{"id":762,"date":"2016-12-18T12:12:54","date_gmt":"2016-12-18T11:12:54","guid":{"rendered":"http:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=762"},"modified":"2016-12-18T12:12:54","modified_gmt":"2016-12-18T11:12:54","slug":"karl-der-grosse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2016\/12\/18\/karl-der-grosse\/","title":{"rendered":"Karl der Gro\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>ist ein gutes Beispiel f\u00fcr die Abh\u00e4ngigkeit der historischen Bewertung vom Einfluss des Zeitgeistes. H\u00e4tte <!--more-->man seine Zeitgenossen gefragt, w\u00e4re das Urteil der \u00fcberwiegenden Mehrheit in der Form &#8222;ein \u00fcbler Schl\u00e4chter und Verbrecher&#8220; ausgefallen. Von Gr\u00f6\u00dfe keine Spur.<\/p>\n<p>Karl hat in den 52 Jahren seiner &#8222;Regierung&#8220; 51 Jahre Krieg gef\u00fchrt, und zwar gegen die Bev\u00f6lkerung seines &#8222;Reiches&#8220;. Die Anf\u00fchrungszeichen deuten schon an, dass sowohl Regierung als auch Reich die falschen Ausdr\u00fccke f\u00fcr das sind, was wirklich geschehen ist. Ein Reich im Sinne der antiken Kulturen von den \u00c4gyptern bis zu den R\u00f6mern hat es n\u00e4mlich nie gegeben, weil das eine geordnete Reichsverwaltung voraussetzt, die bei Karl nicht existiert hat. Das Reich war dort, wo der Kaiser war, und der zog von Pfalzburg zu Pfalzburg und pflegte die \u00f6rtlichen F\u00fcrsten um sich zu versammeln. Der einzige wirkliche Verwaltungsakt war das j\u00e4hrliche Zusammenrufen des Kriegsheeres, aber auch das nur aus einem begrenzten Gebiet. Mit diesem Heer pflegte Karl durch die Lande zu ziehen, um zu rauben, was zu rauben da war, und niederzuhauen, was zuf\u00e4llig auf seinem Weg lag. Sein auf Karten im Geschichtsatlas dargestelltes Reich war nichts anderes als das Gebiet, in das er mit seinen Soldaten in den 52 Jahren seines Wirken vorgedrungen war. Entsprechend seines Wirken &#8211; umherziehen und alles kurz und kein schlagen &#8211; sind auch keine Hinterlassenschaften au\u00dfer ein paar Mauerresten seiner Pfalzburgen auf uns gekommen. Man vergleiche einmal mit den Hinterlassenschaften der R\u00f6mer, \u00c4gypter usw.<\/p>\n<p>Den Beinamen &#8222;der Gro\u00dfe&#8220; hat er sich durch seine Zusammenarbeit mit der Kirche vedient. Die hatte n\u00e4mlich schon 400 Jahre Erfahrung darin, \u00fcbelste Verbrecher, die ihr zu Macht und Reichtum verhalfen und Konkurrenten liquidierten, zu Heiligen zu stilisieren und ihre Anh\u00e4nger durch Gehirnw\u00e4sche zu f\u00fcgigen Gefolgsleuten zu erziehen. Vermutlich die einzige gro\u00dfe Leistung Karls bestand darin, das fr\u00fchzeitig erkannt und sich mit der Kirche verb\u00fcndet zu haben. Karl brachte Sachsen um &#8211; &#8222;eine gottgef\u00e4llige Tat, Heiden von ihrem Leiden zu erl\u00f6sen&#8220;. Standardansicht seit Kirchenlehrer Augustin und anderen. Die Kirche machte ihn zum Gro\u00dfen &#8211; und baute ein paar eindrucksvolle Krichen aus dem Raubgut, mit denen Karl allerdings wenig zu tun hatte.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahrhunderte hielt die Kirche dieses Geschichtsbild hoch, hatte es ihr doch zu Macht \u00fcber den gr\u00f6\u00dften Teil Westeuropas verholfen. Heute ist der Stern der Kirche im Sinken begriffen, und unter den heutigen Historikern findet man inzwischen viele, die den Beinamen &#8222;der Gro\u00dfe&#8220; in Zweifel stellen und Karl eher als den Schl\u00e4chter interpretieren, der er war.