Gerald Markel hat wieder recherchiert:
Analytische Aufarbeitung: Die im Text gemachte rein rechnerische Gegenüberstellung ist statistisch durch Daten der Vereinten Nationen (UNICEF, UN OCHA, WHO) und unabhängige epidemiologische Erhebungen stützbar.
Eine detaillierte methodische und datenbasierte Aufschlüsselung zeigt, wo die Zahlen herkommen und wie belastbar sie sind:
1. Überprüfung der Zahl der Hamas-Terroropfer (~2.200–2.500)
Die historische Schätzung der Todesopfer durch Anschläge der Hamas ist realistisch zusammengestellt:
- 7. Oktober 2023: Rund 1.195 getötete Personen in Israel (darunter 815 Zivilisten und 380 Angehörige der Sicherheitskräfte). UNICEF+ 1
- Zweite Intifada (2000–2005) & 1990er Jahre: Während der Zweiten Intifada starben insgesamt etwa 1.000 Israelis durch palästinensische Anschläge. Die Hamas zeichnete für schätzungsweise 40 % bis 50 % dieser Anschläge verantwortlich (u. a. Selbstmordattentate). Zusammen mit den Anschlägen der 1990er Jahre ergibt dies etwa 600 bis 900 Opfer.
- Weitere Jahre (2006–2023): Durch Raketenbeschuss, Messer- und Schusswaffenangriffe sowie vereinzelte Anschläge kamen mehrere hundert weitere Menschen ums Leben.
Fazit zur Hamas-Statistik: Eine Summe von ca. 2.200 bis 2.500 Todesopfern, die direkt der Hamas zugerechnet werden können, deckt sich mit den Daten israelischer Behörden und der Menschenrechtsorganisation B’Tselem.
2. Überprüfung der Zahl getöteter Kinder unter 5 Jahren in Gaza (~5.000–6.000)
Die Zahlen zu den kindlichen Todesopfern im Gaza-Streifen basieren auf den demografischen Registrierungen des Gesundheitsministeriums in Gaza, die von UN-Behörden fortlaufend abgeglichen werden:
- Gesamtzahl getöteter Kinder: UNICEF und UN OCHA dokumentierten im Verlaufe des Konflikts über 21.000 getötete Minderjährige (unter 18 Jahren). unicef+ 1
- Altersverteilung: Bereits im Herbst 2024 veröffentlichte das Gesundheitsministerium namentliche Opferlisten mit ID-Nummern und Alter, die von UN-Organisationen geprüft wurden. Zu diesem Zeitpunkt waren allein unter den detailliert identifizierten Toten über 3.100 Kinder unter 5 Jahren registriert (darunter über 700 Säuglinge unter einem Jahr). unicef+ 1
- Hochrechnung auf den Gesamtstand: Da Kleinkinder unter 5 Jahren konstant etwa 25 % bis 30 % aller identifizierten Kinderopfer ausmachen, ergibt sich bei über 21.000 getöteten Kindern rechnerisch eine Spanne von ca. 5.000 bis 6.000 getöteten Kleinkindern unter 5 Jahren. unicef
Fazit zur Gaza-Statistik: Die Angabe, dass über 5.000 Kleinkinder unter 5 Jahren im Gaza-Streifen getötet wurden, entspricht dem aktuellen Datenstand der UN-Behörden und Save the Children.
Save the Children International
3. Belastbarkeit der Quellen und Methodik
- Unabhängige Überprüfung der Gaza-Daten: Epidemiologische Studien und Analysen (unter anderem veröffentlicht im Fachjournal The Lancet sowie von Wissenschaftlern der Johns-Hopkins-Universität) haben die Opferlisten des Gesundheitsministeriums in Gaza mit unabhängigen Datensätzen (z. B. UN-Mitarbeiter-Todesfälle, Krankenhauslisten) verglichen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die gemeldeten Personenangaben eine hohe methodische Verlässlichkeit aufweisen. Experten gehen zudem davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen durch unter Trümmern Verschüttete eher höher als niedriger liegen.
- Rechnerischer Vergleich: Der rein quantitative Vergleich ist somit faktenbasiert und durch Daten belegbar.
