{"id":313,"date":"2015-12-15T14:00:13","date_gmt":"2015-12-15T13:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=313"},"modified":"2015-12-15T14:00:13","modified_gmt":"2015-12-15T13:00:13","slug":"datenschutz-entwaffnung-der-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2015\/12\/15\/datenschutz-entwaffnung-der-opfer\/","title":{"rendered":"Datenschutz = Entwaffnung der Opfer"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Begriffe, die st\u00e4ndig durcheinander gebracht werden, sind Datenschutz und Datensicherheit. <!--more--><\/p>\n<p>Datensicherheit l\u00e4sst sich durch Verschl\u00fcsselung der Daten (wenn wir uns einmal auf diesen Zweck beschr\u00e4nken) oder wegsperren in nicht zug\u00e4nglichen Bereichen erreichen, und daf\u00fcr ist jeder, der seine Daten gesichert haben m\u00f6chte, selbst zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Datenschutz hingegen bedeutet, dass Daten, \u00fcber die man selbst keine vollst\u00e4ndige Verf\u00fcgungsgewalt hat, nicht von jedem verwendet werden d\u00fcrfen, zumindest nicht offiziell. An einem Beispiel erl\u00e4utert: wenn Sie Tagebuch f\u00fchren und Ihre Aufzeichnungen sichern wollen, besitzt das Tagebuch eine abschlie\u00dfbare Schlie\u00dfe und wandert nach der Bearbeitung in einen Tresor. Datenschutz hingegen bedeutet, dass Sie das Tagebuch offen liegen lassen und alle hoch und heilig versprechen, nicht darin zu lesen, und sollten sie es doch tun, zumindest offiziell so tun, als w\u00fcssten sie von nichts.<\/p>\n<p>Das Problem ist, dass Politik und Medien Datenschutz als Datensicherheit verkaufen, obwohl das Beispiel zeigt, dass dem nicht so ist. In vielen Bereichen ist Datenschutz sogar in der Richtung mutiert, dass Ihre Daten vor Ihnen gesch\u00fctzt sind, Sie also gar nicht mehr wissen, was \u00fcber Sie gespeichert ist und was dort steht. Nehmen Sie beispielsweise die Schufa: dort speichern Banken und alle sonstigen Leute, die zahlendes Mitglied in der Schufa sind, Daten \u00fcber Sie, und jeder, der auch Mitglied ist, kann diese Daten in vollem Umfang einsehen. Sie selbst haben dazu &#8211; gerichtlich best\u00e4tigt &#8211; kein Recht, also auch kein Kontrollrecht. Ihr Wohnungsvermieter kann eintragen &#8222;hat seine Miete nicht bezahlt&#8220;, und obwohl das vielleicht damit zu tun hat, dass die Wohnung zeitweise unbewohnbar war, gibt Ihnen die Bank keinen Kredit f\u00fcr eine neue Waschmaschine. Sie sind derjenige, vor dem Ihre Daten gesch\u00fctzt sind: Sie sind hier das Opfer.<\/p>\n<p>Datenschutz im Sinne von Sicherheit durch unbefugte Nutzung f\u00e4ngt damit an, Daten eben nicht publik zu machen. Aber gerade der Staat, der am lautesten &#8222;Datenschutz&#8220; schreit, zwingt den B\u00fcrger, alle m\u00f6glichen Daten, die ihn wirklich nichts angehen, offen zu legen, und l\u00e4sst obendrein noch ziemlich freiz\u00fcgig alle reinschauen. Aber wehe, jemand macht das nach!