{"id":962,"date":"2017-04-13T08:54:29","date_gmt":"2017-04-13T06:54:29","guid":{"rendered":"http:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=962"},"modified":"2017-04-13T08:54:29","modified_gmt":"2017-04-13T06:54:29","slug":"die-umwelt-und-das-optimierungsproblem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2017\/04\/13\/die-umwelt-und-das-optimierungsproblem\/","title":{"rendered":"Die Umwelt und das Optimierungsproblem"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man eine beliebige Zeitung aufschl\u00e4gt, st\u00f6sst man schnell auf eine Panikmeldung \u00fcber Umweltverschmutzung, gepaart mit gutgemeinten Verbotsvorschl\u00e4gen der vermeintlichen Verursacher. So weit, so gut &#8211; oder eher so schlecht. <!--more-->Denn wenn man eine andere Zeitung aufschl\u00e4gt, st\u00f6sst man dort ebenfalls auf solche Meldungen, aber \u00fcber eine andere Art von Umweltverschmutzung. Allen Darstellungen sind nur zwei Sachen gemeinsam:<\/p>\n<ol>\n<li>Man k\u00fcmmert sich ausschlie\u00dflich um den erkannten Schadstoff, aber nicht um Querbeziehungen.<\/li>\n<li>Man preist die Verbotsvorschl\u00e4ge an, ohne sich einen Deut um die Folgen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung zu k\u00fcmmern.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Nehmen wir als Beispiel Fahrzeuge mit Dieselmotor. Bei denen sto\u00dfen eine ganze Reihe von Effekten zusammen. Da sind einmal die Stickoxide, die ausgesto\u00dfen werden, der Feinstaub, das Kohlendioxid und die st\u00e4ndig gr\u00f6\u00dfer werdenden Fahrzeuge. Dieselfahrzeuge sind zwar nicht die einzigen Verursacher, teilweise noch nicht mal die wesentlichen, aber bereits das Ignorieren der anderen Mitspieler geh\u00f6rt zum System.<\/p>\n<p>Problem Kohlendioxid: Motoren sind allgemein im Laufe der Zeit immer effektiver geworden, und manche scheinen zu glauben, man k\u00f6nne auch ein Fahrzeug konstruieren, dass nur 1 l\/100 km verbraucht. Heute liegt das etwa bei 5 l\/100 km, wenn man ein Fahrzeug betrachtet, das allgemein noch als &#8222;Auto&#8220; angesprochen wird. Also noch viel Luft? Leider nicht. Was aus einem Liter Kraftstoff heraus zuholen ist, gibt die Thermodynamik vor, die sich seit mehr als 150 Jahren um diese Prozesse k\u00fcmmert und bereits f\u00fcr die Optimierung der Dampfmaschinen zust\u00e4ndig war. Wie viel Kraft aus Benzin oder Diesel herausgeholt werden kann, h\u00e4ngt, vereinfacht ausgedr\u00fcckt, davon ab, wie man das Zeug verbrennen kann. Und da stellt sich, ebenfalls etwas vereinfacht, heraus:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Verbrennungsprozess beim Diesel ist effektiver nutzbar als der von Benzin, d.h. Dieselfahrzeuge verbauchen weniger als vergleichbare Benziner.<\/li>\n<li>Die Prozesse lassen sich um so effektiver gestalten, je gr\u00f6\u00dfer der Motor ist. So bringt es ein 1 to-Fahrzeug auf einen 100km-Verbrauch von ca. 5 l, ein 2,5 to-SUV auf 7,5 l, und ein 40 to-LKW auf ca. 32 l.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: das 1 l &#8211; Auto gibt es schon und hei\u00dft LKW, der es heute auf 0,8 l auf 100 km pro Tonne bewegter Masse bringt. Beim Verbrennungsprozess gilt ebenfalls als Faustregel: je hei\u00dfer, desto besser. Allerdings auch: je hei\u00dfe, desto mehr Stickoxide. Also nicht so hei\u00df, was aber wieder bedeutet: mehr Feinstaub. Und da haben wir ein Optimierungsproblem: man kann den Verbrauch, die Stickoxiderzeugung und den Feinstaub nur gemeinsam optimieren. Absolute Optimierung einer Komponente bedeutet, dass eine andere ziemlich suboptimal ausf\u00e4llt. F\u00fcr solche technischen Feinheiten interessieren sich Gesetzgeber allerdings nicht, sondern schreiben stumpf Bedingungen vor, die technisch nicht umsetzbar sind. Am Rande bemerkt zeigt genau das, mit welcher Sorte von absoluten Versagern man es bei Konzern-Vorst\u00e4nden zu tun hat. Winterkorn, Zetsche und andere Vollpfosten haben gen\u00fcgend Ingenieure, die ihnen die Zusammenh\u00e4nge erkl\u00e4ren k\u00f6nnen (und das vermutlich auch versucht haben), und gen\u00fcgen Lobbyisten, die den Politikern stecken k\u00f6nnten, was geht und was nicht.