{"id":3718,"date":"2019-10-17T08:20:50","date_gmt":"2019-10-17T06:20:50","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=3718"},"modified":"2019-10-14T09:04:28","modified_gmt":"2019-10-14T07:04:28","slug":"ein-bisschen-vogelkunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2019\/10\/17\/ein-bisschen-vogelkunde\/","title":{"rendered":"Ein bisschen Vogelkunde"},"content":{"rendered":"\n<p>V\u00f6gel sind ja bekanntlich die letzten Nachkommen der Dinos. Sie konnten bereits zu der Zeit, als der letzte Meteorit, der <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/weltall\/esa-asteroid-koennte-in-65-jahren-die-erde-treffen-a-1290847.html\">die Erde nicht nur in 65 Jahren treffen k\u00f6nnte<\/a>, sondern das auch gemacht hat, fliegen und haben es der F\u00e4higkeit vermutlich auch zu verdanken, dass sie als Ordnung \u00fcberlebt haben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nahezu alle flugf\u00e4higen V\u00f6gel sind in der einen oder anderen Art Zug- oder zumindest Wanderv\u00f6gel. Was auch verst\u00e4ndlich ist, denn wenn irgendwo die Nahrung nicht mehr ausreicht oder bekloppte Tierfreunde wieder eine gr\u00f6\u00dfere Horde Zimmertiger rausl\u00e4sst, verzieht man sich halt in eine angenehmere Gegend, zumal man das als Flieger ja recht einfach machen kann (machen besonders die Gr\u00fcnen ja auch).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schule lernt man dann immer die beachtlichen Zugwege der Langstreckenflieger kennen. Und dass dieses Verhalten samt den Flugrouten irgendwie in den V\u00f6geln eingebaut sei und die immer so fliegen. Nun haben die ein prima GPS und ein gutes Erinnerungsverm\u00f6gen, sind jedoch individuell recht variabel. Was ja auch sein muss, denn sonst brauchte man nur einen Punkt der Flugroute versiegeln und das war es dann mit dieser Vogelart. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei den gro\u00dfen j\u00e4hrlichen Vogelz\u00fcgen fliegen beispielsweise oft nicht alle ab. Wenn die Lebensbedingungen ertr\u00e4glich erscheinen, bleiben auch ein paar da. Einige der Graug\u00e4nse beispielsweise, die den Winter in Norddeutschland verbringen, finden es hier gar nicht so schlecht und br\u00fcten im Fr\u00fchjahr auch gleich hier (oder haben das bis vor kurzem, siehe unten). Singv\u00f6gel in l\u00e4ndlichen Gegenden finden heraus, dass die Menschen sie im Winter mit Futter versorgen und bleiben ebenfalls zum Teil hier (auch zunehmend weniger, siehe unten). Selbst das Verhalten vor Ort ist variabel: Amseln, die in den St\u00e4dten mit ihrer bez\u00fcglich der biologischen Kenntnisse v\u00f6llig verpeilten Einwohnerschaft \u00e4u\u00dferst misstrauisch sind, r\u00fccken dem umgrabenden Freizeitg\u00e4rtner in der Hoffnung auf einen leckeren Wurm oft so nahe auf den Pelz, dass der aufpassen muss, den Vogel nicht zuzusch\u00fctten oder drauf zu treten. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei wandernden V\u00f6geln findet man Variationen der Flugrouten. Manche Teilschw\u00e4rme werden vom Wetter abgedr\u00e4ngt und landen woanders, wo Teile auch bleiben, wenn es dort angenehm ist. So sind Singvogelschw\u00e4rme normalerweise nach S\u00fcden unterwegs, einzelne Gruppen werden aber fallweise nach S\u00fcdengland verschlagen und bleiben auch dort, wenn die Umweltbedingungen es zulassen. Wer als Vogel einmal an einem bestimmten Ort gelandet ist, wird den beim n\u00e4chsten Mal wieder ansteuern. S\u00fcdenglische \u00dcberwinterer werden im n\u00e4chsten Winter vorzugsweise wieder S\u00fcdengland ansteuern anstatt sich dem weiteren Flug nach S\u00fcden anzuschlie\u00dfen. Die von einem Ort ausgehenden Vogelz\u00fcge spalten so in verschiedene Teilz\u00fcge auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie stark die einzelnen Flugrouten genutzt werden, h\u00e4ngt vom \u00dcberlebenserfolg in den betreffenden Gebieten ab. Kehren beispielsweise von 100 Englandfliegern 90 zur\u00fcck, von S\u00fcdspanienfliegern aber nur 80, wird sich das Verh\u00e4ltnis im Laufe der Zeit zugunsten der Englandflieger verschieben. \u00c4hnliches