{"id":3172,"date":"2019-06-27T11:25:20","date_gmt":"2019-06-27T09:25:20","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=3172"},"modified":"2019-06-28T07:16:18","modified_gmt":"2019-06-28T05:16:18","slug":"die-schwarze-null","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2019\/06\/27\/die-schwarze-null\/","title":{"rendered":"Die Schwarze Null"},"content":{"rendered":"\n<p>Deutschland prahlt ja gerne mit der &#8222;Schwarzen Null&#8220; bei der Staatsverschuldung. Das sei ein Beweis f\u00fcr verantwortungsvolles Wirtschaften der Politik. Alle anderen EU-Staaten sind Verschwender, nur D nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nun, wenn man genau draufschaut, hei\u00dft die &#8222;Schwarze Null&#8220; eigentlich Schuldenbremse und ist mitnichten eine schwarze Null. Der Trick, den sich Sch\u00e4uble seinerzeit ausgedacht hat, um den W\u00e4hlervolk vorzul\u00fcgen, die Schulden w\u00fcrden nicht steigen, war lediglich eine Begrenzung der Netto-Neuverschuldung auf einen maximalen Wert. &#8222;Neuverschuldung&#8220; sagt schon aus, dass trotzdem neue Schulden aufgenommen werden, und &#8222;netto&#8220;, dass es immer noch im mehr Geld geht als zur\u00fcck gezahlt wird. Gekoppelt war das mit dem Begriff &#8222;Investition&#8220;, womit auch beispielsweise Stra\u00dfenbau und -Erneuerung  gemeint war. Bei einer Investition hat man ein Gut, beispielsweise ein Auto, das man nach Abzug der Abschreibungskosten immer noch verkaufen und wieder zu Geld machen kann. Versucht aber mal, eine Stra\u00dfe zu verkaufen! Investition ist also ein weiterer schwammiger Begriff im Getriebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem sinkt derzeit die Schuldenlast im Schnitt um ca. 90 \u20ac\/s, d.h. in ca. 630 Jahren w\u00e4re die Republik tats\u00e4chlich schuldenfrei, wenn das so weiter gehen sollte. Dabei handelt es sich aber nicht um einen tats\u00e4chlichen aktiven Schuldenabbau. Die Zentralbank betreibt eine Null-Zins-Politik und nimmt gar Negativzinsen, wenn man bei ihr Geld parkt. Versicherungen und Fonds m\u00fcssen einen Teil ihrer Anlagen in Staatspapiere investieren &#8211; und sind so gewisserma\u00dfen mit Negativzinsen zwangsbegl\u00fcckt. Die Staatsschulden sinken nur aufgrund der Zinspolitik &#8211; w\u00fcrde die EZB reale Zinsen nehmen, wie beispielsweise von den USA derzeit gefordert, auch D w\u00e4re schnell wieder auf der Pleite-Allee. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwar wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass tats\u00e4chliche Gelder zur\u00fcck gezahlt worden seien (\u00fcber das normale Ma\u00df hinaus). Aber auch das ist eine L\u00fcgennummer. Im letzten Jahr soll die Republik etwa 40 Mrd \u20ac au\u00dferplanm\u00e4\u00dfig getilgt haben, aber allein der Investitionsr\u00fcckstau beim Staatsunternehmen Deutsche Bahn ist fast um ein Drittel h\u00f6her als diese Summe. Schaut man die Verkehrsinfrastruktur, Schulen, Sozialausgaben usw. an, stellt man schnell fest: selbst wenn der Staat das Geld nicht zur\u00fcckgezahlt, sondern ausgegeben h\u00e4tte, w\u00fcrde immer noch das Meisten nicht oder unzureichend funktionieren und es s\u00e4he kaum weniger desolat aus als heute. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem steht D noch vergleichsweise gut da, wenn man es mit F oder I vergleicht. Italien hat dazu keine Lust mehr und will mehr Geld ausgeben, wird aber von der EU gebremst. Ob mehr Geld ausgeben etwas bringt, sei einmal dahin gestellt. Da es nicht mehr Geld ausgeben darf, will man auf einen alten Trick zur\u00fcck greifen. In den 1960er-Jahren &#8211; damals war die Gr\u00f6\u00dfe der Geldscheine proportional zum aufgedruckten Wert und man konnte mit einem einzelnen 10.000 Lire-Schein auch eine Wand tapezieren (siehe Faltung).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"533\" src=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/itaP.89d10000Lire1962BA-1024x533.