{"id":3602,"date":"2019-09-25T16:01:24","date_gmt":"2019-09-25T14:01:24","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=3602"},"modified":"2019-09-26T07:45:38","modified_gmt":"2019-09-26T05:45:38","slug":"grenzwertige-grenzwerte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2019\/09\/25\/grenzwertige-grenzwerte\/","title":{"rendered":"Grenzwertige Grenzwerte"},"content":{"rendered":"\n<p>Aufgabe der analytischen Chemie ist, Stoffe in allen m\u00f6glichen Umgebungen nachzuweisen und deren Konzentration zu messen. Hat sie die Aufgabe erledigt, kann sich die Medizin darum k\u00fcmmern, ob und ab welchen Konzentrationen und Expositionszeiten die Stoffe negativ f\u00fcr die Gesundheit sind.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Aufgabe der Medizin ist recht einfach beschreibbar. Wenn feststeht, wie lang die Expositionszeiten sind, kann sie Versuchstiere oder freiwillige Probanden steigenden Konzentrationen des Stoffs aussetzen und messen, ab wann Abweichungen zum Normalverhalten festzustellen sind. In der Regel legt man dann fest, dass die maximale normale Konzentration (MAK-Wert), der der Mensch ausgesetzt werden darf, etwa bei 1\/4 dessen liegt, was erste Reaktionen hervorruft. Erg\u00e4nzend werden Langzeitbeobachtungen durchgef\u00fchrt, indem immer die gleichen (!) Probanden in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden untersucht und mit einer nicht exponierten Vergleichsgruppe verglichen werden. Werden dadurch doch irgendwelche Gesundheitsnachteile sichtbar, wird der maximal Grenzwert herabgesetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist der Mensch ein Produkt der Umwelt und war daher schon immer unterschiedlichen Konzentrationen verschiedener Stoffe ausgesetzt. Folglich hat die Natur auch daf\u00fcr gesorgt, dass er einiges vertr\u00e4gt. Die meisten unbrauchbaren Stoffe werden daher schnell wieder ausgeschieden: in den K\u00f6rper Eingedrungenes wird, falls es nicht verdaut wird, durch die Nieren wieder ausgeschieden, anderes wandert durch den Darm wie durch einen Durchlauferhitzer oder wird vom Atemsystem in Mund und Nase transportiert und dort entsorgt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (meist Stoffe wie Asbestst\u00e4ube aus Schleifvorg\u00e4ngen oder Schwermetalle, die i.d.R. in der Natur nicht, sondern erst im Gefolge menschlicher Aktivit\u00e4ten auftreten) sind tolerierbare Grenzen recht hoch, womit die Sache eigentlich erledigt sein sollte. Eigentlich &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachweismethoden entwickeln sich nat\u00fcrlich ebenfalls weiter. Sie werden empfindlicher, noch kleinere Konzentrationen k\u00f6nnen verl\u00e4sslich gemessen werden, sie werden schneller, kosteng\u00fcnstiger und automatisierbar. W\u00e4hrend der Mediziner sich zur\u00fcck lehnt und meint, seine Sache zur Zufriedenheit aller erledigt zu haben, lernt der Chemiker bereits im Grundkurs &#8222;analytische Chemie&#8220;: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die maximal zul\u00e4ssige Konzentration eines Stoffes hat nichts mit der medizinischen Wirkung zu tun, sondern wird ausschlie\u00dflich durch die analytische Nachweisgrenze definiert.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ist also die maximal zul\u00e4ssige Konzentration aus medizinischer Sicht 1 mg\/l Irgendwas und liegt die Chemie bei einem sicheren quantitativen Nachweis von 0,2 mg\/l, ist die Welt voll in Ordnung, kommt aber irgendein findiger Chemiker auf ein neues Verfahren, das den quantitativen Nachweis bei vertretbarem Aufwand auf 0,02 mg\/l verbessert, ist &#8211; Schwupps &#8211; die maximal zul\u00e4ssige Konzentration nach einiger Zeit in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von  0,1 mg\/l zu finden, ohne dass die Mediziner noch mal gefragt werden. Wenn dann noch ein Statistiker eine M\u00f6glichkeit findet, unter Verletzung s\u00e4mtlicher Messprinzipien der Mediziner und sehr freiz\u00fcgiger Auslegung der statistischen Rahmenbedingungen eine Wirkung unter 1 mg\/l herbei zu zaubern, sind die Mediziner sogar die unwissenschaftlichen Bl\u00f6dm\u00e4nner, wenn sie auf ihren Daten bestehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Markante Beispiele f\u00fcr diese Vorgehensweise sind die Grenzwerte f\u00fcr Stickoxide