{"id":3072,"date":"2019-05-19T08:55:38","date_gmt":"2019-05-19T06:55:38","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=3072"},"modified":"2019-05-19T08:55:39","modified_gmt":"2019-05-19T06:55:39","slug":"mein-gott-walter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2019\/05\/19\/mein-gott-walter\/","title":{"rendered":"Mein Gott, Walter!"},"content":{"rendered":"\n<p>So ist das halt, wenn man seine Reden (vermutlich) schreiben l\u00e4sst. Manchmal kommt was Sinnvolles heraus, auch wenn man das vielleicht gar nicht beabsichtigt, wie bei der folgenden Reden von Frank-Walter:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich freue mich sehr, heute hier zu sein \u2013 hier in dieser  wundersch\u00f6nen Klosteranlage in Dalheim! Damit auch in meiner  ostwestf\u00e4lischen Heimat, in der ich mich immer noch gut auskenne. Ja,  wir sind l\u00e4ndliche Region nach den g\u00e4ngigen Kriterien. Aber l\u00e4ndlich  hei\u00dft nicht abgeh\u00e4ngt und erst recht nicht vernachl\u00e4ssigt. Ostwestfalen  ist ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort und reich an kulturellen  Sch\u00e4tzen. Genau das will ich zeigen an vielen Orten Deutschlands. Und  deshalb steht diese Reise durch die l\u00e4ndlichen Regionen unter dem Titel &#8222;Land in Sicht&#8220;.  Was ich anderswo beschrieben habe, gilt gerade und erst recht hier:  Kunst und Kultur gibt es in Deutschland eben nicht nur in den  Metropolen, sondern \u00fcberall im und auf dem Land. Vielen Dank also an  Sie, die dieses Museum so engagiert betreiben und unterst\u00fctzen! Und  herzlichen Dank f\u00fcr die Einladung! <br> Es ist also kein Zufall, dass ich hier bin. Und erst recht haben  nicht dunkle M\u00e4chte im Hintergrund die F\u00e4den gezogen, um mich nach  Dalheim zu bringen. Verschw\u00f6rungstheorien m\u00fcssen nicht bem\u00fcht werden.  Hier nicht und auch sonst seltener, als es tats\u00e4chlich geschieht. <br> Dennoch, ich wei\u00df: Der Glaube an Verschw\u00f6rungen ist vermutlich so alt  wie die Menschheit. Lange Zeit waren sie vor allem religi\u00f6s begr\u00fcndet \u2013  vielleicht eignet sich also gerade ein ehemaliges Kloster hervorragend  f\u00fcr eine solche Ausstellung. Der Rundgang, den wir gerade gemacht haben,  ist eine faszinierende Zeitreise. Da geht es um Pakte mit dem Teufel,  um Templerorden und Illuminaten. Und auch die Aufkl\u00e4rung hat die  Verschw\u00f6rungstheorie nicht besiegen k\u00f6nnen. Beide liegen bis in die  Gegenwart hinein im Kampf miteinander, denken wir nur an die sogenannte  Dolchsto\u00dflegende, die &#8222;inszenierte Mondlandung&#8220;<br> oder die &#8222;wahren Drahtzieher&#8220;  hinter den Anschl\u00e4gen vom 11. September. Eine der perfidesten und in  ihrer Folge m\u00f6rderischsten Verschw\u00f6rungstheorien war die einer  angeblichen j\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung. Sie lebt im modernen  Antisemitismus bis heute fort. <br> Nein, trotz allen Fortschritts in Wissenschaft und Gesellschaft,  trotz aller Aufgekl\u00e4rtheit und Rationalit\u00e4t: Bis heute glauben viele  Menschen daran, dass sich reale oder irreale Verschw\u00f6rer im Geheimen  zusammentun, um dunkle, meist verbrecherische Komplotte zu schmieden.<br> Solche Theorien, das wissen wir aus der Forschung, sind nicht nur  nicht beweisbar, sie folgen immer demselben simplen Muster: Sie  reduzieren h\u00f6chst komplexe, manchmal auch schwer erkl\u00e4rbare Ereignisse  und Sachverhalte auf eine einzige Ursache, die dann als Tatsache  verkauft wird. Offenbar ist das ein zutiefst menschliches Bed\u00fcrfnis: die  Welt erkl\u00e4rbar, \u00fcberschaubar zu machen. Und offenbar gilt: Je  unsicherer die Zeiten sind, desto tiefer ist dieses Bed\u00fcrfnis. <br> Und so wundert es kaum, dass heute auch in unserem Land  Verschw\u00f6rungstheorien bl\u00fchen und gedeihen, ja sogar mehr  Verf\u00fchrungskraft und Wirkmacht entfalten