{"id":955,"date":"2017-04-11T09:24:33","date_gmt":"2017-04-11T07:24:33","guid":{"rendered":"http:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=955"},"modified":"2017-04-11T09:24:33","modified_gmt":"2017-04-11T07:24:33","slug":"martin-luther-und-die-reformation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2017\/04\/11\/martin-luther-und-die-reformation\/","title":{"rendered":"Martin Luther und die Reformation"},"content":{"rendered":"<p>Jubeljahr 2017. 500 Jahre seit 1517 (so weit reichen die Mathekenntnisse bei den meisten noch), dem Jahr, als Dr. (so viel Zeit muss sein) Martin Luther seine 95 Thesen an ein Kirchentor nagelte. Festreden und Schw\u00e4rmerei \u00fcber Festreden und Schw\u00e4rmerei, und mich macht das ganze aktuelle Ges\u00fclze, das Wesentliches verschweigt, zunehmend w\u00fctend.<\/p>\n<p><!--more-->Luther war ja nun nicht der erste Reformer, wenn man sie \u00fcberhaupt so nennen darf. Da war beispielsweise Johannes Hus, den man unter Brechen s\u00e4mtlicher heiliger Schw\u00fcre (heilig ist in diesem Zusammenhang ein besonders wichtiges Wort) hingerichtet sprich m\u00f6glicht bestialisch lebendig verbrannt hat. Auch Luther drohte diese Abrechnung des Establishments mit den gleichen ethischen Trickes &#8211; freies Geleit etc etc, wobei man das Holz schon aufschichtete &#8211; als ihn sein Landesherr kurzerhand entf\u00fchren und in Sicherheit bringen lie\u00df. Warum?<\/p>\n<p>Luther wandte sich gegen den Ablasshandel und den Papismus und traf damit den Nerv vieler Landesf\u00fcrsten. Immer gr\u00f6\u00dfere Geldmengen, denen die Landesherren f\u00fcr das F\u00fchren ihrer st\u00e4ndigen Kriege ebenso n\u00f6tig bedurften, flossen in Richtung katholischer Klerus und Papst ab. Das irgendwie zu bek\u00e4mpfen war schwierig. Zu schnell war die Kirche mit einem Bann dabei, meist verbunden damit, den n\u00e4chsten Nachbarn als neuen Herzog anzuerkennen, der in den seltensten F\u00e4llen z\u00f6gerte, das Land mit Krieg zu \u00fcberziehen und sich seinen neues Territorium einzuverleiben. Jemand wie Luther kam da gerade Recht: ein geachteter Kirchenmann, der mit der Religion im R\u00fccken sagen konnte &#8222;Schei\u00df auf den Papst! In deinem Land hast du selbst das Sagen!&#8220;.<\/p>\n<p>Und da haben wir den eigentlichen Grund f\u00fcr die Reformation. Vom Herzogtum Sachsen nordw\u00e4rts bis zu den schwedischen K\u00f6nigen begriffen die Landesherren schnell, dass eine eigene Hoheit \u00fcber kirchliche Angelegenheiten sehr viel mehr Gewinn brachte als die Vergabe einer Herzogw\u00fcrde des fernen Papstes in Rom \u00fcber ein Land, das er weder besa\u00df noch kontrollierte. Der Glaube hat nichts damit zu tun.<\/p>\n<p>Nun wird im Zusammenhang mit Luther auch immer von Toleranz und Freiheit gesprochen. Bl\u00f6dsinn! Dazu war Luther einerseits viel zu katholisch, andererseits viel zu abh\u00e4ngig von den F\u00fcrsten. Zur Beginn seiner Reformatorkarriere waren Bauernaufst\u00e4nde gro\u00df in Mode. Die wandten sich gegen \u00e4hnliche Missst\u00e4nde wie die, die Luther kritisierte: die st\u00e4ndige Bedr\u00fcckung und Auspl\u00fcnderung vorzugsweise durch die katholische Kirche, aber auch den kleineren Adel, aber in der Regel nicht gegen die Landesf\u00fcrsten und auch nicht den Papst. Reformen w\u00e4ren sicher m\u00f6glich gewesen, und die Bauern sahen in Luther sogar ihren Verb\u00fcndeten auf diesem Weg. B\u00f6ser Fehler! Luther lie\u00df eine Reihe von Schriften vom Stapel, die dem Adel das Recht zusprachen, die Bauern mit allen Mitteln, also auch Betrug, nieder zu hauen (ja, nieder zu hauen, oder sie h\u00f6chst christlich einfach in Massen zu t\u00f6ten). Auch hier kam bereits eine der Lieblingsvokabeln der Herrn Luther, der die deutsche Sprache ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt hat, zum Einsatz: Bauersau oder auch Sau in jeder m\u00f6glichen Variante, und die galt es eben, abzustechen. Entsprechend wurde verfahren, und Luther ist so h\u00f6chstpers\u00f6nlich daf\u00fcr verantwortlich, dass Leibeigentum usw. noch einige Jahrhunderte l\u00e4nger in Betrieb blieben.