Warum ist es anscheinend für Israel und die USA so einfach, hohe Funktionsträger auszuschalten, und warum nützt das auf der anderen Seite anscheinend nichts, da selbst höchste Positionen fast kontinuierlich besetzt sind und die Ausschaltung einzelner wirkungslos bleibt? Der Grund liegt in einer für den Westen unverständlichen Kultur der Macht und des Ansehens.
Im Westen ist es üblich, dass hohe Funktionsträger schnell in Bunkern verschwinden, während andere die von ihnen eingebrockte Suppe auslöffeln dürfen. Ein Beispiel ist Netanyahu, der vor einigen Tagen aufgrund der iranischen Angriffe abgetaucht war und man schon spekulierte, ob er das Opfer einer Drohne oder einer Rakete geworden ist. Ein Auftreten mit Verwandten ist ungewöhnlich und spielt sich allenfalls auf kulturellen Eignissen ab. Der allgegenwärtige Nepotismus bleibt davon natürlich unberührt, wird aber gerne verheimlicht und verschwiegen.
Im Iran hingegen beruht das Ansehen einer Person in öffentlichen Auftritten, möglichst mit der ganzen Familie. Das gilt selbst für den jetzigen Krieg. Die jeweiligen Clanführer entscheiden unter sich, wem sie folgen, besitzen aber in der Regel eine erhebliche Hausmacht, die sie anderen nicht unterordnen. Das hat nun eine Reihe von Konsequenzen:
(1) Das Auftreten in der Öffentlichkeit, oft eben zusammen mit Familienangehörigen, macht es für Geheimdienst relativ leicht, z.B. über Handy-Bewegungsprofile Kenntnisse über öffentliche Auftritte zu erhalten und Angriffe durchzuführen.
(2) Da jeder auf seine Hausmacht setzt, sind zentrale Sicherheitsdienste, die die Personen abschirmen (vergleichbar zum SS [Secret Service]) nicht hinreichend entwickelt. Die private Bodyguards dürften jedoch oft nicht über hinreichende Kenntnisse verfügen, ihre Schutzperson gegen mächtige Geheimdienste abzuschirmen. Was obendrein Angriffe erleichtert.
Anscheinend haben sie aber inzwischen gelernt und/oder die Möglichkeiten der Geheimdienste sind durch Zerstörung der Horchposten verringert. Jedenfalls wirkt Trump Ansage „wir bringen jeden um, der sich als Anführer ausweist“ seit einiger Zeit nicht mehr.
(3) Da die Macht nur teilinsitutionell ist und zum großen Teil eben auf dem persönlichen Ansehen der Protagonisten untereinander beruht, sind ausgefallene Personen leicht zu ersetzen. Vermeintlich Subalterne, die bislang nicht dadurch in Erscheinung getreten sind, dass sie gegen ihre Vorgesetzten intrigieren, also nach westlichen Vorstellungen machtlos sind, rücken mit Konsens der anderen in die Position nach und können sie voll ausfüllen. Man mache sich mal klar, wie schnell es ging, Chamenei durch Chamenei zu ersetzen. Bei uns würde das Wochen oder Monate dauern samt schmutzigem Wahlkampf und Gerichtsentscheidungen.
Nebenbei: was für ein Charakter Trump ist und wie sehr er sich inzwischen in die Ecke gedrängt fühlt, zeigt sein Ausfall gegenüber dem neuen islamischen Oberhaupt. Just nachdem er ihm Vater, Frau und Kind durch einen Bombenangriff ermordet hat, behauptet Trump, der neue religiöse Führer sei schwul. Jeder weiß, das Schwulsein im Iran immer noch heftige Konsequenzen hat, wenn es bekannt wird. Und bei der beschriebenen Machtkultur ist die Wahrscheinlichkeit, dass der neue religiöse Führer mit so einer Nummer bislang durchgekommen wäre, NULL.