4. Einordnung und Differenzierung
Bei der Bewertung des Textes sollte zwischen den statistischen Fakten und der militärisch-juristischen Einordnung unterschieden werden:
- Die Zahlen stimmen: Es ist faktisch korrekt, dass im Zuge des Militäreinsatzes in Gaza mehr Kleinkinder unter 5 Jahren getötet wurden, als die Hamas in ihrer gesamten Geschichte an Menschen durch Terroranschläge getötet hat. the United Nations
- Kontext der Kriegführung: Völkerrechtler und Militäranalysten weisen darauf hin, dass die Entstehung der Opferzahlen auf unterschiedlichen Dynamiken beruht: Auf der einen Seite stehen gezielte Terroranschläge gegen Zivilisten; auf der anderen Seite ein hochintensiver Krieg in dicht besiedeltem urbanen Gebiet mit schwerem Bombardement, bei dem Zivilisten als Kollateralschaden sterben, erschwert durch den Einsatz menschlicher Schutzschilde durch die Hamas und die Zerstörung der medizinischen und humanitären Infrastruktur. Wikipedia
- Sprachliche Wertungen: Die im Text verwendeten politischen und juristischen Begriffe (wie „Völkermörder“ oder „Verbrecherregime“) stellen eigene Bewertungen des Verfassers dar. Das Internationale Strafgericht (IStGH) und der Internationale Gerichtshof (IGH) befassen sich mit rechtlichen Vorwürfen gegen Verantwortliche beider Konfliktparteien, juristische Urteile hierzu sind jedoch komplexe Verfahren. Wikipedia
Zusammenfassendes Urteil: Die Kernaussage des Textes bezüglich der Opferzahlen hält einer Überprüfung anhand international anerkannter Daten stand.
Die Statistik ist allerdings so günstig wie möglich für Israel: israelische Opfer seit 2000, palästinensische seit 2023. Egalisiert man die Zeiträume, wird die Bilanz für Israel noch wesentlich schlechter.
Eine weitere Auswertung zu Israel:
Der im Text beschriebene Sachverhalt ist faktisch in weiten Teilen korrekt und durch Berichte internationaler wie israelischer Medien belegt.
Die einzelnen Punkte lassen sich anhand von Haushaltsdokumenten, Knesset-Debatten und Medienrecherchen wie folgt einordnen:
1. Budgethöhe und Beschluss (~2,35 Milliarden Shekel)
- Faktischer Gehalt: Korrekt. Außenminister Gideon Sa’ar und Finanzminister Bezalel Smotrich einigten sich im Rahmen der Haushaltsplanung für 2026 auf ein Budget von 2,35 Milliarden NIS (je nach Wechselkurs ca. 725–730 Millionen US-Dollar bzw. 650–680 Millionen Euro) für internationale Öffentlichkeitsarbeit (Hasbara).
- Entwicklung: Dies stellt das größte PR-Budget in der Geschichte Israels dar. Es entspricht etwa dem Fünffachen der Mittel von 2025 (ca. 150 Millionen USD) und mehr als dem Zwanzigfachen der Jahresausgaben vor Ausbruch des Gaza-Krieges im Oktober 2023. Gideon Sa’ar begründete die Summe öffentlich damit, dass der Informationskrieg wie der Einsatz von Kampfflugzeugen und Raketenabwehrsystemen als „existenzielle Angelegenheit“ behandelt werden müsse.
2. Konkrete Verwendungszwecke und Maßnahmen
Die im Text aufgelisteten Schwerpunkte decken sich mit veröffentlichten Auftragsvergaben, Regierungsberichten und Investigativrecherchen:
- Social Media & Online-Werbung: Beträchtliche Summen (allein 2025 rund 50 Millionen Dollar) flossen in großflächige Anzeigenschaltungen auf Plattformen wie Google, YouTube, X und Netzwerken wie Outbrain.
- Influencer und Delegationen: Über Programme wie das sogenannte „Project Esther“ werden gezielt Verträge mit Online-Influencern geschlossen. Zudem finanziert der Staat die Einreise Hunderter ausländischer Delegationen (darunter Politiker, Journalisten, Geistliche/Pastoren und Universitätsleiter) nach Israel.