als noch einige Jahrzehnte  zuvor. Dass da Agenten des Teufels am Werk sind, mag vielleicht niemand  mehr glauben. Aber fast die H\u00e4lfte aller Deutschen \u2013 das hat j\u00fcngst eine  Studie belegt \u2013 ist davon \u00fcberzeugt, dass geheime Organisationen und  M\u00e4chte Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. <br> Im Netz, in den sozialen Netzwerken finden solche Vorstellungen dann  breite Resonanz \u2013 und sie werden rasend schnell weiterverbreitet. Fakten  spielen in diesen Filterblasen kaum eine Rolle, stattdessen feiert das  Kontrafaktische fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd. Deshalb ist diese Ausstellung nicht  nur hochaktuell, sie ist auch auf wohltuende Weise faktenbasiert und  aufkl\u00e4rend!<br> Als Bundespr\u00e4sident interessieren mich diese Ph\u00e4nomene vor allem aus  einem ganz bestimmten Grund. Nicht aus Neugier an Kuriosem. Sondern weil  das etwas mit unserer Demokratie zu tun hat. Wie keine andere  Staatsform gr\u00fcndet die Demokratie auf der Vernunft!<br> Im vergangenen Jahr hatte ich bei einer Veranstaltung \u00fcber &#8222;fake news&#8220;<br>  im Schloss Bellevue auch den Amerikanisten Michael Butter zu Gast, der  sich seit Jahren mit Verschw\u00f6rungstheorien besch\u00e4ftigt. Der neue Glaube  an Verschw\u00f6rungstheorien, schreibt er in seinem j\u00fcngsten Buch, ist &#8222;ein Symptom f\u00fcr eine tiefer liegende Krise demokratischer Gesellschaften&#8220;. <br> Wir leben in einer Zeit, in der die Vernunft, in der unsere  demokratischen Werte st\u00e4rker in Misskredit geraten. Populisten in vielen  L\u00e4ndern verbreiten nicht nur sogenannte alternative Wahrheiten, sondern  offensichtliche L\u00fcgen und Verschw\u00f6rungstheorien \u2013 ich denke dabei  beispielsweise an die wirklich gef\u00e4hrliche Behauptung vom angeblichen  gro\u00dfen Austausch der Bev\u00f6lkerung. Und neue Nationalisten verbreiten die  Theorie, dass sich die sogenannten Eliten und die Medien gegen das Volk  verschw\u00f6ren. <br> Ja, auch fr\u00fcher wurden Tatsachen verdreht und Verschw\u00f6rungstheorien  zu politischen Zwecken instrumentalisiert \u2013 auch in den liberalen  Demokratien der Neuzeit. Neu ist aber, dass &#8222;alternative facts&#8220;,  dass offensichtliche L\u00fcgen innerhalb von Sekunden Millionen Menschen  erreichen k\u00f6nnen. Aber es soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass  das Netz ein Werkzeug des Teufels ist. Denn gerade in den sozialen  Netzwerken werden falsche Fakten und Verschw\u00f6rungstheorien oft auch  schnell entlarvt, und das kreativ und witzig.<br> Ich bin \u00fcberzeugt: Die Zukunft unserer Demokratie h\u00e4ngt auch von der Unterscheidung zwischen Fakten und &#8222;fake news&#8220;,  zwischen Tatsachen und Meinung ab. Denn ein vern\u00fcnftiger \u00f6ffentlicher  Diskurs setzt voraus, dass ihm \u00fcberpr\u00fcfbare und allgemein akzeptierte  Fakten zu Grunde liegen. Nur dann sind auch vern\u00fcnftige politische  Entscheidungen m\u00f6glich. <br> Wer ernsthaft glaubt, dass dunkle M\u00e4chte hinter politischen  Entscheidungen stehen, der kann nicht daran glauben, dass er Einfluss  auf die demokratische Willensbildung nehmen kann, der kann kein  Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen haben. Und der ist,  auch das zeigt die Forschung, oft nur schwer mit rationalen Argumenten  zu erreichen. Dennoch m\u00fcssen wir auf die Kraft der Aufkl\u00e4rung, auf die  Kraft der Vernunft setzen. <br> Der Kampf gegen Desinformation und Verschw\u00f6rungstheorien ist eine der  gro\u00dfen Herausforderungen f\u00fcr die liberalen Demokratien. Es ist ein  Kampf, der uns alle angeht, der in Familien, Schulen, B\u00fcros und  Betrieben ebenso ausgetragen werden muss wie in Zeitungsredaktionen,  sozialen Netzwerken und Parlamenten. Und er wird ja auch \u00fcberall  ausgetragen, von den Nachfahren eines Erasmus, eines Galilei