Passend zu dem letzten Artikel findet man folgende Pläne der ReGIERenden im Internet:
Am 23. September hat die Bundesregierung einen Fahrplan für die schrittweise Abkehr von fossilen Energieträgern vorgelegt. Mit diesem Plan will sie Deutschland bis spätestens 2045 klimaneutral machen und die Nutzung von Kohle, Öl und Gas immer weiter zurückdrängen. Im Mittelpunkt stehen dabei der Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Elektrifizierung der Bereiche Verkehr, Wärmeversorgung und Industrie.
Bundesumweltminister Carsten Schneider stellte den Fahrplan bei der Generaldebatte der UN-Generalversammlung in New York vor. Zuvor war die sogenannte Roadmap im Bundeskabinett präsentiert worden. Damit ist Deutschland nach Frankreich und den Niederlanden das dritte Land, das einen nationalen Fahrplan für die Abkehr von fossilen Energien vorlegt.
Hohe Abhängigkeit von fossilen Energieträgern
Der geplante Umbau setzt bei der nach wie vor hohen Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Energieträgern an. Laut Angaben des Umweltministeriums entfielen im Jahr 2024 rund 65 Prozent des deutschen Energieverbrauchs auf fossile Brennstoffe. Erdölprodukte machten dabei 36 Prozent aus, Erdgas 24 Prozent und Kohle fünf Prozent.
Deutschland ist dabei in erheblichem Umfang auf Importe angewiesen. So wurden 98 Prozent des verwendeten Mineralöls und 95 Prozent des Erdgases importiert. Auch Steinkohle wurde vollständig importiert. Die Gesamtkosten für die Einfuhr fossiler Energieträger beliefen sich im selben Jahr auf 76 Milliarden Euro.
Die Bundesregierung verbindet den geplanten Umbau daher nicht nur mit dem Klimaschutz, sondern auch mit dem Ziel, die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern. Laut Umweltminister Schneider soll die Abkehr von fossilen Energien zugleich die wirtschaftliche Unabhängigkeit Deutschlands langfristig stärken.
Erneuerbare Energien sollen weiter ausgebaut werden
Ein Schwerpunkt des Plans ist die Stromerzeugung. Der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch in Deutschland liegt laut Angaben des Umweltministeriums bereits bei rund 55 Prozent. Bis 2030 soll er auf mindestens 80 Prozent steigen.
Parallel dazu hält die Bundesregierung am Kohleausstieg bis spätestens 2038 fest. Laut Reuters wolle man zudem prüfen, ob das Ende der Kohleverstromung bereits 2035 erreicht werden kann. Der Ausbau der Stromnetze soll den wachsenden Anteil erneuerbarer Energien flankieren.
Für die verbleibende steuerbare Stromerzeugung setzt das Konzept unter anderem auf Gaskraftwerke. Perspektivisch können diese auf grünen Wasserstoff umgestellt werden. Bis 2045 ist der Aufbau eines klimaneutralen Kraftwerksparks ohne fossile Energieträger vorgesehen. Unterstützt werden soll dieser Prozess durch den EU-Emissionshandel, der die Zahl der Zertifikate für fossile Kraftwerke schrittweise reduziert.
Auch der Verkehr setzt stärker auf Strom
Der verstärkte Einsatz von Elektrizität soll sich auch im Verkehrssektor fortsetzen. Dem Bericht von Reuters zufolge sieht der Plan vor, dass batterieelektrische Fahrzeuge bis 2035 100 Prozent der Pkw-Neuzulassungen ausmachen.
Diese Zielsetzung steht im Kontrast zu den Forderungen einiger konservativer Politiker. Dazu gehört auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die Verbrennungsmotoren mit alternativen Kraftstoffen eine größere Rolle einräumen will.
Laut dem Bundesumweltministerium waren im August 2026 bereits rund ein Drittel der neu zugelassenen Pkw in Deutschland vollelektrisch. Die Bundesregierung will den Ausbau der Ladeinfrastruktur weiter vorantreiben. Zudem soll eine sozial gestaffelte Förderung Haushalten mit unterschiedlichen Einkommen den Umstieg auf Elektromobilität erleichtern.