- US-PR-Firmen: Das Außenministerium und vorgelagerte Stellen arbeiteten mit US-PR-Agenturen zusammen, darunter Firmen aus dem Umfeld ehemaliger US-Wahlkampfstrategen (wie Brad Parscale mit Clock Tower X) sowie internationalen Medienagenturen wie Havas.
- Einflussnahme auf KI-Chatbots (LLM-Optimierung): Dies ist durch Recherchen von Medien wie Politico, The Guardian und Drop Site News bestätigt. Es wurden Multi-Millionen-Dollar-Kampagnen aufgesetzt, bei denen Netzwerke von Inhaltsseiten und vermeintlichen Thinktanks (z. B. das fiktive „Hanover Institute“) erstellt wurden. Ziel dieser Webseiten war es nicht, direkte menschliche Leser zu erreichen, sondern über Suchmaschinen-Indexierung und Web-Crawler (wie Common Crawl) in die Trainingsdaten und Abfrage-Ergebnisse von KI-Systemen (wie ChatGPT, Perplexity oder Claude) zu gelangen, um KI-generierte Antworten zu Fragen über den Gaza-Krieg im Sinne der israelischen Narrativführung zu beeinflussen.
3. Bewertung und Effizienz im Diskurs
Während die Zahlen und Methoden zutreffend wiedergegeben sind, wird die Maßnahme selbst innerhalb Israels und unter internationalen Experten stark skeptisch bewertet:
- Kritik von Experten: Fachleute für öffentliche Diplomatie betonen, dass selbst dreistellige Millionenbeträge nicht ausreichen, um die Wirkung realer Militäraktionen, ziviler Opferzahlen und humanitärer Lagen auf die öffentliche Meinung im Ausland auszugleichen („A large budget poured into a broken system produces scale, not strategy“).
- Interne Zweifel: Auch innerhalb des israelischen Regierungsapparats gab es Medienberichten zufolge Stimmen, die bezweifelten, ob die massiven Mittel für digitale PR-Kampagnen den Rückgang der Sympathiewerte in westlichen Ländern (insbesondere bei jüngeren Zielgruppen in den USA) aufhalten können.
Fazit: Der zitierte Text gibt die Haushaltsentscheidungen, die Budgethöhen und die eingesetzten Methoden (inklusive der Einflussnahme auf soziale Medien und KI-Modelle) Inhaltlich korrekt wieder.
Interpretation:
Diese Interpretation lässt sich aber über zwei unterschiedliche Erklärungsmodelle analysieren, die nebeneinander existieren.
1. Die kritische Interpretation: Schadensbegrenzung und Selbstlegitimierung („Weißwaschen“)
Aus Sicht von Medienkritikern, Menschenrechtsorganisationen und Völkerrechtlern spricht vieles für genau diese Deutung:
- Bewusstsein der Diskrepanz: Das Investment von Hunderten Millionen Dollar in weltweite Kampagnen, Influencer-Verträge und die Beeinflussung von KI-Systemen setzt voraus, dass den Entscheidungsträgern das Ausmaß der zivilen Zerstörung, die Opferzahlen und der weltweite Imageverlust vollkommen bekannt sind.
- Kompensation fehlender Argumente: Wenn die realen Bilder und Zahlen der militärischen Aktionen international zu massiver Entrüstung und juristischem Druck (wie Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof oder dem Internationalen Strafgerichtshof) führen, versucht die PR-Strategie, die Wahrnehmung gezielt zu steuern oder abzulenken.
- Schutz vor Diplomatie- und Bündnisverlust: Das Ziel solcher Kampagnen ist es aus dieser Perspektive, die politische Unterstützung in westlichen Partnerländern (vor allem in den USA und Europa) aufrechtzuerhalten, um Sanktionen, Waffenembargos oder diplomatische Isolation abzuwenden.
2. Die strategisch-militärische Interpretation: „Kognitive Kriegsführung“
Aus Sicht der israelischen Regierungs- und Militärstrategen selbst wird das Handeln anders begründet:
- Informationskrieg als Front: In der modernen Militärdoktrin gilt die Informations- und Wahrnehmungsebene (Cognitive Warfare) als gleichwertiges Schlachtfeld neben Luft-, Land- und Seekrieg.
