{"id":3046,"date":"2019-05-10T10:45:50","date_gmt":"2019-05-10T08:45:50","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=3046"},"modified":"2019-05-10T10:45:51","modified_gmt":"2019-05-10T08:45:51","slug":"zur-benotung-von-pruefungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2019\/05\/10\/zur-benotung-von-pruefungen\/","title":{"rendered":"Zur Benotung von Pr\u00fcfungen"},"content":{"rendered":"\n<p>Deutschland Sch\u00fcler mupfen von zahlreichen Leuten unterst\u00fctzt, die sich besser raushalten sollten, auf und fordern eine bessere Benotung nicht vorhandener Leistungen. Dazu zun\u00e4chst eine kleine Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vor etwas \u00fcber 30 Jahren, also dies noch ein Rechtsstaat war, wollte unsere Hardware-Abteilung die Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit ausweiten. Im MSR-Bereich (Messen, Steuern, Regeln) t\u00e4tig, sollte auch in Abwassersch\u00e4chten usw. Mess- und \u00dcbertragungstechnik installiert werden. Folglich bot unser Personalmanager den Monteuren eine Vertrags\u00e4nderung an: Installation von Ger\u00e4ten an schmutzigen Orten, Arbeitsmittel gem\u00e4\u00df Vorschriften der Berufsgenossenschaften werden gestellt, als Anreiz gab es eine kr\u00e4ftige Gehaltsaufbesserung f\u00fcr die, die darauf eingingen. Die meisten Monteure, bislang Schaltanlagen gewohnt, unterschrieben nach den 2-3 Tagen Bedenkzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Augenblick der Wahrheit warf einer der Monteure einen Blick in den Schacht, in dem er Installationen vornehmen sollte, und erkl\u00e4rte lapidar &#8222;Da gehe ich nicht runter!&#8220;. Genauso lapidar stellte der Baustellenleiter fest: &#8222;Sie verweigern eine Arbeit, deren Ausf\u00fchrung Sie schriftlich zugesagt haben&#8220;, und noch lapidarer stellte unser Personalchef fest: &#8222;Sie sind fristlos gek\u00fcndigt wegen Arbeitsverweigerung&#8220;. Das stand auch so im Zeugnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich traf man sich vor Gericht. Nicht wegen der K\u00fcndigung, das hatte wohl auch der Anwahl des Monteurs seinem Klienten nahe gebracht, sondern wegen des Zeugnisses. Ein emp\u00f6rter Richter verdonnerte unseren Personalchef, ein positives Zeugnis zu schreiben. Das begann mit den Worten &#8222;Auf Anordnung des Arbeitsgerichts &#8230;, vorsitzender Richter &#8230;, erteile ich hiermit folgendes Arbeitszeugnis: &#8230;&#8220;. Man muss wohl kaum mit prophetischen Gaben ausgestattet sein, um vorher zu sagen, dass alle Parteien zwei Wochen sp\u00e4ter wieder vor dem Richter standen, der ungef\u00e4hr die Laune eines iberischen Kampfstieres nach Anfeuern durch die Picadores hatte. Nach ungef\u00e4hr drei S\u00e4tzen unseres Personalchefs erkl\u00e4rte er jedoch dem Monteur mit sehr ruhiger und sachlicher Stimme, er k\u00f6nnen nun eines der Zeugnisse nach Wahl annehmen. Eine weiter Wahl g\u00e4be es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was war geschehen? Unser Personalchef hatte sinngem\u00e4\u00df gesagt: &#8222;<em>Ein Zeugnis ist ein Dokument, f\u00fcr dessen korrekten Inhalt der Unterschreibende die Haftung tr\u00e4gt. Ein Unternehmen, das den Monteur einstellt und \u00e4hnliche Erfahrungen wie wir macht, kann uns auf Schadensersatz verklagen und strafrechtlich wegen Urkundenf\u00e4lschung belangen lassen. Das Gericht kann uns zwar zwingen, unrichtige Inhalte in ein Dokument zu stellen, aber nicht, die Rechtsfolgen f\u00fcr den Versto\u00df zu tragen. Das m\u00fcssen Sie, Herr Richter, schon selbst \u00fcbernehmen.<\/em>&#8220; Der Richter war zwar Jurist und auch sonst von m\u00e4\u00dfigem Verstand, aber das verstand er.