<\/p>\n<p>Toleranz und Glaubensfreiheit war bei Luther auch nur so lange angesagt, wie Toleranz ihm gegen\u00fcber gefordert wurde. War er irgendwo fest im Sattel, was Schluss mit Toleranz und Freiheit. Wem der vorgeschriebene Glaube nicht passte, musste das Land verlassen, wurde sp\u00e4ter auch unter Verlust seiner Habe einfach ausgewiesen. Auch das wurde von Luther so vertreten und war ja auch im Sinne der F\u00fcrsten, die die Papisten nur so endg\u00fcltig loswerden konnten.<\/p>\n<p>Aber nicht nur das! Neben Luther gab es ja auch noch andere Reformatoren. Als Beispiel nehmen wir Zwingli aus Z\u00fcrich. In \u00fcber 50 Punkten waren beide einig, in zwei Punkten, gewisse &#8222;Glaubensdetails&#8220; betreffend, aber nicht &#8211; grunds\u00e4tzlich nicht. Das h\u00e4tte ja die eigene Reputation geschw\u00e4cht. Zwingli war gewisserma\u00dfen noch authorit\u00e4rer als Luther und setzte in Z\u00fcrich, Bern, Schaffhausen und weiteren St\u00e4dten bereits ein Terrorregime durch, das dem der Katholiken in nichts nachstand. Und nat\u00fcrlich trafen Lutheraner und Zwingianer aufeinander und nahmen bereits die \u00fcblichen Handlungsweisen der linken Gruppierungen vorweg: man schlug untereinander, obwohl verwandt, schlimmer aufeinander ein als auf den eigentlichen Gegner, die Katholiken. Lutheraner masskrierten Zwinglianer, Zwingliander wiederum Lutheraner, und das Ganze endete, ober besser pausierte schlie\u00dflich damit, dass die Lutheraner Zwingli auf einem seiner Feldz\u00fcge gefangen nahmen, ihn folterten und verbrannten, wobei man, um besonders gr\u00fcndlich zu sein, einen Haufen Schweineschei\u00dfe gleich mit verbrannte, und die Asche schlie\u00dflich in den n\u00e4chsten Flu\u00df warf. Luther fand das nicht unchristlich, und das war es ja auch nicht.<\/p>\n<p>In Sachen Frau war Luther der typische Katholik, waren ja schon die ersten Heiligen und Kirchenlehrer \u00fcberzeugt, die Frau sein &#8222;ein missratenes M\u00e4nnchen&#8220;, &#8222;kein richtiger Mensch&#8220; usw usw. Auch er wetterte unentwegt gegen Frauen, hatte aber das Gl\u00fcck, dass seine eigene ziemlich gesch\u00e4ftst\u00fcchtig war und den Laden besser am Laufen hielt, als er das hinbekommen h\u00e4tte. Obwohl er also mit seiner eigenen ganz gut auskam (es hei\u00dft auch, sie h\u00e4tte im Grunde die Hosen angehabt und er w\u00e4re der Pantoffelheld gewesen), war sein Ha\u00df auf Frauen gepaart mit einer kaum zu glaubenden Abergl\u00e4ubigkeit deutlich krankhaft. \u00dcberall sah Luther Hexen, die f\u00fcr alles m\u00f6gliche verantwortlich waren: schlechtes Wetter, Missernte, Schwierigkeiten bei Tiergeburten, ein Kater nach zu viel Saufen usw.\u00a0 Ein besonderer Dorn im Auge waren ihm anscheinend Hebammen, wobei man vermutet, dass es hierbei um frauenspezifisches Wissen wie Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung und \u00e4hnliches ging, das M\u00e4nnern damals noch verwehrt war. Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung in einer Zeit, in der nichts so dringend wie Kanonenfutter gebraucht wurde, war nat\u00fcrlich nicht angesagt, und Leute, die etwas wussten, was Luther nicht besser wusste, das ging schon gar nicht.<\/p>\n<p>Ob Luther den Hexenhammer kannte, ist nicht verb\u00fcrgt, aber sein vorgeschriebener Umgang mit Hexen k\u00f6nnte dort abgeschrieben sein. Verdacht gen\u00fcgt, und man verbrannte die Hexe, nachdem sie eine Hexenprobe nicht bestanden hatte, was so viel hei\u00dft, dass sie nach der Probe tats\u00e4chlich noch lebte. Zu einer Zeit, als bei den Katholiken dieses Unwesen bereits wieder zur\u00fcck ging, bl\u00fchte das Hexenbrennen unter dem ach so christlichen Luther wieder auf, und die letzten Hexenverbrennungen im 19. Jahrhundert fanden nicht bei den Katholiken statt, sondern unter den &#8222;fortschrittlichen&#8220; Reformierten.