gilt, wenn Englandflieger fr\u00fcher wieder hier sind, die besseren Brutpl\u00e4tze besetzen und einen gr\u00f6\u00dferen Bruterfolg haben. Die Jungv\u00f6gel schlie\u00dfen sich den Alten auf dem ersten Zug an, womit sich der Effekt verstetigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch hat nat\u00fcrlich auch einen gr\u00f6\u00dferen Einfluss auf das Zugverhalten. Landwirtschaft mit Weidegebieten oder \u00c4ckern wird andere Vogelarten anziehen als W\u00e4lder, Fichtenmonokulturen wieder andere als Mischw\u00e4lder usw. Die gro\u00dfen Weidefl\u00e4chen und \u00c4cker im Norden der Republik wirken beispielsweise auf G\u00e4nse wie Magneten. Deren Population war vor ca 10-15 Jahren so hoch, dass es regelm\u00e4\u00dfig zu Beschwerden der Bauern \u00fcber Ernteeinbu\u00dfen kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist in vielen Gebieten allerdings inzwischen Schluss. Speziell in Deutschland gibt es in den letzten Jahren eine wirksame Vertreibung von V\u00f6geln durch Technik, zum Beispiel der im Norden publikumswirksamen Gans, aber auch der Austernfischer, der Kibitze und anderen K\u00fcstenv\u00f6geln. Mit der Technik gemeint sind Windkraftwerke, die in einstigen Paradiesen der Vogelbeobachtung wie den K\u00fcstengebieten die Populationen einiger Arten fast ganz zum Verschwinden gebracht haben, Paradearten wie G\u00e4nse auf weniger als 1\/10 fr\u00fcherer Zahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund: Windkraftwerke sind bei mittleren und h\u00f6heren Windst\u00e4rken extreme Schallemittenden im Infraschallbereich um 10 Hz. F\u00fcr den Menschen nicht h\u00f6rbar, f\u00fcr V\u00f6gel schon. Gerade die Viel- und Weitflieger sollten tunlichst Wetterfronten aus dem Weg gehen, denn ein Sturm mit seinen Turbulenzen erfordert zumindest viel Kraft vom Vogel. Infolgedessen erreicht er vielleicht sein Ziel nicht oder wird dort leichter zur Beute von Raubtieren. \u00dcber die aktuelle Wetterlage informiert den Vogel das Infraschallspektrum: Wetterfronten senden Schallsignale im gleichen Bereich aus wie die Windkraftanlagen, was den Vogel zu einer entsprechenden Planung seiner Flugroute veranlasst. Windkraftanlagen wirken, da sie im gleichen Schallbereich liegen, wie St\u00f6rsender.<\/p>\n\n\n\n<p>Infraschallsignale an Windkraftanlagen entstehen, wenn die Fl\u00fcgel den Mast passieren und die Luft dort komprimieren. Der Schalldruck erreicht dort nach verschiedenen Messungen bei gr\u00f6\u00dferen Windst\u00e4rken, wie sie f\u00fcr die effiziente Nutzung der Anlagen zur Stromerzeugung erw\u00fcnscht sind, Pegel von 180 dBA bis \u00fcber 200 dbA. F\u00fcr uns unh\u00f6rbar. Die h\u00f6rbaren Signale wie Rauschen und Pfeifen sind deutlich leiser und klingen bereits in kleineren Entfernungen schnell ab (was nicht bedeutet, dass selbst die manche Leute zum Wahnsinn treiben k\u00f6nnen). Zum Vergleich: eine Kreiss\u00e4ge oder eine laute Disco bringt es auf ungef\u00e4hr 100 dBA, ein startender Passagierjet auf ca. 110-120 dBA, eine F18 im Alarmstart auch schon mal auf 140 dBA. Im Vergleich zur Windkraftanlage bei h\u00f6heren Windgeschwindigkeiten geradezu fl\u00fcsterleise Ereignisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Einzelne Anlagen sind f\u00fcr die Orientierung der V\u00f6gle noch nicht mal besonders schlimm, weil das Signal periodisch konstant ist. Deshalb haben die wenigen kleinen und weniger lauten Anlagen, die ab 2000 errichtet wurden, auch nur wenig Auswirkungen auf die Populationen gehabt. Bei ganzen Windparks mit den heutigen Riesent\u00fcrmen sieht das anders aus. Sie erzeugen gro\u00dffl\u00e4chig einen akustischen White-Out, weshalb die V\u00f6gel solche Gegenden meiden. In den eher windschwachen Jahreszeiten Fr\u00fchjahr und Sommer kommen einzelne Arten noch relativ nahe an die Anlagen heran, jetzt im Herbst sind Singv\u00f6gel im Umkreis von 2 km um Windparks fast komplett verschwunden, G\u00e4nse beispielsweise kommen kaum n\u00e4her als 5 km an die Anlagen und halten sich dadurch in Ostfriesland praktisch nicht mehr auf Wiesen