{"id":2407,"date":"2018-12-15T06:00:36","date_gmt":"2018-12-15T05:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=2407"},"modified":"2018-12-12T09:55:28","modified_gmt":"2018-12-12T08:55:28","slug":"lets-be-a-little-bit-more-british","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/12\/15\/lets-be-a-little-bit-more-british\/","title":{"rendered":"Let&#8217;s be a little bit more British !"},"content":{"rendered":"<p>Parlament leitet sich vom franz\u00f6sischen parler ab. Wer&#8217;s mehr italienisch hat, k\u00f6nnte auch parlare nehmen. Als deutscher Begriff w\u00e4re Schwatzbude ebenfalls sehr angemessen, auch wenn das einige schon als Majest\u00e4tsbeleidigung ansehen. <!--more--><\/p>\n<p>Parlamente sind heute oft \u00e4hnlich H\u00f6rs\u00e4len in den Unis: Stuhlreihen mit der Ausrichtung zum Zentrum, wo jemand, der auch den Titel &#8222;Oberster Gr\u00f6\u00dfter Schw\u00e4tzer&#8220; tragen k\u00f6nnte, residiert, jeder Stuhl mit Pult zur Ablage des Schreibblocks und weiterer Unterlagen ausgestattet, um sich Notizen zu machen und der Vorlesung folgen zu k\u00f6nnen. Dann d\u00fcrfen Leute etwas vortragen, und anschlie\u00dfend d\u00fcrfen alle Fragen stellen, wenn sie etwas nicht verstanden haben, was wie in Universit\u00e4tsh\u00f6rs\u00e4len auch in Schwatzbuden die Regel ist. Die \u00c4hnlichkeiten gehen sogar noch weiter: normalerweise macht sich niemand Notizen (au\u00dfer ein paar Strebern, die man abweichend von H\u00f6rs\u00e4len in Schwatzbuden gleich in eine besondere Bank gesetzt hat und Protokollanten nennt), sondern man schwatzt mit dem Nachbarn, daddelt irgendwelche Egoshooter-Spiele auf dem Handy rum oder versucht sich in der hohen Kunst des Studierens, n\u00e4mlich der perfekten Trennung von K\u00f6rper und Geist, ohne dabei aufzufallen (gro\u00dfe Zen-Meister gehen inzwischen nicht mehr in die Natur und setzen sich unter einen Wasserfall, sondern an die n\u00e4chste Uni).<\/p>\n<p>Falls man \u00fcberhaupt kommt. Abgeordnetendi\u00e4ten sind n\u00e4mlich wie Baf\u00f6g: man bekommt sie, ob man hingeht oder nicht. Baf\u00f6g ist nur deutlich weniger. Und so sind die Schwatzbuden in der Regel nicht mehr als zu 1\/4 gef\u00fcllt. Nur zu besonderen Gelegenheiten, wenn es beispielsweise vor Weihnachten Gl\u00fchwein gibt oder man feststellt, dass der H\u00f6rsaal besser geheizt ist als die Studentenbude, kommen mehr.<\/p>\n<p>Spitzenreiter beim Leersein ist nach meinen Eindr\u00fccken das EU-Parlament. Da bekommt man nicht nur am meisten Baf\u00f6g, man geht auch am wenigsten hin. Daf\u00fcr ist das EU-Parlament echt Multi-Kulti, weil Leute aus 26-27 L\u00e4ndern drinsitzen. Oder eben nicht. Da jeder dieser Studenten ein Anrecht darauf hat, die Vorlesung in seiner Muttersprache zu h\u00f6ren, sind auch entsprechend viele Dolmetscher am Werk, und bei vielen Veranstaltungen sind mehr Dolmetscher anwesend als Abgeordnete.