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3173\" srcset=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/itaP.89d10000Lire1962BA-1024x533.jpg 1024w, https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/itaP.89d10000Lire1962BA-300x156.jpg 300w, https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/itaP.89d10000Lire1962BA-768x400.jpg 768w, https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/itaP.89d10000Lire1962BA.jpg 1226w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Trick: jeder durfte Geld ausgeben, das etwa so aussah:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"468\" height=\"250\" src=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/20b3f781534b1d45c2ea353e3634cd8807af1f18326bd5baaf197c94a43326f9.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3174\" srcset=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/20b3f781534b1d45c2ea353e3634cd8807af1f18326bd5baaf197c94a43326f9.jpg 468w, https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/20b3f781534b1d45c2ea353e3634cd8807af1f18326bd5baaf197c94a43326f9-300x160.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 468px) 100vw, 468px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Banken druckten kleine Werte auf Klopapier mit dem Versprechen, den Schein bei Vorlage in echtes Geld einzutauschen (etwa so in der DDR, wenn man zwei Mark Ost f\u00fcr einen Kaffee in Ostberlin bezahlen sollte und fragte, ob man auch &#8222;echtes Geld&#8220; verwenden d\u00fcrfe). Nach 5 Besitzerwechseln sah der Schein so aus wie auf der Abbildung, und nach ein paar weiteren Stationen verschwand er einfach. Kleiner Betrag &#8211; weg damit. Im Grunde eine Art Negativzins, nur dass die Banken damit Geld verdienten und nicht der Staat.<\/p>\n\n\n\n<p>Gen\u00fctzt hat das nat\u00fcrlich nichts. In Italien, Frankreich und anderswo kam es regelm\u00e4\u00dfig zum W\u00e4hrungsschnitt, und so mancher Deutsche in Frankreich war geschockt, wenn er f\u00fcr einen Kaffee 500 Francs bezahlen sollte und erst langsam mitbekam, dass damit alte Francs gemeint waren und nur 5 neue Francs, die im Grunde auch nichts mehr Wert waren, gefordert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um sich gegen die Bevormundung der EU in Sachen Haushalt zu wehren fasst Italien ein Wiederaufleben der alten Praxis ins Auge. Nur dass dieses Mal anscheinend nicht (nur) die Banken Parallelgeld ausgeben, sondern der Staat selbst. Statt offiziellen Euro k\u00f6nnte es sein, dass man von italienischen Banken oder Geldautomaten Schuldverschreibungen des italienischen Staates ausgeh\u00e4ndigt bekommt, einzul\u00f6sen gegen echtes Geld bei der italienischen Staatsbank in Rom &#8211; womit das Problem beseitigt ist, denn niemand f\u00e4hrt nach Rom, um einen 100 \u20ac &#8211; Falschgeldschein gegen einen 100 \u20ac &#8211; Echtgeldschein einzutauschen, wobei letzterer in absehbarer Zeit vermutlich genauso wertlos sein wird wie die alten 5000 ff-M\u00fcnzen, die man fr\u00fcher in Frankreich bekam.<\/p>\n\n\n\n<p>N\u00fctzen wird das Spielchen vermutlich wenig, sondern allenfalls den W\u00e4hrungskollaps etwas nach hinten dr\u00fccken (siehe dazu aber auch weiter unten in diesem Beitrag). Fast genauso mit dem R\u00fccken zur Wand stehen die Franzosen und die Geschwindigkeit, mit der die Deutschen ihre Wirtschaft ruinieren, l\u00e4sst auch nichts Positives vermuten. Wenn so weiter gemacht wird wie bisher, und nichts deutet auf ein Umdenken hin, kann man die Politik auch so deuten, dass die gesamte Euro-Zone oder zumindest die Haupttr\u00e4ger Deutschland, Frankreich und Italien gleichzeitig in Konkurs gehen werden, damit keiner so richtig mit dem Finger auf den anderen zeigen kann (oder jeder auf die beiden anderen). <\/p>\n\n\n\n<p>Das deutsche Misstrauen gegen\u00fcber einem W\u00e4hrungsverfall wird immer mit der Hyperinflation 1923 begr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"539\" src=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/reichsbahn-berlin-1billion-mark-1923_1-1024x539.