<\/p>\n<p>Beispielsweise wird <a href=\"http:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/wirtschaft\/Wie-ein-spanischer-Anwalt-Google-das-Recht-auf-Vergessen-abrang-id29852372.html\" target=\"_blank\">dieser Herr<\/a> in den Medien gerne als Held des Datenschutzes gefeiert, weil er Google gezwungen hat, Daten \u00fcber ihn zu l\u00f6schen. Genauer draufgeschaut: der Mann hat Mist gebaut und wurde daf\u00fcr verknackt, eine spanische Beh\u00f6rde hat diese Daten ganz offen ins Internet gestellt, und Google hat nichts anderes gemacht, als offiziell ganz \u00f6ffentlich sichtbare Daten auszulesen. Trotzdem steht man nicht an, ausschlie\u00dflich Google anzumachen. Einmal unabh\u00e4ngig von dem konkreten Fall m\u00f6chte man sich vielleicht schlau machen, mit wem man Gesch\u00e4fte macht, und einen Pleitegeier w\u00fcrde man vielleicht nicht gerade engagieren, um sein Verm\u00f6gen verwalten zu lassen. Wer den Burschen von fr\u00fcher kennt, kann das vermeiden; Datenschutz bedeutet jedoch nun, dass die Schei\u00dfe sorgf\u00e4ltig kaschiert wird, damit jeder, der den Burschen nicht kennt, Gelegenheit hat, voll in den Haufen reinzulatschen: Entwaffnung der Opfer.<\/p>\n<p>Das Geschrei, was Google und andere alles speichern, ist mehr als zweischneidig. Nehmen wir an, Peter behauptet, Karl h\u00e4tte einen krankhaft langen Schwanz. Ist das jetzt eine absichtliche Beleidigung von Karl durch Peter (worauf die Meldung gel\u00f6scht werden sollte), oder m\u00f6chte Karl nicht, dass das jemand wei\u00df (worauf man l\u00f6schen k\u00f6nnte oder auch nicht), oder verdient Karl sein Geld damit, \u00f6ffentliche Vorf\u00fchrungen im Lassowerfen mit seinem Teil zu veranstalten (worauf ein L\u00f6schen gesch\u00e4ftssch\u00e4digend w\u00e4re)? Google stellt nur die Information dar, ohne sie zu bewerten. Man schl\u00e4gt den Falschen.<\/p>\n<p>Die EU hat Gesetze erlassen, nach denen Facebook die Daten der europ\u00e4ischen Nutzer auf EU-Servern zu speichern hat. Grund Datenschutz. In Wahrheit: Verarsche. Die Kontendaten und die Beitr\u00e4ge eines Nutzers k\u00f6nnte man in der EU speichern, aber was ist mit Kommentaren bei US-Nutzern oder anderswo? Oder deren Kommentaren bei EU-Nutzern? Und wenn diese die Nutzerdaten ansehen k\u00f6nnen (was sie tun, wenn sie mit jemand kommunizieren wollen), warum sollten sie sie nicht speichern? Also was ist gewonnen? Nichts! Im Gegenteil, die Nutzer haben bei diesem Schwachsinn obendrein verloren: &#8222;Die Daten sind gesch\u00fctzt&#8220; wird teilweise sogar verbal als &#8222;die Daten sind sicher&#8220; verkauft. Anstatt sich vorzusehen, was er da alles in Netz schreibt, lehnt sich der Nutzer beruhig zur\u00fcck, weil seine Daten ja &#8222;sicher&#8220; sind, und schreibt noch mehr Pers\u00f6nliches in das Netzwerk. Gerade das als Datenschutz auszugeben, ist eigentlich mentales Entwaffnen der Opfer.<\/p>\n<p>Die angerichteten Sch\u00e4den sind aber noch viel direkter: jemand verkratzt regelm\u00e4\u00dfig Autos, wirft Farbbeutel an Hausw\u00e4nde oder schmiert Hundekacke auf die Klingelkn\u00f6pfe. Video\u00fcberwachung w\u00e4re angesagt, um das Eigentum zu sch\u00fctzen, ist aber aus Datenschutzgr\u00fcnden verboten, und zwar selbst dann, wenn es sich nur um eine Attrappe handelt und derjenige, den das st\u00f6rt, das wei\u00df. Juristisch kann man gegen den Datenschutz bereits dann versto\u00dfen, wenn man gar keine Daten aufzeichnet. Jemand rammt ihr Auto oder dr\u00e4ngelt sie von der Stra\u00dfe: eine Dashcam w\u00e4re hilfreich, deren Betrieb ist jedoch verboten und selbst, wenn zuf\u00e4llig etwas gefilmt sein sollte, ist das gerichtlich als Beweis unzul\u00e4ssig. Mit anderen Worten: trotz eindeutigen Beweises steht zum Schluss Aussage gegen Aussage, und es obliegt dem Gericht, wem es glaubt. Datenschutz = Entwaffung der Opfer.