Wärmepumpen durch Öl- und Gasheizungen ersetzen
Auch bei der Wärmeversorgung setzt der Plan auf eine stärkere Elektrifizierung. Demnach sollen Wärmepumpen und Fernwärme Heizsysteme auf Basis von Öl und Gas zunehmend ersetzen. Laut Angaben des Umweltministeriums wurden 2025 in Deutschland erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen verkauft.
In dem Konzept werden Öl- und Gasheizungen mit einem wachsenden Anteil klimaneutraler Brennstoffe vor allem für die Übergangsphase berücksichtigt. Reuters zufolge sollen Wärmepumpen in den kommenden Jahren das dominierende Heizsystem in Deutschland werden.
Auch in der Industrie setzt man vermehrt auf Strom
Der geplante Umbau betrifft nicht nur die Stromversorgung, den Verkehr und die privaten Haushalte. Auch die Industrie soll stärker elektrifiziert und modernisiert werden.
Die Bundesregierung will Investitionen in die Dekarbonisierung mit Förderprogrammen unterstützen. Ergänzend dazu sollen die Preissignale des EU-Emissionshandels sowie der CO₂-Grenzausgleich wirken. Ziel ist es, industrielle Prozesse schrittweise unabhängiger von fossilen Energieträgern zu machen.
Deutschland will internationale Initiative vorantreiben
Der deutsche Fahrplan steht zugleich im Zusammenhang mit internationalen Beschlüssen zum Ausstieg aus fossilen Energien. Auf der UN-Klimakonferenz COP28 in Dubai hatte die internationale Gemeinschaft im Jahr 2023 beschlossen, die Abkehr von fossilen Energieträgern zu beschleunigen.
Mit seinem nationalen Plan will Deutschland nach Angaben des Umweltministeriums weitere Länder dazu bewegen, eigene konkrete Pläne vorzulegen. Frankreich und die Niederlande haben bereits entsprechende Pläne ausgearbeitet.
Auch auf internationaler Ebene soll der Prozess weitergeführt werden. So will die brasilianische Präsidentschaft der UN-Klimakonferenz im Oktober einen internationalen Fahrplan zur Abkehr von fossilen Energien veröffentlichen. Im April berieten zudem 57 Länder, darunter Deutschland, bei einer internationalen Konferenz im kolumbianischen Santa Marta über den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas.
Zwischen Klimazielen und Wirtschaftsinteressen
Mit dem Fahrplan verbindet die Bundesregierung den Ausstieg aus fossilen Energien mit einer grundlegenden Modernisierung der deutschen Wirtschaft. Zugleich muss sie die Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Umbau auch wirtschaftlich tragfähig bleibt.
Damit steht Deutschland vor der Herausforderung, den wachsenden Strombedarf mit ausreichend erneuerbarer Energie, Netzen und Speicherkapazitäten zu decken und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu wahren. Wie sich diese Ziele miteinander vereinbaren lassen, dürfte die weitere Ausgestaltung der Energiewende maßgeblich bestimmen.
Dieser Text liest sich wie das empirische Lehrbuchbeispiel für genau jene Mechanismen, die im letzten Artikel isoliert wurden: Ein politischer Fahrplan, der über starre Jahreszahlen (2035, 2038, 2045) und administrative Technologienovellen versucht, ein hochkomplexes, dynamisches System top-down zu steuern.
Der geplante Umbau kollidiert an vier zentralen Stellen direkt mit der geowissenschaftlichen und ökonomischen Realität:
1. Das Monotargeting-Dilemma (Verletzung der Technologieneutralität)
Der Fahrplan setzt fast ausschließlich auf die All-Electric-Strategie (Wärmepumpen, BEVs, Industrie-Elektrifizierung).
- Das Problem: Das ist die Reinform des Monotargetings. Statt das Ziel ($\text{CO}_2$-Reduktion) vorzugeben und den Weg dem Wettbewerb um die beste energetische Leistungsdichte und Infrastruktur zu überlassen, wird der Lösungsweg administrativ diktiert (100 % BEV-Neuzulassungen bis 2035).