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3175\" srcset=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/reichsbahn-berlin-1billion-mark-1923_1-1024x539.jpg 1024w, https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/reichsbahn-berlin-1billion-mark-1923_1-300x158.jpg 300w, https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/reichsbahn-berlin-1billion-mark-1923_1-768x404.jpg 768w, https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/reichsbahn-berlin-1billion-mark-1923_1.jpg 1190w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnde waren aber andere als bei der heutigen Inflation, die auf der Unf\u00e4higkeit und Korruption der Politik beruht. Die Verschuldungslage des Deutschen Reiches nach dem 1. WK war vergleichsweise noch die Beste bei allen europ\u00e4ischen Kriegsf\u00fchrenden und die Hyperinflation eine Folge der ma\u00dflosen Reparationsforderungen Frankreichs und Gro\u00dfbritanniens, die ansonsten pleite gewesen w\u00e4ren, weil die USA Stundung verweigerten. Schlechte Entscheidung, denn die USA wurde von der Weltwirtschaftskrise ziemlich nachhaltig getroffen und konnten sich erst durch den n\u00e4chsten Krieg wieder erholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann man aus dem Schlamassel auch ohne Staatsbankrott, der immer der Bankrott des Mittelstands ist, wieder herauskommen? Kann man anscheinend: Hitler hat es innerhalb kurzer Zeit geschafft, NS-Deutschland wieder auf die Beine zu bringen. Das wird (nat\u00fcrlich) immer ganz anders dargestellt: der wirtschaftliche Erfolg sei eigentlich in der Weimarer Zeit bereits progammiert worden, und alles, was die Nationalsozialisten hinbekommen h\u00e4tten, w\u00e4re reine Schau gewesen und ihnen nicht zuzuschreiben. Noch heute melden sich immer wieder Historiker zu Wort, die angebliche Leistungen zerpfl\u00fccken und kein gutes Haar am NS-Staat lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daran stimmt mutma\u00dflich, dass eine wirtschaftliche Erholung bereits vor der Macht\u00fcbernahme einsetzte und die NSDAP einige Stimmen kostete. Aber das ist Wahlanalyse von gestern, und die ist vermutlich nicht besser als die von heute. Fakt ist: die Reichsregierung war in den letzten Jahren vor 33 so in innere Intrigen verstrickt, dass eine konsequente Politik gar nicht m\u00f6glich war, und NS-Deutschland war bei der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im Vergleich mit den europ\u00e4ischen Nachbarn um einige Jahre schneller. Da beim Begriff &#8222;Rechts&#8220; grunds\u00e4tzlich alles schlecht gemacht wird, sollte man den &#8222;Analysen&#8220; der Historiker nur bedingt Glauben schenken. Die heutige &#8222;Sozialpolitik&#8220; besteht nach wie vor aus einem Abbau der damaligen Sozialregeln, die f\u00fcr &#8222;Volksgenossen&#8220; galt, zugunsten irgendwelcher nicht integrierbarer Ausl\u00e4ndern, die keinen Cent zur Entwicklung beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo bleibt also die Schwarze Null heute? Hinsichtlich der Wirtschaft haben wir tats\u00e4chlich eine Schwarze Null: Null Entwicklung bei Schl\u00fcsseltechnologie wie Kernenergie oder IT-Technik, Null Absicherung der Energieversorgung, Null Investition in alte Schl\u00fcsseltechnologien wie den Automobilsektor, Null Investitionen in die verfallenden Strukturen, Null Ausbildung. Dazu kommt Null Anstrengung, den Sozialhaushalt unter Kontrolle zu bekommen. Der Ersatz in Rente gehender Mediziner liegt gro\u00dfenteils ebenfalls bei Null, d.h. auch die medizinische Versorgung ist eine absehbare Nullnummer. Der Anreiz f\u00fcr Investoren, hier ihr Geld arbeiten zu lassen, liegt inzwischen auf den meisten Gebieten ebenfalls bei Null. Selbst das Bem\u00fchen, einen neuen Pr\u00e4sidenten f\u00fcr die Null-Bock-Bewegung zu finden, scheitert inzwischen, weil keiner mehr Lust dazu hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland prahlt ja gerne mit der &#8222;Schwarzen Null&#8220; bei der Staatsverschuldung. Das sei ein Beweis f\u00fcr verantwortungsvolles Wirtschaften der Politik. Alle anderen EU-Staaten sind Verschwender, nur D nicht. 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