auf, die ein paar Kilometer im Land liegen. Wo fr\u00fcher gro\u00dfe Schw\u00e4rme weideten, bleibt heute die Fl\u00e4che frei. Jahreszeitlich kann man bei den ganzj\u00e4hrig anwesenden Arten wie vielen Singv\u00f6geln in Abh\u00e4ngigkeit von den saisonalen mittleren Windst\u00e4rken st\u00e4rkere Schwankungen in der Population beobachten, Saisonv\u00f6gel wie G\u00e4nse bleiben teilweise aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt sogar bei den Zugv\u00f6geln eine verst\u00e4rkende R\u00fcckkopplung hinzu: die Windparks liegen inzwischen im Norden sehr dicht und bedecken auch gr\u00f6\u00dfere Teile des Meeres (was der Infraschall mit den Meeresbewohnern macht, ist eine andere Geschichte). Ihre gr\u00f6\u00dfte akustische Aktivit\u00e4t entfalten sie w\u00e4hrend der Hauptzugzeit. Akustisch werden die gr\u00f6\u00dften Teile der Nordseek\u00fcste von den Schw\u00e4remn als gef\u00e4hrliche Wetterfronten identifiziert, was die Schw\u00e4rme veranlasst, die Zugrouten komplett zu \u00e4ndern und &#8222;die Unfallstelle weitr\u00e4umig zu umfahren&#8220;, wie es im Verkehrsbericht immer hei\u00dft. Die V\u00f6gel, die noch hier ankommen und sich dann weit entfernt von den Anlagen aufhalten, sind nur die Teile der Schw\u00e4rme, die nicht zum weitl\u00e4ufigen Umgehen der K\u00fcster veranlasst wurden. Welche Auswirkungen das auf die Populationen insgesamt hat, ist schwer einsch\u00e4tzbar, aber sicher ein Thema, an dem sich deutsche Umweltforscher nicht die Finger schmutzig machen werden. Im Gegenteil wird hier derzeit der Umweltschutz noch weiter aufgeweicht, um auch noch an den ung\u00fcnstigsten Standorten Windkraftanlagen zu bauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei geringeren Windst\u00e4rken wirken die Anlagen aufgrund ihrer Vielzahl zunehmend als Bioh\u00e4cksler, vorzugsweise f\u00fcr die Segelflieger unter den V\u00f6geln. Die Windr\u00e4der m\u00fcssen Netzsynchron laufen, weshalb sie bei allen nutzbaren Windgeschwindgigkeiten die gleiche Umdrehungsgeschwindigkeit haben. Um das bei unterschiedlichen Windst\u00e4rken und Stromabnahmen zu reakisieren, reguliert man den Anstellwinkel der Bl\u00e4tter bei gleichbleibender Umdrehungszahl. Was bei gro\u00dfen Anlagen allerdings so beh\u00e4big aussieht, f\u00fchrt aber bei den riesigen Durchmessern dazu, dass die Fl\u00fcgelspitzen mit bis zu 300 km\/h durch die Luft sausen. Das ist f\u00fcr keinen Luftraumbewohner noch irgendwie kalkulierbar. Zudem sind die Anlagen inzwischen so gro\u00df, dass sie in die bevorzugten Flugh\u00f6hen der meisten Vogelarten reichen. Segelflieger unter den V\u00f6geln, insbesondere Raubv\u00f6gel, die den Rotoren zu nahe kommen, werden zerhackt, genauso wie Insekten, die in diese H\u00f6hen gerade bei relativ ruhiger Luft aufsteigen, sowie ihre J\u00e4ger, die Flederm\u00e4use.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl sich diese Erkenntnisse bei der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung weitgehend durchgesetzt hat, interessiert das bei den offiziellen Natursch\u00fctzern niemanden. NaBu oder \u00e4hnliche Organisatione stellen Wachtposten auf, damit ja kein Mensch ein vermeintliches Brutgebiet betritt oder einem Milanhorst auch nur auf 500m nahe kommt, schauen aber tatenlos zu, wenn aufgrund der Windkraftanlagen nur noch 5-10% der urspr\u00fcnglichen Brutpaare vorkommen oder zunehmend mehr Raubvogelreviere unbesetzt bleiben, weil der letzte Inhaber sowie sein m\u00f6glicher Nachfolger vom Windrad zerhackt worden sind. Wenn Extinction Rebellion und andere Schwachmaten wirre Panik mit ihren Untergangsszenarien verbreiten, haben sie offenbar nicht mitbekommen, f\u00fcr wen es derzeit ums Aussterben geht. Leider oder vermutlich aus gutem Grund verirrt sich keiner der irren Ideologen in l\u00e4ndliche Gegenden, wo man den Wahnsinn live miterleben kann. Bei Bedarf gerne auch mit Erkl\u00e4rung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>V\u00f6gel sind ja bekanntlich die letzten Nachkommen der Dinos. 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