{"id":5854,"date":"2021-01-31T14:01:00","date_gmt":"2021-01-31T13:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=5854"},"modified":"2021-01-27T18:02:38","modified_gmt":"2021-01-27T17:02:38","slug":"merkel-in-davos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2021\/01\/31\/merkel-in-davos\/","title":{"rendered":"Merkel in Davos"},"content":{"rendered":"\n<p>Rede von Bundeskanzlerin Merkel anl\u00e4sslich des Davos-Dialogs des World Economic Forum am 26. Januar 2021 (Videokonferenz)   <\/p>\n\n\n\n<p>Dienstag, 26. Januar 2021, 13:03 Uhr in &#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Danke sch\u00f6n, Herr Professor Schwab,<br>\nmeine Damen und Herren an den Bildschirmen,<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Covid-19 hat die Welt ver\u00e4ndert \u2013 das zeigt sich auch am diesj\u00e4hrigen Davos-Dialog. Er findet virtuell statt. Im Mai soll er dann physisch stattfinden, aber nicht in Davos, sondern in Singapur. Ich habe gerade im Vorgespr\u00e4ch schon zu Herrn Prof. Schwab gesagt: Ich hoffe, Sie tauschen die sch\u00f6nen Berge von Davos nicht langfristig in die Hochh\u00e4user von Singapur um, obwohl Singapur auch ein wunderbarer, lebendiger und dynamischer Ort auf der Welt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute vor einem Jahr war noch nicht allen klar, dass wir in einer Pandemie leben werden. Aber manche haben es schon gewusst oder geahnt; und dazu geh\u00f6rte auch Herr \u015eahin, der Chef von BioNTech, der mir erz\u00e4hlte, dass er am 24. Januar die Entscheidung gef\u00e4llt hat, das gesamte BioNTech-Forschungsprogramm umzuwerfen und einen mRNA-Impfstoff gegen dieses Virus zu entwickeln. Dass er und viele andere auf der Welt dazu beigetragen haben, dass wir heute, zw\u00f6lf Monate sp\u00e4ter, zwar noch nicht genug, aber immerhin sehr vielversprechende Impfstoffe einsetzen k\u00f6nnen, zeigt, wozu die Menschheit in der Lage ist, wozu Wissenschaft und Forschung in der Lage sind; denn damit haben wir, glaube ich, auch einen Weg aus der Pandemie gefunden, auch wenn er noch m\u00fchselig und auch nicht so kurz sein wird, wie es sich viele von uns erhofft haben. BioNTech hat also \u2013 zusammen mit Pfizer; auch andere Firmen auf der Welt haben das getan \u2013 einen Impfstoff entwickelt. Das ist ein Start-up aus Deutschland, in dem Menschen aus 60 Nationen arbeiten und forschen. Das zeigt uns auch, welchen Wert internationale Zusammenarbeit hat und was man damit schaffen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pandemie hinterl\u00e4sst allerdings tiefe Spuren in unserer Wirtschaft und in unserer Gesellschaft; und das wird mit Sicherheit auch unser Leben in den n\u00e4chsten Monaten und Jahren pr\u00e4gen. 100 Millionen Menschen weltweit haben sich bereits mit diesem Virus angesteckt. Mehr als zwei Millionen Menschen sind gestorben. Es gibt sicherlich eine sehr gro\u00dfe Dunkelziffer. Wir verzeichnen Wirtschaftseinbr\u00fcche an vielen Stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Davos-Forum ist der richtige Ort, um Diskussionen \u00fcber die Zeit nach der Pandemie und die Wege aus der Krise zu f\u00fchren. Dabei gilt nat\u00fcrlich: alles, was die Pandemie eind\u00e4mmt, ist gut; das ist nicht nur gut f\u00fcr die Gesundheit der Menschen, sondern auch gut f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung, f\u00fcr die gesellschaftlichen und die kulturellen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben das Motto \u201eThe Great Reset\u201c gew\u00e4hlt; das ist das diesj\u00e4hrige Thema. Ich frage einmal: Brauchen wir wirklich einen \u201eGreat Reset\u201c oder ist es nicht eher so, dass wir einen Neuanfang weniger hinsichtlich der Zielsetzungen und mehr hinsichtlich der Entschlossenheit unseres Handelns brauchen? Deshalb will ich drei Fragen nachgehen, die mit der Frage zusammenh\u00e4ngen, was