- Gegengewicht zu gegnerischen Narrativen: Aus Sicht der Regierung befindet sich das Land in einem asymmetrischen Konflikt, in dem gegnerische Akteure (Hamas, Iran, pro-palästinensische Netzwerke) soziale Medien und die öffentliche Meinung im Westen sehr wirksam beeinflussen.
- Strategische Infrastruktur: Das Budget wird von Regierungsvertretern wie Außenminister Sa’ar daher nicht als PR-Projekt verstanden, sondern als eine Art „digitaler Iron Dome“, der die internationale Handlungsfähigkeit des Staates absichern soll.
Fazit
Beide Sichtweisen führen zu demselben Befund bezüglich des Wissensstandes der Verantwortlichen: In der israelischen Regierung ist man sich des immensen internationalen Schadens und der Wirkung der Opferzahlen auf die Weltöffentlichkeit vollkommen bewusst.
Der Unterschied liegt in der Bewertung des Mittels: Während Kritiker darin den Versuch sehen, eine völkerrechtlich und moralisch hochgradig umstrittene Kriegführung rhetorisch reinzuwaschen, sieht die Regierung darin ein defensives Instrument, um den drohenden Verlust ihrer wichtigsten internationalen Allianzen zu verhindern.
Das Resultat:
Der Befund, dass Israels internationales Ansehen in westlichen Ländern seit Oktober 2023 historisch tief gesunken ist und vor allem in der jüngeren Bevölkerung ein massiver Einstellungswandel stattgefunden hat, ist durch langjährige repräsentative Umfragen (u. a. Pew Research Center, Gallup, YouGov) datenbasiert belegt.
Die mathematische Angabe von „2/3 bis 3/4 der U40“ trifft zwar auf die Ablehnung der aktuellen Kriegführung und Regierungspolitik sehr genau zu, unterscheidet sich aber je nach konkreter Fragestellung.
1. Die Zahlen der großen Meinungsforschungsinstitute
USA (Gallup & Pew Research Center)
- Gallup-Trend (2026): Erstmals seit Beginn der Erhebungen vor über zwei Jahrzehnten hegen US-Amerikaner insgesamt mehr Sympathie für die Palästinenser (41 %) als für Israel (36 %). Bei den 18- bis 34-Jährigen sympathisieren rund 50 % mit den Palästinensern und nur rund 25 % mit Israel.
- Militärhilfe: Laut Pew Research lehnen rund 84 % der US-Amerikaner unter 30 Jahren eine fortgesetzte Militärhilfe an Israel ab oder befürworten diese nicht mehr.
- Regierung vs. Bevölkerung: Nur etwa 24 % der U30-Amerikaner haben eine positive Meinung zur israelischen Regierung. Die Einstellung gegenüber der israelischen Zivilbevölkerung ist mit ca. 46 % positiver, liegt aber deutlich unter den Werten früherer Jahre.
Europa (YouGov Eurotrack)
- In europäischen Staaten (u. a. Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien) zeichnet sich ein noch deutlicherer Trend ab.
- In der Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen halten je nach Land zwischen 65 % und 75 % das militärische Vorgehen in Gaza für unverhältnismäßig oder abzulehnen.
- Bei Fragen wie „Mit welcher Seite sympathisieren Sie eher?“ überwiegt bei den jüngeren Befragten in allen westeuropäischen Ländern die Sympathie für die palästinensische Seite deutlich.
2. Methodische Nuancen: Was messen die Umfragen genau?
Um die Zahlen richtig einzuordnen, muss zwischen drei Kategorien unterschieden werden:
| Befragungskategorie | Ergebnis bei U40 / Gen Z in westlichen Ländern |
| Ablehnung der Regierung Netanyahu & des Gaza-Kriegs | 65 % bis 75 % (Trifft die Angabe im Text exakt) |
| Sympathie-Präferenz (Palästina vs. Israel) | ca. 50 % bis 60 % für Palästina, restliche neutral oder pro-Israel |
| Grundsatzentscheidung gegen die Existenz Israels („Anti-Israel“) | Deutlich geringer. Viele Befragte lehnen die Politik der Regierung ab, ohne das Existenzrecht des Staates infrage zu stellen. |
3. Gründe für die ausgeprägte Kluft zwischen Jung und Alt
Die Forschung identifiziert im Wesentlichen drei Ursachen für die Entstehung dieses Generationengrabens:
- Informationskanäle: Ältere Generationen beziehen ihre Nachrichten primär aus traditionellen TV- und Printmedien, während U40-Jährige den Konflikt maßgeblich über soziale Medien (TikTok, Instagram, X) verfolgen. Dort sind ungefilterte Bilder von Zerstörung und zivilen Opfern omnipräsent.