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich auch sein Umgang mit Juden: anfangs noch als Judenbesch\u00fctzer auftretend wandelte er sich zum schlimmsten Feind, um das Wort Alptraum zu vermeiden, der Juden, jenen &#8222;S\u00e4uen&#8220;, um mal wieder an die Bereicherung der deutschen Sprachen zu erinnern, die man verteiben, unterdr\u00fccken usw. solle. Wenn man nach Quellen f\u00fcr Hitlers Judenhass sucht, darf man sich au\u00dfer bei Pius IX. (nat\u00fcrlich selig gesprochen) auch bei Luthers Nachfahren wie Hofprediger St\u00f6cker umsehen, der sich nat\u00fcrlich auf das Original beziehen konnte. Allerdings zogen die Landesf\u00fcrsten, die das Hexenbrennen vermutlich unter &#8222;notwendige Volksbelustigung&#8220; verbuchten, beim &#8222;Judenbrennen&#8220; nicht mit, da das nicht gerade den wirtschaftlichen Interessen entsprach. Lieber lie\u00df man sie gew\u00e4hren und schr\u00f6pfte sie ab und zu (auch das eine alte christliche Tradition; Morde an Juden fanden seit dem Mittelalter in der Regel nur dort statt, wo die Landesherren die Kontrolle verloren).<\/p>\n<p>Da haben wir den Luther im Ganzen. W\u00e4re er Katholik, h\u00e4tte er mit seiner Vita durchaus das Potential, Heiliger oder gar Kirchenlehrer zu werden, denn Mordb\u00fcbeleien geh\u00f6ren bei allen Heiligen zu Gesch\u00e4ft. Religionskriege, den 30 j\u00e4hrigen Krieg als \u00fcbelster Exponent an der Spitze, Imperialismus, der besonders durch die Briten betriebene Sklavenhandel und die fast vollst\u00e4ndige Ausrottung der Ureinwohner Nordamerikas (in S\u00fcdamerika haben sich die Katholiken bet\u00e4tigt, die, z\u00e4hlt man die Toten, die &#8222;Challenge&#8220; sicherlich gewonnen haben), die Erfindung des Zeichens\u00a0 $\u00a0 f\u00fcr Gott &#8211; alles das sind keine Ausrutscher der Geschichte, alles das geht urspr\u00fcnglich auf Luther und seine Reformatorenkollegen zur\u00fcck. Das komplette Gedankengut und die Rechtfertigung f\u00fcr viele Verbrechen an der Menschheit sind bei ihnen angelegt. Und noch heute berufen sich die Politiker auf dieses &#8222;Christentum&#8220;, wenn sie anderen Leuten oder einander Bomben oder Schlimmeres an den Kopf werfen, immer unterst\u00fctzt von Pfaffen, die die Waffen segnen oder zweifelnde Soldaten wieder auf den Weg des organisierten Mordens zur\u00fcck bringen. Das dumme Volk wird parallel durch Sammlungen f\u00fcr mildt\u00e4tige Zwecke unter herzzerei\u00dfendem Gejammer \u00fcber die selbst mit verursachten humanit\u00e4ren Katastrophen weiter verdummt.<\/p>\n<p>Vergleicht man die historische Analyse, die gl\u00fccklicherweise heute m\u00f6glich ist (vor einiger Zeit h\u00e4tte man auf dem Scheiterhaufe geendet, in ein paar Jahren endet man vielleicht unter dem Schwert eines Moslems, wenn es so weiter geht), mit dem, was einem in den Medien vorges\u00e4uselt wird, bekommt man richtig Lust, extrem lange zu leben und im Jahr 2433 eine weitere m\u00f6gliche 500-Jahr-Feier mitzuerleben. Ob die B\u00f6sewichte dann wohl immer noch B\u00f6sewichte sind?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubeljahr 2017. 500 Jahre seit 1517 (so weit reichen die Mathekenntnisse bei den meisten noch), dem Jahr, als Dr. (so viel Zeit muss sein) Martin Luther seine 95 Thesen an ein Kirchentor nagelte. Festreden und Schw\u00e4rmerei \u00fcber Festreden und Schw\u00e4rmerei, und mich macht das ganze aktuelle Ges\u00fclze, das Wesentliches verschweigt, zunehmend w\u00fctend. 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