uns diese Pandemie gezeigt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, sie hat uns zun\u00e4chst einmal unsere globale Verbundenheit gezeigt. Wenn wir uns n\u00e4mlich einmal anschauen, wie sich das Virus aus Wuhan in China in der gesamten Welt verbreitet hat, dann hat man hierbei eigentlich auch eine Art der Globalisierung beobachten k\u00f6nnen \u2013 nicht anhand von menschlichem Tun, sondern anhand der Verbreitung dieses Virus. Es hat sich gezeigt, dass in so einem existenziellen Fall auch der Versuch einer dauerhaften Abschottung ziemlich fehlschl\u00e4gt; jedenfalls ist er im Zusammenhang mit diesem Virus fehlgeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens hat sich unsere Verwundbarkeit gezeigt. Das Virus ist irgendwie vom Tier auf den Menschen \u00fcbergegangen. Das hat uns einmal mehr deutlich gemacht, dass wir in unsere nat\u00fcrliche Umwelt eingebettet leben. Bei aller Technik, die wir beherrschen, und bei allem, das wir k\u00f6nnen, zeigt sich doch, dass wir von der Natur abh\u00e4ngig sind und bleiben. Das hat ja etwas sehr Beruhigendes, aber das hat nat\u00fcrlich auch Folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens will ich, bezogen auf Deutschland, ganz deutlich sagen: Diese Pandemie ist ja so etwas wie eine Jahrhundertkatastrophe, ein Jahrhundertnaturereignis, bei dem sich auch die Widerstandsf\u00e4higkeit \u2013 Herr Schwab hat auch eben davon gesprochen \u2013 oder die nicht vorhandene Widerstandsf\u00e4higkeit unserer Gesellschaften gezeigt hat. Das hei\u00dft also, Schwachstellen in unseren Gesellschaften sind sichtbar geworden. St\u00e4rken sind auch sichtbar geworden. Aber wir wollen nat\u00fcrlich alles tun, um die Schwachstellen zu beheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht fange ich mit dem an, was Deutschland gelernt hat \u2013 also damit, was unsere Schwachstellen und was unsere St\u00e4rken sind. Ich kann berichten, dass wir sehr stark auf etwas bauen konnten; und das war und ist der Gemeinsinn, der Einsatz von Menschen, der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Das ist unser gr\u00f6\u00dfter Schatz. Bei allen M\u00fchen, die eine f\u00f6derale Struktur mit sich bringt, hat sie auch gro\u00dfe St\u00e4rken, weil verantwortliches Handeln einfach auch \u00fcberall im Land erfolgen kann. Es hat sich aber auch gezeigt, dass wir alle, auch Deutschland, obwohl wir in Europa eingebettet sind, am Anfang Fehler gemacht haben und uns erst einmal reflexartig auf uns selbst zur\u00fcckgezogen, aber dann doch gelernt haben, besser gemeinsam zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Dinge haben wir in Deutschland gesehen? Die Schnelligkeit unseres Handelns l\u00e4sst sehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Prozesse sind oft sehr b\u00fcrokratisch und dauern zu lange. Daran haben wir also noch zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir konnten auf ein gutes Fundament in Deutschland aufbauen, n\u00e4mlich auf soliden Finanzen. So konnten wir entschlossen handeln, unseren Unternehmen helfen, den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern helfen, Instrumente wie etwa die Kurzarbeit anwenden, die Wirtschaft am Laufen halten und ein nie dagewesenes Konjunkturprogramm in H\u00f6he von \u00fcber 100 Milliarden Euro auflegen, das nat\u00fcrlich auch zur Stabilisierung des gesamten gesellschaftlichen Lebens beigetragen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht gut sahen wir aus \u2013 dieser Mangel zeigt sich bis in die heutigen Tage \u2013, was die Digitalisierung unserer Gesellschaft angeht. Das beginnt bei der \u00fcberregionalen Vernetzung der Gesundheits\u00e4mter. Das zeigt sich bei der Digitalisierung der Verwaltung. Das zeigt sich auch bei der Digitalisierung unseres Bildungssystems, etwa mit Blick auf Fernunterricht und Fernstudieng\u00e4nge. Hier