{"id":3036,"date":"2019-05-07T11:34:22","date_gmt":"2019-05-07T09:34:22","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=3036"},"modified":"2019-05-07T11:36:30","modified_gmt":"2019-05-07T09:36:30","slug":"plagiat-und-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2019\/05\/07\/plagiat-und-wissenschaft\/","title":{"rendered":"Plagiat und Wissenschaft"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn man etwas untersucht oder \u00fcber etwas nachdenkt, ist man in den seltensten F\u00e4llen der erste, der das macht. Andere haben das schon vorher versucht, und man sollte daher zwei Sachen beachten:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Nachschauen, was andere schon gemacht haben, damit man die Arbeit nicht umsonst, aber doppelt macht.<\/li><li>Angeben, was andere gemacht haben, weil es ungeh\u00f6rig ist, die Arbeit anderer als die eigene auszugeben.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>In den Naturwissenschaften gibt es dazu recht einfache Regeln f\u00fcr die Dokumentation der Arbeit: man gibt zun\u00e4chst eine \u00dcbersicht \u00fcber den Stand des Wissens mit entsprechenden Verweisen, wer Vorarbeiten geleistet hat und wo man das nachlesen kann. Im zweiten Teil beschreibt man, wo man eigentlich hin will, um dann im dritten Teil das Experiment zu beschreiben, das man sich dazu ausgedacht hat, nebst den Ergebnissen, die man erzielt hat. Im vierten Teil wird das Experiment so beschrieben, dass andere es auch durchf\u00fchren und so verifizieren k\u00f6nnen, dass man sich nichts ausgedacht hat, und im abschlie\u00dfenden f\u00fcnften Teil gibt man noch einige sinnige Bemerkungen \u00fcber die epochale Bedeutung der eigenen Arbeit von sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Da in den MINT-F\u00e4chern ewige Wahrheiten geschaffen werden, wird nur selten geschummelt. Irgendwer f\u00fchrt das Experiment irgendwann weiter, und dann f\u00e4llt schnell auf, wer gemogelt hat. Trotzdem arbeiten auch MINT-Wissenschaftler nicht optimal, weil in den Ver\u00f6ffentlichungen nur die positiven Ergebnisse stehen. Wer selbst mal geforscht hat, wird wissen, dass das Meiste erst mal schief geht, was dazu f\u00fchrt, dass das Ergebnis im Verh\u00e4ltnis zur aufgewandten Zeit manchmal etwas d\u00fcrftig wirkt. Ich habe meinen Studenten immer abverlangt, alles in ihrem Bericht zu beschreiben, also auch die Fehlversuche. Die muss man nicht mit den Worten &#8222;das hat nicht funktioniert&#8220; beschreiben, sondern sollte die positive Formulierung &#8222;dieser Weg konnte ausgeschlossen werden&#8220; bekommen. Gerade der Chef, der ohne Dokumentation der Fehlversuche versucht ist, loszupoltern, wieso eine so faule Sau eigentlich meint, noch Gehalt zu bekommen, wird im zweiten Fall ob der Sorgfalt seines Mitarbeiters beeindruckt sein und ihn sch\u00e4tzen, und bei den Folgeentwicklungen braucht man bestimmte Sachen gar nicht erst ausprobieren und spart Geld. Ich sch\u00e4tze allerdings, dass nicht allzu viele Profs ihren Studis derartige praktische Tips geben.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Micky-Maus-F\u00e4chern oder Geschw\u00e4tzwissenschaften sieht das etwas anders aus. Da werden nicht ewige Wahrheiten, sondern tempor\u00e4re Vermutungen geschaffen, die in der Realit\u00e4t oft genug nicht zutreffen. Folglich wird das gleiche Thema nach einiger Zeit von einem anderen Bearbeiter wieder aufgerollt. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen\/sollten auch die nachschauen, was andere schon gedacht\/spekuliert haben, und das auch erw\u00e4hnen. Da von anderen Arbeiten eben nicht alles passt (hat ja nicht funktioniert oder beschreibt eine Situation mit Negern, w\u00e4hrend man selbst mit Zigeunern besch\u00e4ftigt ist), f\u00fcgt man das, was man als brauchbar betrachtet, als w\u00f6rtliches Zitat in seine Arbeit ein (nat\u00fcrlich aus dem Zusammenhang gerissen, aber das ist egal). Und da man meist keine Experimente macht\/machen kann, werden die Teile 1-5 bunt gemischt und die Zitate ziehen sich durch den ganzen Text. Die Liste der B\u00fccher oder Zeitschriften, aus denen man zitiert hat, macht nicht selten 1\/4 der gesamten Arbeit aus, was schon darauf hinweist, dass der Schreiber vielfach au\u00dfer den verbindenden Kommas wenig eigenes dazu getan hat. 600, 800, 1000 oder mehr Literaturverweise sind selbst bei Arbeiten von 200-250 Seiten keine Seltenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Computer erm\u00f6glichen nun eine relative einfache Konrolle, ob jemand auch alles richtig zitiert hat. Sind die Arbeiten elektronisch erfasst, kann eine spezialisierte Textverarbeitung schauen, ob ein Textst\u00fcck bereits in einer fr\u00fcheren Arbeit aufgetaucht, das Textst\u00fcck auch korrekt als Zitat gekennzeichnet und die Literaturstelle im Anhang angegeben ist. Es gibt spezialisiert Plattformen wie VroniPlag, die so was standardm\u00e4\u00dfig machen und sich dazu verd\u00e4chtige Arbeiten aussuchen. Arbeiten von Politikern sind dabei besonders verd\u00e4chtig, weil (a) die Leute dahinter eher weniger drauf haben also andere, (b) sie weniger Zeit darauf verwenden, weil sie in Sitzungen abh\u00e4ngen, (c) L\u00fcgen ihr t\u00e4gliches Gesch\u00e4ft ist und (d) man solchen Leuten ohnehin gerne einen reinw\u00fcrgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt hat es die Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey erwischt, die m\u00f6glicherweise bald ohne die Zus\u00e4tze &#8222;Dr.&#8220; und &#8222;Familienministerin&#8220; auskommen muss. Ob sie den Zusatz <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franziska_(Waffe)\">&#8222;Franziska&#8220;, der die alte fr\u00e4nkische Wurfaxt bezeichnet<\/a>, beh\u00e4lt, bleibt abzuwarten. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/franziska-giffey-vroniplag-findet-gravierende-verstoesse-in-ihrer-dissertation-a-1265602.html\">Bislang ist die H\u00e4lfte der Arbeit als Plagiat erkannt<\/a>, aber die Vergleiche laufen noch und es ist durchaus m\u00f6glich, dass von den 200 Seiten ihrer Arbeit mehr als 280 Seiten gef\u00e4lscht sind. Gef\u00e4lscht = abgeschrieben, ohne das Zitat zu nennen. Ist sie nun wirklich eine Betr\u00fcgerin?<\/p>\n\n\n\n<p>So gerne mir das auch leid tut, da muss ich sie doch erst einmal in Schutz nehmen. Solche Doktorarbeiten werden von mehreren Professoren gelesen und begutachtet, und in den Geschw\u00e4tzwissenschaften sind Professoren Leute, die alles besser wissen als andere. Da muss man sich zwangsweise fragen, wieso diesen Leuten, die doch viel mehr wissen als die Doktoranden und dies obendrein viel besser, nicht aufgefallen ist, dass irgendein Satz woanders schon mal gefallen ist? Wenn man jemandem den Doktortitel wegen Plagiats wegnimmt, m\u00fcsste man eigentlich noch schneller dem Professor seinen Titel wegnehmen, wenn der nichts merkt! Und wohlgemerkt: es geht nicht um eine Sache, die \u00fcbersehen wurde, bei Giffey betrifft es angeblich mindestens 37% der Arbeit nebst mindestens 72 weiteren F\u00e4llen, in denen sie zwar Literaturstellen angibt, deren Autoren aber gar nichts zu dem Thema gesagt haben sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun will ich gar nicht anzweifeln, dass VroniPlag daneben liegt, wenn es angibt, der und der Satz sei dort und dort schon mal gefallen. Trotzdem muss das kein vors\u00e4tzliches Plagiat sein, was als Arbeit vorgelegt wird. Das gesamte Studium besteht \u00fcberwiegend darin, das zu zitieren, was andere bereits gesagt haben, wobei man sich naturgem\u00e4\u00df die Aussage mehr merkt als den Autor, der sich im Laufe der Zeit abkoppelt. a\u00b2 + b\u00b2 = c\u00b2  oder E=mc\u00b2 kennt vermutlich jeder als Formel, aber Pytargoras und Einstein als Namen damit in Verbindung zu bringen mag dem einen oder anderen zumindest ein paar Sekunden Nachdenken bescheren. Da sitzt die gute Franziska nun vor ihrem PC, schl\u00e4gt sich ohnehin schon mit mehreren Hundert Literaturstellen herum und findet, dass man &#8222;die zwei Sachen doch wunderbar mit folgender Formulierung verbinden kann: &#8230;&#8220;, schreibt&#8217;s hin und kommt gar nicht auf den Gedanken, dass sie diese Formulierung im 2., 4., 7., 12. und 19. Semester schon mal geh\u00f6rt hat und sie gar nicht von ihr stammt. Ich sch\u00e4tze mal, dass der Gedanke &#8222;bin ich jetzt zu faul, auch das noch rauszusuchen&#8220; nicht sehr oft auftaucht, sondern der Proband fest \u00fcberzeugt ist, er ist selbst drauf gekommen, wie auch der Prof sp\u00e4ter vermutlich denkt &#8222;geschickt formuliert, h\u00e4tte ich auch so geschrieben&#8220; und nicht auf den Trichter kommt, dass Kollege M\u00fcller das vor einige Jahren tats\u00e4chlich bereits so geschrieben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: ich halte dieses VroniPlag in weiten Teilen f\u00fcr eine \u00fcberzogene und unn\u00f6tige Hexenjagd. Es geht nicht um wissenschaftliche Standards, es geht schlicht darum, jemand eins auszuwischen, w\u00e4hrend die mindestens genauso schuldigen Profs die Vorw\u00fcrfe &#8222;genauestens pr\u00fcfen&#8220; und in guter Manier laut &#8222;haltet den Dieb!&#8220; schreien, um von sich selbst abzulenken. <\/p>\n\n\n\n<p>Wor\u00fcber man vielmehr nachdenken sollte, ist, wieso man diesen ganzen Quark noch als Wissenschaft bezeichnet. Je nach Fachgebiet sind die Absolventen teilweise seit Jahrhunderten (Philosophie, Theologie) damit besch\u00e4ftigt, S\u00e4tze, die andere Leute schon gesagt haben, in immer neuen Kombinationen zusammen zu stellen, mit teilweise minimalen eigenen Erg\u00e4nzungen (die m\u00fcssen sein, damit man auch zitiert wird). Wobei die Leute, die man zitiert, schon auf die gleiche Weise zu ihren Arbeiten gekommen sind. Genauso wie in der Kunst, in der inzwischen Computer Gem\u00e4lde und Musik erstellen, d\u00fcrfte es mit ein paar Textbausteinen und der vorhandenen Literatur m\u00f6glich sein, per Algorithmus eine Doktorarbeit zusammen zu stellen, die allen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgt und deren Inhaltslosigkeit noch nicht mal auff\u00e4llt. Es muss ja auch nichts von dem sp\u00e4ter zutreffen, was das zusammen fabuliert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht das Plagiat ist der Skandal. Das als Wissenschaft zu bezeichnen ist das Problem, denn letzte, was geschaffen wird, ist (in der Regel, ich will nicht alles niedermachen) Wissen. Ein besserer Titel w\u00e4re Meinungsschaft. Und die Arbeit von Franziska w\u00e4re mit dem Titel Doctor opinionis oder Doctor sententiae auszuzeichnen, ob nun abgeschrieben oder nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man etwas untersucht oder \u00fcber etwas nachdenkt, ist man in den seltensten F\u00e4llen der erste, der das macht. 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