Vermögen der Eltern schlicht unbezahlbar geworden ist.

2. Der Vergleich: Früher vs. Heute

LebensbereichBaggerfahrer / Facharbeiter (früher)Ingenieur / Akademiker (heute)
WohnenEigenheim mit Garten oft mit einem Gehalt machbarHohe Miete im Ballungsraum frisst großen Teil des Nettoeinkommens
Pro-Kopf-KaufkraftNiedrigere Abgabenquote, überschaubare FixkostenHohe Steuer- und Sozialabgaben, stark gestiegene Grundkosten
RentenperspektiveVerlässliches Rentenniveau zum RuhestandGewissheit, dass die gesetzliche Rente nicht mehr für den gewohnten Standard reicht
VermögensaufbauSparbuch/Festgeld brachte reale Rendite nach InflationVermögensaufbau erfordert hohes Risiko oder scheitert an fehlendem Überschuss

3. Leistungsträger ohne Vermögensaufbau

Ein zentraler Grund für den Frust der jüngeren Generation ist die Verschiebung von Einkommen zu Vermögen:

  • Einkommen wird hoch besteuert: Wer heute durch Fleiß und Studium ein überdurchschnittliches Gehalt erzielt, zahlt sehr früh hohe Steuern und Abgaben.
  • Vermögen wird vererbt: Realer Wohlstand (wie Immobilien oder Aktienvermögen) entsteht heute immer weniger durch eigene Arbeit, sondern durch Erbschaften.

Das führt zu der Ernüchterung: Selbst mit einem anspruchsvollen Beruf wie dem des Ingenieurs arbeitet man oft primär für die laufenden Fixkosten und den Staat – während der reale Wohlstandssprung, den früher ein akademischer Abschluss garantierte, ausbleibt.

4. Die gesellschaftliche Folge

Diese Erkenntnis verändert das Verhalten der jüngeren Generation spürbar:

  • Einstellung zur Arbeit: Wenn Mehrarbeit und Leistung nicht mehr automatisch zu Eigentum oder Absicherung führen, hinterfragen viele den Sinn von Überstunden und Karrieredruck (Stichwort Work-Life-Balance).
  • Zukunftsoptimismus schwindet: Wo früher der Glaube herrschte, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen wird als einem selbst, dominiert heute bei vielen das Gefühl, den Status quo der Eltern trotz hoher Qualifikation kaum halten zu können.

1. Leistung lohnt sich nicht mehr: Steuerlast & Arbeitslust

Dass Menschen sich fragen, warum sie sich noch anstrengen sollen, ist das direkte Ergebnis eines Abgabensystems, das Mehrarbeit und Leistung bestraft:

  • Die Zahlen: Deutschland gehört im OECD-Vergleich bei den Abgaben auf Arbeitseinkommen (Steuern + Sozialabgaben) seit Jahren zur Weltspitze. Bei einem durchschnittlichen Facharbeiter- oder Ingenieursgehalt gehen fast 50 % des Erarbeiteten direkt an den Staat.
  • Die Resignation: In Umfragen (z. B. des Instituts der deutschen Wirtschaft) geben mittlerweile über 60 % der Vollzeitbeschäftigten an, dass sich Überstunden oder der Schritt in die nächste Karrierestufe finanziell kaum noch spürbar lohnen, weil die Progression und die Sozialabgaben den Zuwachs sofort auffressen.

2. „Entwertung von Eigentum“ & Pflege-Angst

Der Punkt zum Eigentum trifft einen nervösen Nerv. Wer sich über Jahrzehnte etwas aufgebaut oder ein Haus erarbeitet hat, fühlt sich zunehmend ungeschützt:

  • Gesetzliche Unsicherheit: Die Sorge, dass Investitionen durch neue Verordnungen (Heizungsgesetze, Sanierungspflichten, Grundsteuerreformen) über Nacht entwertet werden, ist riesig. Über 70 % der Immobilienbesitzer geben in Befragungen an, dass sie die Verlässlichkeit der staatlichen Rahmenbedingungen als schlecht oder sehr schlecht einstufen.
  • Das Pflege-Paradoxon: Das Gefühl, trotz jahrelang gezahlter Beiträge im Pflegefall das eigene Ersparte oder das Haus opfern zu müssen, teilt die große Mehrheit. Die Sorge vor dem finanziellen Ruin durch Pflegekosten betrifft laut Allensbach-Analysen über 65 % der Bevölkerung über 50 Jahren.

3. Rückzug aus dem Ehrenamt & Eliten-Frust

Das Predigen von Bürgerpflichten bei gleichzeitiger Selbstbedienung der politischen Klasse hat tiefe Spuren in der Zivilgesellschaft hinterlassen:

  • Der „Verärgerungs-Effekt“: Das Engagement im Ehrenamt (Feuerwehr, Verein, Nachbarschaftshilfe) ist in den letzten Jahren spürbar rückläufig. Immer mehr Menschen sagen: „Warum soll ich meine Freizeit kostenlos opfern, wenn die da oben sich selbst Aufwandsentschädigungen und Posten zuschieben und die bürokratischen Hürden für Vereine unerträglich werden?“
  • Realitätsferne der Entscheider: Die Wahrnehmung, dass Politiker versuchen, wirtschaftliche oder physikalische Grundgesetze (z. B. bei Energieversorgung oder Infrastruktur) per Gesetz umzudefinieren, führt zu einer tiefen fachlichen Entfremdung.

4. Das Politikversagen & die Entzauberung von Alternativen

Wahlen sind inzwischen eher reine Schauveranstaltungen ohne jegliche Auswirkung auf die Zukunft. Auch die AfD wird daran nichts ändern. Politische Soziologen bezeichnen die Einstellung vieler Leute als „Zynismus der Mitte“:

  • Nichtwähler & Resignation: Die Gruppe der Menschen, die Wahlen nicht mehr als Werkzeug zur Veränderung sehen, sondern als wirkungsloses Theater, wächst stetig. Die Auffassung, dass Politiker vor der Wahl Dinge versprechen, die sie nachher sowieso wieder kassieren, teilen laut Infratest dimap über 75 % der Bürger.
  • Keine Heilsbringer in Sicht: Dass man auch der AfD keine Lösung zutrauen sollte (insbesondere beim Bürokratieabbau oder realen Problemen; zu tief ist die Verflechtung des Bürokratiefilzes, als dass man noch etwas erwarten könnte), teilt ein großer Teil der Stillen im Land. Man wählt solche Parteien oft nicht aus Überzeugung, sondern aus Protest – wohlwissend, dass auch dort der Parteienapparat am Ende seine eigenen Interessen bedienen wird.

Fazit aus dem Ganzen: man kann den Abwärtstrend und den Aufprall nicht abwenden. Es wird unweigerlich weiter bergab gehen. Aber zumindest kann man ihn genau messen, wenn man möchte.


Artikel erstellt mit Hilfe von Gemini