{"id":9586,"date":"2023-09-28T06:54:00","date_gmt":"2023-09-28T04:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=9586"},"modified":"2023-09-23T09:55:38","modified_gmt":"2023-09-23T07:55:38","slug":"the-same-procedure-nichts-neues-unter-der-sonne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2023\/09\/28\/the-same-procedure-nichts-neues-unter-der-sonne\/","title":{"rendered":"THE SAME PROCEDURE\u00a0&#8211; NICHTS NEUES UNTER DER SONNE"},"content":{"rendered":"\n<p> <strong>\u00dcber die menschliche Lern(un)f \u00e4higkeit\u00a0im Angesicht des Krieges<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>von Joseph Hueber<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\nKein\nSilvester ohne <em>Dinner\nfor one<\/em>,\nbritischer Dauerbrenner seit \u00fcber 50 Jahren im deutschen\nBezahlfernsehen. Worum geht es? Der Hausdiener einer beg\u00fcterten\nalten Dame stolpert,&nbsp; w\u00e4hrend er beim j\u00e4hrlichen Dinner,\nveranstaltet f\u00fcr bereits Verstorbene, serviert,&nbsp; unter\neingespieltem Dauergel\u00e4chter,\n\u00fcber\nden Kopf eines am Boden liegenden Tigerfells, weil er auf das Wohl\nder Jenseitsg\u00e4ste im Namen der leicht dementen Lady st\u00e4ndig\nansto\u00dfen muss und zunehmend beschwipst wird. Seine Fragen nach ihren\nW\u00fcnschen bei Tisch werden stets mit <em>the\nsame procedure as every year <\/em>beantwortet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Der\ngewagte Sprung in die Gegenwart&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\ngequ\u00e4lte Komik des stolpernden Dieners&nbsp; kann,\ngegenwartsbezogen, auch als tragische Unf\u00e4higkeit des Menschen, aus\nder Vergangenheit  zu lernen, gelesen werden. Man m\u00f6ge an das Bonmot\nMark Twains denken: \u201eGeschichte wiederholt sich nicht, aber sie\nreimt sich.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nStefan\nZweig, (* 1881 in Wien, \u2020 1942 in Petropolis), \u00f6sterreichischer,\nj\u00fcdischer Schriftsteller, erz\u00e4hlt in seinem Buch <em>Die Welt von\ngestern, <\/em>im R\u00fcckblick auf den 1. Weltkrieg, von der\nKriegsbegeisterung sowohl der Eliten, als auch der ganz normalen\nBev\u00f6lkerung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDer\nLeser sei hier eingeladen, aktuelle \u00c4hnlichkeiten, Parallelen zu\nZweigs Analyse der Kriegsbegeisterung 1914 &nbsp;herzustellen \u2013\noder sie als unangemessen abzulehnen. Also lautet die Frage: Haben\nwir es heute mit einer Art <em> same procedure <\/em> zu tun? Einer\nWiederholung nach einem Muster dessen, wie die Menschen angesichts\neiner direkten oder indirekten Betroffenheit vom Krieg denken, wie\nsie reagieren ?<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie\nfolgende  Zitatensammlung ist eine Zusammenstellung von Zweigs\nGedanken  in Form eines Flie\u00dftextes zur besseren, fl\u00fcssigen\nLesbarkeit. Statt Anf\u00fchrungs- und Schlusszeichen wurde der\nSchr\u00e4gdruck bei Zitaten gew\u00e4hlt. Kleine, f\u00fcr den Sinn nicht\nnotwendige Auslassungen, sind nicht gekennzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Die\nWandlung vom Pazifisten zum Kriegsbegeisterten \/ die <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Unf\u00e4higkeit,\nmiteinander zu reden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Allm\u00e4hlich\nwurde es in diesen ersten Kriegswochen von 1914 unm\u00f6glich, mit\nirgendjemandem ein vern\u00fcnftiges Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren. Die\nFriedlichsten, die Gutm\u00fctigsten waren von dem Blutdunst wie\nbetrunken. Freunde, die ich immer als entschiedene Individualisten\nund sogar als geistige Anarchisten gekannt, hatten sich \u00fcber Nacht\nin fanatische Patrioten verwandelt&#8230; Kameraden , mit denen ich seit\nJahren nie einen Streit gehabt, beschuldigten mich ganz grob, ich sei\nkein \u00d6sterreicher mehr. Ja, sie deuteten sogar vorsichtig an, dass\nman Ansichten wie jene, dass dieser Krieg ein Verbrechen sei,\neigentlich zur Kenntnis der Beh\u00f6rden bringen sollte , denn\n\u201eDefaitisten\u201c&#8230; seien die schwersten Verbrecher am Vaterlande. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Das\nErsch\u00fctterndste an diesem Wahnsinn aber war, dass die meisten dieser\nMenschen ehrlich waren. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Begeisterung\nder Eliten  <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>&#8230;meinten\ndie meisten unserer Dichter ihr Teil am besten zu tun, indem sie die\nBegeisterung der Massen st\u00e4rkten &#8230;mit dichterischem Appell oder\nwissenschaftlichen Ideologien unterbauten. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Feierlich\nverschworen sich die Schriftsteller, nie mehr mit einem Franzosen,\nnie mehr mit einem Engl\u00e4nder Kulturgemeinschaft haben zu wollen, ja\nmehr noch: sie leugneten \u00fcber Nacht, dass es je eine englische, eine\nfranz\u00f6sische Kultur gegeben habe. So wollten sie ihrem Volk durch\ndie Sprache dienen und es das h\u00f6ren lassen, was es h\u00f6ren wollte:\ndass das Recht einzig auf seiner Seite sei in diesem Kampf und das\nUnrecht auf der andern, dass Deutschland siegen werde und die Gegner\nschm\u00e4hlich unterliegen. &#8230;Aber schon nach k\u00fcrzester Zeit wurde\nerkennbar, welches f\u00fcrchterliche Unheil sie mit ihrer Lobpreisung\ndes Krieges und ihren Hassorgien anstifteten.  <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<em><strong>Medien\nund Journalismus <\/strong><\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Krieg\nl\u00e4sst sich mit Vernunft und gerechtem Gef\u00fchl nicht koordinieren. Er\nbraucht einen gesteigerten Zustand des Gef\u00fchls, er braucht\nEnthusiasmus f\u00fcr die eigene Sache und Hass gegen den Gegner. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Die\nSchriftsteller, die Journalisten hatten die Hasstrommel zu schlagen\nund schlugen sie kr\u00e4ftig, bis jedem Unbefangenen die Ohren gellten.\nGehorsam dienten sie fast alle der \u201eKriegspropaganda\u201c und damit\ndem Massenwahn und Massenhass des Krieges. Und so verwandelte sich\nder opfermutige Enthusiasmus allm\u00e4hlich in eine Orgie der\nschlimmsten und d\u00fcmmsten Gef\u00fchle.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Hass\nauf die Kultur des Feindes <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Shakespeare\nwurde von den deutschen B\u00fchnen verbannt,  Mozart und Wagner aus den\nfranz\u00f6sischen, den englischen Musiks\u00e4len, die deutschen Professoren\nerkl\u00e4rten, Dante sei ein Germane, Beethoven sei ein Belgier gewesen.\nFrauen der Gesellschaft schworen, dass sie zeitlebens nie mehr ein\nWort franz\u00f6sisch sprechen w\u00fcrden. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Krieg\ngegen die Vernunft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Was\nwussten 1914, nach fast einem halben Jahrhundert des Friedens, die\ngro\u00dfen Massen vom Kriege? Der Krieg von 1914 wusste nichts von den\nWirklichkeiten, er diente noch einem Wahn, dem Traum einer besseren,\neiner gerechten Welt. Und nur der Wahn, nicht das Wissen macht\ngl\u00fccklich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Immer\nabsurder wurde die Geistesverwirrung. Keine Stadt, keine Gruppe, die\nnicht dieser grauenhaften Hysterie des Hasses verfiel. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Der\nAufbau einer europ\u00e4ischen Kultur <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Nach\neinigen  Wochen \u00fcbersiedelte ich, entschlossen, dieser gef\u00e4hrlichen\nMassenpsychose auszuweichen, in einen l\u00e4ndlichen Vorort, um mitten\nim Kriege meinen pers\u00f6nlichen Krieg zu beginnen: den Kampf gegen den\nVerrat der Vernunft an die aktuelle Massenleidenschaft. Ich schrieb\neinen Aufsatz, betitelt \u201eAn die Freunde im Fremdland\u201c, wo ich in\ngerader und schroffer Abweichung von den Hassfanfaren der andern das\nBekenntnis aussprach, allen Freunden im Ausland, m\u00f6ge auch jetzt\neine Verbindung unm\u00f6glich sein, treu zu bleiben, um mit ihnen bei\nerster Gelegenheit wieder gemeinsam am Aufbau einer europ\u00e4ischen\nKultur zu arbeiten. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<em>Zu\nmeiner \u00dcberraschung z\u00f6gerte das \u201eBerliner Tageblatt\u201c nicht, ihn\nunverst\u00fcmmelt abzudrucken. Nur ein einziger Satz &#8211; \u201ewem auch immer\nder Sieg zufallen m\u00f6ge\u201c- fiel der Zensur zum Opfer, weil auch der\nleiseste Zweifel daran, dass Deutschland als selbstverst\u00e4ndlicher\nSieger aus diesem Weltkrieg hervorgehen werde, damals nicht gestattet\nwar. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n[So]<em>\ntrug mir der Aufsatz einige entr\u00fcstete Briefe von \u00dcberpatrioten\nein, sie verst\u00e4nden nicht, wie man in einer solchen Stunde noch mit\ndiesen schurkischen Gegner Gemeinschaft haben k\u00f6nne. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Ein\naktuelle Meldung: Netrebko in Berlin <\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eDrinnen\nausverkauftes Haus, drau\u00dfen Protest; der Auftritt von Opernstar Anna\nNetrebko in der Berliner Staatsoper sorgt f\u00fcr Diskussion. Vor\ndem Opernhaus protestierten den ganzen Abend \u00fcber Gegner des\nAuftritts. Sie schwenkten ukrainische Fahnen, zeigten Plakate und\nriefen \u201eNo Netrebko!\u201c, \u201eSchande Netrebko\u201c oder \u201eSchande\nPublikum\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/feuilleton\/opernstar-anna-netrebko-tritt-wieder-in-berliner-staatsoper-auf-a4411034.html\">https:\/\/www.epochtimes.de\/feuilleton\/opernstar-anna-netrebko-tritt-wieder-in-berliner-staatsoper-auf-a4411034.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die menschliche Lern(un)f \u00e4higkeit\u00a0im Angesicht des Krieges von Joseph Hueber Download Artikel als PDF<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-9586","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9586","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9586"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9586\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9587,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9586\/revisions\/9587"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}