{"id":4708,"date":"2020-04-07T10:20:00","date_gmt":"2020-04-07T08:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=4708"},"modified":"2020-04-07T10:20:01","modified_gmt":"2020-04-07T08:20:01","slug":"wenn-das-licht-ganz-ausgeht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2020\/04\/07\/wenn-das-licht-ganz-ausgeht\/","title":{"rendered":"Wenn das Licht ganz ausgeht"},"content":{"rendered":"\n<p>Unsere Wirtschaft ist im Corona-Modus, und zwar im buchst\u00e4blichen Sinn. Wenn man von einer Krankheit gesch\u00fcttelt wird, f\u00e4hrt der K\u00f6rper ein paar Funktionen herunter, um mit dem Urheber fertig zu werden: die 6 km joggen am Morgen machen genauso wenig Spa\u00df wie der Geschlechtsverkehr und man bleibt lieber im Bett.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Genauso ist es mit der Wirtschaft derzeit auch: Fast alles ist mehr oder weniger komplett herunter gefahren, selbst Bereiche, die man sich im Krankenfall immer noch als Aktivit\u00e4t offen h\u00e4lt. Wenn es nicht ganz so schlimm ist, bleibt immer noch Fernsehen oder Lesen neben dem Schlafen, aber f\u00fcr die Wirtschaft ist selbst das deaktiviert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6ffentliche Parole lautet: Wir machen eine Pause und fahren dann alles langsam wieder hoch. So wie der Kranke beim Genesen die still gelegten Funktionen auch wieder anf\u00e4hrt. Alle Welt tut derzeit so, als w\u00e4re das ohne Probleme m\u00f6glich. Wir fahren wieder alles an und haben au\u00dfer ein paar Schulden in einiger Zeit wieder alles im Lot.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist aber nicht so, weil wesentliche Sachen vergessen werden. Schwer verlaufende Erkrankungen dauern l\u00e4nger und auf dem Weg kann es durchaus passieren, dass lebenswichtige Organe den Betrieb einstellen. Der Patient f\u00e4hrt nicht wieder an, er ist tot. Einen Neuanfang gibt es dann nur mit einem Baby, das erst einmal bei Null anf\u00e4ngt. Den Fall des v\u00f6lligen Exitus hat man bei der Wirtschaft nicht auf dem Schirm und das kann fatal werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Wiederanfahren werden einige Player nicht mehr da sein, weil sie es finanziell nicht \u00fcberlebt haben. Andere werden wieder loslegen, aber dann aufgeben m\u00fcssen, weil die Kunden fehlen. Alles kein Problem: Andere werden die L\u00fccken der ersten f\u00fcllen und irgendwann verdienen die Leute auch wieder genug Geld, um als Kunden auftreten zu k\u00f6nnen. Nicht auf dem Schirm dabei: Kunden, die nachfragen, Unternehmen die loslegen wollen &#8211; und die keine Waren mehr bekommen, weil davor alles weggefallen ist. Das kann schneller gehen als man denkt:<\/p>\n\n\n\n<p>Unternehmen A produziert noch fleissig, weil es auch in der Krise systemrelevant ist und die Gesellschaft die Produkte ben\u00f6tigt. Unternehmen B ist Zulieferer von A (Vorprodukte, Maschinen, Ersatzteile), aber auch von C. C ist nicht systemrelevant und abgeschaltet, was auch auf B wirkt. B kann nur durch Belieferung von A nicht \u00fcberleben und schlie\u00dft, A verwaltet leere Regale, die Kunden bekommen nichts mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal als konkretes hypothetisches Beispiel: Die Automobilproduktion ist komplett eingestellt. Nicht nur wegen der Epidemie, sondern weil die Verteufelung des Automobils durch die Gr\u00fcnen zu Autohalden \u00e4hnlich den Kohlehalden in den 1970er Jahren gef\u00fchrt hat. Die Konzerne und Gro\u00dfh\u00e4ndler H\u00e4ndler sitzen noch auf gr\u00f6\u00dferen Mengen der 2017er und 2018er Produktion, was Grund genug ist, die Produktion herunter zu fahren, zumal im Ausland aufgrund des weltweiten Ausnahmezustands auch nichts mehr abzusetzen ist. Was im Moment auf der Stra\u00dfe bewegt wird, ben\u00f6tigt allerdings Ersatzteile aller Art. Nur von Ersatzteilen k\u00f6nnen die Zulieferer aber nicht leben. Ein Zulieferer nach dem anderen, oft recht kleine mittelst\u00e4ndische Unternehmen, schlie\u00dft im Laufe der Zeit. Die Konzerne verkaufen Teile ab Lager, aber die sind klein. Wer genau aufpasst, kann schon heute beobachten, dass viele Werkst\u00e4tten Engp\u00e4sse bei Ersatzteilen verzeichnen und nicht wenig \u00fcber Vitamin B l\u00e4uft, was fr\u00fcher halt einfach offiziell bestellt wurde. Dauert der Shutdown l\u00e4nger, f\u00e4llt auch vieles, was noch funktionieren muss, um, weil wichtige Teile nicht mehr lieferbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun besteht zum Beispiel so ein Motor in einem Auto aus mehreren 1.000 Einzelteilen, alle sehr speziell und hohen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgend. Teile, die vor 50 Jahren in einem K\u00e4fer verbaut wurden, w\u00fcrden in den modernen Hochleistungsmotoren h\u00f6chstens ein paar Tage durchhalten. Zwar ist immer von VW, BMW oder Bosch zu h\u00f6ren, aber vielfach stehen hunderte kleiner Unternehmen in der gesamten Lieferkette. Bei einem &#8222;jetzt geht&#8217;s wieder los&#8220; m\u00fcssen die alle wieder anfahren, was schon Probleme f\u00fcr die Logistik bereitet, da der eine nur 1 Woche zur Lieferung ben\u00f6tigt, der andere 4 Wochen. Auch deren Vorlieferanten m\u00fcssen wieder anfahren. Fallen solche Unternehmen aus, kann man versuchen, andere Lieferanten in der gleichen Qualit\u00e4t zu finden, aber die Logik sagt einem, dass irgendwo eine Grenze existiert, wo das nicht mehr funktioniert. Essentielle Teile k\u00f6nnen nicht mehr aufgetrieben werden und der ganze Motor kann folglich nicht mehr produziert werden. Exitus.