<\/p>\n\n\n\n<p>Rein formal sieht es mit der geforderten Notenkorrektur beim Abi 2019 auch so aus. Immer vorausgesetzt, wir seien ein Rechtsstaat. Das sind wir aber seit mindestens 20 Jahren nicht mehr. Zu meiner Schande muss ich gestehen, in meiner Professorenzeit selbst an Manipulationen beteiligt gewesen zu sein. Matheklausuren liefen in etwa nach folgendem Muster ab:<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst stellte ich ein paar Aufgaben zusammen und lie\u00df das Ganze ein paar Tage liegen. Dann l\u00f6ste ich sie selbst. Mit allem drum und dran durfte das nicht l\u00e4nger als ca. 25 Minuten dauern. Die Studis hatten sp\u00e4ter 90 Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Klausurfragestunde (letzte Stunde vor der Klausur) durften die Studis Fragen aus ihrer Vorbereitung stellen. Regel: sie fragen, ich antworte. Keine Fragen = Stunde zu Ende. Oft genug waren die 90 Minuten Vorlesungsblock nach 60 Minuten zu Ende, da sich nat\u00fcrlich keiner vorbereitet hatte. Kamen Fragen, rechnete ich das vor oder bemerkte auch fallweise &#8222;kommt nicht dran&#8220;. Grunds\u00e4tzlich wurde eine Aufgabe der Klausur komplett mit allem Drum und Dran vorgerechnet. Erstaunlicherweise war das sp\u00e4ter meist die Aufgabe, bei der die meisten versagten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Klausur durften die Studis die Aufgabebl\u00e4tter mitnehmen, d.h. die Fachschaft hatte eine komplette Sammlung f\u00fcr die n\u00e4chste Truppe. Fallweise stellte ich die gleiche Klausur wortw\u00f6rtlich ein weiteres Mal, trotzdem mit dem gleichen katastrophalen Ergebnis. Das ging nicht nur \u00fcber viele Jahre so, ich sagte das sogar in den Vorlesungen an! Ohne Auswirkungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Normalerweise hat eine Klausur 100 Punkte, von denen 50 zum Bestehen zu erreichen waren. Jeweils 5 Punkte mehr erh\u00f6hte die Note um 0,3 Einheiten. Damit \u00fcberhaupt gen\u00fcgend bestanden, wurde die Klausur auf 120 P erweitert, d.h. f\u00fcr 95-120 P gab es eine 1,0. Es waren auch fast jedes Mal ein paar Studis dabei, die mehr als 100 P absahnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gab es eine weitere inoffizielle Vorgabe des Fachbereichs: die Durchfallquote sollte 40% nicht \u00fcberschreiten. Deshalb wurden die 50 P-Grenze nach unten verschoben, bis das der Fall war. Manchmal reichte eine Verschiebung auf 30 P, im Extremfall gab es f\u00fcr den Bereich 18-55 P eine 4,0. Trotzdem fielen von 100 Studis immer noch 40-50 durch. Mindestens 3x kassiert der Fachbereich widerrechtlich eine Klausur ein, d.h. annulierte sie und lie\u00df durch einen anderen Kollegen eine Ersatzklausur schreiben. Mehrfach wurde auch eine Parallelklausur angeboten. Ich muss wohl nicht extra erw\u00e4hnen, dass in diesen F\u00e4llen die Kollegen nie gefragt hatten, welchen Stoff ich eigentlich durchgenommen hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Man mag einwenden &#8222;der war an so einer Provinz-Hochschule&#8220;, aber Kontakte zu anderen Hochschulen zeigten, dass das woanders genauso lief. Sp\u00e4testens wenn ein alter Prof pensioniert wurde, wurde eine gendergerechte Darstellung der Analysis pl\u00f6tzlich wichtiger als alles andere. Der besoffene Numeriker, der in der Disco mit &#8222;M\u00e4del, du bist v\u00f6llig rundungsfehlerfrei!&#8220; auftrat, geh\u00f6rt der Vergangenheit an. Nicht schlimm, hat sowieso nie funktioniert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland Sch\u00fcler mupfen von zahlreichen Leuten unterst\u00fctzt, die sich besser raushalten sollten, auf und fordern eine bessere Benotung nicht vorhandener Leistungen. Dazu zun\u00e4chst eine kleine Geschichte. 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