{"id":311,"date":"2015-12-13T14:35:24","date_gmt":"2015-12-13T13:35:24","guid":{"rendered":"http:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=311"},"modified":"2015-12-13T14:35:24","modified_gmt":"2015-12-13T13:35:24","slug":"das-sterben-der-sprachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2015\/12\/13\/das-sterben-der-sprachen\/","title":{"rendered":"Das Sterben der Sprachen"},"content":{"rendered":"<p>Neben dem Artensterben existiert auch ein Sprachensterben: j\u00e4hrlich stirbt eine erkleckliche Anzahl der gesch\u00e4tzt 6.500 Sprachen mit seinen letzten Sprechern aus. <!--more-->Mit Sprachen sind auch lokale Dialekte gr\u00f6\u00dferer Hochsprachenfamilien gemeint, etwa das Plattdeutsche, Schw\u00e4bische oder Bayerische im Deutschen.<\/p>\n<p>Mancher wird vielleicht denken, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn die primitiven Dialekte zu Gunsten der Hochsprache verschwinden. Allerdings muss man das umgekehrt betrachten: die Hochsprache ist oft nur der gr\u00f6\u00dfte gemeinsame Teiler der Dialekte. Lokal sind oft viele Idiome bekannt, die gar keinen Eingang in die Hochsprache gefunden haben. Kann der\u00a0 hochsprachlich gebildete Gro\u00dfst\u00e4dter beim Begriff &#8222;Schnee&#8220; gerade einmal zwischen dem bekannten Schn\u00fcffelstoff und einer wei\u00dfen Landschaft diskriminieren, kennen Bergbewohner sicher 5-10 auch idiomm\u00e4\u00dfig differenzierte Varianten, und bei den Inuit d\u00fcrfte die Zahl vermutlich 20-30 betragen, wenn sie halbwegs sicher sein wollen, nach einer ausgedehnten Tour durch die Eisfelder auch wieder zu Hause anzukommen. Gleiches gilt auch f\u00fcr Fischer an den Meeresk\u00fcsten, die mit der Unterscheidung Flaute, Wind und Sturm nicht auskommen, um ihre Fahrt so zu planen, dass sie nicht unterwegs absaufen.<\/p>\n<p>Viele solcher Idiome verschwinden nat\u00fcrlich auch auf normale Art: der Inuit ist heute zivilisiert, d.h. er ist arbeitslos, viel zu fett dank gesunder Nahrung, die ausschlie\u00dflich aus Fett, Zucker und \u00d6len besteht, und hat schlechte Z\u00e4hne, aber zu wenig in der Natur, um die alten Differenzieungen noch zu ben\u00f6tigen, und auch der moderne Fischer auf Hochseetrawlern mit jeder Menge Kommunikationstechnik an Bord bekommt heute von den Instrumenten gesagt, wie das Wetter wird. Aber auch das, was \u00fcbrig bleibt, unterscheidet sich noch hinreichend von der Hochsprache, und so mancher ist froh, beispielsweise in Ostfriesland an der T\u00fcr &#8222;We proten ook Hoogduits&#8220; zu lesen.<\/p>\n<p>Die Zahl der Sprecher lokaler Sprachen wie etwa Plattdeutsch (das es in dem Sinne gar nicht gibt, denn ein Dorf weiter h\u00f6rt sich der gleiche Satz oft ganz anders an) nimmt stetig ab, was bedauert wird. Schuld daran sind allerdings die lokalen Sprecher selbst. Aufgrund der Mobilit\u00e4t der Gesellschaft bestehen die lokalen Gemeinschaften vielfach aus &#8222;Halfplatten&#8220;, also Leuten, die Platt verstehen, aber nicht sprechen. Aus gutem Grund. L\u00e4sst sich ein Halfplatter mit dem in Emden v\u00f6llig korrekten Satz &#8222;Ick will de Schoe koopen&#8220; in Norden vernehmen, gen\u00fcgt dem Eingeborenen ein kurzer Blick, um festzustellen &#8222;kein Emder&#8220; (dem w\u00fcrde er n\u00e4mlich nicht in die Parade fahren), sondern Ex-Ruhri, und schon f\u00e4hrt er dem Sprecher lautstark mit der Korrektur &#8222;DAT HEISST SCHKAU!!&#8220; \u00fcber den Mund (nach Sch\u00e4tzungen sind etwa 30 Jahre und mehrere Umz\u00fcge vor Ort notwendig, um nicht auf Anhieb als Exausl\u00e4nder erkannt zu werden). Nach 3-4 solchen Korrekturen, f\u00fcr die man nur 3-4 S\u00e4tze w\u00f6rtlich wiederholen muss, die man gerade von einem Dritten geh\u00f6rt hat, vergeht auch dem coolsten Exruhri die Lust, es weiter mit dem Sprechen von Platt zu versuchen. Und so l\u00e4sst naturgem\u00e4\u00df die Restmasse der Dialekt.Sprecher immer mehr nach.<\/p>\n<p>Was nun nicht hei\u00dft, dass der Zuz\u00fcgler nicht die lokale Sprache auch bereichern k\u00f6nnte. Begriffe wie Knifte, Zichte, Bremsklotz oder Mottek verwandeln die Gesichter der Lokalmatadore in lebende Fragezeichen, und dem alten Ruhri locker von der Zunge rutschende Namen wie Czylinski, Czerny oder Rdzacky sind in Ostfriesland nur von den Testtafeln beim Augenarzt bekannt (was umgekehrt auch den Augenarzt erstaunt, wenn auf die Aufforderung &#8222;Lesen Sie mal!