haben wir also auch mit unserem Konjunkturprogramm angesetzt, weil wir hier besser und schneller werden m\u00fcssen. Wir wissen, dass wir hier nachzuarbeiten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem hat sich gezeigt, von welch gro\u00dfer Bedeutung ein resilientes Gesundheitssystem ist. F\u00fcr Deutschland hat sich gezeigt, dass wir ein sehr gutes individuelles Gesundheitssystem haben, dass wir aber, wenn es um \u201ecommunity health\u201c, um Gemeinschaft und um Pr\u00e4vention geht, noch keine ausreichende Resilienz haben. Deshalb m\u00fcssen wir in dieser Hinsicht aus der Krise, aus der Pandemie lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir f\u00fchlen uns in unserer Forschungspolitik best\u00e4tigt. Seitdem ich Bundeskanzlerin bin, haben wir unsere Forschungs- und Entwicklungsausgaben st\u00e4ndig gesteigert. Wir haben deren Anteil von drei Prozent am Bruttoinlandsprodukt \u00fcberschritten und wollen auf einen Anteil von 3,5 Prozent zugehen. Alles, was wir derzeit bei der Entwicklung von Impfstoffen, aber auch von anderen Technologien sehen, zeigt: Auf Forschung und Entwicklung zu setzen, ist mit Sicherheit richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben jetzt \u00fcber eine gro\u00dfe Frage zu diskutieren, der sich die Welt stellen muss. Das Wort Souver\u00e4nit\u00e4t ist wieder in aller Munde. Lieferketten haben sich in Zeiten der Pandemie zum Teil nicht bew\u00e4hrt, sondern sind zerbrochen. Wir m\u00fcssen, um Lehren aus der Pandemie zu ziehen, fragen: Sind es Schwachstellen, wenn wir zu abh\u00e4ngig von globalen Lieferketten sind, oder wie machen wir solche Lieferketten f\u00fcr die Zukunft so stabil und so verl\u00e4sslich, dass sie auch in Zeiten gro\u00dfen Stresses halten? Ein R\u00fcckfall in regionalen Protektionismus muss meiner Meinung nach verhindert werden, wenn wir die Welt wirklich wieder auf Wachstumskurs bringen wollen. Aber diese Frage muss ehrlich und redlich diskutiert werden. Und Lieferketten m\u00fcssen besser abgesichert werden, wenn man sich wirklich auch in schwierigen Situationen auf sie verlassen will.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit bin ich schon beim Thema Verwundbarkeit. Verwundbarkeit hat sich eben beim Zerrei\u00dfen von Lieferketten gezeigt. Aber ich m\u00f6chte die Verwundbarkeit vor allen Dingen auf die Tatsache beziehen, dass ein Virus vom Tier auf den Menschen \u00fcbergegangen ist, und daran festmachen, dass sich all unsere gro\u00dfen globalen Konventionen zur Nachhaltigkeit \u2013 sei es die Biodiversit\u00e4tskonvention, sei es die Klimarahmenkonvention, die heute im Pariser Abkommen ihr Abbild findet \u2013 als absolut richtig erwiesen haben und dass wir st\u00e4rker f\u00fcr deren Umsetzung arbeiten m\u00fcssen, als wir es vorher getan haben, entschiedener und resoluter.<\/p>\n\n\n\n<p>Sozusagen den Beweis daf\u00fcr k\u00f6nnen wir schon dieses Jahr erbringen, n\u00e4mlich bei der Biodiversit\u00e4tskonferenz in Kunming in China und vor allen Dingen auch bei der Umsetzung des Pariser Abkommens. Die Europ\u00e4ische Union hat das getan, was erwartet wird. In einem ersten Schritt haben wir unser europ\u00e4isches Ziel f\u00fcr die CO2-Reduktionen bez\u00fcglich des Jahres 2030 von 40 Prozent auf 55 Prozent erh\u00f6ht. Wir haben uns zur Klimaneutralit\u00e4t f\u00fcr das Jahr 2050 verpflichtet, was, wenn wir das erreichen, dazu f\u00fchren kann, dass Europa der erste klimaneutrale Kontinent wird. Vor uns liegen jetzt \u2013 ich vermute, dass auch die Kommissionspr\u00e4sidentin dar\u00fcber gesprochen hat \u2013 sehr harte Monate, in denen wir den sogenannten \u201eGreen Deal\u201c ausformulieren, also die Wege aufzeigen m\u00fcssen, wie wir diese Reduktion in H\u00f6he von 55 Prozent erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutschland hat inzwischen mehr als 40 