<\/p>\n<p>In solchen Buden soll, wie der Name sagt, geschwatzt werden, und zwar \u00fcber das Wohl und Wehe des vertrenen Volkes (normalerweise geht es aber nur um das Wehe des Volkes und das Wohl des eigenen Bankkontos). Qualit\u00e4tsmedien, die die Veranstaltungen sch\u00f6n reden m\u00fcssen, reden auch vom &#8222;verbalen Schlagabtauschen&#8220; zwischen den verschiedenen Gangs, auch Parteien genannt, weil sie eher daf\u00fcr bekannt sind, dauernd auf irgendwelche Parties unterwegs zu sein, die entweder das Volk bezahlt oder Leute, die noch st\u00e4rker am Wehe des Volkes interessiert sind. Aber das ist nat\u00fcrlich nur Getue. Wenn man wirklich am Schlagabtausch interessiert sind, muss man schon in die T\u00fcrkei &#8211; nee, da nicht mehr, seit Adolf Erdogan das Sagen hat, sondern nach S\u00fcdamerika oder so gehen. Da kommt es schon vor, dass sich die Gangmitglieder an den Kragen gehen und zum Wohl des Volkes (zumindest zur Erheiterung) sich gegenseitig in de Fresse hauen.<\/p>\n<p>Wenn man mal von der Antike absieht, ist die Parlamentskultur in Gro\u00dfbritannien entstanden. Leider sind einige der wirklich brauchbaren Sitten nicht \u00fcbernommen worden und auch dort nicht mehr in Mode. Gemeint ist die Abrechnung mit der Regierung, die im 17. Jahrhundert damit begann, dass man dem amtierenden K\u00f6nig Karl I. schwere Amtsvergehen nachwies und das Urteil: &#8222;Er ist 6 Fu\u00df gro\u00df und gut aussehend, ab morgen sei er nur noch 5 Fu\u00df und mies aussehend!&#8220; f\u00e4llte. Obwohl ausdr\u00fccklich von Fu\u00df die Rede war, schlug man ihm den Kopf ab, was in der weiteren Geschichte nicht wenigen Regierungen teilweise auch wiederfuhr. Regelm\u00e4\u00dfig wurde die andere Partei bei der n\u00e4chsten Wahl gew\u00e4hlt, was Nachr\u00fccken in die \u00c4mter erlaubte, weil die alten Amtsinhaber meist im Tower entsorgt wurden. F\u00fcrwahr ein sch\u00f6ner, aber leider abhanden gekommener Brauch.<\/p>\n<p>Aber auch heute noch sollte das britische Parlament als Beispiel f\u00fcr die anderen Schwatzbuden herhalten. Es hat n\u00e4mlich einige Eigenschaften, die anderen Parlamenten gut anstehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>(1) Der H\u00f6rsaal ist zu klein. Das britische Parlament ist wohl das einzige, in dem nicht alle Abgeordneten einen Sitzplatz haben. Manche m\u00fcssen sich mit einem Stehplatz begn\u00fcgen.<\/p>\n<p>(2) Die Pl\u00e4tze haben keine Ablage und \u00e4hneln eher einem alten Kino. Die Abgeordneten haben gar keine Chance, mit irgend etwas rumzudaddeln, sondern m\u00fcssen tats\u00e4chlich zuh\u00f6ren. Was einer Debattenkultur nur gut tut.<\/p>\n<p>(3) Zumindest wenn das Fernsehen da ist, ist der Saal immer rammelvoll (bei uns rammeln die Abgeordneten derweil lieber im Hinterzimmer). Die Leute beweisen dem Publikum, dass sie auch f\u00fcr ihr Geld zumindest pr\u00e4sent sind.<\/p>\n<p>Ob bei der britischen Methode mehr herauskommt als bei uns, werden wir wohl bald sehen. Ein wenig mehr Britishness w\u00e4re allerdings schon angebracht, wenn vom Volk, um dessen Wehe es ja permament geht, erwartet wird, dass es den ganzen Schwatzsinn noch irgendwie Ernst nimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parlament leitet sich vom franz\u00f6sischen parler ab. Wer&#8217;s mehr italienisch hat, k\u00f6nnte auch parlare nehmen. Als deutscher Begriff w\u00e4re Schwatzbude ebenfalls sehr angemessen, auch wenn das einige schon als Majest\u00e4tsbeleidigung ansehen. 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