<\/p>\n<p>Nichteinhaltung von Umweltstandards, weil die technischen M\u00f6glichkeiten einfach nicht ber\u00fccksichtigt werden. Ausweg: nicht Anpassung der nicht erf\u00fcllbaren Vorschriften, sondern Fahrverbot f\u00fcr Dieselfahrzeuge (<em>au\u00dfer solchen der Euro-Norm 6, die aber nach Messungen des ADAC zwar hervorragende Feinstaubwerte aufweisen, aber noch mehr Stickoxide freisetzen als die alten Fahrzeuge, was einmal mehr zeigt, dass die Hirntoten in Politik und Medien es immer noch nicht verstanden haben<\/em>). Die Leute sollen mal eben schnell auf Benzin- oder Elektrofahrzeuge umsteigen. Mal abgesehen davon, dass nat\u00fcrlich jeder 40.000 \u20ac auf der Bank hat, um sich nebenbei ein neues Auto kaufen zu k\u00f6nnen, und Steckdosen nat\u00fcrlich ebenfalls fl\u00e4chendeckend zur Verf\u00fcgung stehen, steigt damit der Kohlendioxidaussto\u00df, was aber nur einige Rufer in der W\u00fcste verk\u00fcnden, und in der W\u00fcste sinkt der Schallpegel ziemlich schnell, so dass man das nicht unbedingt zur Kenntnis nehmen muss. Regelkreis? Was ist das?<\/p>\n<p>Kohlendioxid kommt nat\u00fcrlich auch aus Kraftwerken, und zwar um so mehr, seit man die Kernkraftwerke vom Netz genommen hat und sich obendrein auch standhaft weigert, Alternativen zu den gegenw\u00e4rtigen AKW-Typen, die existieren, zur Kenntnis zu nehmen. Wind und Sonne bringen es nicht, auch wenn man in Politik und Medien nicht verstehen, wieso man das mit der olympischen Disziplin des Dreisatzes leicht nachrechnen kann. Man rechnet anscheinend frei nach dem Motto &#8222;Ich nehmen 70% Mehl, 20 % Eier und 30% Zucker.&#8220; &#8211; &#8222;Das sind aber mehr als 100% !&#8220; &#8211; &#8222;Na und? Dann nehme ich halt eine gr\u00f6\u00dfere Sch\u00fcssel!&#8220;. Die schnelle L\u00f6sung hei\u00dft: sofortiges Schlie\u00dfen aller Kohlekraftwerke. Statt dessen soll Erdgas eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Aber auch hier gibt es Regelkreise: es gibt nicht gen\u00fcgend Erdgaskraftwerke (die \u00fcberdies auch erhebliche Mengen Kohlendioxid aussto\u00dfen. Zwar weniger, aber nicht nichts. Die Situation ist \u00e4hnlich wie bei Diesel\/Benzin und obendrein un\u00fcbersichtlich, da Gaskraftwerke i.d.R. neuer sind als Kohlekraftwerke, also einen Optimierungsvorsprung haben, und oft noch Kraft\/W\u00e4rme-Kopplung besitzen, was in die Bilanz eingerechnet wird. Ein Kraftwerk zu bauen dauert +- 10 Jahre, alles an Genehmigungen usw. eingerechnet. Ein Mischbetrieb &#8211; weniger Kohle bei Volllast der Gaskraftwerke &#8211; macht den Stom aber aus verschiedenen Gr\u00fcnden deutlich teurer (nicht nur, weil die Kohle billig zu haben ist). Strom aus dem Ausland kommt jedoch aus Kohle- oder Kernkraftwerken, also ein Abschalten ist eine Mogelpackung mit einer noch schlechteren Bilanz. Erdgas m\u00fcsste man obendrein von den Russen oder neuerdings von den Amerikanern beziehen, die das Zeug aus Fracking produzieren, also wieder eine Mogelpackung, weil hier diese Technologie niemand will. Kann man nat\u00fcrlich alles ignorieren, wie das die Gr\u00fcnen tun, und lautstark ein sofortiges Abschalten der Kohlekraftwerke fordern. Aber was ist die Alternative?<\/p>\n<p>Vermutlich kommen dann \u00e4hnliche Tipps wie beim Verkehr: \u00d6PNV benutzen oder Fahrrad fahren. \u00d6PNV existiert aber nur in den Ballungszentren. Wer als Tourist in Berlin-Mitte rumpendelt, f\u00fcr den ist das eine sch\u00f6ne Sache, aber schon f\u00fcr die Pendler aus den Randbezirken ist der \u00d6PNV vielfach eine Zumutung. Fahrrad fahren ist eine feine Sache &#8211; wenn es nicht mehr als 10 km sind und das Wetter passt. Kurz: alle Vorschl\u00e4ge sind so wenig wie m\u00f6glich durchdacht.<\/p>\n<p>Eine Stellschraube existiert allerdings: in den letzten Jahren\/Jahrzehnten ist die eingeborene Bev\u00f6lkerung gesunken. Der Hebel wirkt immer: weniger Leute, weniger Probleme, bessere Umweltwerte. Und schaut man sich die Besch\u00e4ftigungszahlen an, kann man auch kein Problem erkennen. Arbeitslose gibt es gen\u00fcgend. Dass die f\u00fcr viele Jobs ungeeignet und unwillig sind, ist das Ergebnis eines anderen irgnorierten Regelkreises. Statt diese Stellschraube als positiv zu erkennen, erhebt sich Einwanderungsgeschrei, und das Land wird mit weiteren Arbeitsunwilligen und neuen gesellschaftlichen Problemem angef\u00fcllt, auch hier wieder, weil nat\u00fcrliche Regelkreise ganz einfach nicht zur Kenntnis genommen werden. Daran wird sich auch nichts \u00e4ndern. Die politische Klasse ist zu bl\u00f6d, und das System ist zu stabil, um Anpassungen mitzumachen. Also weiter volle Fahrt voraus ins Chaos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man eine beliebige Zeitung aufschl\u00e4gt, st\u00f6sst man schnell auf eine Panikmeldung \u00fcber Umweltverschmutzung, gepaart mit gutgemeinten Verbotsvorschl\u00e4gen der vermeintlichen Verursacher. So weit, so gut &#8211; oder eher so schlecht. 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