<\/p>\n<p>Wenn Sie Pech haben, trifft es Sie noch schlimmer. Psychologisch ist bewiesen, dass Vorg\u00e4nge, die l\u00e4nger zur\u00fcck liegen, teilweise auf purer Einbildung beruhen. In einem Buch wird von einer Frau berichtet, die sich aufgrund ihrer \u00c4ngste einer psychologischen Behandlung einschlie\u00dflich Hypnose unterzog, worauf ans Licht kam, dass sie jahrelang von ihrem Vater vergewaltigt wurde. Der stritt das ab, und die Sache schaukelte sich bis ins Gericht hoch. Bei der Beweisaufnahme kam allerdings heraus, dass die junge Frau noch Jungfrau war, also alles auf einer Einbildung beruhte, die sich das Gehirn l\u00fcgendetektorsicher zusammengebaut hatte. Stellen Sie sich nun vor, Sie h\u00e4tten vor mehr als 10 Jahren einen der dem NSU zugeordneten Anschl\u00e4ge gesehen und anschlie\u00dfend in einem anderen Stadtteil noch die Ankunft eines Zirkus beobachtet. Nun stehen Sie als Zeuge vor Gericht einem Verd\u00e4chtigen gegen\u00fcber. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gerade klein, unter diesen Umst\u00e4nden auszusagen, den Verd\u00e4chtigen dabei beobachtet zu haben, wie er auf einem wei\u00dfen Elefanten reitend eine Bombe in die D\u00f6nerbude geworfen hat. Zeugenaussagen sind oft alles andere als verl\u00e4sslich, und Polizeibeamte werden extra geschult, damit die Irrt\u00fcmer minimiert werden. Neutrale Beweise wie Videoaufnahmen sind trotzdem aus Datenschutzgr\u00fcnden verboten. Wenn der Schuldige ins Loch wandert &#8211; was solls? Aber wenn Sie als Unschuldiger ins Loch wandern &#8211; und nach Forschungsergebnissen trifft was auf mehr als 1\/3 aller Urteil zu &#8211; d\u00fcrften Sie anders denken: Entwaffnung der Opfer.<\/p>\n<p>Was soll man tun? Schwer zu sagen, aber erst einmal sollte jeder f\u00fcr seine Daten selbst verantwortlich sein und sich dar\u00fcber bewusst werden, was er ver\u00f6ffentlicht und was nicht. Und zum zweiten sollte die unverantwortliche Datensammelwut des Staates abgestellt werden: Daten, die mit dem direkten Vorgang nichts zu tun haben, zu deren Abgabe man aber regelm\u00e4\u00dfig gezwungen wird, sollte weder angefordert werden noch abgegeben werden m\u00fcssen. Heute wird man an die freiwillige Abgabe selbst sensibler Daten konditioniert: Entwaffnung der Opfer.<\/p>\n<p>Was kann man mit den Daten eigentlich machen? Wer das wissen m\u00f6chte, kann in meinen B\u00fcchern \u00fcber die Geheimdienste st\u00f6bern. Aber Warnung! Das ist nichts f\u00fcr schwache Nerven. Welche Informationen die Beh\u00f6rden problemlos aus dem ganzen Wust herausfiltern k\u00f6nnen, d\u00fcrfte selbst die erschrecken, die meinen, sich ein wenig auszukennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Begriffe, die st\u00e4ndig durcheinander gebracht werden, sind Datenschutz und Datensicherheit. 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