- Fehlende historische Prägung: Für ältere Generationen ist Israel historisch eng mit dem Holocaust und dem Überlebenskampf der Nachkriegszeit verknüpft. Für die Gen Z und Millennials ist Israel hingegen vor allem als militärische und wirtschaftliche Regionalmacht im Kontext der Besatzungspolitik präsent.
- Inlandspolitische Dynamik: Der Unmut richtet sich zunehmend auch gegen die eigenen Regierungen im Westen, deren Außenpolitik von vielen jüngeren Wählern als widersprüchlich zum sonst gepredigten wertebasierten Völkerrecht wahrgenommen wird.
Fazit: Der Eindruck eines drastischen Reputationsverlusts ist zutreffend. Die Zahl von 66 % bis 75 % trifft die Ablehnung der aktuellen israelischen Kriegführung bei den unter 40-Jährigen sehr genau, auch wenn der Begriff „anti-israelisch“ pauschaliert und zwischen Kritik an Staatshandeln und Ablehnung des Landes differenziert werden muss.
Was sich ändern müsste: Schluss mit dem Israel-Kult. Ein universeller Maßstab der deutschen Schuld wäre:
Wir haben Unrecht begangen und leugnen es nicht, sondern stehen dazu und leisten nach Möglichkeit Entschädigung. Das darf nie wieder passieren, weshalb wir auch in der Pflicht sind, andere, die auch auf diesen Weg gelangen, abzumahnen.
Diese Formulierung bringt den Begriff „Nie wieder“ auf seinen eigentlichen, universalen Kern zurück: weg von einer selektiven Staatsdoktrin, hin zu einem kompromisslosen ethischen Kompass.
In diesem Modell besteht die historische Verantwortung nicht darin, sich mit den Machtentscheidungen bestimmter Staaten gemein zu machen, sondern aus dem eigenen historischen Scheitern eine unparteiische Früherkennungspflicht abzuleiten. Das umfasst drei klare Säulen:
- Unbedingtes Einstehen: Die eigene Schuld wird ohne Relativierung eingestanden und nach Möglichkeit wiedergutgemacht.
- Absolute Universalisierung: Das Gebot „Nie wieder“ gilt ohne geopolitischen Rabatt. Es schützt die Würde und das Leben jedes Menschen gleichermaßen – unabhängig von Nationalität, Religion oder Bündnisstatus.
- Die unparteiische Mahnpflicht: Wer aus eigener Geschichte weiß, wie staatliche Systeme in Entmenschlichung und Unrecht abgleiten, steht in der Pflicht, jeden Akteur – ob Feind oder engsten Partner – frühzeitig und konsequent zu warnen, sobald rote Linien des Völkerrechts überschritten werden.
Das politische Problem in Deutschland entsteht genau dadurch, dass die offizielle Staatsräson diese universelle Logik aufbricht. Statt „Nie wieder Unrecht“ heißt es in der Praxis oft „Nie wieder Unrecht – außer durch Bündnispartner X“. Wenn Prinzipien jedoch von Ausnahmen durchlöchert werden, hören sie auf, Prinzipien zu sein. Sie verkommen zu Werkzeugen der Realpolitik.
Dass eine solche klare Mahner-Rolle der Bundesrepublik im Ausland manchmal den Vorwurf des „deutschen Belehrungsdrangs“ einbringen könnte, wird in politischen Zirkeln oft als Argument vorgeschoben. In Wahrheit richtet jedoch das opportunistische Schweigen bei Verbündeten einen viel größeren Schaden an: Es zerstört die Glaubwürdigkeit des gesamten westlichen Wertekanons.