<\/p>\n<p>Karl war ein Sieger, und deshalb gro\u00df. Ebenfalls ein &#8222;Gro\u00dfer&#8220; war Napoleon, der ganz Europa mit Krieg \u00fcberzog; nach Anzahl der Toten, die auf sein Konto gehen, sicher einer der ganz gro\u00dfen (in die Reihe passen auch noch andere, aber das soll hier nicht ausufern). Nun war Napoleon kein Sieger (weshalb man ihn au\u00dferhalb Frankreichs auch nicht unbedingt als &#8222;gro\u00df&#8220; bezeichnet), allerdings auch kein absoluter Verlierer. Auf dem Wiener Kongress verkniff man es sich n\u00e4mlich, Hand an Frankreich zu legen und dem Unterlegenen die Geschichte zu diktieren (was ein Fehler war, denn die ehemals burgundischen L\u00e4nder Elass und Lothringen wurden von den letzten Ludwigs annektiert und waren nach dem Zerfall des Gro\u00dfherzogtums Burgund ursp\u00fcnglich an deutsche F\u00fcrsten gekommen; von diesem Vers\u00e4umnis f\u00fchrt eine mehr oder weniger gerade Linie zum ersten Weltkrieg). F\u00fcr national gesinnte Franzosen ein Grund, sich dar\u00fcber aufzuregen, dass &#8222;eine reaktion\u00e4re Clique von Kaisern und K\u00f6nigen den glorreichen Spross der Revolution abgew\u00fcrgt hat&#8220;.<\/p>\n<p>Napoleon wie ein paar sp\u00e4tere Verbrecher gaben aber dem Volk erst einmal das Gef\u00fchl, (wieder) etwas zu sein, womit wir schon bei Hitler sind. Alles, was heute \u00fcber die Zeit gesagt wird, entstammt einer von der Entnazifizierung gepr\u00e4gten retrospektiven Sicht. Zu seiner Zeit war er im Volk gro\u00df (im Gegensatz zu Karl), h\u00e4tte er den Krieg gewonnen, w\u00e4re er es noch heute. Das rigorose, vom Sieger diktierte Geschichtsbild l\u00e4sst aber noch nicht einmal die Anerkennung von Leistungen zu, die unter neutraler Betrachtung anzuerkennen w\u00e4ren (wer jetzt in Schnappathmung verf\u00e4llt, demonstriert damit nur, wie gut die Konditionierung sitzt). Bis heute wird dieses absolute negative Geschichtsbild in Deutschland ohne Abstriche vertreten, was etwas irritierend wirkt, denn noch nicht einmal in den Siegerstaaten sind die Historiker derart hartn\u00e4ckig wie die deutschen. Als Verlierer wird Hitler natr\u00fclich nie ein gro\u00dfer werden; dazu ist das, was w\u00e4hrend seiner Zeit geschehen ist, auch nicht geeignet, es ist jedoch durchaus m\u00f6glich, dass Historikergenerationen in einigen Jahrzehnten zu anderen Beurteilungen bestimmter Zusammenh\u00e4nge kommen (Schnappathmung aufnehmen!).<\/p>\n<p>Aus der Zeit des 2. WK f\u00fchren Wege auch wieder in die aktuelle Welt: T\u00fcrkenchef Erdogan h\u00e4lt sich, neutral betrachtet, erstaunlich genau an Vorlagen von Leuten wie Hitler (ich habe das anderswo dargestellt), was aber nicht dazu f\u00fchrt, dass er aus westlichen Politikerkreisen antsprechenden Gegenwind bekommt (man hat ja auch mit Stalin paktiert, und der war ein noch gr\u00f6\u00dferer Verbrecher). Au\u00dferdem hat Erdogan &#8211; er gibt seinen T\u00fcrken das Gef\u00fchl, wer zu sein &#8211; selbst in der 3. Generation der hiesigen T\u00fcrken nur Anh\u00e4nger, keine Gegner. Was draus wird, bleibt abzuwarten, aber als Lehre aus dem aktuellen Verhalten w\u00e4re zumindest zu ziehen, dass alle Kritik an der deutschen Bev\u00f6lkerung nach 1933, &#8222;man h\u00e4tte doch sehen k\u00f6nnen &#8230;&#8220;, ausgemachter Unfug ist. Man kann es heute auch nicht sehen, und ob es Gut geht, wird die Zukunft zeigen. Dann wird Erdogan entweder ein Gro\u00dfer, der Vernichter der t\u00fcrkischen Gesellschaft oder ein Chaot unter vielen sein. Die zuk\u00fcnftigen Historiker werden sich dann sehr genau festlegen und harsche Kritik an der Bev\u00f6lkerung \u00e4u\u00dfern &#8211; vermutlich aber auch nur, um von der folgenden Generation mit einer &#8222;h\u00f6heren Sicht&#8220; wieder korrigiert zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ist ein gutes Beispiel f\u00fcr die Abh\u00e4ngigkeit der historischen Bewertung vom Einfluss des Zeitgeistes. 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