Prozent der Energieerzeugung aus regenerativen Energien. Aber wir wissen auch, welche Anstrengungen damit verbunden sind. Wenn wir die Verwundbarkeit durch den Klimawandel wirklich \u00fcberwinden wollen, dann m\u00fcssen wir harte politische Ma\u00dfnahmen durchf\u00fchren, bei denen wir die Menschen mitnehmen m\u00fcssen. F\u00fcr uns hei\u00dft das: Ausstieg aus der Kohle, Umstieg auf Wasserstoff auch mit Blick auf Prozessenergien und ein v\u00f6lliger Wandel der Mobilit\u00e4t hin zur Elektromobilit\u00e4t oder auch Wasserstoffmobilit\u00e4t; nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir uns Technologieoffenheit bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Europ\u00e4ische Union hat in ihrer Anstrengung zu einem Wiederaufbauplan \u2013 ein ganz au\u00dfergew\u00f6hnlicher Schritt \u2013 als Antwort auf diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Krise festgelegt, dass wir nicht einfach so mit Konjunkturprogrammen weitermachen, wie wir das immer gemacht h\u00e4tten, sondern dass wir ganz klare Priorit\u00e4ten setzen. Das hei\u00dft, mehr als 35 Prozent der verwendeten Gelder m\u00fcssen dem Klimaschutz dienen und mehr als 20 Prozent der Digitalisierung. Das ist wirklich eine Zukunftsinvestition in Richtung mehr Nachhaltigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Welt in den letzten Jahren etwas gelungen ist, worin im Grunde der Schl\u00fcssel gegen Verwundbarkeit liegt, dann ist das die Festlegung der Sustainable Development Goals, der Nachhaltigkeitsziele f\u00fcr 2030, die in umfassender Weise deutlich machen, wie wir handeln m\u00fcssen, wenn wir nicht mehr so verwundbar sein wollen, wie wir es heute sind. Allerdings hat der Gipfel der Vereinten Nationen im vergangenen Jahr gezeigt, dass wir an dieser Stelle immer noch weit hinter den Erwartungen zur\u00fcckliegen. Die gro\u00dfe Gefahr nach der Pandemie besteht darin, dass wir \u2013 ich spreche hier von den Industriel\u00e4ndern \u2013 uns erst einmal auf uns selbst konzentrieren und die Entwicklungsanstrengungen vernachl\u00e4ssigen k\u00f6nnten. Das darf nicht passieren. Deshalb ist es das deutsche politische Ziel \u2013 und auch das Ziel mit Blick auf die europ\u00e4ischen Ausgaben \u2013, bei der Entwicklungszusammenarbeit nicht zu sparen, sondern eher noch eine Schippe draufzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Punkt ist die Frage der globalen Vernetztheit, der globalen Verbundenheit, der Abh\u00e4ngigkeiten, in denen wir leben. Das ist nat\u00fcrlich ein Punkt, der uns in den letzten Jahren immer wieder besch\u00e4ftigt hat und bei dem f\u00fcr mich jetzt noch klarer ist als vorher \u2013 das war f\u00fcr mich auch vorher schon klar \u2013, dass wir einen multilateralen Ansatz w\u00e4hlen m\u00fcssen und dass ein Abschottungsansatz uns nicht helfen wird, die Probleme zu l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen das als Erstes beim gro\u00dfen Thema Impfen, denn das Impfen ist nat\u00fcrlich ein Weg aus der Pandemie heraus. Hier beweist sich dann auch, wie das Verh\u00e4ltnis von Worten und Taten ist. Ich bin sehr dankbar daf\u00fcr \u2013 darauf hat auch die G20 unter der saudischen Pr\u00e4sidentschaft sehr gut hingewirkt \u2013, dass wir uns zu einem multilateralen Ansatz f\u00fcr das Impfen entschieden haben und dass in der Folge COVAX gegr\u00fcndet wurde. Hier m\u00fcssen einerseits die reicheren L\u00e4nder einzahlen; das ist richtig. Deutschland beteiligt sich dabei, die Europ\u00e4ische Union beteiligt sich dabei, und wir werden uns auch weiter engagieren. Geld ist dabei das eine. Das andere ist in Zeiten der Knappheit aber nat\u00fcrlich auch die Verf\u00fcgbarkeit des Impfstoffs. Hier geht es also um Verteilung und eben nicht nur um die Frage des Gelds. Deshalb bin ich sehr froh, dass Gavi als Verhandlungsf\u00fchrer f\u00fcr COVAX erste Vertr\u00e4ge