in der Luft, Nitrate im Grundwasser und Feinst\u00e4ube in der Luft:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Stickoxidgrenzwerte auf der Stra\u00dfe wurden munter mit halbwegs verf\u00fcgbaren Messger\u00e4ten (auch notwendig: eine Messung, die 3 Tage dauert, ist zu teuer und kann schlecht aus Dauermessung installiert werden) immer weiter nach unten gesetzt, obwohl die Messungen als solche alles andere als zuverl\u00e4ssig sind, wie die Chemiker wissen. Da die Messung in Innenr\u00e4umen technisch zu aufw\u00e4ndig ist, sind dort vielfach h\u00f6here Konzentrationen nicht sch\u00e4dlich, die auf der Stra\u00dfe auch nur deshalb sch\u00e4dlich sind, weil Statistiker die Sterbestatistik von Personen in Berlin, Budapest, Shanghai, Kapstadt und ein paar anderen St\u00e4dten als Momentanwerte und ohne Ber\u00fccksichtigung anderer Faktoren miteinander verglichen haben.<\/li><li>F\u00fcr Nitrate im Grundwasser wurden im Laufe der Zeit Messstellen, die gute Werte liefern, ausgemustert, bis nur noch Messstellen mit hohen Werten \u00fcbrig blieben. Deren Daten wurden dann auch unabh\u00e4ngig davon, ob das Nitrat wirklich aus D\u00fcngevorg\u00e4ngen stammt oder nicht, wieder auf das Gesamtgebiet hochgerechnet.<\/li><li>Bei Feinst\u00e4uben verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich wie mit den Stickoxiden, wobei hier noch nicht mal der Chemiker konsultiert wird, um was f\u00fcr St\u00e4ube es sich handelt. Der k\u00f6nnte das zwar genauer untersuchen, aber dann w\u00e4re das Verfahren wieder aufw\u00e4ndig, genau und w\u00fcrde die gew\u00fcnschten Daten nicht liefern. So sind dann Feinstaubkonzentrationen am Stra\u00dfenrand absolut t\u00f6dlich, w\u00e4hrend der Hausstaub in der Wohnung, Pollen in der Luft oder St\u00e4ube von trockenen \u00c4ckern einige Zehnerpotenzen dar\u00fcber liegen, ohne dass sich jemand darum k\u00fcmmert. <\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie Nitrat verh\u00e4lt es sich mit der Strahlenexposition. Der Vergleichs- und Standardwert wird in Gegenden gemessen, in denen die nat\u00fcrliche Strahlen m\u00f6glichst gering ist. Bereits leichte \u00dcberschreitungen f\u00fchren zu Panik, wobei die Panikmacher aber tunlichst verschweigen, dass die nat\u00fcrliche Exposition in Erzbergbaugebieten oft um ein Vielfaches h\u00f6her ist als die Panikexposition, ohne dass die Bev\u00f6lkerung nur noch aus Personen mit 7 Fingern\/Hand und zwei K\u00f6pfen besteht. Auch bei Langstreckenfl\u00fcgen, die stets ziemlich hoch oben stattfinden, ist die Strahlenexposition oft so hoch, dass Dauerflieger wie Au\u00dfenminister und Piloten eigentlich, w\u00fcrde die Panik stimmen, nach kurzer Zeit an der Strahlenkrankheit sterben m\u00fcssten. Tun sie nicht, denn auch Strahlung geh\u00f6rt zur normalen Umwelt und die Natur hat entsprechende Reparaturmechanismen vorgesehen, sollte mal was passieren. Auch hier wird mit Statistik betrogen: kommt es im Mittel zu 2 Missbildungen \/ 100.000 Neugeborenen, warteten Greenpiss und andere schon mit Meldungen wie &#8222;Missbildungsrate in der N\u00e4he des KKW &#8230; um 50% erh\u00f6ht!&#8220; auf, weil sich dort statt der 2 Missbildungen 3 fanden. Das ist aber normale statistische Variation und kein systematischer Gef\u00e4hrlichkeitsnachweis.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;An Grenzwerte muss man sich eben halten! Punkt!&#8220; h\u00f6rt man meist, wenn man solche Themen anspricht, denn Denkfaulheit und Panik sind halt einfacher. Auch das Argument &#8222;dann muss man das halt genauer untersuchen&#8220; ist nicht selten zu h\u00f6ren. Nee, Leute. An Grenzwerte sollte man sich zwar halten, zumindest so lange man strafzahlungsm\u00e4\u00dfig erwischt werden kann, trotzdem sollte man sich vergewissern, dass die Festlegung der Grenzwerte wissenschaftlichen und nicht meinungsschaftlichen Prinzipien gefolgt ist, und ggf. etwas gegen den Unfug unternehmen. Wenn hoch bezahlte CEO von Automobilkonzernen zu bl\u00f6d sind, sich darum zu k\u00fcmmern, m\u00fcssen das eben andere tun.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgabe der analytischen Chemie ist, Stoffe in allen m\u00f6glichen Umgebungen nachzuweisen und deren Konzentration zu messen. 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