- Der Konflikt: Die im Artikel erwähnte Debatte um Ministerin Reiche zeigt genau den Riss im System: Der Versuch, Verbrennungsmotoren mit synthetischen Kraftstoffen (E-Fuels) vorab per Beschluss auszuschließen, ignoriert, dass E-Fuels weltmarktfähige Moleküle sind, die auf bestehende Logistikketten treffen, während der reine Strompfad gigantische Investitionen in Netze und Ladeinfrastruktur erzwingt.
2. Die thermodynamische Wette auf „Grünen Wasserstoff“
Der Plan sieht vor, steuerbare Lücken in der Stromerzeugung durch Gaskraftwerke zu decken, die „perspektivisch auf grünen Wasserstoff umgestellt werden“.
- Die Realität des EROEI: Wie wir oben berechnet haben, leidet der Pfad Strom $\rightarrow$ Elektrolyse ($H_2$) $\rightarrow$ Transport $\rightarrow$ Rückverstromung in der Gasturbine unter einem verheerenden Gesamtwirkungsgrad (oft unter 30–35 %).
- Man benötigt also die dreifache Menge an erneuerbarem Primärstrom, nur um eine Terawattstunde steuerbaren Wasserstoff-Strom für Flautenzeiten vorzuhalten. Das verschärft den Flächen- und Materialbedarf der Erneuerbaren im Inland drastisch.
3. Das Import-Paradoxon: Verschiebung statt Aufhebung der Abhängigkeit
Das Umweltministerium argumentiert mit dem Abbau von Importabhängigkeiten (bisher 76 Mrd. Euro für Öl, Gas, Kohle).
- Der Denkfehler: Aufgrund der geringen Leistungsdichte ($\text{W/m}^2$) von Wind und Photovoltaik in Mitteleuropa wird Deutschland die Mengen an grünem Wasserstoff für die Industrie und die Kraftwerke niemals im Inland erzeugen können.
- Die Folge: Die fossile Importabhängigkeit von Erdöl-Exportanten wird schlicht durch eine neue Importabhängigkeit von Wasserstoff-Exportierten (z. B. Nordafrika, Südamerika, Nahost) ersetzt. Der finanzielle und logistische Aufwand bleibt bestehen – er wechselt nur das Molekül.
4. Das Drosseln der Abfedermöglichkeiten (Kein Rückgriff auf hohe Leistungsdichten)
Indem Deutschland den Atomausstieg vollzogen hat und den Kohleausstieg womöglich auf 2035 vorzieht, kappt die Politik eigenhändig jene heimischen Energiequellen mit hoher Leistungsdichte bzw. gesicherter Grundlast.
- Das System verliert seine Trägheit und Pufferkapazität. Jede Schwankung in den erneuerbaren Netzen muss nun über extrem teure, subventionierte Wasserstoff-Schattenkapazitäten oder den Stromimport aus dem Ausland abgefangen werden.
Wie stark die politische Steuerung zur Reduktion auf reine Kennzahlen neigt, zeigt die aktuelle Roadmap der Bundesregierung: Statt das Erreichen von Resilienz und Bezahlbarkeit offen auf dem Markt der Technologien auszutragen, fixiert sich der Plan auf sektorale Elektrifizierungs-Quoten und den Hoffnungsträger des grünen Wasserstoffs. Er behandelt ein dynamisches Energiesystem wie eine mathematische Gleichung, bei der man die Stellschrauben per Dekret auf das Jahr 2045 einstellen kann – während die thermodynamischen Wirkungsgrade und infrastrukturellen Trägheiten in der Praxis unnachgiebig wirken.
Die Zivilisationsgeschichte ist die Geschichte steigender Energiedichten. Der Übergang von Holz zu Kohle und von Öl zu Atom befreite den Menschen von den Grenzen der Witterung und der Scholle. Der aktuelle Fahrplan zur Abkehr von fossilen Energien dreht dieses Rad erstmals in der Geschichte um: Er verordnet einer hochkomplexen Industriegesellschaft die Rückkehr zu flächenintensiven, wetterabhängigen Energiequellen – und verkauft diesen thermodynamischen Rückschritt als Modernisierung.