abschlie\u00dfen konnte, und zwar auch mit den Unternehmen, die zum Beispiel bei der Europ\u00e4ischen Arzneimittel-Agentur ihre Zulassungen bekommen. Ich bin sehr froh, dass die Weltbank diese Aktivit\u00e4ten sehr intensiv unterst\u00fctzt. Wir werden nat\u00fcrlich alles daf\u00fcr tun, dass die Verteilung schnell erfolgen kann. Aber machen wir uns nichts vor: Die Frage, wer auf der Welt welchen Impfstoff wann bekommt, wird nat\u00fcrlich auch neue Verbundenheiten und neue Erinnerungen schaffen; denn wer in einer solchen Not Hilfe bekommt, erinnert sich daran nat\u00fcrlich sehr viel st\u00e4rker, als das in guten Zeiten der Fall w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, es hat sich gezeigt: Dies ist die Stunde des Multilateralismus. Was bedeutet Multilateralismus? Multilateralismus bedeutet ja nicht nur, dass wir irgendwie zusammenarbeiten, sondern bedeutet auch, dass wir transparent zusammenarbeiten. Man muss ganz ehrlich sagen: Zu Beginn der Pandemie war die Transparenz vielleicht nicht ausreichend, was die Informationen \u00fcber den Ausbruch der Pandemie in China und auch was die Weitergabe der Informationen durch die Weltgesundheitsorganisation anbelangt. Das hei\u00dft aber nicht, dass wir jetzt zur\u00fcckblicken, um das Vers\u00e4umte zu betonen, sondern das hei\u00dft, dass wir die Lehren daraus ziehen m\u00fcssen. Deshalb finde ich es gut, dass jetzt auch eine WHO-Delegation in China ist und die Dinge noch einmal untersucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, st\u00e4rken. Deshalb ist es eine sehr gute Botschaft, dass die Vereinigten Staaten von Amerika nach dem Amtsantritt von Joe Biden wieder Mitglied der WHO sind und bei der WHO mitarbeiten. Das ist ein gutes und wichtiges Zeichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sprach schon davon: Globale Verbundenheit bedeutet, dass wir an der Entwicklung aller Teile der Welt ein Interesse haben m\u00fcssen. Deshalb ist Entwicklungszusammenarbeit auch im nationalen Interesse; so sehen wir das auch in Deutschland. Wir werden gerade auch die Verbindung nach Afrika und die Investitionen in Afrika weiter st\u00e4rken. Wir haben w\u00e4hrend unserer G20-Pr\u00e4sidentschaft den \u201eCompact with Africa\u201c angesto\u00dfen, der heute weiterhin vom IWF und der Weltbank unterst\u00fctzt wird. Diese Initiative werden wir weiter begleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht \u2013 das ist ein weites Feld \u2013 auch um einen fairen weltweiten Handel. Die WTO setzt sich f\u00fcr regalbasierte internationale Handelsstrukturen ein, die wir st\u00e4rken m\u00fcssen. Es hat hierbei in den letzten Jahren einen Stillstand gegeben, der \u00fcberwunden werden muss. Dadurch, dass im Augenblick keine Schiedsurteile gef\u00e4llt werden k\u00f6nnen, ist die WTO im Grunde nicht richtig handlungsf\u00e4hig. Bei aller Achtung und Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr internationale bilaterale Handelsabkommen bleibt f\u00fcr mich die WTO doch Kernbestandteil eines regelbasierten Handels in der Welt. Deshalb wird sich Deutschland auch nach der Pandemie f\u00fcr die St\u00e4rkung der Welthandelsorganisation einsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben aber auch eine Vielzahl bilateraler und multilateraler Handelsabkommen. Ich will das doch beachtliche RCEP-Abkommen nennen, das im asiatischen Raum L\u00e4nder ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Strukturen im Handelsbereich miteinander verkn\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben w\u00e4hrend der deutschen EU-Ratspr\u00e4sidentschaft einen Schritt gemacht, um in Bezug auf das seit langem \u2013 seit 2013 \u2013 in der Europ\u00e4ischen Union verhandelte EU-China-Investitionsabkommen einen Pflock einzuschlagen und eine politische \u00dcbereinstimmung zu erreichen. Warum bin ich sehr