und  Voltaire, von Wissenschaftlern, Journalisten und Bloggern, von  Abgeordneten in Untersuchungsaussch\u00fcssen \u2013 und von Ausstellungsmachern  wie Ihnen hier im Kloster Dalheim! <br> Das Wort ist m\u00e4chtig. Ich muss das an einem Ort wie diesem nicht  wiederholen. Es steht am Anfang aller Dinge, und es hat Macht \u00fcber  unsere Vorstellung von der Welt. In einer Zeit st\u00e4ndiger Verk\u00fcrzung und  Vereinfachung von Sachverhalten und der Komprimierung von Nachrichten zu  Newsfeeds m\u00fcssen wir \u2013 so glaube ich \u2013 den Umgang mit Worten und die  Ehrfurcht vor dem Wort noch einmal neu erlernen. <br> Und deshalb ist eine Ausstellung wie diese so wichtig, denn sie  zeigt, wie Verschw\u00f6rungstheorien entstehen, wie sie funktionieren und  wirken \u2013 und wie sie entlarvt werden k\u00f6nnen. Damit erobern wir uns  Spielraum zur\u00fcck, in dem demokratische Politik und demokratische  Mitwirkung entstehen k\u00f6nnen. Ich w\u00fcnsche mir und Ihnen deshalb aus  tiefem Herzen, dass diese Ausstellung viele Menschen interessieren wird.<br> Herzlichen Dank! <\/p><cite><a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Frank-Walter-Steinmeier\/Reden\/2019\/05\/190517-Ausstellung-Verschwoerungstheorien.html\">Gehalten anl\u00e4sslich einer Er\u00f6ffnungsausstellung \u00fcber Verschw\u00f6rungstheorien<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ob er wohl erkannt hat, wie viel Richtiges er gesagt hat? Ich habe ihn jedenfalls mal gefragt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Moin Herr Bundespr\u00e4sident,<br> als Gesch\u00e4digter einer ganzen Reihe von Verschw\u00f6rungstheorien kann  ich die Richtigkeit Ihrer Ausf\u00fchrungen nur best\u00e4tigen. Ich muss leider  gestehen, dass das deutsche Bildungssystem bei mir &#8211; Jahrgang 1952 &#8211;  schm\u00e4hlich versagt hat. Man hat mich damals doch f\u00e4lschlicherweise dazu  erzogen, selbst\u00e4ndig zu denken, Nachrichten zu hinterfragen und  Behauptungen nur dann zu akzeptieren, wenn sie nahtlos in einen gr\u00f6\u00dferen  Zusammenhang passen und bestimmte logische Kriterien erf\u00fcllen! Nach  einem naturwissenschaftlichen Studium hat mich das Land Niedersachsen  mehr als 20 Jahre relativ gut daf\u00fcr bezahlt, natur- und  ingenierwissenschaftliche Zusammenh\u00e4nge zu (er)kennen und analysieren zu  k\u00f6nnen, darunter eben auch Themen, die heute unter Energiewende und  Klimakatastrophe abgehandelt werden. <br> <br> Vielleicht k\u00f6nnen Sie mein Befremden nachvollziehen, wenn heute au\u00dfer  den Fantasien jugendlicher Schulschw\u00e4nzer wissenschaftlich fundierte  Ansichten vollst\u00e4ndig unterdr\u00fcckt werden. Man kann bei vielen  Behauptungen problemlos vorrechnen, dass sie nicht stimmen oder nicht  funktionieren, anders lautendes Geschw\u00e4tz von Scharlatanen wie  PIK-Emeritus Schelnhuber, Fernseh-Prof Lesch und anderen hin oder her.  Das ist inzwischen eine Verschw\u00f6rungstheorie in Reinkultur, die leider  auch von Ihnen befeuert wird &#8211; mit allem Drum und Dran wie einer  Gesinnungsdiktatur, an der eine Reihe von Leuten bestens verdienen. <br> <br> Ich kann Sie nur bitten, einmal Ihre eigenen Worte &#8211; sind es Ihre  oder die eines Redenschreibers? &#8211; zu analysieren. Wir sind ja  altersm\u00e4\u00dfig nicht so weit auseinander, dass das Bildungssystem nicht  auch bei Ihnen in der gleichen Weise wie bei mir versagt haben k\u00f6nnte. <br> <br> &#8212; <br>Viele Gr\u00fc\u00dfe <br> <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine Antwort erwarte ich nicht &#8211; oder allenfalls von irgendeinem Hansel oder einer Praktikantentuse, die aufgrund irgendeines abgebrochenen Micky-Maus-Studium mal wieder alles besser wei\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So ist das halt, wenn man seine Reden (vermutlich) schreiben l\u00e4sst. 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