<\/p>\n\n\n\n<p>Exitus bedeutet in diesem Fall: man f\u00e4ngt mit der Konstruktion eines Motors von vorne an, wobei nur die Teile eingesetzt werden k\u00f6nnen, die man auch bekommen kann. Also kein Wiederanfahren, sondern ein kompletter Kaltstart von Null wie mit einem Baby. Dieses Szenario wird f\u00fcr viele Bereiche um so wahrscheinlicher, je l\u00e4nger der Shutdown dauert. Ebenso wird wahrscheinlicher, dass die jetzt noch funktionierenden Bereiche durch Totalausf\u00e4lle in der Lieferkette ebenfalls ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommt noch, dass die Wirtschaftsgeflechte international sind. Das Schlie\u00dfen von Modegesch\u00e4ften in Berlin f\u00fchrt im Extremfall letztlich zu einer Hungerkatastrophe in Bangladesh, weil die Textilindustrie keine Abnehmer mehr hat und alle entl\u00e4sst. Sozialsysteme existieren dort nicht. Das Schlie\u00dfen von Blumenl\u00e4den f\u00fchrt zum Bankrott des spezialisierten Produzenten in Afrika, der damit auch als Kunde f\u00fcr eine wieder anlaufende Automobilproduktion entf\u00e4llt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Problem f\u00fcr ein Wiederanfahren der Wirtschaft d\u00fcrfte auch die Bev\u00f6lkerung sein. Die ist an die Segnungen des Sozialstaats und nicht an harte Arbeit gew\u00f6hnt. Ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung ist unqualifiziert, die Anspr\u00fcche der Wertsch\u00f6pfungskette zu bedienen. Eine \u00dcbernahme vieler Funktionen durch den Staat, wie es sich derzeit andeutet, ist stark hemmend f\u00fcr eine Erholung, da alles durch unf\u00e4hige B\u00fcrokraten ausgebremst wird. Auch dieser Faktor wirkt sich mit jedem weiteren Tag Shutdown verheerend aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Schon jetzt ist abzusehen, dass verschiedene Branchen nicht mehr durchstarten k\u00f6nnen. Pl\u00e4ne, die \u00e4ltere Bev\u00f6lkerung wegzusperren und die j\u00fcngeren wieder arbeiten zu lassen, d\u00fcrften das Aus f\u00fcr viele weitere Betriebe der Gastronomie- und Tourismus-Branche sein, denn gerade die \u00c4lteren bringen das Geld. Siehe Kreuzfahrtschiffe: Typisches Alter = Risikogruppe. F\u00fcr viele Dienstleister ist vermutlich jetzt schon das Ende erreicht: Wer irgendwie in der Schulungs- und Beratungsbranche steckt, der ist seit Beginn des Shutdowns arbeitslos. Bei einem Ende nach Ostern rechnen die meisten auch mit einem auftragslosen Mai, aber bei dem d\u00fcrfte es nicht bleiben. Alle Branchen, die gewisserma\u00dfen am Ende der Luxuskette stehen, werden auch als letzte wieder in Betrieb gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklicherweise, m\u00f6chte man fast sagen, wird es auch die Qualit\u00e4tspresse treffen. Warum Werbung schalten, wenn kaum noch Wettbewerb besteht und das unn\u00f6tig ist? Und auch das wird eine Sache bleiben, die lange anh\u00e4lt. Horrende Preise f\u00fcr Werbung sind nicht mehr erzielbar, horrende Honorare f\u00fcr Journalisten nicht mehr zahlbar und zunehmend mehr Redaktionen schalten bereits jetzt in den Sparbetrieb, m\u00fchsam versteckt hinter &#8222;der Sorge um die Gesundheit unserer Mitarbeiter&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Es werden weitere Verst\u00e4rker auftreten. Es ist dringend notwendig, diesen Ausnahmezustand zu beenden, nicht nur hier, sondern auch in anderen Staaten. Ob es f\u00fcr viele Bereiche nicht schon zu sp\u00e4t ist, wird sich zeigen. Diese Forderung scheint angesichts von inzwischen 67.000 offiziell verzeichneten Todesf\u00e4llen zynisch bis menschenverachtend, aber diese Zahlen sind nicht ehrlich und die Folgen bei einen weiteren Shutdown k\u00f6nnten sich auch so entwickeln, dass die Corona-Epidemie zum Kollateralschaden wird und nicht umgekehrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Wirtschaft ist im Corona-Modus, und zwar im buchst\u00e4blichen Sinn. Wenn man von einer Krankheit gesch\u00fcttelt wird, f\u00e4hrt der K\u00f6rper ein paar Funktionen herunter, um mit dem Urheber fertig zu werden: die 6 km joggen am Morgen machen genauso wenig Spa\u00df wie der Geschlechtsverkehr und man bleibt lieber im Bett. 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