zufrieden, dass uns dieser Schritt gelungen ist? Weil wir, glaube ich, eine neue Qualit\u00e4t hinsichtlich der Investitionen Europas in China und Chinas in Europa erreichen k\u00f6nnen, was auf der einen Seite dem Verlangen nach Reziprozit\u00e4t besser entspricht, was mehr Transparenz bei Subventionen gerade auch im Zusammenhang mit Staatsunternehmen deutlich macht, was auch einen berechenbaren Zugang in Hochtechnologiebereichen erm\u00f6glicht und \u2013 das ist f\u00fcr mich sehr wichtig \u2013 was dar\u00fcber hinaus auch etwas mit Arbeitsnormen, gerade auch in Bezug auf die Normen der Internationalen Arbeitsorganisation, zu tun hat. Wenn wir gerade auch im Bereich des Handels nachhaltige multilaterale Institutionen haben wollen, werden Fragen des Umweltschutzes, des Klimaschutzes und der fairen und gerechten Arbeit eine zunehmende Rolle spielen. Deshalb sind die Kernnormen der Internationalen Arbeitsorganisation f\u00fcr Handelsabkommen von gro\u00dfer Bedeutung. Auch das konnten wir verankern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen in gro\u00dfer Geschwindigkeit multilaterale Antworten auf die neuen Herausforderungen der Digitalisierung finden. Ich hoffe, dass wir gerade auch mit der neuen US-amerikanischen Administration die Arbeiten der OECD zur Mindestbesteuerung von digitalen Unternehmen fortsetzen und intensivieren k\u00f6nnen und dass es uns besser gelingt, die zentrale Rolle des Wettbewerbsrechts global zu verankern, um die Entstehung von Monopolen zu verhindern. Es gibt nat\u00fcrlich solche Tendenzen. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir auch international sprechen, denn sonst wird sich jeder alleine auf unzureichende Art und Weise mit solchen Monopolstrukturen auseinandersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben ein gro\u00dfes Interesse daran, dass eine wirtschaftliche Erholung \u00fcberall auf der Welt einsetzt. Wir haben die neuesten Zahlen gesehen: Es gibt Regionen, in denen es wirtschaftliches Wachstum gibt, Europa hingegen ist relativ schwer getroffen, hat aber auch dieses Jahr wieder Wachstumsaussichten. Das muss aber \u00fcberall auf der Welt m\u00f6glichst konzertiert geschehen; und dazu sind nat\u00fcrlich abgestimmte Anstrengungen notwendig. Hierbei sehe ich eine zentrale Rolle f\u00fcr die G20. Die italienische Pr\u00e4sidentschaft arbeitet ja auch genau in diese Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir uns anschauen, was die Pandemie mit uns gemacht hat, ist mein Fazit, dass sie als Best\u00e4tigung all dessen gelten kann, was in den letzten Jahren immer den Geist von Davos ausgemacht hat. Die Fragen, die dort diskutiert wurden, waren richtig. Es gibt ein Sprichwort des deutschen Schriftstellers Erich K\u00e4stner, das lautet: \u201eEs gibt nichts Gutes, au\u00dfer man tut es.\u201c Die Pandemie hat uns vor Augen gef\u00fchrt, dass das Reden, das Diskutieren und das gedankliche Klarmachen wichtig sind. Ich glaube aber, die Pandemie hat uns auch vor Augen gef\u00fchrt, dass jetzt eine Zeit des Handelns kommt, in der m\u00f6glichst konzertiert, m\u00f6glichst gemeinsam und m\u00f6glichst nach gleichen und gemeinsam diskutierten Prinzipien agiert wird, in der eben etwas getan wird, um die Schwachstellen, die wir alle erlebt haben, m\u00f6glichst zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit bin ich am Ende und bedanke mich f\u00fcr die Aufmerksamkeit<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Anmerkung der Redaktion: Wer in der Lage ist, noch mehr realit\u00e4tsfremden Bl\u00f6dsinn daher zu faseln, kann sich bei der CDU als Kanzlerkandidat bewerben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede von Bundeskanzlerin Merkel anl\u00e4sslich des Davos-Dialogs des World Economic Forum am 26. Januar 2021 (Videokonferenz) Dienstag, 26. 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