&#8220; die Antwort &#8222;Was hei\u00dft lesen? Ich kenne den Kerl!&#8220; kommt). Allerdings ist die Aufnahmebereitschaft der Lokalsprecher f\u00fcr neue Begriffe anscheindend \u00e4hnlich stark ausgepr\u00e4gt wie die F\u00e4higkeit der Zuz\u00fcgler, auf Anhieb die richtige Betonung f\u00fcr ein plattdeutsches Wort zu finden.<\/p>\n<p>Die Erfahrung mit dem problemlosen Prononcieren der Namen kann man allerdings nur bei alten Ruhris mache. Beim modernen Ruhri kann man eher auf &#8222;schhh, rzzz .. ey, is deine Mudder schwul, Alder? Zisch ab, oder isch mach disch Messer, du Opfer!&#8220; sto\u00dfen. Da so genannte Sprachwissenschaftler in solchen Wortaneinanderreihungen eine sprachliche Neusch\u00f6pfung der Umgangssprache sehen und in Verz\u00fcckung geraten, wenn der Sprecher &#8222;Ey, pass auf! Isch wei\u00df, wo dein Haus wohnt!&#8220; von sich gibt, rutschen nicht nur die lokalen Dialekte, sondern auch die Hochsprache inzwischen ab. Von der Tendenz profitieren d\u00fcrften allenfalls Hacker, da die Zahl der potentiellen Passw\u00f6rter, mit denen ein Computer abgesichert werden kann, von ca. 20.000 auf vielleicht 600 in manchen Gro\u00dfst\u00e4dten gefallen sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Die Hochsprachen entwickeln sich mit der Ausrede &#8222;Internationalisierung&#8220; obendrein zu Subsprachen. Anglizismen substituieren inzwischen in einem gro\u00dfen Umfang deutsche Worte. Ein Satz wie \u201eIch musste die <i>Harddisk<\/i> neu formatieren, weil der falsch gesteckte <i>Jumper<\/i> zur <i>data corruption<\/i> gef\u00fchrt hat und der <i>Computer<\/i> ge<i>crash<\/i>t ist.&#8220;, der in Deutsch etwa \u201eIch musste die <i>Festplatte<\/i> neu formatieren, weil die <i>Daten<\/i> durch eine falsch gesetzte <i>Steckbr\u00fccke<\/i> <i>besch\u00e4digt<\/i> wurden und der <i>Rechner<\/i> <i>abgest\u00fcrzt<\/i> ist.\u201c lautet, geh\u00f6rt noch zu den harmlosen Beispielen. Zugegeben, &#8222;Junior Sales Management Assistent&#8220; h\u00f6rt sich deutlich pomp\u00f6ser an als &#8222;Aushilfsverk\u00e4ufer&#8220;, und wenn der dann noch auf die Compliance beim Gespr\u00e4ch mit dem Customer achtet, hat er auch Aussicht, in seinem Job promoted zu werden. Sofern der Kunde aber &#8222;If you think, you can beat me over the ear, you are on the woodway&#8220; mault, ist es vorbei mit der guten Laune. Kurz und gut, was soll sprachlich eigentlich herauskommen, wenn ein deutscher Konzern mit einem deutschen Auftragnehmer einen Vertrag zur Ausf\u00fchrung von Arbeiten in einem deutschen Konzernbetrieb abschlie\u00dft, in dem festgelegt ist, dass man sich in Gespr\u00e4chen vor Ort und in Schriftst\u00fccken auf Englisch zu \u00e4u\u00dfer hat.<\/p>\n<p>Wer jetzt &#8222;schei\u00df Englisch&#8220; st\u00f6nt, verkennt allerdings, dass die native Speakers genauso gekniffen sind wie die foreign Speakers und alles andere als von dem Internationalisierungshype profitieren. Wie schon beim \u00dcbergang Dialekte-&gt;Hochsprache finden wir auch bei Hochsprachen-&gt;InternationalSprech eine Reduktion auf den gr\u00f6\u00dften gemeinsamen Teiler. Wollen sich die englischen Sprecher mit ihren internationalen Freunden verst\u00e4ndigen, m\u00fcssen sie zwar keine Fremdsprache erlernen, k\u00f6nnen aber von ihrem \u00fcberaus reichen Sprachschatz auch nur das verwenden, was allgemein verstanden wird. Schauen Sie mal ein simples deutsches Verb in Englisch nach, und Ihnen purzeln u.U. 20 verschiedene Worte entgegen, die alle verschiedene Nuancen bedeuten (umgekehrt ist das genauso: auf ein englisches Verb kommen ebenfalls viele deutsche Abstufungen). Verwendet wird im Grunde nur das Primitivum, die Feinheiten fallen weg. Diese Einschr\u00e4nkungen treffen dummerweise genau die Gesellschaftsschichten, die eigentlich die Vielfalt tragen sollen, denn genau die haben die meisten internationalen Kontakte.<\/p>\n<p>Wohin die Reise geht, ist schwer auszumachen. Bewegen wir uns in Richtung eines oberfl\u00e4chlichen Sprachmatsches, oder resultieren doch neue Feinheiten aus dem Eintopf? Ich bef\u00fcrchte eher ersteres, aber es mag auch sein, dass das altersbedingt ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben dem Artensterben existiert auch ein Sprachensterben: j\u00e4hrlich stirbt eine erkleckliche Anzahl der gesch\u00e4tzt 6.500 Sprachen mit seinen letzten Sprechern aus. 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